Archive for März, 2008
Markenbotschafter
Erstaunlich, was Frau Christiansen und ihre Anwälte momentan erzählen: Dass man zwar schon in einem Vertragsverhältnis zu Daimler stehe und dass Frau Christiansen ihre Jahresvorschau in der ARD vor Beginn dieses Vertragsverhältnisses produziert habe. Gut, dort waren der Daimler-Chef und einige andere von der Marke gesponserte Menschen in auffälliger Zahl zu Gast, aber das sei (man ahnt es förmlich) selbstverständlich Zufall.
Vorausgesetzt, es war so (in dubio pro reo): Politiker und Journalisten sind sich gelegentlich ziemlich ähnlich. Beispielsweise kapieren weder Frau Ypsilanti noch Frau Christiansen, dass es einen Unterschied gibt zwischen legal und erlaubt. Legal bezeichnet nur, dass man sich keines Gesetzesverstoßes schuldig gemacht hat. Erlaubt ist sowas aber deswegen noch lange nicht, legt man dabei zugrunde, dass es auch noch ein paar andere Maßstäbe als dröge Gesetzestexte gibt. Im Falle von Journalisten (auch wenn´s schwer fällt, Frau Christiansen als eine solche zu sehen) würde das bedeuten, dass man verstehen müsste, wie wenig Tätigkeiten als “Markenbotschafter” und als Medienmensch zusammen passen. Ein Gschmäckle, wie der Schwabe sagt, bleibt so oder so, trotz aller juristischen Finessen und des Beharrens darauf, man habe sich strikt ans Regelwerk gehalten. Journalisten also, so viel als Lerneffekt des Tages, sollten von Werbung und ähnlichem einfach die Finger lassen. Passt nicht zu unserem Job.
Früher war alles besser (oder so)
Es hat nicht sehr viel Mühe gekostet, Dinge wie die 54 Millionen Menschen, die alle Prozac einnehmen, und den künftigen bayerischen Ministerpräsidenten Maget zu finden. Genauer gesagt: Ich habe nicht danach gesucht, eher haben mich diese Geschichten förmlich angesprungen. Umso mehr macht mich das stutzig: Ich bin kein Watchblogger, ich suche keine Fehler, ich durchforste auch nicht morgens irgendwelche Angebote, Zeitungen, Sendungen, um mich dann über deren Qualitätsmängel herzumachen. Dennoch findet man genau diese Mängel. Haarsträubende Fehler, die man uns (Achtung, akuter Sentimentalitätsanfall) früher als Volos um die Ohren gehauen hätte, zurecht übrigens.
Und jetzt bin ich ziemlich verunsichert: War´s einfach nur Zufall? Ist die Lage in Onlineredaktionen besonders desolat oder haben andere ähnliche Probleme? Werden Journalisten schlechter ausgebildet als früher, liest eigentlich irgendjemand noch über Texte drüber, ehe sie live gehen?
Oder war einfach früher alles besser? (Bevor wieder jemand mosert: Der letzte Satz ist so etwas wie der Versuch von Ironie. Meinungen dennoch gerne erwünscht).
Die SPD holt die absolute Mehrheit in Bayern (Quelle: SPON)
Es gibt Tage, da mag man sich über die Akzeptanzprobleme, die Journalismus hat, nicht mehr wundern. Beispielsweise wenn Spiegel Online so wie heute ein Lehrstück abgibt, wie Journalismus nicht sein sollte: wenig fundiert, voreingenommen, vorurteilsbehaftet, ideologisch, vermessen, handwerklich unsauber. Und ahnungslos. Völlig ahnungslos.
Fangen wir mal mit dem kleinsten Schnitzer, dem handwerklichen Schnitzer an: “SPD träumt vom Ministerpräsidenten-Amt” titelt SPON heute. Bisher habe ich den Text viermal durchgelesen – ich habe nicht eine einzige Passage gefunden, die eine solche Aussage decken würde. Weder als Zitat eines SPD-Mandatsträgers noch als irgendeine Aussage, aus der man diese Überschrift ableiten könnte. Geht ja auch schlecht: Selbst der daueroptimistische Bayern-SPD-Chef Franz Maget träumt laut eigener Aussage lediglich davon, die absolute Mehrheit der CSU im Landtag zu brechen. Selbst wenn man diese bräche, läge ein Ministerpräsidenten-Amt für die SPD in weiter Ferne. Nicht mal zu Wahlkampfzeiten ist man in Bayerns SPD so vermessen, ernsthaft an einen Ministerpräsidenten Maget zu glauben.
Liest man allerdings SPON weiter, dann hat sich in Bayern gerade ein politischer Erdrutsch ereignet. Oder, wie es die Redaktion formuliert:
Schock für die CSU: Bei den bayerischen Kommunalwahlen kassiert sie in München und Nürnberg deftige Niederlagen, in früheren
Hochburgen müssen ihre Bewerber in die Stichwahl. Die SPD blickt im Freudentaumel schon auf die Landtagswahlen im Herbst.
Klingt knackig, ist nur leider barer Blödsinn. Die aktuellste Umfrage zu den bayerischen Landtagswahlen sieht die CSU bei knapp über 50 Prozent, wovon die SPD allerdings nicht wirklich profitiert. Ihr werden 19 Prozent vorausgesagt. Freudentaumel? Selbst wenn die Fallhöhe bei einer Zweidrittel-Mehrheit hoch ist; bei Diskussionen um einen Machtwechsel ist anscheinend immer noch der Wunsch der Vater des Gedankens.
Zumal man bei SPON ein paar Dinge höflich verschweigt. Beispielsweise die Tatsache, dass München seit vielen Jahrzehnten (von einer Ausnahme in den 70ern abgesehen) von einem SPD-OB regiert wird. München ist also seit jeher eine Hochburg der Bayern-SPD; alles andere als ein klarer Wahrerfolg Christian Udes wäre die eigentliche Sensation gewesen. Man muss sich schon ein bisschen mit der politischen Statik Bayerns auseinandersetzen, um diese Wahlen mit ihrem bundesweit einmaligen, extrem auf Persönlichkeitswahlen ausgelegten Wahlrecht zu verstehen. Dieses Wahlrecht befördert in erster Linien Personen; Aussagen über parteipolitische Verschiebungen aus dieser Wahl herauszufiltern, ist extrem schwierig. Ich kann mich erinnern, wie ich 1990 als wirklich noch sehr junger Redakteur meine ersten Kommunalwahlen überregional betreut habe. Damals kippten die CSU-Rathäuser in Regensburg, Straubing und Passau (!). Das war für mich damals so, als wenn Helmut Kohl zur SED gewechselt wäre. Ich habe damals auch einen sehr klugen Kommentar über das nahende Ende der CSU als Staatspartei geschrieben. Der war spätestens bei der nächsten Landtagswahl obsolet. Die CSU ist in den vergangenen 18 Jahren nicht einmal ernsthaft vom Ende ihrer absoluten Mehrheit gefährdet gewesen. In Großstädten hat die CSU schon immer einen schwereren Stand gehabt, ihre eigentliche Domäne ist das flache Land. München oder Nürnberg sagen also über die politische Stimmung in einem Flächenland nichts, aber auch gar nichts aus.
Und dann darf man bei solchen Geschichten nicht vergessen, dass bei diesen Wahlen lokale Gegebenheiten eine sehr große Rolle spielen (und dass der Bayer als solcher von Haus viel rebellischer ist, als man als Außenstehender meint). Beispiel Passau: Da wurde 1990 nach jahrzehntelanger CSU-Herrschaft ein SPD-OB gewählt, den man nach 12 Jahren 2002 wegen allgemeiner Unzufriedenheit in den Ruhestand schickte. Der neue OB, ein CSU-Mann, baute Passau die unbestritten hässlichste Innenstadt Deutschlands hin – und bekam gestern die Quittung. 37 Prozent im ersten Wahlgang, der SPD-Herausforderer fast zehn Prozent vorne, die Abwahl in 14 Tagen vermutlich nur noch Formsache. Nur: Mit allgemeiner Verdrossenheit über die Staatspartei hat das alles nix zu tun. Lediglich mit einer verschandelten Innenstadt. Bei der nächsten Landtagswahl im Herbst wird dieCSU selbstverständlich in Passau eine satte Mehrheit einfahren. So ist dieses Wahlrecht, so ist der Bayer und so isses auch gut. Punkt.
Das alles hätte man in einer halbwegs fundierten Berichterstattung über die Kommunalwahlen berücksichtigen müssen. Stattdessen lesen wir beim Spiegel:
(…)Die ersten Genossen liegen nebenstehenden Genossinnen im Arm. (…) Jubelnde Sozialdemokraten. In Bayern. Und es geht immer weiter. (…)
Ich mein´, ich freu mich ja, wenn Sozialdemokraten so leicht zum Jubeln zu bringen sind. Und ich liebe gute Underdog-Geschichten. Nur das hier ist leider keine. Reden wir im Herbst, nach den 20 Prozent für die SPD nochmal, ok, Kollegen vom Spiegel?