Archive for Juni 19th, 2007
So einfach ist das also…
…mit Grimme und seinen Preisen. Und mit Spiegel Online.
Spiegel Online (Preisträger) ruft Stefan Niggemeier an (Preisträger) und zitiert Alexander Svensson (Nominierungskommission) und eine Sprecherin des Instituts und einen Sprecher der Verlagsgruppe, die das Voting für den Publikumspreis hätte abwickeln sollen.
Der verkündet erstaunliches:
Die Organisatoren bestreiten, dass hier spät abgegebene Stimmen nicht mehr gezählt wurden. Instituts-Sprecherin Bernsmann gegenüber SPIEGEL ONLINE: “Als die Ergebnisse bekannt wurden, war die Wahl für den Publikumspreis bereits abgeschlossen.” Das bestätigt Uwe Barfknecht, Sprecher der Verlagsgruppe Milchstraße gegenüber SPIEGEL ONLINE: “Die Abstimmung ist um 18 Uhr geschlossen worden.” Zu der Verwirrung habe lediglich eine unpräzise Zeitangabe geführt. Sprecherin Bernsmann: “Wir haben nie eine Uhrzeit kommuniziert, es hieß immer nur, dass man bis zum 18. abstimmen kann.” (Quelle: Spiegel Online)
Herr Niggemeier, übernehmen Sie. Ich würde gerne lesen, wie solche Aussagen (“Wir haben nie eine Uhrzeit kommuniziert”) bewertet würden, wenn sie nicht aus dem Grimme-Umfeld kämen, sondern von, sagen wir, callactive. Wird das Publikumsvoring auch per Hot Button beendet? Oder wie muss man sich das vorstellen?
Aber natürlich sind nicht etwa derart eigenartige Reglements schuld, die es ermöglichen, dass eine Abstimmung irgendwann (!) mal am 18. Juni beendet wird und zwar nach Gusto des Veranstalters. Nein, schuld sind andere die hysterischen Blogger im Blutrausch:
“Zum Skandal ist das durch die nicht ganz korrekte Darstellung in einigen Blogs geworden”.
Wie weit kann sich eigentlich noch von der Realität entfernen?
PS: Großartiger Journalismus in diesem Zusammenhang auch vom Grimmepreis-Träger SPON, der es nicht für nötig hält, mal die Gegenseite, die Blutrausch-Blogger zu fragen, beispielsweise meinen neuen Mitstreiter, Co-Hysteriker und Ränkeschmnied Don Alphonso. Steht in jedem Handbuch für Volontäre: Immer auch die andere Seite hören.
Grimme, die Letzte
Ok, das Desaster ist also perfekt. Man muss wirklich nichts mehr schreiben über das kleine Mauschelgrüppchen aus Marl. Erstens haben das im Laufe des gestrigen Abends unzählig viele Blogs getan, da muss ich nicht auch noch rumschwadronieren. Nicht wundern übrigens, das Institut hat die Seite mit der vorzeitigen Bekanntgabe der Gewinner inzwischen heimlich, still und leise entfernt. Eigenartig, das. Wo doch gerade Macher eines Online-Awards wissen müssten, dass sich solche Luftnummern durch heimliches, stilles und leises Entfernen nicht auflösen lassen. Ihr habt jetzt geschätzte Fantastilliarden Blogger am Hals, liebe Grimmes – und wisst ihr was: Ich gönn es euch von Herzen.
Zweitens ist jedes Wort, jede Sekunde der Aufmerksamkeit, die man diesem “Preis” noch zukommen lässt, verschenkte Zeit, zumal nicht zu erwarten ist, dass irgendjemand bei Grimmes mal irgendwann ein wirklich vernünftiges Wort zu dieser Lachplatte loslassen wird. Sollen die, die den “Preis” mit heimnehmen, glücklich sein damit. Solange das Institut und die Jury uns von ihren quälenden, zeigefingererhobenen Statements über die publizistische Qualität in diesem Land verschont, ist mir alles recht.
Und letztlich – alles was dazu wirklich zu sagen ist, schreibt Don Alphonso an der Blogbar: Schämt Euch!
Update: Grimme hat in Fom einer Mitteilung reagiert, in der es u.a. heißt:
Durch eine peinliche Panne und die rasche Verbreitung in verschiedenen Weblogs sind die Preisträger des Grimme Online Award 2007 vorzeitig gestern Nacht bekannt geworden und waren eine Zeitlang online auf der Website des Instituts einzusehen. Damit folgt der Grimme Online Award – allerdings unbeabsichtigt – dem Modus des Grimme-Fernsehpreises, bei dem die Preisträger stets schon vorher bekannt gegeben werden… Bei allen Beteiligten – insbesondere den Nominierten und Preisträgern des Grimme Online Award – entschuldigen wir uns für die unbeabsichtigte Vorab-Bekanntgabe.
Wir nehmen die Ereignisse der letzten Nacht zum Anlass, die Pressemitteilung zur Bekanntgabe der Preisträger bereits jetzt zu verschicken. Dieses betrifft auch den diesjährigen Publikumspreis, dessen Abstimmung gestern Abend beendet wurde und dessen Gewinner-Präsentation ebenfalls in der redaktionellen Vorbereitung war.
Update 2: Schönster Satz zum Thema “Grimme-Verwicklungen” stammt aus der taz:
Und über die Schnittmengen zwischen Nominierten, Preisträgern, Jury- und Kommissionsmitgliedern würde sich in Liechtenstein sicher niemand wundern, wohl aber im bevölkerungsreichsten Land Europas.