JakBlog

Anmerkungen eines Medienmenschen

Archive for September, 2007

Von Zeitdruck, Klickmaschinen und der Ökonomie im Netz

with one comment

* Sperriger Titel, ich weiß. Der folgende Text erscheint (in einer etwas längeren Fassung) in einer Sammlung des Mediencampus Bayern zum Thema “Qualität im Journalismus” zu den Medientagen in München.

Zeitdruck vs. Gründlichkeit:

Online-Journalismus ist potentiell die schnellste Form des Publizierens. Der Weg vom Ereignis hin zur Nachricht kann beinahe in Echtzeit erfolgen. Drahtlose Netze und immer kleinere, kompakte Hardware erlauben eine ungeahnte Rasanz und eine völlig neue Darstellungsform des Journalismus. Wer will, kann sich mit geringem Aufwand rund um die Uhr laufend mit der Agenda dieser Welt abgleichen. Inhaltliche Veränderungen sind bereits seit mehreren Jahren zu spüren, der Kampf um den User kann sich möglicherweise in Sekunden entscheiden. Dieser – obschon gerne negierte – Aktualitätsdruck verführt zum Vernachlässigen journalistischer Qualitätsstandards: Gründlichkeit, Genauigkeit, Gegenrecherche, Quellenprüfung, kein Warten auf Bestätigung einer Meldung durch mindestens eine zweite unabhängige Quelle. Das, was eigentlich selbstverständlich sein sollte, wird schon mal vernachlässigt, wenn man im Hinterkopf hat, dass möglicherweise eines der inzwischen unzähligen Konkurrenzangebote einen (entscheidenden) Tick schneller sein könnte. Zumal inzwischen auch von hierarchisch durchaus höherer Stelle inzwischen Relativierungen vorgenommen werden, die kaum tragbar sind. So hieß es beispielsweise aus der Onlineredaktion einer großen süddeutschen Tageszeitung zur Begründung, dass man eine (fehlerhafte) Meldung der Bild-Zeitung ungeprüft übernommen hatte, dass am Wochenende die Redaktion nur schwach besetzt und die Kollegen aus dem zuständigen Ressort nicht anwesend gewesen seien. Personalmangel und Aktualitätsdruck dürfen auch im Zeitalter der Neuen Medien nicht dazu führen, dass journalistische Glaubwürdigkeit auf der Strecke bleibt.

 Ökonomie vs. Inhalt:

Zumindest theoretisch ist es inzwischen möglich geworden, die Rentabilität eines einzelnen Textes zu messen. Die Zahl der erreichten Klicks ist punktgenau messbar, die Höhe der auf einer Seite bzw. in einem bestimmten Umfeld platzierten Werbung auch. Erstmals also sind – vor allem durch die Echtzeitmessung von Besucherzahlen – Inhalt und Umsatz zumindest in eine theoretische Relation zueinander zu setzen. Auf dem Vormarsch ist in Online-Medien zudem immer mehr auch leistungsbezogene Werbung, konkret also eine solche, die daran gekoppelt ist, dass ein quantitativer, gelegentlich sogar ein qualitativer, werthaltiger Leistungsnachweis zu erbringen ist. Das kann dazu verführen, Gefälligkeit vor Gründlichkeit zu setzen. Qualitativer Journalismus kann indes nicht ein Füllmaterial oder ein Appetizer für das Füllen von Werbeflächen sein. Im Gegenteil: Wenn wir die Relevanz von Journalismus bewahren wollen, dürfen wir keine einseitig auf Klickzahlen oder Quoten ausgelegte Auftragsarbeiten abliefern.

Usergeschmack vs. Inhaltliche Relevanz:

 Jeder Journalist wird früher oder später damit konfrontiert, ob er mit seiner Arbeit das Interesse seines Publikums gefunden hat. Ob mit Auflagezahlen oder mit Quoten: Die Reaktion der Leser, Zuschauer und Hörer macht sich irgendwann bemerkbar. Früher oder später, wobei früher galt, dass es zumeist eher später ist. Inzwischen ist das Interesse des Users wie ein Realtime-Ticker abrufbar. Niemand kann sich wirklich davon freisprechen, völlig unbeeindruckt von diesen technischen Optionen zu sein. Und generell ist auch nichts Schlechtes daran zu finden, wenn man den Publikumsgeschmack in eine Entscheidung über zu publizierendes Material mit einbezieht. Indes, eine zu starke Orientierung an der Quote wird im Online-Journalismus zu ähnlichen Phänomen führen, wie sie im Privatfernsehen regelmäßig zu beobachten sind. Man wird inhaltlich verflachen, man wird vermeintliches Interesse einer inhaltlichen Relevanz vorziehen, nur um dann festzustellen, dass das Medienvolk lauthals darüber jammert, dass es das bekommt, was es doch vermeintlich wollte. Journalistische Arbeit, inhaltliche Relevanz, stringente Selektion sind in einem Zeitalter, in der Informationsfluten ungebremst auf uns einstürzen, von größerer Bedeutung denn je zuvor.

 
Multimedialität vs. Gründlichkeit:

 Crossmedia heißt das aktuelle Zauberwort. Unter dem fast jeder etwas anderes versteht. Aus ökonomischer Sicht – dieser Eindruck drängt sich leider auf – bedeutet Crossmedia vor allem Kostenreduzierung. Cross- und multimedialer Journalismus ist allerdings nicht mit einer Wertschöpfungskette betriebswirtschaftlicher Lesart zu verwechseln. Zu einer Qualitätsdebatte im neuen Journalismus gehört deswegen auch eine klare Definition der Begrifflichkeiten „Crossmedia“ und „Multimedia“. Es sollte genau definiert sein, was von crossmedial arbeitenden Journalisten zu erwarten und zu leisten ist. Keinesfalls darf crossmedialer Journalismus ein Synonym dafür sein, dass einer das leisten muss, was vorher von dreien zu machen war. Die Grenzen hierfür sind – leider – fließend: Wo ist crossmedialer Journalismus wirklich sinnvoll und Mehrwert schaffend, wo ist er einfach nur Ausbeutung? Klar zu machen wird während einer Qualitätsdebatte über Neue Medien auch sein, dass der begabte Generalist den ausgebildeten Spezialisten nicht ersetzen kann und nicht ersetzen darf. Beispiel Videojournalismus: Selbstverständlich kann es gerade im Zeitalter der zunehmend ins Web abwandernden Bewegtbilder sehr sinnvoll sein, wenn jemand mit einem VJ-Equipment umgehen und Material drehen und schneiden kann, dass auf der Stelle sendefähig ist. Dennoch sollte klar sein, dass selbst der begabteste VJ einen ausgebildeten Cutter, einen ausgebildeten Kameramann nicht ersetzen kann – ebenso wenig, wie eine noch so gute VJ-Ausrüstung an das hochwertige Equipment eines EB-Teams heranreicht. Zur Qualität im neuen Journalismus gehört deshalb ebenso, dass es klare Grenzen dafür gibt, was machbar und was eben nicht machbar ist.

 
Ausbildung vs. Autodidaktik

 Zugegeben: Wenn man sich als Journalist im Umfeld neuer Medien bewegen will, ist eine gewisse Neigung zur Autodidaktik nicht von Schaden. Man muss bereits sein, sich auf neue Inhalte und neue Darstellungsformen und letztlich auch neue Technologien einzulassen, sie auszuprobieren, zu entdecken und gegebenenfalls auch wieder zu verwerfen. Oder, um es neudeutsch zu sagen: trial and error.
 

Doch selbst für den größten Autodidakten wird irgendwann der Punkt kommen, an dem er eine solide und fundierte Ausbildung benötigt. Journalismus ist zu wichtig, ist ein zu grundlegender Bestandteil einer funktionierenden demokratischen Gesellschaft, als dass man  ihn einem groß angelegten Selbstversuch überlassen könnte. Abenteuerlich ist auch die Vorstellung, dass man heute zumindest schon weiß, dass IP die Schlüsseltechnologie der Zukunft ist und dass kommende Generationen Online-Medien sowohl qualitativ als auch quantitativ in einem ganz anderen Umfang konsumieren werden als wie das heute der Fall ist – und man gleichzeitig sich bis heute auf keine wirklich existenten Standards der Ausbildung für Onlinejournalisten geeinigt hat. Während Printredakteure an den diversen Akademien und Ausbildungsstätten Kurse bis hinein in die letzte Nische hinein belegen können, fristet Online immer noch ein Schattendasein. Auch große und renommierte Ausbildungsstätten entdecken erst jetzt allmählich den Stellenwert einer fundierten Multimedia-Ausbildung. In der breiten Masse dagegen ist davon noch fast nichts zu sehen. Wer fundierte, qualitativ ansprechende Online-Journalisten haben will, muss vor allem eines tun: sie ausbilden.

 

Written by cjakubetz

September 26th, 2007 at 9:22 am

Ohren auf!

without comments

Written by cjakubetz

September 25th, 2007 at 11:06 am

Posted in IN EIGENER SACHE

Maut auf dem Datenhighway von Bullerbü

without comments

Mautgebühren – und dafür ein werbefreies Netz? Momentaufnahme der deutschen Netzwirtschaft aus dem Tagesspiegel, lesenswert.

Written by cjakubetz

September 24th, 2007 at 10:50 pm

Posted in ONLINE/MULTIMEDIA

Ruf mich nicht an (II)…

without comments

Keine Post von der Telekom. Überlege, ob ich mit meiner Buschtrommel eventuell einen Percussion-Kurs belegen soll.

Written by cjakubetz

September 22nd, 2007 at 6:51 pm

Posted in NUR SO DAHINGESAGT

Ruf mich nicht an…Telekom

without comments

Vor einer Woche im Spiegel gelesen, die Telekom sei wieder im Kommen und mache ihren Konkurrenten Feuer unterm Hintern (Obermann-Effekt).

Deswegen frohgemut die Telekom angerufen und um einen Antrag zur Erteilung eines Antragsformulars gebeten (nein, in Wirklichkeit: einen Antrag auf Zuteilung eines neuen Telefonanschlusses, das geht hier in Niederbayern leider nur über die Telekom). Das war vor einer guten Woche. Seitdem warte ich. Und warte. Und warte. Auf einen albernen Brief, ein Antragsformular. Ich werde mit der Buschtrommel in der Hand sterben, so viel steht fest.

Ob ich den Kollegen vom Spiegel mal nen Tipp gebe?

Written by cjakubetz

September 21st, 2007 at 8:10 pm

Posted in NUR SO DAHINGESAGT

Quer

with 2 comments

Doch, ja: Immer wenn ich (so wie gerade) “Quer” sehe, zahle ich meine GEZ-Gebühren Rundfunkgebühren fast wieder gerne. Und verehre den BR aus tiefstem Herzen. Banal gesagt, so stelle ich mir öffentlich-rechtliches Fernsehen vor – und so hat es auch seine Berechtigung.

Written by cjakubetz

September 20th, 2007 at 8:37 pm

Posted in TV

Groß und klein, jung und alt, analog und digital

with 2 comments

An einer der Ausbildugseinrichtungen, an denen ich gelegentlich zu Gast bin, gibt es ein kleines, charmantes und gelegentlich fieses Tool. Eines, mit dem die Teilnehmer anonym im Intranet den Dozenten bewerten können. Das ist selbstverständlich höchst begrüßenswert, wenn man es politisch korrekt formuilieren will, gelegentlich aber, wenn man für sich im Stillen und völlig unkorrekt ist, ein wenig schmerzhaft und manchmal auch einfach nur ärgerlich.

Eines fand ich in den letzten Tagen dann aber doch ebenso interessant wie lehrreich: Zwei Teilnehmer (keine Sorge, falls Ihr mitlest: Ich habe wirklich keine Ahnung, von wem die Bewertungen stammen) meinten, das sei ja alles schön und recht, was ich da erzählen würde, aber alles in allem sei der Eindruck entstanden, ich sei vermutlich in höheren Sphären unterwegs, hätte vom Alltag kleinerer und mittlerer Betriebe wenig Ahnung. Kurzum: nett, aber abgehoben – und für den Alltag kaum zu gebrauchen.

Und dann war da ja noch diese Veranstaltung in Niederbayern – wo genau jene Leute saßen, die vermutlich sich jeden Tag mit den Strukturen und Aufgaben eines kleines oder auch mittelständischen Medienhauses rumschlagen müssen. Zusammengefasst wurde mir dann nach Lektüre der Seminarkritiken und den Gesprächen mit den Kollegen aus NDB eines ziemlich schlagartig klar: Dieser abstrakte digitale Graben, von dem Wissenschaftler so gerne reden, ist nichts Abstraktes. Er ist schon lange da und er verläuft keineswegs zwischen Berlin-Neukölln und München-Bogenhausen. Er läuft auch mitten durch unsere Branche. Ziemlich scharf und markant sogar. Stark vereinfacht gesagt: Er verläuft zwischen alt und jung (30 plus ist die Demarkationslinie), zwischen Stadt und Land, zwischen Medienkonzern und mittelständischem Betrieb, zwischen analog und digital

Einfache Erkenntnis: Das, was wir hier in unseren wohlfeilen Medienblogs, auf unseren hoch anspruchsvollen Panels und Diskursen so diskutieren, interessiert hinter der Demarkationslinie keinen Menschen (hinter dieser Linie befinden sich übrigens weitaus mehr Menschen als vor ihr). Die ganzen bloggenden Alphamännchen mögen ihre Leserschaft überall haben, aber nicht hinter der Demarkation. Das bemerkt man übrigens sehr hübsch auch im Ausbildungsbetrieb. An der DJS oder auch an der Springer-Akademie ist die Auseinandersetzung mit diesen Themen völlig selbstverständlich, umgekehrt habe ich in diesem Jahr aber auch schon Journalisten aus- und weitergebildet, denen der Begriff Podcast nichts gesagt hat. Und mit nichts meine ich: nichts.

Wenn man dann noch eine andere Rechnung aufmacht, wirds klarer: 45 Leute entlässt die DJS jedes Jahr ins pralle Leben, bei Springer waren es angesichts dessen, dass dort die Akademie erst seit Januar läuft, auch noch nicht viel mehr. Und dann gibts noch Nannen und ein paar andere, aber alles in allem ist es sicher keine gewagte Behauptung, wenn man davon ausgeht, dass 90 Prozent unseres journalistischen Nachwuchses ihre Ausbildung beenden, ohne auch nur halbwegs profunde Kenntnisse in Sachen Zukunftsmedien zu haben.

Deswegen, liebe Kritker, bleibt mir in Seminaren meistens nichts anderes übrig, als die Beispiele größerer Häuser zu erwähnen. Würde ich erzählen, wie es bei den Mittelständlern abläuft, müsste ich im Regelfall das Seminar nach 5 Minuten beenden und sagen: Das wars.

Kommt doch bitte in zwei, drei Jahren nochmal vorbei.

Written by cjakubetz

September 20th, 2007 at 2:30 pm

Posted in ONLINE/MULTIMEDIA

Nachtrag zum Gebührenurteil

without comments

Erst heute dazu gekommen, den Podcast des ansonsten überaus geschätzten Medienmagazin des BR anzuhören. Von 16.38 Gesamtdauer 9.47 Minuten ziemlich jubelnde Berichterstattung. Aua.

Written by cjakubetz

September 19th, 2007 at 8:35 pm

Posted in NUR SO DAHINGESAGT

Nachtrag zu Plattling

without comments

Nein, richtig angekommen sind Multimedia-Themen in Niederbayern noch nicht. War trotzdem nett mit den Kollegen.

Written by cjakubetz

September 19th, 2007 at 8:50 am

Posted in ONLINE/MULTIMEDIA

Das Foto zum Termin

without comments

…heute abend in Plattling hat Fabian Mohr gemacht. Davon abgesehen, dass man mit Worten das wundervolle Niederbayern nicht so gut beschreiben könnte, wie es auf diesem Wunder-Traum-Super-Foto rauskommt, würde ich jetzt gerne nochmal die Frage stellen: Wie war das mit dem baldigen Untergang der Heimatzeitung?

PS: In Mirskofen gibt´s aber schon DSL, Fabian. Ähm, also. Glaub ich wenigstens.

Written by cjakubetz

September 18th, 2007 at 3:43 pm

Posted in NUR SO DAHINGESAGT