Archive for September, 2008
Online worst
Bayern erlebt gerade die turbulentesten politischen Zeiten seit Menschengedenken. Ein desaströses Wahlergebnis, personelle Meucheleien in der CSU, eine Nachrichtenlage, die sich stündlich verändern kann – und vulgo Themen, bei denen man davon ausgehen kann, dass sie den allergrößten Teil der Menschen in Bayern interessieren, sogar die eher unpolitisch Interessierten.
Und wie berichtet die Passauer Neue Presse, in deren Verbreitungsgebiet der soeben zureckgetretengewordene Erwin Huber immerhin lebt, frei nach der Devise “Online first” über Hubers Ende als CSU-Chef?
So:
Vier Sätze (Stand 12.00 Uhr) einer dpa-Meldung. Und der Vermerk, dass es morgen in der nächsten Ausgabe mehr gäbe (als wenn das nicht halbwegs selbstverständlich wäre). So sieht “online first” 2008 aus. Und die gute alte PNP ist da sicher kein Einzelfall im deutschen Tageszeitungsbetrieb.
Eilmeldung!
Eilmeldung: CSU-Chef Huber tritt zurück (Spiegel Online, 8 Uhr)
Ganz normale Meldung: CSU-Chef Erwin Huber tritt zurück (B5 aktuell, 6 Uhr).
Nachtrag, 8.45 Uhr: Wie überhaupt die meisten Münchner Zeitungen in ihren heutigen Ausgaben bereits über Hubers Schicksalsnacht berichten – oder andersrum: Außer Münchner Merkur und tz haben alle die Rücktrittsgeschichte bereits im Blatt.
Einstellungsstopp et al
Das Anzeigengeschäft läuft nur so mittelgut, die Aussichten für die Wirtschaft trüben sich ein, die FAZ verhängt vorsorglich schon mal einen Einstellungsstopp - und ich würde jetzt, wo wir noch nicht mal im Ansatz so weit sind, über 2009 zu reden, die Prognose wagen, dass das kommende Jahr das ist, in dem wir die Begriffe Zeitung und Krise ziemlich oft in einem Atemzug hören werden.
Wasch mich, aber mach mich nicht nass
In den letzten Wochen auf diversen Veranstaltungen immer wieder gehört – Erfahrungsberichte bevorzugt aus Zeitungsredaktionen, die in der Quintessenz ungefähr das Folgende aussagen: Unsere Chefs haben die Bedeutung von Internet erkannt. Wir wollen da jetzt voll viel machen. Wir sollen jetzt richtige Crossmedia-Redakteure werden. Ohne einen vernünftigen Internetauftritt wird unsere Zeitung nicht mehr funktionieren.
Das klingt erstmal richtig prima. Danach kommen dann die Einschränkungen: Nein, es soll nach Möglichkeit nichts oder maximal sehr wenig kosten. Nein, eine richtige Strategie gebe es dafür noch nicht, man sei momentan noch in der Versuchsphase. Personal, ja, das sei schwierig, eigentlich wolle man mit dem bestehenden Personal nunmehr beides, Print und Online, abdecken. Ausbildung? Hmmpf. Oh ja, und richtige Software gibt´s leider auch nicht so.
Danach kommt Phase 3, nämlich die der Fragen: Ob denn dieses Internet nicht zwangsläufig mit einem Qualitätsverlust der journalistischen Leistung einhergehe? Oder, um mit DJV-Chef Konken zu formulieren: Im Netz hat man sich inzwischen ja daran gewöhnt, dass nicht alles stimmen muss, was da drin steht. (In dem Zusammenhang erinnere ich mich an die Geschichte eines Chefredakteurs, der sich zwar jeden Einspalter der gedruckten Ausgabe auf den Tisch legen lässt, den von Volontären bestückten Onlineauftritt aber noch nie eines Blickes gewürdigt hat, obwohl er da ebenfalls im Impressum als verantwortlich gehandelt wird. Vielleicht wäre das ja mal ein Ansatz für den DJV).
Das alles zusammen genommen finde ich immer ziemlich lustig. Man hat es also in den allermeisten Fällen immer noch mit einem krassen Missverhältnis zwischen Online- und Printressourcen zu tun, ist irgendwie auch nicht bereit, in diese neuen und vermeintlich doch auch so wichtigen Medien zu investieren, will also etwas tun, was alleine schon betriebswirtschaftlich noch nie funktioniert hat (Expansion bzw. neue Produkte völlig ohne Investition) – und meint dann, der in dieser Konstellation sehr wahrscheinliche “Qualitätsverlust” hänge per se mit dem neuen Medium zusammen?
Meine These bleibt: In 80 Prozent der deutschen Zeitungsverlage hat man schlichtweg die Digitalisierung und ihre gesammelten Konsequenzen immer noch nicht begriffen. Man meint weiterhin, es gehe darum, den Online-Auftritt etwas aufzuhübschen und ggf. als Krönung der journalistischen Schöpfung ab und an ein selbstgedrehtes Video einzubauen. Dass Onlinemedien die Welt so verändern wie vor Jahrhunderten der Buchdruck, dass nichts mehr so sein wird wie es mal war und dass demnach ein ganzes Haus neustrukturiert werden müsste und dies nicht durch die Einstellung von eineinhalb Onlineredakteuren passieren kann- dieses (Achtung, Neudeutsch!) “big picture” sehen immer noch die Allerwenigsten.
Quer oder: ARD-Mediathek (2)
Beim Versuch, die wunderbare quer-Ausgabe von gestern irgendwo in der ARD-Mediathek zu finden, bin ich gescheitert; dafür bin ich bei BR-Online fündig geworden, wenngleich auch erst nach einigem Suchen. Stringent ist das jedenfalls nicht, aber man will ja nicht jammern: Hier also findet sich die Landtagswahl für Volltrunkene.
Absolute Mehrheit bei Volltrunkenen
Gestern kam ein neuer Fernseher ins Haus; so ein richtig heftiges Teil. Groß wie eine Kinoleinwand, flach ne wie Flunder, kurzum: ein eigentlich richtig guter Grund, mal wieder einen ordentlichen Fernsehabend machen zu wollen. Das kommt bei mir eher selten vor, nicht nur aus Zeitgründen, sondern auch deswegen, weil die Chance, etwas Ansprechendes zu sehen, nach meiner subjektiven Beobachtung in den letzten Jahren konstant gesunken ist. Mein TV-Rundumschlag ist im Regelfall “Switch reloaded”; das sind 25 Minuten gnadenlos guter Parodie. Von der man allerdings denkt, sie sei maßlos überzogen; vor allem dann, wenn einem der Vergleich mit dem Original fehlt.
So was sollte man nicht tun, habe ich gestern festgestellt, weil man wirklich die ganze Zeit glaubt, “Switch” zu sehen. “Popstars” beispielsweise, so die Erkenntnis aus dem 5-Minuten-Aufenthalt während des gestrigen Einweihungs-Zappens, ist wirklich nochmal um eine ganze Dimension hohler als es die Parodie jemals sein könnte. Bei den ZDF.reportern schafft man es einen ganzen Abend lang über Blutproben zu Wasser und zu Lande zu reportieren. 9 Live gibt es wirklich. Jürgen Milski und Alida Dingsbumms auch. Ich hielt das bisher für ein Fantasieprodukt Stefan Niggemeiers.
Die wie immer löbliche Ausnahme: “quer” im BR. Mit einer ganz wunderbaren Idee gestern abend, nämlich einer Landtagswahl im Bierzelt auf der Wiesn mit drei Wählergruppen: Nüchterne, Angetrunkene, Volltrunkene. Erstaunliches Resultat: Je besoffener die Leute sind, desto näher ist die CSU an der Zweidrittelmehrheit. Bei den Nüchternen langte es gerade mal für 45 Prozent.
Der DJV-Reflex (2)
Bürger machen Medien? Bäh, findet man beim DJV. Weswegen der Vorsitzende des Verbands auch sofort die gewohnte Abwehrhaltung einnimmt, wenn Journalisten mal nicht ausnahmslos jeden Inhalt kontrollieren, der auf die Leute losgelassen wird. Diesmal erwischt es das Projekt der Gießener Zeitung, die gleich zwei Dinge macht, die einem gestandenen Journalisten irgendwie suspekt sein müssen: Sie startete erst im Netz, hat jetzt eine crossmedialia Verknüpfung mittels eines Reprints – und sie lässt nicht alles durch Redakteure erstellen, sondern eben auch durch interessierte und vielleicht sogar auch talentierte Bürger (mehr dazu hier). Rund 60 Prozent der Inhalte dieses Projekt kommen von ihnen, 40 Prozent von Redakteuren. Michael Konken stellt angesichts dessen in Bausch und Bogen das Folgende fest:
«Das hat für mich nichts mit Qualität zu tun. Die Sorgfaltspflicht, die ein Journalist lernt, kann ein Bürger einfach nicht drauf haben.» Bürger-Artikel in Druckversion hält Konken sogar für noch gefährlicher als Texte im Netz: «Im Internet weiß man mittlerweile, dass nicht alles unbedingt so stimmt, wenn es nicht gerade von einem anerkannten Medium veröffentlicht wird. Wenn ich das abdrucke, ist das wie ein Signal: Ich kann als Leser annehmen, dass es richtig ist.»
Da staunt der Laie und der Fachmann wundert sich. Über zweierlei: Erstens über den pauschalen Gedanken, ein Journalist sei per se sorgfältiger als es ein noch so engagierter Bürger jemals sein könne. Das ist nicht nur ein bissel schofelig gegenüber den Bürgern, sondern auch ein wenig euphemistisch angesichts dessen, was man jeden Tag in den Arbeiten von Journalisten so findet, was mit “Sorgfalt” nur eingeschränkt zu tun hat. Immerhin gibt es Heerscharen von Bloggern, die jeden Tag ganz gut davon leben, wenn sie aufzeigen, was die tägliche Sorgfaltspflicht von Journalisten so alles hervorzaubert.
Richtig bizarr wird Konkens Argumentation dann aber, wenn er sich in die Auffassung versteigt, der gedruckte Bürger-Artikel sei noch gefährlicher als der Bürger-Artikel im Netz. “Im Internet weiß man mittlerweile, dass nicht alles unbedingt so stimmt”, sagt Konken und man wüsste angesichts dessen gerne, an welchen Stammtischen der Herr Konken sich so rumtreibt. Dass er dann auch noch glaubt, die Drucklegung eines Textes allein sei quasi ein Qualitäts- und Glaubwürdigkeitssiegel, ist zwar irgendwie logisch, belegt aber auch, dass der DJV-Vorsitzende erkennbare Mühe hat, den Journalismus im 21. Jahrhundert ankommen zu lassen.
Oh ja, ich bin Mitglied im DJV. Aber manchmal frage ich mich ernsthaft: Warum eigentlich?
Pfeifen im Walde
In Irland muss die Welt noch ziemlich in Ordnung sein, wenn man mal so allen gängigen Klischees folgen will. Die Landschaft ist grün und gesund, es gibt prima Bier in netten Pubs, die Menschen sind irgendwie cool – und vor allem, sie lesen Zeitung. Gavin O´Reilly, Präsident des Weltverbands der Zeitungen, schließt daraus, dass es den Zeitungen und den Iren gut geht und auch weiterhin gut gehen wird. Weiter schließt er daraus, dass es allen so gehen würden, würden sie es machen wie die Iren. Also, zumindest den Zeitungen geht´s besser als gedacht und daran wird sich auch nicht viel ändern.
Etwas schlicht gedacht, finden Sie? Mag sein, aber in der Tat hat O´Reilly ziemlich genau das beim BDZV in Baden-Baden von sich gegeben. Auszug von den Kollegen von kress.de:
Print und Internet, so O´Reilly in seiner Motivationsrede an die Verleger, befänden sich in einer symbiotischen Beziehung. Das Wachstum des Online-Leser- und Werbemarktes korreliere mit einem moderaten Wachstum auf der Printseite. Dies belegten aktuelle Studien. Print bleibe das größte und das vertrauenerweckendste Werbemedium. Die Zeitungsverlage selbst würden allerdings nicht genug tun, um den Eindruck einer sterbenden Branche zu wiederlegen. Man müsse die Debatte um die Zukunft der Printbranche auf ein höheres Niveau heben.
Das also sind die Probleme der Zeitungen? Ein wenig schlechtgeredet von den eigenen Leuten, sonst alles prima? Kein Auflagenverlust jährlich in der Größenordnung der FAZ? Keine Reichweite bei Jugendlichen, die bereits unter 50 Prozent liegt? Kein Wegbrechen der Anzeigenmärkte, kein Relevanzverlust, kein Bedeutungsverlust im Medienmix? Nur ein bisschen besser drüber reden und feste an sich selber glauben?
Dann ist ja alles gut.
ARD-Mediathek
Bin gerade zufällig über die ARD-Mediathek gestolpert (nachdem ich sie schon nicht nutze und jetzt auch wieder weiß, warum) – und frage mich mal wieder: Wie kommt man eigentlich auf die Idee, dass ein Nutzer begeistert sein müsste, wenn man ihm einen ganzen Haufen Krempel einfach unsortiert vor die Füße wirft?
Bayern 3 rülpst
Eigentlich hatte Alexander Gorkow in der SZ lediglich einen Nachruf auf den Pink-Floyd-Keyboarder Richard Wright schreiben wollen (ein ausgesprochen gutes Stück übrigens). Nebenher fiel ihm dann noch ein wunderbarer Satz zum Zustand des deutschen Formatradios ein:
Heutzutage werden Songs meist von Linda Perry geschrieben, von Timbaland produziert und dann auf Horrorsendern wie Bayern 3 von Computern ausgerülpst.

