Archive for Oktober 29th, 2007
Westen nach ein paar Stunden
Interessant: Das neue Supidupi-Portal im Westen ist gerade mal ein paar Stunden alt, hat langsam die übliche Schaufenster-Deko abgenommen, die bei Launches nun mal so üblich ist – und siehe da: Der Westen ist wie das alte waz.de, nur mit einem neuen Anstrich. Wirkt wie eine Malocher-Bude ausm Pott aus den 60ern, die man neu angemalt und mit einem Giebel oder zwei verziert hat. Quasi schon abgehakt auf der Agenda.
Überschriften zur Stunde:
- Lokführer: Diese Woche kein Streik
- Zurück zu den Wurzeln
- Kontroverse um Tempolimit
- Zurück zu den Wurzeln
…und, mein persönlicher Favorit:
Grundschulverband sieht soziales Klima in Gefahr. Uaah.
Was nimmt man also mit von so einem Tag? Erstmal die Vermutung, dass die WAZ sich berauscht hat an ein paar Nebensächlichkeiten: Web 2.0! Community! Video! Tag! Blog! Multidingenskirchen! Man hat reihenweise Interviews gegeben und man musste zwischenzeitlich befürchten, Frau Borchert werde demnächt Bundesmedienministerin oder noch was Schlimmeres.
Was die WAZ übersehen hat: Wenn man sich schon ein paar Milliönchen aus der Kasse und sagenhafte eineinhalb Jahre Zeit nimmt, wäre es vernünftig, sich auch mal über Journalismus und ein paar Texter, die auch texten können, Gedanken zu machen. Man muss nämlich ein wenig Angst haben, die WAZ habe sich mit Überschriften und Texten wie am heutigen Tag vorgenommen, den Ruhrpott totzulangweilen. Bisher nämlich lesen wir Ansammlungen von Plattheiten, die man sich nicht einmal in einem Lehrbuch zu veröffentlichen getrauen würde:
Mit ihrer Forderung nach einem Tempolimit von 130 Stundenkilometern auf Autobahnen hat die SPD eine kontroverse Debatte entfacht.
Rudi Assauer hat den Fußball im Westen geprägt wie kaum jemand sonst.
Die Bundesbürger legen wieder mehr Geld auf die hohe Kante.
Experimentierfreudig, jung und umweltbewusst gibt sich die diesjährige Tokyo Motor Show.
Puh. Und das alles hintereinander weg. Eine Leadsatz-Maschine, gefüttert mit den gängisten Phrasen, würde es nicht langweiliger hinbekommen. Man entfacht also nach wie vor “kontroverse Debatten” (hat eigentlich schon mal jermand eine nicht-kontroverse Debatte erlebt?). Assauer hat den Fußball geprägt wie – natürlich – kaum ein anderer. Und die Bundesbürger legen Geld – wohin? Auf die hohe Kante natürlich. Man entwickelt bei solchen Texten fast schon wieder Sympathien für Wolf Schneider und hat eine Ahnung, warum sich seine ollen Schinken immer noch gut verkaufen. Ob Frau Borchert die Texte ihrer Eleven auch mal redigiert?
Kurz gesagt: Aktuell steht “Der Westen” für die Problematik in deutschen Medien- und insbesondere Zeitungshäusern: Man kauft Communitys, verlegt Bücher, wirft CD´s auf den Markt, kauft Bloggerinnen ein und veranstaltet Tagungen.
Auf den Gedanken, dass man ein Publikum mit kontrovers diskutierenden Fußballern, die wie kein anderer Geld auf die hohe Phrasenkante legen, zuverlässig in den Tiefschlaf schickt, kommt man anscheinend nicht. Ob das jetzt im Netz oder gedruckt stattfindet – fatal ist beides. Journalistisch jedenfalls – und noch reden wir auch im Netz in erster Linie von Journalismus und nicht von Gimmicks – ist der Westen zumindest am Tag 1 nahe an der Bankrotterklärung.
Hübsch…
…was man da tief im Westen zusammen gebaut hat. Sieht grundsolide aus, hat alles, was man haben sollte und hat sogar Dinge, von denen man 2006 noch dachte, dass man sie haben müsste. Beispielsweise eine tag cloud, von der man 2007 wiederum sagen würde, dass es mal eine Zeit gab, in der man ein solches Gimmick nett fand fand. Das kommt davon, wenn man sich eineinhalb Jahre Zeit lässt. Im Online-Geschäft ist das eine Ewigkeit.
Nun gut, es wird vermutlich verdammt schwierig sein, einen Koloss wie die WAZ ins Laufen zu bringen. Trotzdem: Was man vor eineinhalb Jahren noch aufregend hätte finden können – beispielsweise Geo-Tagging – ist inzwischen zwar immer noch eine hübsche Sache, aber bei weitem nicht mehr so neu, als dass man den Einsatz von Geo-Tagging noch besonders innovativ finden müsste.
Letztendlich also alles eine Frage der Perspektive: Schaut man sich durchschnittliche (Regional-)Zeitungsportale und deren HTML-basiertes Elend in Deutschland so an, muss man der WAZ attestieren, einen ziemlich großen Wurf gelandet zu haben. Nimmt man das mediale Trommelfeuer zum Maßstab, das in den vergangenen Wochen über uns hereinprasselte, dann relativiert sich das. Gelungen, sicher. Aber die Neuerfindung des crossmedialen Journalismus ausrufen, nur weil man jetzt Videos, Blogs, Tags und eine Community hat?