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Anmerkungen eines Medienmenschen

Archive for Oktober 30th, 2007

That´s Entertainment

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Bastian Sick ist demächst auf Tournee. Die Rede ist dabei explizit von einer Tournee und nicht von einer kleinen Lesereihe, was irgendwie auch ziemlich verwegen wäre, angesichts der Tatsache, dass er dabei u.a. auch mal in Passau Station macht. In der Dreiländerhalle. In der Dreiländerhalle finden ansonsten auch der ARD-Musikantenstadl und der Politische Aschermittwoch der CSU statt, nur um mal sanft anzudeuten, von welcher Größenordnung wir da reden. Was man so hört, darf man davon ausgehen, dass die Veranstaltung ziemlich ausverkauft sein wird.

Das ist erst einmal nichts Schlimmes, das Ganze dient ja schließlich einem guten Zweck, nämlich dem Erhalt und möglicherweise sogar der flächendeckenden Verbesserung der deutschen Sprache – und das auf unterhaltsame, charmante Art und Weise, die darauf verzichten kann, den Zeigefinger zu erheben.

Das ist die eine Sichtweise.

Die andere könnte die sein: Bastian Sick, durchaus selbst überrascht von dem Erfolg dessen, was aus einer kleinen Kolumne bei Spiegel Online geworden ist, hat inzwischen die Vermarktung dieses Erfolgs perfektioniert (sei ihm ja auch zugestanden). Aus dem Zwiebelfisch ist eine mittelständische Firma geworden und statt netter Sprachkritik macht Sick heute Linguistik-Entertainment. Apostrophen für die Masse, die sich schenkelklopfend amüsiert und nach zwei Stunden wieder raus an die frische Luft darf mit dem Gefühl: Wir stehen auf der richtigen Seite. Der guten Seite. Auf der, die den Apostroph noch richtig setzen kann. Dumm nur, dass wegen Sick und seinen Aktivitäten kein einziger Deppen-Apostroph verschwindet. Die, die das Ding mit dem Apostroph beherrschen, brauchen keine Nachhilfe. Und die, die gerne mal Sandy´s Imbiss schreiben, verirren sich nicht zu Sick. Aber vermutlich ist das auch gar nicht mehr der Anspruch, das mit der Sprache.

Womit wir beim Bildblog wären. Vermutlich (ganz im Ernst) waren auch Stefan Niggemeier und Christoph Schultheiss vom Erfolg dieses ursprünglich kleinen Blogs überrascht. Kann ja auch der beste Marketing-Stratege nicht erahnen, dass irgendwann Bildblog-lesen zum guten Ton gehört und man das mit Abstand erfolgreichste Blogprojekt im ganzen deutschsprachigen Raum macht. Und dass man irgendwann mal so weit sein würde, dass Frau Engelke und Herr Stromberg Testemonials in einem Werbespot sind und Charlotte Roche aus Bildblog liest und Fettes Brot dabei auflegen. Allerdings, und das ist das Problem: Man ist jetzt auf der Showbühne. Bildblog ist eine perfekt geölte Unterhaltungsmaschine geworden, die den Leuten gibt, was sie wollen: Entertainment. Wie bei Bastian Sick. Man sitzt zwei Stunden in einer Lesung, beömmelt sich über die Doofheit der Bildredakteure und kann auch in diesem Fall sicher sein: Wir und noch ein paar andere, wir stehen auf der guten Seite.

Dummerweise konterkariert das den Anspruch, mit dem die Bildblogger angetreten sind: nämlich darauf hinzuweisen, dass Bild eben nicht ein “lustiges Quatschblatt” ist, sondern Europas größte Tageszeitung – mit entsprechender Macht und entsprechendem Einfluss ausgestattet. Natürlich muss man nicht mit Leichenbittermiene den Untergang des Abendlandes verkünden, aber bei solchen Geschichten und der demnächst vermutlich folgenden Bildblog-Tour mit Bildblog-Merchandising, Bildblog-Hörbüchern und Bildblog als Buch ist das Risiko groß, irgendwann mal direkt neben Sebastian Sick zu landen: Come on, Baby, lies mir nochmal diesen lustigen Fehler in der Post von Wagner vor. Und so, wie wegen Sick kein einziger grammatikalischer Dumpfbeutel weniger unterwegs ist, hat nicht ein einziges Exemplar der verloren gegangenen Bild-Auflage mit Bildblog zu tun. Wie jedenfalls die taz auf die Idee kommt, das Publikum sei schon irgendwie politisch, erschließt sich mir ganz und gar nicht.

Ganz persönlich erschüttert mich vor allem das, was jetzt an Reaktionen in den Kommentaren von Stefans Blog steht. Das ist von einer Servilität, von der ich dachte, sie ende außerhalb Bayerns (mag damit zusammenhängen, dass ich serviles Gutmenschentum irgendwie ganz fürchterlich finde). Bitte, Stefan, geht auf Tour! Stellt ein Video online! Macht bitte weiter so! Auch auf die Gefahr hin, mal wieder Dresche zu bekommen: Das Verhältnis zwischen Machern und Leser ist beim Bildblog nicht mehr so viel anders als bei der echten Bild, der Satz “Gut, dass es Bild gibt”, steht abgewandelt und sinngemäß auch in den Blog-Kommentaren bei Stefan Niggemeier.

Wann gibt´s eigentlich den “Bildblog kämpft für Sie”-Aufkleber? Und singt im Vorprogramm der Tour dann Xavier Naidoo?

Written by cjakubetz

Oktober 30th, 2007 at 6:45 pm

Posted in NUR SO DAHINGESAGT