Archiv für Februar 2008


Zoomer, ebenfalls revisited

28. Februar 2008 - 12:41 Uhr

Erstaunlich, wie Ambitionen innerhalb einer Woche in sich zusammenfallen können. Wäre es von Relevanz und würde es sich lohnen, ich würde nach Bildblog wahrscheinlich Zoomerblog ins Leben rufen (lohnt aber nicht, weil Zoomer ohne Relevanz ist). Wie auch immer, erstaunlich ist es ja schon, wie fahrlässig und salopp dort mit journalistischen Prinzipien umgegangen wird, da nutzt auch Onkel Uli Wickert nix. Heute beispielsweise verkündet eine Schlagzeile auf der Startseite als Topthema Nummer 5, Antidepressiva seien laut einer Studie wirkungslos.

Aha.

Sieht man mal davon ab, dass diese Geschichte in allen relevanten Medien schon gestern durch war, wimmelt es in diesem Text (der nur exemplarisch steht, wie gesagt, es wird kein Zoomerblog geben) derart vor Fehlern und Schlampereien, dass Herr Niggemeier und Freunde ihre helle Freude dran hätten, wäre das nicht Zoomer, sondern Bild. Während man beispielsweise in der Überschrift und im Vorspann noch impliziert, es handle sich um das Medikament Prozac, stellt sich zwei Absätze später raus, dass die Studie keineswegs nur die Wirksamkeit von Prozac, sondern von Antidepressiva generell untersucht. Und von völliger Wirkungslosigkeit, wie der Text samt Überschrift zunächst suggeriert, kann ebenfalls keine Rede sein. Vielmehr heißt es, bei Menschen mit leichten oder mittelschweren Verstimmungen würden Placebo häufig ähnlich Wirkungen haben wie Antidepressiva. Man kann daraus also eventuell schlussfolgern, dass Ärzte gerne und schnell zur chemischen Keule greifen, aber von völliger Wirkungslosigkeit ist nicht die Rede, zumal nicht in wirklich schweren Fällen.

Und schließlich noch: 54 Millionen Menschen würden weltweit Prozac einnehmen, behauptet Zoomer – eine Welt Schwerkranker also, wenn man dann noch hochrechnet, wie viele andere Menschen noch depressiv sein müssen, wenn man die anderen Medikamente noch hinzunimmt. Tatsächlich aber heißt es dann im begleitenden Infokasten, dass bisher 54 Millionen Menschen mit Medikamenten behandelt wurden, die den in Prozac enthaltenen Wirkstoff ebenfalls enthalten.

Man liest so etwas ziemlich häufig bei Zoomer, und in der Tat ist der Schluss erlaubt, um was es bei diesem Projekt wirklich geht: Um Futter und Kundenbindung für die VZ-Communitys. Journalismus jedenfalls sollte man sowas nicht wirklich nennen.

(PS: In dem Zusammenhang meine Hochachtung vor allen Watchbloggern dieser Erde. Es macht zumindest mir keinerlei Spaß, sowas lesen und sezieren zu müssen. Vermutlich würde ich spätestens nach einem Vierteljahr auf Prozac zurückgreifen, völlig egal, ob es was nutzt oder nicht.)

1 Kommentar » | ONLINE/MULTIMEDIA

Profiblogger revisited

27. Februar 2008 - 12:04 Uhr

Dass eine Professionalisierung der Bloggosphäre geradewegs ins Haus stehe, könne niemand mehr ernsthaft bezweifeln. Hieß es. Vor einem Jahr. Nun ja, reden wir lieber nicht mehr drüber.

Alles weitere hier.

7 Kommentare » | NUR SO DAHINGESAGT

Und sag´mir keiner was…

19. Februar 2008 - 22:00 Uhr

…über ein vermeintlich desinteressiertes junges Publikum. Die Nachrichtencommunity hat sich bei Zoomer jedenfalls aktuell dafür entschieden, dass die Enttarnung des BND-Informanten in Sachen Liechtenstein Topthema sein soll. Weiter: Die US-Primaries und das Duell Obama/Clinton sowie desweiteren eine Vorschau auf die Champions League und ein paar Sätze über das fidellose Kuba. Und sonst noch ein bisschen bunter Kleinkram.

Na bitte – sie interessieren sich doch fürs Weltgeschehen, die jungen Leute. Kein bisschen Trash. Und ein normaler Redakteur wäre auf diese Agenda heute abend sicher nienicht gekommen. (Außer denen bei SPON;stern.de, faz. net und sueddeutsche.de, wo allerdings zum Liechtenstein-Thema noch ein paar ziemlich heiße Exklusiv-Recherchen auftauchen).

6 Kommentare » | ONLINE/MULTIMEDIA

Abschreiber

19. Februar 2008 - 15:22 Uhr

Dass Journalisten gerne bei anderen Journalisten abschreiben – nunja, realistischerweise wissen wir alle, dass wir uns gegenseitig immer wieder mal inspirieren. Dass allerdings Spiegel Online eine Geschichte der Washington Post fast wortgetreu übernimmt, geht dann über die Definition des Begriffs “Inspiration” doch weit hinaus.

Kommentieren » | NUR SO DAHINGESAGT

Zoomer, erster Eindruck

18. Februar 2008 - 21:04 Uhr

Ja, vermutlich ist genau das das Problem: Ich bin zu alt für zoomer.de. Zu wenig hip, zu wenig cool, zu konservativ und zu sehr versessen auf Inhalte. Zoomer duzt mich konsequent, was mich ziemlich nervt. Zoomer ist knallegrün, was meine Augen stört. Zoomer ist an irgendeinem Reißbrett entstanden und leidet de facto an den selben Problemen, wie seine Vorgängerprojekte, insbesondere das unsägliche “Business News” auch. Der Herr Madzia ist zwar jetzt weg, aber die Krankheiten sind die gleichen. Zoomer ist steril und öde und irgendwie sehr gewollt. Und Nachrichten mit Community-Faktor, grundgütiger Himmel – was ist das denn?

Sogar der arme Uli Wickert muss jetzt ganz hip videobloggen und wirkt dabei in etwa so, als hätte man Stefan Aust als nächsten Job angetragen, Kolumnen für StudiVZ zu schreiben. Hilft auch nix, dass Wickert vor einer Bücherwand im heimischen (?) Büro sitzt und sich von einer Kamera statt wie bisher sechs oder sieben Kameras einfangen lässt (geschminkt ist er glaube ich auch nicht).

Wie auch immer: Journalismus lebt in erster Linie von seiner Substanz und nicht von Reißbrett-Strategien. Klar ist es noch viel zu früh, um über dem Projekt den Stab zu brechen. Aber wenn sie schlau sind bei Holtzbrinck, dann rekapitulieren sie wirklich nochmal die Schicksale der Vorgänger-Projekte. Auf dem Reißbrett waren die auch ganz hübsch.

1 Kommentar » | ONLINE/MULTIMEDIA

Synergie statt Journalismus

16. Februar 2008 - 11:46 Uhr

Was kann man mitnehmen aus dem Desaster bei der Berliner Zeitung? Eine ganze Menge. Beispielsweise die Erkenntnis, dass funktionierender Journalismus eben doch nicht nur durch digitale Workflows und multimedialen Synergiequatsch erreicht wird. Journalistische Relevanz und Content Management Systeme haben weder auf den ersten noch auf den zweiten Blick irgendetwas miteinander zu tun. Und wenn man, wie bei Montgomery, einen Chefredakteur gleichzeitig vom Geschäftsführer macht und wenn man ständig nur über Umsatzrenditen, kaum aber über Inhalte spricht, dann ist der Weg ins inhaltliche Nirvana nicht mehr weit. In dem Zusammenhang: Ich habe bis heute noch keinen Kaufmann kennen gelernt, der wirklich versteht, wie Journalismus funktioniert. Die strikte Trennung von Verlag und Redaktion jedenfalls hat nicht umsonst ziemlich viele und ziemlich gute Gründe.

Vielleicht mag man eine etwaige vorhandene Relevanz ja auch gar nicht mehr nachprüfen, wenn man sich, wie die Netzeitung, ein neues Gesicht gibt, das genau von diesen Überlegungen gekennzeichnet ist: Hauptsache schnell, Hauptsache billig.

 

1 Kommentar » | PRINT

Netzeitung, neu

15. Februar 2008 - 17:07 Uhr

Die Netzeitung hat sich ein neues Gesicht gegeben. Und dieser Relaunch ist tatsächlich so dröge, durchschnittlich, vorhersehbar, mittelmäßig und Lehrbuch-Standards entsprechend geworden, dass ich es irgendwie nicht der Mühe wert befunden habe, mich damit intensiver auseinanderzusetzen. Merke: Wenn jegliche Eigenkreativität fehlt, nutzt auch das Lehrbuch nix.

Der Nächste, bitte. 

Kommentieren » | ONLINE/MULTIMEDIA

Aschermittwoch

6. Februar 2008 - 18:37 Uhr

Sehr positiv notiert: Die Berichterstattung über die künstliche Verlängerung des Faschings mit Namen “Politischer Aschermittwoch” hat heute in der aktuellen Berichterstattung so gut wie gar nicht mehr stattgefunden. Gut so. Der nachrichtliche Nährwert der Phrasenschleudern hält sich schon seit langem in engen Grenzen. Und dass man jede PR-und Gaudiveranstaltung zum Aufmacher hochstilisieren muss, war schon früher zweifelhaft.

Kommentieren » | NUR SO DAHINGESAGT

Die Online-Hilflosigkeit von Tageszeitungen

5. Februar 2008 - 22:17 Uhr

In Passau läuft derzeit ein Prozess, in dem ein Mord verhandelt wird, dem man selbst mit dem Attribut “grausam” nicht gerecht wird. Er gehört zu jener Kategorie von Prozessen, über die auch überregionale Medien einigermaßen groß berichten. Heute hielt der Statsanwalt sein Plädoyer – man konnte vom Verlauf der Verhandlung her zwar durchaus absehen, welche Forderungen die Staatsanwaltschaft stellen würde, aber dennoch war klar: Für Journalisten würde es eine Pflicht sein, das Resultat des Plädoyers zu melden. Tatsächlich lief dann am Nachmittag über die Agenturen die entsprechende Meldung und natürlich war auch den Kollegen der “Passauer Neuen Presse” durchaus klar, dass man nicht wie noch vor ein paar Jahren am nächsten Tag in der Zeitung berichten kann. Also griff man zum an sich adäquaten Mittel der “Blitzmeldung” und demonstrierte gleichzeitig ungewollt, warum es immer noch ein weiter Weg aus der Holzklasse in die digitale Welt ist: Die 16-Uhr-Blitzmeldung steht nämlich jetzt, um 21 Uhr, immer noch als “Blitzmeldung” auf der Seite der PNP und morgen früh wird sie immer noch da stehen und sie wird erst verschwinden, wenn der eine oder die zwei Onlinebeauftragten ihren Dienst angetreten haben und das dürfte so irgendwann gegen 9 Uhr sein. Bis dahin ist die Blitzmeldung rund 17 Stunden alt.

Und was lernen wir? Onlineangebote machen ist das eine. Online verstehen ist etwas anderes. Etwas ganz anderes.

PS: Weil wir gerade am mosern sind: dass die Meldung auch noch falsch datiert ist (nämlich auf den 6.2. statt den 5.2.) passt dann irgendwie noch ins Bild. Ebenso wie die Tatsache, dass der größte Teil dieses hochwertigen Angebots nur zahlenden Print-Abonnenten vorbehalten bleibt, was insofern ein bisschen blöd ist, wenn man davon ausgeht, mit Onlineangeboten insbesondere neue, jüngere potentielle Leser anlocken zu wollen.

1 Kommentar » | ONLINE/MULTIMEDIA, PRINT

Alternativer Medienpreis

4. Februar 2008 - 16:07 Uhr

Out of Marl: Auch in diesem Jahr wird wieder der Alternative Medienpreis in mehreren Kategorien vergeben. Ich freu´mich, in der Jury zum Thema Audio/Video dabei zu sein. Wer noch etwas Preiswürdiges einreichen will: Stichtag 31.3., Preisverleihung am 25.4. in Nürnberg.

Kommentieren » | IN EIGENER SACHE

« Ältere Einträge