Archive for August, 2007
Media-Coffee, Berlin
Bascha Mika, Stefan Niggemeier, Ursula Weidenfeld, Holger Stark – und ich.
Ich freu mich auf bekannte und (bisher) unbekannte Gesichter. Anmeldung hier.
Der Schawinski-Hype
Der Herr Schawinski ist ein richtig begnadeter Selbstdarsteller. Und kluges Marketing macht er zudem. Da lässt er die eine oder andere Indiskretion raus (beispielsweise, dass Otti Fischers kapriziöse Ehefrau im Sender nur “Die Tretmine” genannt wurde) – und schon steht Schawinski da als der Mahner für das gute und gehaltvolle Fernsehen und als derjenige, der SAT 1 schon gerettet hätte, wenn ihn die Iditiotenkapitalisten und Heuschrecken denn nur gelassen hätten.
Allerdings auch deswegen, weil wir Journalisten uns gelegentlich ein Bild solange zurechtzimmern, bis es passt. Und Schawinski als Kronzeuge, das passt gerade so schön.
Plaudern wir also mal über ein paar Fakten der anderen Art. Über Anke Late Night beispielsweise. Oder diesen fürchterlichen Sonntag abend-Schmarrn mit Bettina Rust. Darüber, dass der Sender im Laufe der letzten Jahre nahezu alle seinen markanten Gesichter verloren hat. Und darüber, dass die so genannte Nachrichtenoffensive vielleicht in Schawinskis Elfenbeinturm wohlwollend registriert, von der verehrten Zuschauerschaft als solche aber nie wahrgenommen wurde. Zumindest in Sachen Quote hat Kausch gegen Kloeppel nicht wirklich punkten können. Und den Versuch, auch mal mit teuren und anspruchsvolleren Stoffen zu punkten, hat vor Schawinski auch nahezu jeder andere seiner Vorgänger unternommen (zuletzt beispielsweise Martin Hoffmann mit diversen Teamworx-Produktionen). Kurz gesagt: Schawinskis SAT1-Bilanz mag man unterschiedlich bewerten – wie man allerdings zu der Sichtweise kommt, der Verfechter des gehaltvollen Fernsehens sei auf dem Höhepunkt seines Schaffens abberufen worden, ist vermutlich nur mit schweizerischen Eigenmarketingfähigkeiten zu erklären.
Bleibt schließlich noch Bernd Gäbler, der folgendes schreibt:
Als er antrat, so erfahren wir, erwirtschaftet der Sender gerade einmal vier Millionen Euro; 204 Millionen Euro waren es in seiner letzten Bilanz. Von den hohen Verkaufsgewinnen verteilte Haim Saban ein Prozent ans Top-Management; normale Mitarbeiter bekamen 400 Euro; Schawinski ging leer aus. Man merkt: Das hat ihn schwer gefuchst.
Schawinski ging leer aus? Dass Gäbler solchen Nonsens schreibt und stern.de ihn auch noch veröffentlicht, spricht nicht wirklich für journalistische Qualitäten. Wohl aber dafür, dass man sich Dinge schon zurechtbiegen kann, wenn man nur will – und lange genug drückt.
PRima!
Frau von der Leyen – genauer gesagt: eine Agentur, die von ihrem Ministerium beaufragt ist – jubelt Redaktionen komplett fertige Beiträge zum Thema Elterngeld unter. Ein Verhaltensmuster, das nicht neu ist, weder in der Politik (gell, Herr Glos…) noch in der Wirtschaft. Man nutzt zwei Dinge aus, die in durchschnittlichen deutschen Redaktionen inzwischen zum Standard gehören: eine nicht wirklich gute finanzielle und personelle Austattung sowie die latent vorhandene Bequemlichkeit von Journalisten. Man liefert demnach also fertige Beiträge und freut sich, wenn sie am nächsten Tag prominent platziert erscheinen. Wirkt um etliches besser als eine konventionelle, dröge Anzeige resp. ein Spot.
Bevor jemand aufjault, dass die Methoden immer dreister werden: Ich hatte schon vor 20 Jahren als Lokalchef regelmäßig Besuch von mehr oder minder netten Herren der AOK und anderer Krankenkassen, die mir höchstpersönlich “Pressemitteilungen” vorbei brachten. Deren Gehalt war in etwa, dass die AOK empfiehlt, man solle beim Fahrradfahren einen Helm aufsetzen. Ein echtes Servicestück für die Leser also.
Man kann mit solchen Dingen zweierlei machen: bequem sein und abdrucken. Oder sie in den Papierkorb werfen. Letzteres ist unstrittig die sauberste Lösung, vermutlich sogar: die einzig wirklich richtige. Insofern: Was Report Mainz da aufgedeckt hat, ist zwar schon irgendwie ein bisschen aufregend und man kann dann bestimmt auch Briefe an Frau von der Leyen schicken und sich echauffieren. Viel angebrachter und spannender wäre allerdings eine Diskussion um den Zustand unserer Redaktionen. Wenn es schon reicht, mit einem kostenfreien Beitrag zu winken, um alle Dämme brechen zu lassen, ist irgendwas schief gelaufen.
Web 1,2,3
Ein paar generelle Anmerkungen zu tu-oh und dazu, dass Technik nicht vor Inhalt gehen sollte (amen). Drüben im jepblog.
Die Verleger und das Netz
Man fragt sich das ja immer wieder: Warum tun ausgerechnet die Zeitungsverlage sich so schwer mit diesen neuen Medien? Zu einer wirklich befriedigenden und allumfassenden Antwort bin ich noch nicht gekommen, aber eine könnte ganz simpel lauten: Weil sie von diesen neuen Medien – schlichtweg keinerlei Ahnung haben.
Von Herrn Christian DuMont Schütte aus Köln liegen jetzt in einem Gespräch mit der FAS erstaunliche Erkenntisse vor:
- In zehn Jahren ist Google tot.
- Der Ebay-Hype ist zu Ende.
- Da bezahlt man Google für das Listing und die nehmen einem die Werbung und die Inhalte weg.
Einschätzungen, die Herr DuMont Schütte ziemlich exklusiv für sich hat. Und eine Aussage, mit der man sehr vorsichtig umgehen müsste, hätte man nicht irgendwie eine Ahnung, dass der Herr Verleger nicht ganz weiß, wovon er spricht: DuMont bezahlt Google fürs Listing? Spannend.
Übrigens: DuMont hat großes Interesse an der SZ. Sagt er.
GEZ-Grauzonen
Es hat fast zwei Jahre gedauert, bis die GEZ endlich von mir abließ. Dazwischen lagen unzählige, maschinell erstellte Schreiben, wirre Berechnungen. Ignoranz auf Schreiben und Einsprüche. Und immer wieder Drohungen: mit Gericht, mit Gerichtsvollzieher, mit Freiheitsentzug bis bzu einem Jahr. Zwischendrin immer wieder Schreiben mit so netten Aussagen wie der, dass man derzeit viel zu tun habe und deswegen erst frühestens in drei Monaten antworten könne (woran man sich dann auch strikt gehalten hat). Irgendwann – nach etlichen durchbohrenden Fragen nach den privaten Fersehgewohnheiten – akzeptierte sie dann, dass man für ein Gerät auch nur einmal Gebühren zahlt, selbst dann, wenn sich unter einem Dach eine Privat- und eine Firmenadresse befinden.
Bei dieser Fallsammlung hier beschleicht mich allerdings die Ahnung, dass ich ziemlich glimpflich weggekommen bin. Die GEZ in der Grauzone, eine lesenswerte Geschichte in der FAZ, anarchistischer Umtriebe eher unverdächtig.
Selbstvermarktungs-Riesenmaschine
Man weiß nicht so recht, was überwiegen soll: Der Respekt vor der Leistung einer Selbstvermarktungs-Riesenmaschine. Oder das Gefühl von Übelkeit bei diesem ganzen Bohème-Quatsch. Wir nennen es clever gesteuerten Zentral-Hype.
Eine kleine Sommerbilanz
Nachdem jetzt sogar bei uns in Bayern die Ferien bald zu Ende gehen (nicht neidisch werden, Nordlichter!) und man den Sommer insofern als fast beendet betrachten darf, ziehen wir doch einfach mal eine Art Dreivierteljahresbilanz 2007. Eine kleine Aufarbeitung von großen Ankündigungen im (zumindest diesen Ankündigungen zufolge) wichtigsten Medienjahr ungefähr seit Menschengedenken.
Focus online – im Frühjahr von Herrn Turi auf dessen “Branchendienst” mit einem euphorisierten “wow” begrüßt und zum Generalangreifer auf SPON ernannt. Ist inzwischen zu einem soliden Portal geworden, mit allem zudem versehen, wovon man im tu-oh-Rausch meinte, es müsse so sein. Schöne Community, die meisten must-have-tools und auch ein paar nice-to-have-tools. Dass man zwingend auf die Idee käme, sich seine Nachrichten-Agenda des Tages dort zu holen, ist allerdings nicht der Fall, nicht wirklich jedenfalls. Was fehlt, ist so etwas ähnliches wie ein journalistisches Profil. Kommerzieller Erfolg: Legt nach IVW-Ausweisung jeden Monat solide zu, mal mehr, mal weniger. Ist jetzt bei ca. 14 Mio. Visits und damit nur noch knapp unter 60 Mio. von SPON entfernt. Der von Herrn Turi benannte Generalangriff auf die Marktführerschaft ist demnach bereits in ca. drei Jahren beendet, vorausgesetzt, SPON legt bis dahin nicht zu.
Stern.de: Von Peter Turi zum Generalangreifer auf SPON ernannt. Macht Communitys, Listenzeugs und alles, was man im tu-oh-Zeitalter…ähm…siehe oben. Dito, was journalistisches Profil angeht. Will jetzt irgendwie ganz viel mit Video machen. Von Peter Turi deswegen zum…ach nee, war ja schon. Ist jetzt bei ca. 12,6 Mio. Visits und damit nur noch knapp unter 60 Mio. von SPON entfernt. Der von Herrn Turi benannte Generalangriff auf die Marktführerschaft ist demnach bereits in ca. etwas mehr als drei Jahren beendet, vorausgesetzt, SPON legt bis dahin nicht zu.
welt.de: Von Peter Turi nicht zum Generalangreifer auf SPON ernannt. Von der Konkurrenz ängstlich beäugt, dann einige Querschläge. Poseners Anti-Diekmann-Eintrag im Blog, Keeses Einlassungen über Disziplin beim Bloggen, einige befremdliche User-Kommentare und das Chefredakteurs-Blog-Experiment mehr oder minder auch eingestellt – es ist, sagen wir mal so, etwas ruhiger geworden um das Projekt. Keine IVW-Zahl gefunden, trotzdem die Prognose: Angriff auf die Marktführerschaft dauert noch ein bisschen.
sueddeutsche.de: Kriegt regelmäßig von Herrn Niggemeier eine reingezimmert, was Strafe genug ist. Deswegen hier außer Konkurrenz. Macht lustige Symbolfotos und Bildunterschriften, 130teilige Bildergalerien und außerdem eine Qualitätsoffensive. IVW hält es mit Haindling: Es geht runter. Und dann wieder rauf. Prognose: schwierig.
waz.de: Lustig. Seit einem Jahr wartet die Branche. Sogar das Entwicklungsblog dümpelt. Letzter Eintrag vor knapp zwei Monaten. Prognose: Reminiszenz an die New Economy, was das Verhaltsmuster angeht. Die kleinlaute Phase ist meistens ein sicherer Beleg dafür, dass intern irgendwas furchtbar daneben gegangen ist (und ich weiß aus eigener Erfahrung, wovon ich spreche).
n24.de: Da war mal eine Offensive angekündigt. Digital sogar. Ich schau mal nach, wo sie ist, versprochen. Prognose: Jetzt lasst mich doch erst mal suchen, verdammt.
Tipp an GEZ: Deutsche Anwaltshotline sofort abmahnen!
Web 2.0 ist manchmal ziemlich lustig.
Nachdem es auf dieser kleinen Seite mal wieder um das kleine Gebührenmonster aus Köln die Gebühreneinzugszentrale ging, die lediglich Gebühren für andere, nicht aber für sich selbst eintreibt, hat Google mit den automatisch generierten Anzeigen (ich bitte um freundliche Beachtung der Spalte rechts auf Ihrem Schirm) auch eine Anzeige der Deutschen Anwaltshotline geschaltet. Und bei der weiß ich jetzt gar nicht mehr, was ich davon halten soll. Entweder Juristen-Kretins. Oder clevere Provokateure. Oder doch kluge Anwälte, die wissen, dass die GEZ-Abmahnung de jure bullshit ist. Wie auch immer, gleich ganz oben auf der Seite prangt der inkriminierte Begriff, der impliziert, dass die GEZ Gebühren für sich selbst und nicht für andere eintreibt. GEZ, sofort zuschlagen! Abmahnen! Verfassungsschutz alarmieren!
Post scriptum: In diesem Kontext gewinnt man gerade für diese Idee eine ganz enorme Sympathie. Wenn öffentlich-rechtliche Einrichtungen zu wuchern beginnen, hilft meistens nur noch der radikale Neubeginn.
Und darf ich…
…lieber, aufrichtiger und mutiger Christoph Maria Herbst, dann schon davon ausgehen, dass das hier und dies hier nur Ausrutscher waren und dass es fürderhin nicht mehr vorkommen wird, dass Sie Gespräche führen mit notorischen Lügnern, denen sich mutige Kontrolleure entgegenstellen müssen, für die Sie Werbung machen? Selbst dann nicht, wenn man die Millionenreichweite der Lügner gut gebrauchen kann, wenn dann demnächst Stromberg 4 ansteht? Und dass Sie vorher mit Ihrer Agentur oder wenigstens Herrn Niggemeier Rücksprache nehmen, ob der PR-Gag nicht in die Hose gehen könnte? Weil, sonst muss ich künftig immer, wenn ich den Bildblog-Spot sehe, an Lüge Nummer elf denken, was irgendwie auch nicht schön wäre.
Meint ja nur, yours truly…