Archive for Juli, 2007
Das war eine gute Überleitung!
Kann sich noch jemand an Verona erinnern? Als sie noch Feldbusch hieß und mit weitgehend sinnfreien Moderationen in weitgehend sinnfreien Sendungen jeden Zuschauer zuverlässig ins Koma quasselte? Esther Schweins hat das mal eine Zeit lang in “RTL Samstag nacht” wunderbar parodiert und dabei als running gag den Satz gebraucht: “Das war eine gute Überleitung!”.
Daran muss ich oft denken, wenn ich Marietta Slomka bei ihren Moderationsversuchen zusehe. Am Anfang dachte ich ja immer noch, sie bemühe sich, ihrem Vorgänger Wolf von Lojewski und dessen sanfte Ironie, verpackt in manchmal verschachtelte Gedankengänge zu verpacken. Seit gestern bin ich mir fast sicher: Sie will in Wirklichkeit die ZDF-Feldbusch, die Nachrichten-Göre, der Bundestags-Blubb werden.
Denn wie leitet Frau Slomka eine Moderation zu Thema Preiserhöhungen bei Lebensmitteln rep. Milchprodukten ein? “Milch”, so verkündet sie mit einem Lächeln, das Lojos Ironie signalisieren soll, “Milch macht müde Männer munter!”. Keine Ahnung, wie es danach weiterging, weil ich zwischen Lachen und Weinen nicht mehr viel verstanden habe, aber ich bin mir sicher:
Quoten- und PR-GAUs
Es gibt, Analogie erwünscht, Quoten-GAUs und PR-GAUs. Bei dem, was SAT 1 in den letzten Wochen angerichtet hat, handelt es sich definitiv um einen PR-GAU (von der Tour mal abgesehen, die war auch ein Zuschauer-Desaster). Und es handelt sich um ein schönes Lehrstück, was, mediales Trommelfeuer vorausgesetzt, beim Normalverbraucher in der Quintessenz so hängen bleibt.
Wenn man die Fachpresse (und nicht nur die) las und wenn man dann auch noch hörte, wie sich Thomas Kausch in der brav stichwortgebenden FAZ so äußerte, konnte man leicht zu dem Eindruck kommen, der deutsche Infokanal schlechthin dampfe mittendrin im Gipfelsturm mit dem weltbesten Anchor an der Spitze die Infoschiene ein. War aber nicht ganz so: Tatsächlich verloren Kausch und seine SAT1-News zunehmend den Anschluss an die Konkurrenz, insbesondere an Kloeppels RTL. Ein Zuschauerrückgang von über 17 Prozent in einem Jahr, ich würde sagen: Erfolg sieht anders aus.
Das allerdings interessiert in einer aufgeregten Öffentlichkeit fast niemanden mehr, übrigens auch manche Medienjournalisten nicht. Stattdessen, Stefan Niggemeier hat es u.a. belegt, hieß es teilweise nicht mal mehr, SAT 1 dampfe die Infoschiene ein, nein, die Kollegen der Netzeitung schrieben sogar den wunderlichen Vorspann, SAT1 habe seine Nachrichtensendung eingestellt. Und das, hier kommt die FAZ mit der großen Flüstertüte, obwohl man gerade beinahe die Tagesschau vom Thron schubste.
Betrachtet man die Sache also in Ruhe, dann stellt sie sich etwas weniger dramatisch dar (ohne irgendwas zu beschönigen, geschweige denn, verschweigen zu wollen, dass SAT 1 seit Martin Hoffmanns Abgang wild schlingernd nach so etwas ähnlichem wie einen Kurs sucht). Aber Tatsache ist: SAT1 am Mittag war ein Boulevardmagazin, wie es archetypischer nicht sein kann. Und die SAT1 Nachrichten des Herrn Kausch hatten ein echtes Quotenproblem. Die Sendung bleibt, Kausch geht – und alles in allem muss man wohl konzedieren, dass es der Sender über Jahre hinweg schlichtweg nicht geschafft hat, sowas Ähnliches wie eine Info-Kompetenz aufzubauen. Die wahnwitzigen Tour-Übertragungen mit den Kommentaren, die gelegentlich den Verdacht erweckten, dass nicht nur die Fahrer bis zur Hutschnur voll seien, haben dazu noch beigetragen.
Ein PR-GAU eben. Denn was bleibt in der öffentlichen Wahrnehmung? SAT1 bringt keine Nachrichten mehr. SAT 1 wird die Lizenz entzogen.
Und Fußball kommt jetzt auch bei Pro7.
The trend is not your friend
Streng genommen ist das keine Nachricht mehr: Die Tageszeitungen in Deutschland haben auch im vergangenen Jahr wieder an Auflage verloren. Die gute Nachricht: Die Verluste sind nicht größer geworden. Die schlechte Nachricht: Die Verluste sind auch nicht weniger geworden. Heißt also, dass in Zahlen ausgedrückt die deutschen Tageszeitungen Jahr für Jahr rund 2 Prozent oder rund 400.000 Exemplare verlieren. Dass man darauf verweist, man habe schöne Zuwächse in der “hochwertigen Leserschaft” bei den Bordexemplaren zu verzeichnen, ist irgendwie ein ziemlich mauer Trost. (Quelle: BDZV).
Nach allem, was man so mitbekommt, heißt das Zauberwort inzwischen Multi- bzw. Crossmedia. Dass die Zukunft von Zeitungen nicht mehr ausschließlich im gedruckten Objekt liegt, hat sich inzwischen also herumgesprochen, immerhin. Dass man mal was mit Videos und Audios machen könnte, auch. Allerdings, genau hier setzt der Kardinalfehler ein, den viele Verlage in den letzten Jahren immer und immer wieder gemacht haben: Haben wollen tut man das schon, aber Geld ausgeben mag man nicht dafür. Kollege Knüwer beispielsweise hat jetzt mal Videos der “Münsterschen Zeitung” präsentiert, die nur einen Wert haben: Sie sind so skurril, das man sie wunderbar als abschreckendes Anschauungsobjekt verwenden kann. Man sollte den Münsteranern nicht zuviel der Ehre antun, muss sich aber schon fragen: Ist das jetzt also das Resultat eines kompletten Redaktionsaustauschs und und ist diese Truppe jetzt quasi die Rettung der Zeitung? Wenn ja, haben Herr Wolff-Lensing und der Herr Schuhmacher ganze Arbeit geleistet, angesichts dessen, dass man sich von der neuen Redaktion eine “deutliche Schärfung des journalistischen Profils” und eine “multimediale Verschränkung” erwartet hatte.
Bei Lutz Schumacher sollte man ja keine allzu große Lernwilligkeit erwarten, der dachte bei ddp schon mit bekanntem Ergebnis, man könne mit wenig Aufwand großen Ertrag erzielen. Aber alle anderen sollten vielleicht nochmal drüber nachdenken: Es gibt neue, bessere, zeitgemäße journalistische und multimediale Inhalte nicht zum Nulltarif. Bei den Münster-Videos würde ich – ohne Recherche – den Verdacht wagen, dass an die Jungs dort ein Camcorder verteilt wurde mit der Aufforderung: Nun macht mal schön. Leider sieht man das diesen Dingern auch an.
Man muss ja von Nicht-Journalisten keineswegs erwarten, dass sie Dinge aus journalistischem Antrieb heraus tun. Aber wenigstens strategisch sollten sie denken. Und wenn man das tut, dann wird relativ schnell klar, dass man seiner Zeitung, seiner Marke, seiner verbliebenen Rest-Reputation gar keinen Gefallen tut, wenn man fröhliches Rumdilletieren für jedermann sichtbar auch noch ins Netz stellt. Wer also bisher den Eindruck hatte, seine Zeitung sei irgendwie provinziell und nicht zwingend von Profis gemacht, der wird in diesem Eindruck durch solche Videos auch noch bestärkt. (Um der MZ nicht zuviel aufzubürden: Videos und Multimedia-Versuche solcher Art finden sich nicht nur dort).
Was müsste also eine Zeitung in der aktuellen Lage tun? Investieren. In Inhalte, in Konzepte, in neue Ideen, in gute Leute. Sie müsste ein bisschen mutig sein, ein bisschen risikofreudig und ein bisschen antizyklisch handeln. Stattdessen herrschen bei vielen publizistische Tristesse, Verzagtheit und die Mentalität des Billigen Jakobs. So jedenfalls, liebe Freunde, werden wir, jede Wette, am Ende des zweiten Quartals 2008 eine Pressemitteilung lesen, die nahezu identisch mit der von 2007 ist. Der Trend ist nämlich nicht euer Freund, es gibt ihn nicht erst seit gestern – sondern seit 15 Jahren.
Sorry, ARD und ZDF
Man mag mir rasanten Meinungswechsel a la FJ Wagner vorwerfen – aber nach diesen völlig absurden Wendungen, die die Tour in den letzten Tagen nochmal genommen hat, würde ich beinahe behaupten wollen, dass die Entscheidung, dieses Unsinn nicht mehr zu übertragen, dann doch fast richtig war. Auch wenn ich hier schon mal was anderes schrieb. Sorry, ARD und ZDF.
Bayerns fleißige Schüler – oder: Warum man wegen Antenne gerne früher aufsteht
Wir Bayern wissen das ja: Unsere Schüler sind die Intelligentesten. Die Emsigsten. Die Begabtesten. So begabt, dass sie das Abi in acht Jahren schaffen und in allen Rankings immer ganz weit vorne liegen.
So begabt, dass sie schon die Schulbank drücken, wenn andere noch tief schlafen. Und so fleißig, dass sie sogar schon im Klassenzimmer sitzen, wenn die Schule noch gar nicht geöffnet hat. Um 6.54 Uhr beispielsweise, um bei Gewinnspielen von Antenne Bayern mitzumachen. Geht nicht? Geht doch, haben die Kollegen von Blogmedien herausgefunden. Auch wenn sie darüber zurecht ein bissel wundern…
Diplom-Korinthenk…
Liebes Bildblog,
normalerweise würde ich ja bei euch kommentieren. Kann man bei euch aber nicht. Nein, keine Sorge, es kommt jetzt nicht die überaus akademische Frage, ob ein Blog nur ein Blog ist, wenn darin kommentieren kann. Sondern eher was anderes. Nämlich, dass ich allmählich den Eindruck nicht los werde, dass ihr ziemlich genau das tut, was ihr der Bild regelmäßig vorwerft: Ihr seit populistisch. Ihr blast Kleinkram zur vermeintlich großen Nummer auf. Und ihr schielt auf Quote (weswegen es von diesem Beitrag aus hier auch keinen Link gibt). Und ihr ruft zur Paparazzi-Jagd auf den Chefredakteur auf.
Franz Josef Wagner, man kann zu ihm stehen wie man mag, hat einen seiner Briefe geschrieben. Diesmal ging es am Rande auch um Winnetou und dessen Ende durch die Kugel eines Bösewichts. Wagner ordnete diese eine, für Winnetou tödliche Kugel, dem “bösen Santer”, respektive also einem festen Schützen zu. Das, so habt ihr investigativ recherchiert und an Langatmigkeit kaum zu übertreffen erklärt, ist wohl so nicht richtig, denn, so schreibt ihr:
Karl May lässt die Identität des Schützen also offen.”
Und dann, weil gerade in Fahrt, erklärt ihr weiter:
Zwar erschoss der “böse Santer” Winnetous Vater Intschu-tschuna und Winnetous Schwester Nscho-tschi; dafür, dass er sich zur Tatzeit am Hancockberg aufhielt, gibt es jedoch keine Belege.
Liebe Bildblogger, bitte: Sagt mir, dass das nicht euer Ernst ist. Dass ihr allen Ernstes eure Zeit der Frage widmet, dass ein Bild-Kolumnist in einem Nebensatz einer Kolumne, in der es eigentlich um ganz was anderes geht (nämlich Harry Potter) vermutlich einen klitzekleinen und einigermaßen unerheblichen Fehler gemacht habt. Dass ihr das als “Kritische Notizen” verkaufen wollt. Freunde, mit Verlaub, wenn mir das ein Finanzbeamter erzählt, ok, dann denke ich mir: Der kann nicht anders. Um mich zu outen: Ich bin mir sicher, Fehler dieser Art sind mir in meinem über 20jährigen Journalistenleben zu Hunderten passiert. Ich weiß, ihr werdet sagen, dass das nicht für mich und meine Arbeit spricht, aber wisst ihr was: So ticken wir Menschen nun mal. Wir machen solche Fehler. Wenn ihr die alle auflisten wollt, dann müsst ihr ein neues Blog gründen. Wobei ihr dann aber die Gewähr habt, jeden Tag ca. 200 Beiträge posten zu können, von der SZ bis hin zum Weilheimer Tagblatt.
Was mich besonders nervt bei dieser Debatte: Man muss euch ja gut finden. Wer euch nicht gut findet, steht im Generalverdacht, alles, was Bild schreibt, vorbehaltlos gut zu finden. Dabei finde ich, dass man sich durchaus sehr kritisch und sehr differenziert mit der Bild auseinandersetzen darf/kann/soll/muss. Nur ist das, was ihr tut, das Gegenteil von Differenzierung. Was differenziert ist, könnt ihr beispielsweise im neuen Buch von Wolf von Lojewski nachlesen, der darüber schreibt, dass die Bild in ihrer Geschichte durchaus ihre Scoops landete, allerdings auch einige bittere Pleiten im Portfolio hat. In eurer Sichtweise hat, fürchte ich, nur die eine Seite ihren Platz. Hat allerdings aus meiner Sicht heraus auch was mit Bequemlichkeit zu tun: Nichts ist einfacher, kein publizistischer Erfolg leichter zu haben, als gegen die größte und umstrittenste Tageszeitung in Deutschland zu schießen. Das ist wie mit McDonald´s oder der Deutschen Bahn: Man kann sich des Applauses eines großen Publikums sicher sein, man geht quasi null Risiko.
Ich glaube auch nicht mal mehr, dass ihr einen wirklichen Beitrag zur Debatte über den (Bild-)Journalismus leistet. Ihr seit everbody´s darling (außer natürlich bei Springer) und ich wette, es gibt einen beträchtlichen Teil von Lesern, die nur zu euch kommen, um sich mit ein bisschen Häme und Schadenfreude für den Tag munitionieren zu können. Zuverlässig wissen sie ja inzwischen auch, wo sie das kriegen. Anders kann ich mir jedenfalls kaum erklären, dass man sich mit Bagatellen wie dem Todesschützen Winnetous mit so viel verbissener Ernsthaftigkeit auseinander setzen kann. Oder damit, dass Klatschreporterinnen einen Hollywoodstar zum “Habenwollen-Traummann” deklarieren, obwohl der “bekanntlich” schwul ist (ja und…deswegen kann er trotzdem für die holde Weiblichkeit ein “Traummann” sein, oder ist diese Möglichkeit in eurem Weltbild auch nicht vorgesehen?)
(*Disclaimer: Ich bin gelegentlich an der Springer-Akademie als Dozent zu Gast. Ich habe allerdings, bevor jemand nachzurecherchieren versucht, publizistisch bisher weder print noch online für Bild gearbeitet).
Kausch keilt
Thomas Kausch keilt in der FAZ ziemlich gegen seinen Ex-Arbeitgeber SAT1 aus. Kann man machen und eventuell sogar verstehen, aber ob es professionell ist, sei dahin gestellt. Was mich allerdings schon verblüfft: Ein Interview solcher Natur und mit solchen Fragen würde andernorts möglicherweise als reine Stichwortgeberei beklagt. Das sind keine Fragen – das sind Vorlagen.
Millionen-Business Mumpitz TV
Nein, keine Call-Ins der konventionellen Sorte – sondern das ziemlich dicke Geschäft mit Mumpitz, Naivität und Gutgläubigkeit, großartig und eindringlich beschrieben in der FAZ.
Des Leser-Reporters Grenzen
Gestern abend auf CNN: Live-Coverage des britischen Senders iTV zur Flutkatastrophe in Großbritannien. Dabei das übliche Spiel, das man im TV bei solchen Anlässen spielt – eine Live-Schalte nach der anderen, geordnet nach geographischen und inhaltlichen Aspekten. Dann schließlich zum Schluss eine Rubrik mit dem Titel “Your Pictures”. Der gesendete Beleg dafür, dass speziell im Fernsehen Hobbyreporter nur sehr begrenzte Einsatzmöglichkeiten haben. Verpixelte, verwackelte, grobkörnige Fotos und Videosequenzen, null Erkenntniswert, null Information, deren Armseligkeit irgendwie noch armseliger wird, wenn man sie unmittelbar neben hochauflösenden Fernsehbildern sendet.
Lustige Logiken…
…in Zeiten des Stellenabbaus: Durch die Zusammenlegung der Magazinredaktionen und der damit eingergehenden Stellenstrecihungen würde SAT1 erheblich an journalistischem Profil gewinnen, konterte der Sender jetzt auf den Vorwurf des Journalistenverbands, der Sender würde ohne Not journalistisches Renommee (ähm…welches eigentlich?) über Bord werfen.
Prima. Schmeißt sie dann nächstes Jahr bitte alle raus und räumt bei den Grimmepreisen mal so richtig ab.