Archive for Juli 4th, 2007
Scharfe Weiber und die Höhlen auf der Schwäbischen Alb
Gerade im Moment stelle ich mir einen typischen Spiegel-Redakteur vor. Also, mehr so den alteingessenenen Typ, nicht die Generation, die über Globalisierung und Neoliberalismus schreibt. Mehr so den Typus altlinker, Alt-68er, pfeiferauchend, kariertes Jacket, Cordhose, Kleinkunstbühnenbesucher, der in wilden Momenten von diesem Dings, dem Bumms, na, dem Neger mit der Gitarre, diesem Hendrix schwärmt. Dolle Zeiten, damals. Und diese scharfen Weiber, boah.
Warum ich dieses nette Vorurteil pflege? Weil ich mich gerade eben, zur Hölle, ernsthaft frage, warum ich nach aufeinanderfolgenden Titelgeschichten über Romy Schneider, nervende Polen und über irgendeine Höhle in der Schwäbischen Alb, wo man die Wiege der Kunst gefunden zu haben glaubt, immer noch montags das Zentralorgan der verblassenden Jimi-Hendrix-Mythen lese. Schlimmer als rauchen, diese Angewohnheit, echt wahr.
Klong! Plong! Polter!
Ich glaube, beim Herrn Jörges hat das System. Erst mal ordentlich draufgerammt, Bugwelle samt Pulverdampf erzeugen und dann von eigenen inhaltlichen Schwächen ablenken. So jedenfalls kam es mir meistens vor, wenn ich seine Kommentare im “stern” gelesen habe, was zu einer Zeit war, als ich mich wenigstens ab und an selbst genötigt habe, in den stern zu schauen. Richtig schlauer habe ich mich danach nicht gefühlt, aber es hat, wie beschrieben, wenigstens ordentlich gekracht und geraucht beim Lesen.
Nach dieser exakt dem Pulverdampf-Prinzip folgenden Attacke gegen die Drecks-Blogs als solche nahm ich mir ein Stück weit die durchaus überlegenswerte Mahnung von Don zu Herzen (ich meine, im Ernst….wenn Don schon mal den Besonnenen gibt, muss man alleine aus diesem Grund schon darüber nachdenken) und hielt mich mit weiteren Wertungen erst mal zurück. Es wäre ja immerhin nicht das erste Mal, dass jemand aus dem Zusammenhang gerissen zitiert wird, obwohl Jörges selbst in seinem ersten Statement bei den zehn hundert tausendreportern des stern nicht eben den Eindruck erweckte, als fühle er sich falsch zitiert. Er habe halt nur was anderes gemeint, schreibt er.
Inzwischen, nach diesem Interview in der Readers Edition wissen wir, was er wirklich gemeint hat und spätestens seit diesem Moment mache ich mir beinahe Sorgen um den stern, ach, was sag ich, um das ganze Haus Gruner & Jahr. Rechtsextreme, antisemitische Hassblogger haben also ernsthaft so großen Einfluss auf die guten Gruner&Jahr-Redaktionen, dass man ernsthaft befürchten muss, sie könnten sie wenn schon nicht kapern, dann wenigstens unterwandern? Oder wie muss man diesen Siele-dicht-Appell demnach verstehen? Ich dachte ja bisher immer, nicht mal eine schlechte Redaktion ließe sich von Hassbloggern unterwandern, und eigentlich dachte ich immer, Blogger könnten ganz generell eine Redaktion nicht unterwandern, weil sie ja mit Redaktionen gar nix zu tun haben, weil sie ja ganz was anderes machen. Außer, sie sitzen in einer Redaktion und schreiben Redaktionsblogs, aber dort, ohje, Herr Jörges, dort beim stern werden doch nicht etwa…? Nein, sicher nicht, aber ähm, nunja, gestatten Sie die Frage:
Haben Sie vor dem Schreiben, dem Buchpräsentieren und dem Interviewgeben auch mal nachgedacht? Nein? Sehen Sie, ahnte ich fast. Weil ich das mit Pulverdampf aus nassem Pulver gut kenne. Aus den “Zwischenrufen” nämlich.
Ruhr mich nicht an
Manchmal muss man über so viel Sturheit ja fast schon wieder schmunzeln: Ich kann mich an kaum ein Projekt erinnern, dem in den vergangenen Jahren so wenig Chancen eingeräumt wurden wie onRuhr, Sie wissen schon, jene Lokalzeitung im Netz, deren Zeitungscharakter und insbesondere ihre journalistische Qualität dadurch dokumentiert werden sollte, dass es sie ausschließlich als PDF gab (und ganz ohne Rechthaberei: Ich habe ebenfalls schon letztes Jahr beim Projektstart das Ding als Totgeburt gesehen – wie viele andere auch).
Ex-WAZ-Mann Knüpfer zeigte sich unbeeindruckt – oder soll man es beratungsresistent nennen? Man muss wirklich nicht viel von neuen Medien verstehen um prophezeihen zu können, dass das Fomat PDF viele Vorteile bieten mag, Zeitungscharakter und journalistische Qualität aber keineswegs zwingend daraus abzuleiten sind. Und dass Interaktion und das ganze andere Gedöns, dass man gemeinhin als Vorteile von Online-Medien wertet, bei einem toten PDF von vornherein ausgeschlossen sind, schien Knüpfer ebenfalls nicht zu interessieren. Stattdessen die ewige Leier: Journalistische Qualität gibt´s nur im PDF. Klar. Und ein Film ist nur dann gut, wenn er auf einem Fernsehapparat abgespielt wird. Und ein Text nur lesenswert, wenn er mit Word verfasst wird.
Jetzt also das nicht so richtig überraschende Aus für onRuhr, d.h., nicht ganz: Von einem Aus will man dort nicht so wirklich was wissen, statt dessen befindet man sich in einem Umbau. Verhaltensmuster aus der New Economy in Old Media, wenn das nicht mal ein hübsches Paradoxon ist.