Archive for Juli, 2008
interview_niggemeier
Es war reiner Zufall: Genau zwei Tage nach dem Erscheinen dieser Geschichte im Spiegel war Stefan Niggemeier bei uns an der DJS. Eine gute Gelegenheit, sich mit ihm über Blogger und Journalisten und ihr gelegentliches Nicht-Verhältnis zueinander zu unterhalten. Aber nicht nur darüber. Für 18 spannende Minuten – einfach oben klicken.
(Das Gespräch führten Martin Gropp und Michael Moorstedt, Lehrredaktion 46 K, Deutsche Journalistenschule, München.)
Im letzten Kapitel sind die Adressen von Ausbildungsstätten in Deutschland angegeben. Eine davon ist inzwischen umgezogen, nämlich das IFP in München. Die kompletten neuen Kontaktdaten finden sich hier.
In dem Zusammenhang übrigens schon jetzt vielen Dank für das umfangreiche, durchaus auch kritische Feedback zum Buch. Mal sehen, was sich davon in die Neuauflage (wenn es denn eine gibt) packen lässt.
Videos sind eine prima Sache. Vor allem, wenn man es, wie ich, gerne etwas visueller mag, dann weiß man es sehr zu schätzen, dass man Videos heute überall sehen und nutzen kann. Das führt dann nebenher dazu, dass ich noch nie so viel Video geschaut und gleichzitig so wenig Fernsehen genutzt habe wie momentan. Wenn ich es mir recht überlege, dann halte ich die Befreiung aus den Klauen von Sendeschamata eigentlich für die größte Errungenschaft der Digitalisierung.

Genau aus diesem Grund ist mir auch ziemlich unklar, was die Verlagshäuser (gleichgültig ob nun Holtzbrinck, die WAZ oder sonstwer) mit den meist gut abgehangenen Videos der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender wollen. 100 Sekunden “heute” finde ich beispielsweise bei zeit.de immer noch eigenartig deplatziert. Davon abgesehen, dass es irgendwie hilfreich wäre, wenn man wüsste, von wann diese 100-Sekunden-Ausgabe stammt, sehe ich nicht, was ich als Zeit- oder WAZ-Leser von diesen Beiträgen hätte. Und noch viel weniger sehe ich, inwieweit die Zeit oder der Westen davon profitieren sollten. Die einzige, die wirklich profitieren, sind die Sender: Die bekommen einen neuen Abspielkanal und lassen sich dafür auch noch “angemessen” bezahlen; ganz so, als seien die Beiträge nicht zumindest schon mal vorfinanziert worden (Gebühren).
Im umgekehrten Fall finde ich es eher unangemessen, welchen Inhalt die Blätter dafür bekommen. Material, das bereits ausgestrahlt worden ist; Material ohne jegliche Exklusivität; Material, das in keiner Weise die eigene Marke auch nur im Ansatz stärkt. Niemand wird die Marke “Zeit” auch nur ein kleines bisschen toller finden, weil sie jetzt Nachrichten abstrahlt, auf denen ziemlich deutlich erkennbar ZDF steht. Und die man sich mühelos an vielen anderen Stellen im Netz auch besorgen kann. Um ZDF oder WDR zu schauen, muss ich wirklich nicht zu Zeit oder Westen gehen. Insofern bin ich gespannt, wie lange die Begeisterung der Blätter für die öffentlich-rechtlichen Resterampen noch anhalten wird.
Internet als ein “mentales Großkunstwerk” – ein sehr schöner Begriff und eine überaus lesenswerte Replik auf die These, wonach uns das Internet, was sonst wohl, dumm mache.
Man muss ja immer wieder staunen, wie salopp und lieblos in unseren Onlineangeboten mit dem Thema Bildergalerien umgegangen wird. Ein Foto ans andere geworfen, keine wirklichen Kriterien bei der Bildauswahl. Und richtige Geschichten erzählt man auch in den seltensten Fällen – meistens sehen die Dinger so aus, als hätte jemand aus dem Schuhkarton 25 Fotos geholt und einfach auf den Tisch geworfen. Dass man diese Dinger auch vertonen kann, hat sich auch noch nicht richtig rumgesprochen.
Dabei könnte man mit guten Bildern und einer Tonspur so exorbitant gute Resultate erzielen.
Und niemand würde mehr von elender Klickschinderei reden.
Tageszeitungen müssen sich inhaltlich ändern, neu ausrichten – heißt es. Sie müssten sich mehr auf Hintergründe konzentrieren, mehr analysieren, kommentieren, während das aktuelle Tagesgeschäft online abgefeiert würde. Das klingt ziemlich einleuchtend und naheliegend, weil damit jeweils die Stärken der einzelnen Medien ausgenutzt werden.
Was aber – wenn das gar nicht mehr so hingeht? Was, wenn Onlinemedien plötzlich zeigen, dass sie zu dieser hintergründigen Analyse, zur schnellen und kompetenten Kommentierung durchaus fähig sind?
Wenn das so sein sollte, dann war gestern kein wirklich schöner Tag für Zeitungen. Weil Onlinemedien zu einem beträchtlichen Teil gezeigt haben, zu was sie in der Lage sind, wenn sie sich wirklich mal auf originären Journalismus und nicht auf Copy&Paste konzentrieren. Der Besuch von Barack Obama jedenfalls war schon gestern abend schneller abgehandelt und analysiert, als es gedruckte Medien jemals schaffen könnten. Spiegel Online beispielsweise (das sind die Jungs, auf die viel und gut und gerne geschimpft wird) hatte schon am späten Abend die ganze Klaviatur geboten, die man sich von einem journalistischen Medium wünscht: Nachricht, Reportage, Bilder, Videos, Analyse – und eben auch einen Kommentar.

Dass es übrigens Gerhard Spörl war, der den SPON-Kommentar schrieb, zeigt sehr schön den Paradigmenwechsel, der gerade vor sich geht. Dass der Chef eines ziemlich wichtigen Ressorts für die Onliner am Abend einen Kommentar schreibt, wäre vor ein paar Jahren noch ziemlich undenkbar gewesen, nicht nur beim Spiegel.
Analyse und Kommentierung und Hintergründe als die originäre Stärke der Tageszeitung? Wenn wir dann mal nicht einem frommen Wunsch aufsitzen. Denn auch die FAZ betreibt das Meinungsspiel in ihrer Onlineausgabe munter weiter. Nachrichtendurchlauferhitzer? Nicht die Spur. Bei der FAZ sieht der Morgen-Aufmacher heute so aus:

Und bei anderen ist ebenfalls nichts von klassischen News zu sehen:

Umgekehrt könnte das aber auch anderes bedeuten: dass Onlinejournalismus nämlich mehr sein kann, als dröges Tickerlesen. Dass Onlinemedien eben nicht nur zum schnellen Synchronisieren mit der Welt gelesen werden. Und, mit Verlaub: dass es keinerlei Imageverlust für Journalisten bedeutet, wenn man nicht den Letartikel in der gedruckten Ausgabe, sondern den Kommentar für das Onlineangebot schreibt.
Insofern war gestern vielleicht doch kein so schlechter Tag.
Ich geb´s zu: Der erste Versuch eines neuen Designs hat weder mich glücklich gemacht, noch irgendjemand anderen, der hier mitliest. Das Schöne allerdings ist: Man bekommt Feedback und wenn man nicht gerade völlig vernagelt ist, kann man ein solches Feedback ja auch aufnehmen. Man kommt jedenfalls in der digitalen Welt sehr häufig aus Diskussionen klüger raus, als wie man in sie hinein gegangen ist. Und das alleine kann ja schon ein Wert für sich sein, auch wenn man das beim Spiegel anders sieht.
Der Hintergrund dieser kleinen Umbauarbeiten hier war aber eigentlich ein ganz anderer: Ich habe immer noch mit einer WP-Version aus Vorkriegszeiten gearbeitet, mit der das Einbauen von so komplexen Dingen wie einem Foto echt abenteuerlich war. Deswegen habe ich auch meistens darauf verzichtet. Jetzt wird es auch solche Dinge wie Fotos, Audios oder Videos geben (Tata! Und das bereits im Jahr 2008!) Bevor der Einwand kommt: Nein, auch weiterhin wird hier vordringlich geschrieben und gelesen, aber generell sollte man andere Darstellungsformen als den guten alten Text ja nicht mehr per se verdammen. Auch in Blogs nicht. Das erste Audio wird´s in den kommenden Tagen geben, es wird (so viel wird verraten) 18 Minuten lang und ein ganz (finde ich zumindest) spannendes Gespräch sein. Mehr dann, wenn WordPress 2.6, mein Server und ich wirklich gute Freunde geworden sind. Momentan bemühen wir uns eher noch.
Wie sagt man so wunderbar treffend bei uns im Süden? Nicht mal ignorieren. So hatte ich mir das gedacht, mir der inzwischen dann doch viel diskutierten Spiegel-Geschichte über Blogs und deren Bedeutungslosigkeit. Nachdem sie mich mit einem ziemlichen Gähnen und einem Anflug von Ratlosigkeit zurückgelassen hatte, war ich mir sicher, darüber nicht eine halbe Zeile verlieren zu wollen; zumal das einzig gelungene und halbwegs perfide Element an der Geschichte ist, dass man schnell in die Falle geht: Regt man sich über die Geschichte auf, heißt es schnell: Seht ihr, alles nur Dreckschleudern, die Blogger.
Drehen wir also den Spieß ein wenig um und spielen Journalist, resp. Redaktionskonferenz resp. Blattkritik. Erster Gedanke: Drei Leute haben recherchiert und waren unterwegs um eine Geschichte zu schreiben, die man mit etwas Google-Recherche auch vom Schreibtisch hätte machen können? Viel Aufwand bei so wenig Substanz; zumal die Zitate von Niggemeier und Don sicher auch schnell am Telefon hätte bekommen können. Dons Blogeinträge abschreiben ist auch nicht so rasend schwer und die Fotos, naja…wie der Don wohnt, weiß man, wenn man ihn ab und an liest und Niggemeier und Schultheiss vor der Springer-Zentrale abzulichten, hui, da muss man als Fotograf erst mal drauf kommen.
Die Geschichte selbst, was soll man sagen? Wenn jemand am Tag 20000 Besucher zieht, ist es ein bissel problematisch, ihn der Irrelevanz zu bezichtigen, finde ich. Zumal viele Blogger sich ja in sehr speziellen Nischen bewegen, mit einem verhältnismäßig knappen Zeitaufwand arbeiten und (man kann´s ja gar nicht oft genug sagen) nur in den allerseltensten Fälen den Anspruch haben, ein großes Publikum zu erreichen. In Journalistenhirne scheint es irgendwie nicht richtig reinzugehen, dass Masse und Quote nicht zwingend das allein selig machende ist; schon gleich gar nicht, wenn man schreibt, um Spaß zu haben – und nicht, um irgendwie so viel zusammen zu bekommen, dass man am Ende des Monats seine Miete bezahlen kann (ja, ich geb´s zu: das war jetzt ein bisschen Dreckschleuder). Und gerne hätte ich auch die Frage beantwortet gehabt, wie es denn zusammengeht, wenn man auf der einen Seite die fehlende Relevanz von Blogs moniert, auf der anderen Seite aber nicht erwähnt, dass es – ebenfalls im Gegensatz zu den USA – so gut wie kein Blog einer Redaktion/eines Mediums gibt, das auch nur ansatzweihe in Relevanzverdacht geraten könnte. Vom Spiegel jedenfalls ist mir nicht mal der Versuch bekannt.
In diesen Zusammenhang passt es, dass man die Jungs, die man im gedruckten Heft noch als “Beta-Blogger” ein wenig durch den Kakao zog, in der Onlineausgabe kurzerhand zu Deutschlands Starbloggern umfirmierte und eine, na klar, Bilderstrecke daraus machte. Damit man auch ja die 5 Klicks auch noch mitnimmt. Und demnächst dann wieder eine Geschichte schreiben kann, dass die Blogger irgendwie viel weniger von diesen Klicks hätten als sie selbst.
Zu einer der schönsten, wenngleich inzwischen beinahe ausgestorbenen bayerischen Redewenndungen gehört der Satz:
“Iatz werds hint höha wia vorn.”
(Für Nicht-Eingeborene: Jetzt wird es hinten höher als vorne.) Man kann diesen Satz u.a. dann verwenden, wenn man sein Erstaunen über etwas ausdrücken will, wenn man etwas besonders absurd findet – oder wenn man den Fernseher einschaltet und dann sieht, wie bei Anne Will Waldi Hartmann (rprt. Weißbier-Waldi Hartmann!) über ökologisch sinnvolle Verehrspolitik diskutiert.
Endlich kann ich an dieser Stelle was tun, was sonst immer nur andere machen: Ich kann mir mal selbst eine draufhauen, so richtig feste. Kann feststellen, dass ich regelmäßig etwas tue, was tatsächlich nur mir und anscheinend oder wenigstens offentlich ein paar anderen gefällt: Bloggen. Web tuohh. Digital publizieren. Mein eigener Chefredakteur sein und mein eigener Programmdirektor. Kommunizieren und interagieren. Kurz gesagt, alles das, was Sie ohnehin schon kennen, wenn Sie brav Mediendienste und Bücher lesen oder wenigstens mal einen ordentlichen Digital-Lifedingsbumms-Day besucht haben.
Andere machen das nicht, obwohl wir jeden Tag darüber predigen, dass man es doch eigentlich tun müsste oder dass man es mindestens irgendwann mal tun wird, wenn man es jetzt noch nicht tut. Andere? Ach, was sag ich: die große Mehrheit. Und nein, dabei reden wir keineswegs von den vertrockneten, eingerosteten 40jährigen, die schon bei einem gepflegten Ganzseitenumbruch am Computer beinahe kollabieren und den anderen digitalen Schweinskram eh für Teufelszeug halten. Sondern wir reden von denen, die irgendwann in den kommenden Jahren das machen sollen, was jetzt noch die 40plus-Generation macht: Medien verantwortlich übernehmen und gestalten und, verzeihen Sie das große Wort, zukunftsfähig machen.
Wenn man sich dann aber mal etwas intensiver mit der Generation 20plus insbesondere in Printmedien und hier insbesondere an der guten alten Tageszeitung auseinandersetzt, kommt man ein wenig ins Grübeln, anders gesagt: Haben die einfach nicht begriffen, was passiert? Oder sind wir, die Blogger, die Digitalmenschen, diejenigen, die vor lauter Selbstreferentialität gar nicht mehr bemerken, dass wir hier Schattenboxen spielen, das kein Mensch (außer uns selbst natürlich) wahr nimmt?
Spannend jedenfalls, wenn man mal in dieser beschriebenen 20plus-Analog-Generation den Praxistest macht und ein wenig rumfragt: Schon mal gehört die Namen Niggemeier, Don Alphonso, Knüwer,Schwenzel – oder wenigstens Basic oder Bildblog oder mal den Elektrischen Reporter gesehen? Kopfschütteln. Nigge-was? Bild-wer? Alphonso, ist der Italiener? Turi, Kress, Meedia,DWDL, was soll das sein? Videos im Netz gibt´s auch außerhalb von YouTube?
Und was, wenn schon nicht Blogs, nutzt man dann sonst so digital? SPON. Web.de, GMX. Bahn.de. Internet als digitale Fahrplanauskunft mit ein paar drangedockten Nachrichten und Emails. Nicht bei den Ressortleitern und Chefredakteuren – sondern bei Volontären und Jungredakteuren, im Sommer 2008.
Was also tun? Blog zumachen und der vertanen Zeit hinterhertrauern und mal eben nachrechnen, wie viele unbezahlte Arbeitsstunden das waren? Ach wo. Bin vermutlich in der letzten Zeit einfach nur mit ein paar falschen Leuten zusammengekommen.
(Bitte in diesem Zusammenhang nicht wundern, wenn dieses Blog irgendwann demnächst ein wenig pausiert. Hat nix mit dem Analogfrust zu tun. Umbauarbeiten. Es wird schöner sein danach. Glaub ich zumindest. Was tut man nicht alles für sich selbst und an die anderen drei Selbstreferentiellen.)