Archiv für 21. Juni 2007


Pressefreiheit nur für Blogs, die zur Presse gehören (oder so)

21. Juni 2007 - 21:16 Uhr

Herr Holthoff-Pförtner von der WAZ hat, obwohl Jurist, Humor. Und originelle Ideen bezüglich der Interpretation des Grundgesetzes. Denn am liebsten würde er wen schon nicht die Meinungsfreiheit (kann nicht mal er), dann aber doch wenigstens was anderes beschneiden.

Seine delikaten Äußerungen zu Paragraph 5 erklärt er jetzt in einer Pressemitteilung so:

„Artikel 5, Satz 1 des Grundgesetzes regelt das Recht auf freie Meinungsäußerung in Wort, Schrift und Bild. Und Satz 2 regelt den Presseschutz. Gerade dieser Schutz steht den Bloggern meiner Meinung nach nicht zu, weil sie keine Organe der Presse sind“, betont Holthoff-Pförtner. Besonders die in Artikel 5 des Grundgesetzes garantierte Pressefreiheit sei aus schmerzlichen Erfahrungen der deutschen Geschichte gewachsen. „Mit dieser Freiheit muss man sorgsam umgehen“, so Holthoff-Pförtner. Der wichtige Satz 2 sei daher ein Privileg, das ausschließlich für die Medien gelte. „Wenn jemand abends mal auf dem Fußballplatz den Schiedsrichter spielt, ist er ja noch kein Teil der Judikative.“

Davon abgesehen, dass ich den Vergleich mit dem Fußballschiedsrichter ausgerechnet durch den Anwalt von Herrn Hoyzer ziemlich lustig finde (ich sag´s ja, er hat Humor) – wie handeln wir das denn künftig mit beispielsweise dem gerade grimmepreisgekrönten tagesschau-Blog? Muss der Chefredakteur von ARD aktuell dann künftig davon ausgehen, kein Organ der Presse mehr zu sein, wenn er gerade nicht die Tagesschau macht, sondern bloggt? Und kann er dann, wenn ihn die Polizei dann versucht zu fassen, schnell wieder ins Tagesschau-Häuschen laufen und rufen: “Ich steh im Freio, hier gilt es nicht mehr. Ätsch.” Und, ähm, wie mache ich das dann künftig? Ich habe zwar einen anerkannten Presseausweis, aber wenn ich hier, ich meine auf dieser, meiner eigenen privaten Bäh-Blog-Seite, ich meine…bin ich jetzt richtig schutzlos??

Hallo? Herr Holthoff-Pförtner?

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Schwamm-drüber-Blues

21. Juni 2007 - 11:39 Uhr

Man singt jetzt den Schwamm-Drüber-Blues die Vergiss-es-einfach-Polka und zeigt lieber Preisträger Sixtus in Jubelpose und sagt: WEITER SO! Notabene: Der WDR ist Gesellschafter.
 

Doch davon ließen sich Veranstalter und Besucher der 7. Grimme Online Award-Verleihung nicht irritieren. Gefeiert wurde in Köln noch bis weit nach Mitternacht. Vielleicht schwang da auch die Vorfreude auf die Verleihung 2008 mit. Dann hat man das “verflixte siebte Jahr” hoffentlich vergessen.

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Keine Grundrechte mehr für Blogger

21. Juni 2007 - 10:19 Uhr

Ich habe in den vergangenen Tagen immer wieder mal drüber gegrübelt, warum sich insbesondere Zeitungshäuser mit dem Thema Bloggen und Blogger so schwer tun. Ich habe mit Zeitungsleuten darüber diskutiert, warum die meisten ihrer Redaktionsblogs veritable Langweiler sind und warum es ihnen einfach nicht gelingt, in der Szene als relevant wahrgenommen zu werden.

Es gab eine ganze Reihe von Gründen, die mir einfielen (und die sind zu lang, als dass ich sie hier mal eben quick and dirty aufschreiben wollen würde). Aber einer ist mir inzwischen als der wichtigste in meiner privaten Liste markiert: Eigentlich mögen wir Journalisten uns Blogger nicht (klingt deshalb so schizophren, weil ich beides bin). Eigentllich sehen wir Journalisten uns Blogger als lästiges, quälendes Anhängsel, das sich alle Freiheiten rausnimmt, das alle in Frage stellt, was wir Journalisten in den letzten Jahrzehnten als publizistischen Standard aufgebaut haben. Und insgeheim kratzt uns Journalisten, vor allem die, die wir schon ein paar Tage im Geschäft sind, dass wir unsere schöne Bühne jetzt mit anderen teilen müssen, dass wir nicht mehr die allein seligmachenden Gatekeeper, die priveligierten journalistischen Stadtpfarrer sind. Nein, stattdessen kommen Blogger, machen sich mit ein paar Mausklicks eine eigene Seite auf und geben zu alles und zu jedem ungefragt unseren Senf dazu. Das nervt. Das will keiner und deswegen sagen wir Journalisten über uns Blogger: Das BRAUCHT keiner.

Natürlich können wir Journalisten unseren Unbill über uns Blogger nur schwerlich so ehrlich nach außen kommunizieren. Wir können nicht einfach sagen: Das nervt. Haut ab. Wir wollen, dass alles wieder so ist wie früher. Wir können ja schlecht für publizistische Vielfalt eintreten und sie imer wieder vehement einfordern, um sie auf der anderen Seite wieder einschränken zu wollen (auch wenn wir es gerne täten). Stattdessen müssen wir die Kuschelkater geben und sanft irgendwas schnurren von journalistischen Standards und Seriösität und davon, dass wirkliches Einordnen von Informationen nur von uns Journalisten gemacht werden kann und nicht von uns Bloggern (puh…hartes Leben als Schizophrener, stelle ich gerade fest).

Nur ab und an, wenn wir so gar nicht mehr an uns halten können, beispielsweise auf Podien von Medienforen, da bricht es aus uns heraus. Da fordern wir dann mal irgendwann, man solle diesen vermaledeiten Bloggern einfach mal den Mund verbieten und eigentlich könnte man ihnen doch konsequenterweise auch gleich ein paar Grundrechte entziehen:

“Blogger verdienen nach meiner Ansicht nicht den Schutz des Artikel 5.”

Sagt Stephan Holthoff-Pförtner aus einer der Eigentümerfamilien der “Westdeutschen Allgemeinen Zeitung” auf einem Forum bei den Medientagen in Köln. Und bringt damit, vermutlich ungewollt, die Sache auf den Punkt – nämlich wie etablierte Journalisten, wie insbesondere Zeitungen über Blogger und diese ganze vermaledeite Ansammlung von neuer Medienwelt wirklich denken.

Schön, dass das mal geklärt ist. Grundrechte nur für Journalisten und noch besser nur für Zeitungen – alles andere hält besser den Mund und hat zufrieden zu sein, wenn es mal in einem (gekürzten) Leserbrief zu Wort kommt: So tickt und denkt die Holzklasse. Und nichts kann ihren drohenden Exitus und seine Ursachen schöner beschreiben als diese eine, kleine und vermutlich sogar unbedachte Äußerung. 

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