Archive for Juni, 2008
Weg mit den Beschränkungen
Die einen (Herr Döpfner) meinen, man solle doch die Öffentlich-Rechtlichen im Netz treiben lassen, was sie wollen – solange sie im Gegenzug darauf verzichten, irgendwo irgendwelche Formen von Werbung zu betreiben und sich stattdessen nur noch durch Gebühren finanzieren. Die anderen meinen, ARD und ZDF sollen weitgehend inhaltliche Freiheit bekommen, dafür sich aber dem vollen Wetbewerb stellen und auf Gebühren komplett verzichten. Nur die Betroffenen selbst wollen, das nicht, sie wollen zwar mehr Freiheit und mehr Geld, aber auch ihren Artenschutz im öffentlich-rechtlichen Reservat,
Wie man es auch nimmt: So wie es aussieht, stößt das Modell des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, das vor 60 Jahren konzipiert wurde, an seine Grenzen. Weil es im Zeitalter der Digitalisierung nicht mehr zeitgemäß ist; weil man digitalen Inhalt, der sich in rasantem Tempo beliebig vervielfachen und weiterleiten lässt, nicht durch ein paar Gesetzestexte und Beschränkungen im Zaum hält.
Es ist zunächst einmal nur weltfremd, sollte man glauben, man könne quasi ein öffentlich-rechtliches Internet schaffen. So lässt es sich nicht arbeiten und nicht publizieren, wenn man im Hinterkopf und auch in den Redaktionssitzungen permanent präsent hat, ob ein Inhalt jetzt sendungsbezogen, sendungsbegleitend oder nicht doch ganz einfach “elektronische Presse” (ein Begriff, der auch nur medienfremden Bürohengsten einfallen kann) ist. Umgekehrt stellt sich zudem nicht nur die Frage, ob man als Redaktion, als Medienhaus ordentliche Publizistik nach Paragraphenreiterei überhaupt leisten kann – sondern auch, ob man damit dem Zuschauer einen Gefallen tut. Persönlich kann ich als Zuschauer und Gebührenzahler (schönen Gruß an die GEZ) dem Gedanken der starken inhaltlichen Beschränkung nicht sehr viel abgewinnen.
Ganz davon abgesehen: Es ist ebenso lebensfremd zu glauben, ARD und ZDF hätten eine ernsthafte Überlebenschance, wenn sie in der digitalen Welt nicht stattfinden. Die Akzeptanzprobleme des öffentlich-rechtlichen Rundfunks bei jüngerem Publikum sind schon jetzt unübersehbar (wenn auch großteils selbstverschuldet); sie werden noch größer werden, wenn man es mit einem verstümmelten Sender zu tun hat. Fernsehen heißt heute nicht nur Fernsehen und Einschalten um 20 Uhr – Fernsehen bedeutet heute eben auch YouTube, iPhone, Video on demand, Maxdome, Clickfish.
So weit, so schlecht. Denn umgekehrt greifen natürlich die Wünsche der ÖR´s nicht, nach deren Argumentation man quasi alles dürfen soll. Unbeschränkte Freiheiten im Netz, weiterhin halbautomatisierte Gebührenerhöhungen im Zweijahresturnus, Umgehung von Werbeverboten nach 20 Uhr durch Sponsoring, verkaufte Videos an “Der Westen”; so funktioniert das nicht. Was funktionieren wird, ist eine neue Positionierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks; eine, die ihm die Freiheit gibt, die er zum Überleben braucht, allerdings auch eine, die ihn vor neue Anforderungen und Aufgaben stellt. Dass der Zustand von ARD und ZDF nicht so ist, wie er vielleicht sein könnte, hat auch etwas mit der Gemächlichkeit zu tun, die in einem System Einzug hält, das sich gewiss sein kann, dass ihm ohnehin nix passiert. Also, sollen sie sich doch beweisen bei ARD und ZDF, sollen sie sich doch einem gesunden publizistischen Wettbewerb stellen. Für die Sender und die Zuschauer das Beste, was passieren kann.
Das Buch
Crossmedia (das Buch) ist da. Also, zumindest bei mir als Belegexemplar. Offiziell ist es ab Freitag zu haben; erschienen ist es beim UVK; bestellen kann man es bei allen üblichen Verdächtigen. (/advertisingoff)
Das Lokale
Am Wochenende mal wieder Gelegenheit gehabt, die gute alte Heimatzeitung durchzulesenblättern. Nachem gerade in der vergangenen Woche bei diversen interessanten Diskussionen mir immer wieder die Frage gestellt wurde, ob das Internet die Zeitung als solche und insbesondere das Lokalblatt kaputt mache, habe ich das Ding vor diesem Hintergrund mal besonders interessiert durchgelesengeblättert.
Die einfache Antwort: Nein, das Internet macht keine Regionalzeitungen kaputt. Das erledigen sie schon brav selber. Ca. 50 Seiten Langeweile, das nennt sich dann Wochenendausgabe. Belanglosigkeit, Uninspiriert hingeklatschter Krempel. Und nein, damit sind nicht (ausschließlich) die gefürchteten Lokalteile gemeint, bei denen man ja in etwa weiß, was einen erwartet. Nein, auch die Teile, auf die sich deren Macher gemeinhin viel einbilden, vom Leitartikel bis zum Feuilleton, eine Ansammlung von gedrucktem Grau. Thommy Gottschalk dreht mit Til Schweiger einen Film in Burghausen – halbe Seite Feuilleton (!). Das war die journalistische Eigenleistung des Tages. Der Rest: Cut & Paste mit Agenturmaterial und ein Leitartikel, der einem (unabhängig von irgendwelchen politischen Standpunkten) nach drei Zeilen die Augendeckel schwer werden lässt. Layout? Keines, das diesen Namen verdient. Fotos im Postkartenformat, Umbruch quadratisch, praktisch, gut. Ich nehme an, die Zeitung hat in ihren Statuten als klares Ziel, den Leser zu Tode zu langweilen. Nicht mal mehr ordentlich aufregen kann man sich über das Blatt – und wenigstens das konnte man früher ganz gut. (Kenner des Landes wissen, was gemeint ist).
Ein Extrembeispiel? Nein. Diese Geschichte kann in etlichen Winkeln des Landes spielen, man muss dafür nicht Niederbayern als Exempel nehmen; geschweige denn glauben, dieser Landstrich sei ganz besonders rückständig. Braucht man also wirklich Internet, um Regionalzeitungen allmählich dem Exitus entgegen erodieren zu lassen?
Fußball ohne Leo?
Man müsste sich ja fast schon freuen, wenn es so käme: Nachdem bisher ungefähr niemand sich den Unsinn mal überlegt hat, wenn ein Veranstalter sich die Berichte seiner Veranstaltung gleich selbst produziert und die TV-Sender dann dazu zwingt, diese Eigenproduktionen auch noch unverändert auszustrahlen und einer der Sender auch noch einer ist, an dem der Vermarkter der Rechte und Produzent der Spielberichte entscheidend beteiligt, ist jetzt wenigstens das Kartellamt hellhörig geworden. Bei der DFL werden sie den Tag noch verfluchen, als die Gier über den Verstand gesiegt hat. Dabei müssten sie doch langsam ahnen, dass den guten Herrn Kirch sein Gespür fürs Geschäft immer dann verlässt, wenn es um Fußball geht: “ran” um 20.15 Uhr und die qualvolle Geschichte von Premiere nur mal als kleine Beispiele…
Mehmet
Randnotiz zur EM im TV: Wenn sie nur alle so witzig und geistreich und ehrlich wären wie der Mehmet Scholl – die so genannten Experten wären bei weitem nicht so in Verruf und Fußball schauen würde auch wieder weitaus mehr Spaß machen, als wenn man den Effenbergs und Loddarmaddäussen dieser Welt zuhören müsste. Man dürfte das dann sogar Qualitätsinsel nennen, meinetwegen.
Heute abend Schweiz-Türkei. Man wäre ja so gerne Reporter heute…
Video des Jahres
Immer, wenn ich bei Laien über das Thema “Videos” rede, rede ich über ein paar Grundregeln. So ganz banale Dinge wie: Nicht wild rumschwenken. Ruhige Kameraführung. Finger weg vom Zoom. Das Motiv bewegt sich, nicht die Kamera. Atmosphäre entsteht nicht durch eigene Bewegung. Etc. pp.
Der Kollege hier allerdings muss, falls er jemals bei mir im Seminar war, ein bissel was missverstanden haben. Oder er hat es zu sehr verinnerlicht. Die eine oder andere Bewegung wäre vielleicht…naja, sehen Sie selbst, 29 MB voll Atmosphäre: Sommermärchen, Teil 2. (via Mail).
Videos im Netz
Warum reden Sie immer so viel von und über Videos? Eine der meist gestellten Fragen, wenn ich irgendwo zu Diskussionen, Schulungen etc. eingeladen bin. Einfache Antwort: deswegen.
Liebe ARD…
…ich habe mich zwischenzeitlich ja damit abgefunden, dass das mit der Übersichtlichkeit in eurer Mediathek so eine Sache ist. Aber könntet ihr mir erklären, warum man, wenn man nach “Mehmet Scholl” sucht, einen Beitrag vom 15.12.2007 bekommt, in dem es um Handmassagegeräte für daheim geht?
Und könntet ihr wenigstens die Volltextsuche etwas überarbeiten, bitte?
Ballmers Visionen
Gibt es in zehn Jahren noch gedruckte Zeitungen? Oder hat das gedruckte Medium nur noch acht Jahre vor sich oder vielleicht doch noch 14, die Mr. Ballmer als potenziellen Zielkorridor offen lässt? Oder ist es nicht doch etwa so, wie ein gewisser Professor Oberreuter aus Passau meint (den man normalerweise nur irgendwas fragt, wenn es um die Zukunft der CSU geht) – nämlich dass in so einer Zeitung irre viele Informationen drin stehen und es deshalb die Zeitungen immer geben wird?
Keine Ahnung, das wievielte Mal dieses Fass jetzt aufgemacht wird. Ebenfalls keine Ahnung, warum man sich nun teilweise “ungläubig” mit Ballmers Zehn-Jahres-Theorie auseinandersetzt. Diese Debatte ist deswegen irrelevant, weil sie am eigentlichen Kern der Sache vorbeigeht. Dieser Kern ist nicht, wie lange es dauert, bis Zeitungen vom Markt verschwinden; ich denke nicht mal, dass es sonderlich interessant ist, darüber zu diskutieren, ob sie überhaupt vom Markt verschwinden. Das lenkt vom eigentlich Wichtigen ab: nämlich, dass sie sich ändern werden müssen, wenn sie irgendeine Überlebenschance haben wollen. Die Tageszeitung, wie wir sie jetzt kennen, ist in jedem Fall ein Auslaufmodell. Nicht, weil sie gedruckt wird, sondern weil sie in sehr vielen Fällen das Falsche druckt. Weil sie immer noch dem grundlegend falschen Selbstverständnis folgt, sie müsse ein Abbild des Tages von gestern sein. Natürlich kann eine Tageszeitung nur den Tag davor reflektieren. Nur: Sie müsste ihn analysieren, kommentieren, glossieren, einordnen. Damit hätte sie eine Chance. Mit dem Wiederkauen dessen, was man schon lange und vielfach gelesen hatte, werden sie nicht weiterkommen. (Nein, ich halte diese Theorie nicht für besonders neu und exklusiv. Und ich halte sie eigentlich auch nicht für spannend, sondern für akzeptiertes Allgemeingut. Nur wenn ich dann wieder mal so durch die geballten Tageszeitungen blättere, dann komme ich zu dem Schluss, man sollte sie vielleicht nochmal wiederholen, selbst im Jahr 2008).
Mir ist auch nicht so ganz klar, warum Zeitungen (gilt manchmal auch für andere konventionelle Medien) mit einer solchen Brachialgewalt daran festhalten, ihre Inhalte unbedingt auf ihrem bisherigen Trägermedium und unbedingt stationär und linear verkaufen zu wollen. Das ist der entscheidende Fehler in der Zukunftsplanung. Wenn Medien zunehmend auf den unterschiedlichsten Kanälen nutzbar sind, wenn sie non-linear aufgebaut und auch mobil zu haben sind, was wäre das dann bitte sehr für ein Quatsch, sie dem Nutzer genau andersrum aufdrücken zu wollen? Von mir aus (sag ich jetzt ganz banal als Nutzer) können Zeitungen ja gerne gedruckt werden, ich blättere eigentlich ganz gerne. Aber ich hätte gerne auch auf meinem iPhone anständige Medieninhalte und Online sowieso und auf meinem iPod auch. Und ich würde gerne meinen “Stromberg” und neuerdings auch wieder sehr bevorzugt meinen Kommissar Keller dann schauen, wenn ich gerade Zeit habe. Also, zum Mitschreiben, liebe analoge Kollegen: Bernd Stromberg ist großartig. Also sperrt ihn bitte nicht ein auf dem Sendeplatz 22.30 am Montag. Die Leitartikel von Kurt Kister sind jedesmal ein blankes Vergnügen. Also gebt ihn mir bitte auch digital. Der NDR2-Wochenrückblick ist ein echtes Radiohighlight. Aber ich wohne in München. Danke also für den Podcast.
It´s the content, stupid…angekommen??
Qualitätsinseln (3)
Das ZDF sendet eine ganze Stunde lang Talk zum Thema “Datendiebe”, lässt das Ganze von Frau Illner moderieren und schafft es, dabei den Namen “Obermann” in einer Stunde lang nicht vorkommen zu lassen. Großes Kino, das.