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Anmerkungen eines Medienmenschen

Archive for Juni 30th, 2007

Was Jörges zum Dreck zu sagen hat

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Bei tausendreporter.de (stern.de-Ableger) meldet sich inzwischen der “echte Jörges” zu Wort. Immer vorausgesetzt, es handelt sich wirklich um den echten Jörges, dann kann man ihm lediglich empfehlen, dass er beim nächsten Versuch, die intellektuelle Dampframme zu spielen, trotzdem noch ein klitzeskleines bisschen Dinge wie Differenzierung betreibt. Jörges will demnach folgendes gemeint haben:

hier meldet sich nun mal der echte uli jörges. und erklärt, wovon er wirklich gesprochen und was er gemeint hat: von hass, vorurteil und verächtlichmachung von menschen in vielen blogs – und das aus der deckung der anonymität. bis hin zu antisemitismus, besonders massiv bei außenpolitischen debatten. brauner dreck. (…)  deshalb sollte man sich genau überlegen, wo und mit wem man im netz diskutiert. und genau deshalb gibt es qualitätsblogs – wie diesen, in dem menschenverachtendes keine chance hat. willkommen bei stern.de! willkommen bei tausendreporter!

Erste Erkenntnis dessen: so what? Jeder halbwegs ernstzunehmende Mensch wird “Hass, Vorurteil und Verächtlichmachung aus der Deckung der Anonymität heraus – bis hin zum Antisemitismus” ablehnen. Sogar meine Tochter im Grundschulalter würde das instinktiv tun. Für diese Erkenntnisse brauche ich weiß Gott keinen Alphajournalisten. Dass es solche Dinge gibt – auch das wussten wir schon vor Herrn Jörges. Die gab und gibt es ürigens auch in der analogen Welt und natürlich würde ich auch in der analogen Welt einen anonymen Antisemiten auch öffentlich als “braunen Dreck” bezeichnen (ohne Herrn Jörges moralischen Support übrigens). Aber wenn ich über die Straße gehe und pauschal jeden, der vielleicht gerade mit ner Dose Bier am Hauptbahnhof rumsitzt, als “braunen Dreck” bezeichne – dürfte ich mich dann wundern, wenn ich einen auf die Mütze kriege? Nämlich von denen, die einfach nur friedlich rumsitzen und mit dem braunen Dreck nix am Hut haben? Genau deswegen finde ich die Jörges-Erklärung ziemlich kümmerlich – ich fürchte fast, er hätte mir mehr imponiert, wenn er zu der Aussage gestanden wäre, um dann ordentlich gegrillt zu werden. Aber dieses windelweiche Gutmensch-Zeugs….brrrrr.

Zweite Erkenntnis: Herr Jörges weiß nicht wirklich, was Blogs sind. Wenn man auf die Idee kommt, tausendreporter als Blog, noch dazu mit dem Präfix “Qualität” zu bezeichnen, dann hat man von Blogosphäre und dem, was Bloggen ausmacht, gar nichts verstanden.

Ich glaube übrigens ganz und gar nicht, dass in dieser Diskussion eine Demarkationslinie zwischen Bloggern und Journalisten verläuft. Es geht um ein sich grundlegend wandelndes, strukturelles Verständnis von Journalisten und von Medien. Es geht um alt oder neu, um Vergangenheit oder Zukunft. Es geht letztendlich darum, ob ich Kommunikation zulassen will – oder nicht. 

Written by cjakubetz

Juni 30th, 2007 at 7:26 pm

Posted in ONLINE/MULTIMEDIA

Die Bahn geht – oder: Warum Journalisten besser Abstand nehmen sollten

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Die Bahn ist ein großes Unternehmen. Es geht demnächst in absehbarer Zeit irgendwann mal an die Börse und es baut große moderne (Hauptstadt-)Bahnhöfe. Gut, ab und an fahren die Züge mal nicht ganz hundertprozentig pünktlich und gelegentlich weht auch mal ein Stahlträger durch die Luft, anstatt den Bahnhof zu stützen. Aber dafür hat die große, bedeutende Bahn eine Pressestelle, die dann erklärt, dass das mit den verspäteten Zügen so gut wie nie vorkommt und durch die Luft wehende Stahlträger tendenziell kein allzu großes Problem sind, weil niemand ernsthaft gefährdet wird.

Und weil die Bahn auch ein modernes, transparentes Unternehmen ist und sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung verpflichtet fühlt, freut sie sich auch, wenn sie Journalisten und deren Ausbildern, resp. Journalistenschulen hilfreich zur Seite stehen kann. Man möchte eine Reportage über die Bahn drehen und braucht ein bisschen Material? Kein Thema für die Pressestelle, man hilft den Journalistenschülern gerne (und sorgt so, schöner Effekt nebenher, dafür, dass die nachfolgende Journalistengeneration mit dem Gefühl heranwächst, die Bahn sei irgendwie ein richtig prima Unternehmen).

Offensichtlich war es dann aber in der letzten Zeit doch ein bisschen viel mit den verspäteten Zügen und den umherfliegenden Stahlträgern. Jedenfalls hat die Bahn jetzt ein Rundschreiben an die Journalistenschulen (und andere Ausbildungseinrichtungen dieses Landes) geschrieben und die dramatische Situation der Arbeitsüberlastung der Pressestelle ausführlich in zwei Sätzen geschildert.  Und weil man so arg im Stress ist, zeigt die Pressestelle der Bahn Lösungsansätze, die in etwa so innovativ und originell sind wie eine Regionalbahn zwischen Landshut und Plattling: Man bitte die Schulen und Ausbildungseinrichtungen darum, sie künftig nicht mehr mit Anfragen zu belästigen – oder etwas eleganter formuliert: Man solle doch “bitte Abstand nehmen von die Bahn betreffenden Themen”.

Ein großer Job, den die Pressestelle da macht. Der Regierungssprecher, übrigens auch ein ehemaliger Journalistenschüler, kommt jetzt sicher schon neidvoll ins Grübeln, wem alles er einen Brief dieses Wortlauts gerne mal schreiben würde: “Nehmen Sie bitte Abstand von allen Frau Merkel betreffenden Themen…”

Written by cjakubetz

Juni 30th, 2007 at 10:49 am

Posted in NUR SO DAHINGESAGT