Archive for September, 2008
Anne Will
Ich bin mir übrigens ziemlich sicher, dass Anne Will die Mission hat, den deutschen Fernsehzuschauer totzulangweilen.
Nach gestern abend weiß ich: Sie ist auf einem verdammt guten Weg.
Lemmy, I love you
Off-topic: Wenn man den Empfehlungslogiken mancher Shops folgt, stößt man auf, nunja, eigenwillige Kombination. Bei buch.de jedenfalls gibt´s aktuell die Variante, dass man, bestellt man die DVD “Stage fright” von Motörhead und “PS I love you” von Cecilia Ahern, ein Supidupisonderangebot bekommt. Ahern und Lemmy, gut, das passt nicht ganz so, aber was macht man nicht alles für einen Nachlass von 1,03 Euro??
Multimediale Monokultur
Drei Anfragen zu Veranstaltungen liegen hier auf dem Schreibtisch, dreimal würde ich im Falle einer Zusage auf die selben Leute treffen. Der Erkenntnisgewinn für alle Beteiligten könnte sich in Grenzen halten. Kann es sein, dass wir Onliner/Crossmedia/Digitaler immer noch ziemlich im gleichen Saft schmoren?
Und jetzt: die Nachrichten
Man könne mit diesem blöden Internet einfach kein Geld verdienen, wird oft und gerne aus der Holzklasse gejammert. Die Leute wollten ihren hochkarätigen Qualitätsjournalismus einfach nur kostenlos konsumieren und ruinierten somit über kurz oder lang die Medien. Der DJV sekundiert in solchen Fällen immer recht gerne und ist sich dabei ausnahmsweise sogar einig mit den ansonsten konsequent attackierten Verlegern.
Was aber, wenn man die Misere vielleicht gar nicht auf die bösen User schieben kann? Was, wenn vielleicht der hochkarätige Qualitätsjournalismus gar nicht so hochkarätig ist, wie man immer meint?
Schönes Beispiel für die momentane Situation: Bei mir um die Ecke publiziert seit vielen Jahrzehnten ungestraft ungestört das “Straubinger Tagblatt/Landshuter Zeitung”. Auch wenn man dort so ziemlich vieles von dem findet, was man gemeinhin für den Niedergang der Blätter verantwortlich macht, vom ungekürzten Abdrucken von Pressemitteilungen über eine ganz erstaunliche Nähe zur bayerischen Staatspartei und ihren Mandatsträgern über dpa-Abhängigkeit (alles, was mehr als 80 Zeilen hat, taugt dabei zur “Seite 3″) bis hin zu gelegentlich ziemlich schauderhaften Lokalteilen, wobei unlängst einer davon nach dem Flugzeugabsturz in Spanien sich als Aufmacher mit der Frage “Ist Fliegen noch sicher?” beschäftigte. Man kam übrigens zu der eindeutigen Antwort “ja, ist es”; der vor Ort ansässige Inhaber eines Reisebüros hatte nach knallharten Recherchen diese Frage gründlich abgewägt.
Trotz alledem verliert man dort nur sehr gemächlich an Auflage; betrachtet man sich die IVW-Zahlen:
Ein leichter Sinkflug also; keine dramatischen Abstürze, aber immerhin doch so deutlich, dass man beim besten Willen keine künftigen Steigerungen mehr oder wenigstens eine Konsolidierung auf hohem Niveau erwarten kann. Man kann das beruhigend finden oder auch nicht; angesichts der Tatsache, dass das Blatt in weiten Teilen seines Verbreitungsgebiets Monopolist ist, würde ich eher zur Beunruhigung neigen.
Also könnte/sollte/müsste es eigentlich das Web reißen. Aber auch dort ist wenig Abhilfe in Sicht. Gemessen an der Tatsache, dass im Verbreitungsgebiet der Zeitung rund 500.000 Menschen leben, ist eine Zahl von monatlich gut 200.000 Visits eher kümmerlich. Wenn man von der Rechnung ausgeht, dass eine Zeitung im Schnitt von drei Menschen gelesen wird, dann schafft man es also nicht, wenigstens jeden der Zeitungsleser an das Angebot zu binden; von neuen Lesern ganz zu schweigen.
Böses, billiges, kostenloses Internet?
Heute dann der Versuch nachzuschauen, wie die Straubing Tigers (immerhin DEL) gestern abend gespielt haben. Gefunden: folgende Meldung (Original):
“Kann keine Punkte versprechen, aber wir wollen alles versuchen”, das sagte Manno noch vor dem Spiel. Thomas Wilhelm fehlte mit Bänderanriss in der Schulter. Die Mannschaft war mit nur zehn Stürmern stark eingeschränkt. Es gab also auch weiterhin kein Glück für die Tigers: Die Straubing Tigers mussten sich am 12. September in der TUI Arena gegen die Hannover Scorpions mit 2:1 ( 1:0 1:1 0:0 ) geschlagen geben.
Eine simple, einfache Meldung – in der nicht einmal einfachste journalistische Standards eingehalten werden. Und die den Unterschied zwischen der untergegangenen Medienwelt und der heutigen aufzeigt: Vor ein paar Jahren hätte ich mich vielleicht geärgert, das “meine” Zeitung nicht in Lage ist, Essentials wie den Spielverlauf und die Torschützen zu sagen. Und hätte sie halt wenn auch murrend weitergelesen. Heute? Ein Mausklick weiter, ciao Idowa.de. Und der 18jährige, der das jetzt gelesen hat, wird später mal Tagblatt-Leser. Ganz bestimmt.
Der Torschütze für Straubing war übrigens Trew, 40. Minute.
Ike
Weiß eigentlich irgendjemand, warum so ein Hurrikan medial weitgehend eine Randnotiz bleibt, solange er irgendwo in der Karibik, auf Haiti oder Kuba rumtobt, dann aber Stärke 5 und zur medialen Katrina wird, solange er sich der Küste der USA auch nur nähert und man meint, er könnte eventuell Schaden anrichten, dieser Hurrikan?
Wer braucht eigentlich Premiere?
Georg Kofler macht jetzt in irgendwelchen “spannenden” anderen Wirtschaftsmodellen, er tat das wenigstens noch halbwegs freiwillig zum rechtzeitigen Zeitpunkt. Sein Nachfolger als Vorstandschef bei Premiere, Michael Börnicke, kann das nicht so ganz von sich behaupten: dass er mit sofortiger Wirkung sein Amt niederlegt, kann man weniger kapriziös einfach als Rauswurf bezeichnen. Was weniger die Frage nach den Hintergründen und/oder den Fähigkeiten Börnickes aufwirft als vielmehr die grundsätzliche Frage: Wer braucht eigentlich Premiere?
Es spricht eine ganze Reihe von Gründen für die Annahme, dass das Geschäftsmodell von Premiere gar keines mehr ist. Der wohl entscheidende: Es gibt ein kaum mehr überschaubares (Über-)angebot an Bewegtbild aus den verschiedensten Quellen. Wer vor, sagen wir, 15 Jahren Premiere buchte, der wollte möglicherweise nicht einfach nur einen Fußballkanal, sondern sein aus heutiger Sicht bescheidenes Programmangebot erweitern – und war bereit, dafür Geld zu bezahlen. Der Reiz dieser Idee ist weg; es gibt unzählige andere, billigere und attraktivere Möglichkeiten, an den Film/an die Serie seiner Wahl zu kommen, als darauf zu warten, dass das gute Stück irgendwann mal bei Premiere läuft. Zumal Premiere nach wie vor immer noch einfach “nur” Fernsehen und somit auf einen einzigen Abspielkanal angewiesen ist. Kein mobiles Angebot, keine ernstzunehmende Online-Plattform; Premiere, das in den 90ern mal als innovativ gelten durfte, ist inzwischen einfach nur Fernsehen, das Geld kostet.
Bleibt der Fußball, wenn er denn bleibt. Ein Modell, dass sich sehr einseitig auf einen einzigen Faktor stützt, bekommt über kurz oder lang Probleme; gesehen hat man das sehr schön, als plötzlich Arena auf dem Markt war und man bei Premiere glücklich sein durfte, dass die Arena-Leute noch töpelhafter waren als der Platzhirsch selber. Und selbst wenn man Premiere unterstellen würde, für die nächsten 20 Jahre im Besitz der Fußballrechte zu bleiben, was ist dann die Idee? Ein Fußballkanal mit angeschlossenem Spielfilmgemischtladen? Das ging doch schon zu Kirchs Zeiten formidabel schief. Wenn man dann auch noch wie im Fall Börnicke auf die Fantastereien von 10 MIllionen Abonennten kommt, ist das Desaster schnell perfekt. Es dürften keine 3 Millionen sein und sehr viel höher wird das Potenzial auch nicht mehr; selbst wenn man Fußballfans mal wieder die Daumenschrauben anlegen und die Spiele aus dem Free-TV verbannen will. Ein Kunde schätzt es nicht, wenn er genötigt wird.
Und während also vermutlich gerade im Moment irgendwo in Unterföhring an irgendwelchen teuren Kundenbindungsmaßnahmen getüftelt wird, habe ich mir mit iTunes, Maxdome, Online-Videorekorder und gelegentlich auch mal einer ganz konventionellen DVD schon lange mein Programm zusammengestellt, das individueller und besser und günstiger als alles das ist, was mir Premiere bieten kann. Premiere: alleine schon der Name zeigt, wie sich ein Geschäftsmodell in den letzten 15 Jahren im Zeitalter digitaler Medien ad absurdum geführt hat.
Dejan vu, revisé
Es gibt Meldungen, die mich nicht weiter wundern. Nicht im Geringsten wundern.
Kleiner Appetizer aus der Geschichte:
“Das ist eine lange Weile, wenn man bedenkt, dass zwar Jocic sich für außerordentlich geeignet hielt, so eine verantwortliche, anspruchsvolle Position auszufüllen – außer ihm aber kaum jemand sonst.”
Der DJV-Reflex
Man muss schon manchmal staunen, wie reflexartig Dinge beim Deutschen Journalistenverband passieren (Disclosure: Ich bin Mitglied dieses Verbandes). Beispielsweise immer dann, wenn es um neue Medien und um Teilhabe von Nutzern an Medien geht, ist schnell die Rede davon, dass man damit die Arbeit von Journalisten entwerte. Nun darf man sicher darüber debattieren, was die Redaktion der “Bild” mit dem zu erwartenden Material der avisierten 1000 User mit Videokameras anfangen wird;dabei handelt es sich um eine grundsätzliche Debatte, die letztendlich in die Frage mündet, wo die Grenzen von “Leserreportern” zu setzen sind. Aber eine Entwertung journalistischer Arbeit? Das kommt mir ähnlich reflexartig vor wie das ständige Gegeneinandersetzen von Bloggern gegen Journalisten, was sehr häufig in der Frage endet: Journalisten oder Blogger? Warum nicht einfach beides zusammen?
Bei den Leserreportern ist es ähnlich:
Es sei nicht hinnehmbar, dass die Bilder filmender Leserreporter das Material von professionellen Journalisten auf den Online-Seiten der Bild-Zeitung verdrängten. “Leserreporter mögen ambitioniert sein”, sagte Konken, “Gewährsleute für journalistische Qualität sind sie nicht.”
Schreibt der DJV in seiner Pressemitteilung – ganz so, als sei das in irgendeiner Weise die Idee, die hinter der Einbindung von Lesern in ein journalistisches Projekt steckt. Niemand wird ernsthaft auf den Gedanken kommen, Journalisten durch Laien zu ersetzen, schon alleine deswegen nicht, weil man den Nutzer/Leser da nicht unterschätzen darf. Er ist schon durchaus in der Lage zu erkennen, ob ein Profiteam einen journalistisch ambitionierten Beitrag dreht – oder ob der Kegelverein Glück-Glück sein unerwartetes Treffen mit Jürgen Drews auf Malle dokumentiert. Zumal inzwischen auch ziemlich eindeutig geregelt ist, was man darf und was nicht. Wenn Prinz Poldi auf der Autobahn mal eben für kleine Jungs muss und jemand fotografiert ihn dabei, darf das trotzdem nicht gezeigt werden. Und mal ehrlich, was ist bisher passiert? Ich habe bei all den diversen Leser-und Zuschauerprojekten, die es inzwischen landauf-landab so gibt, noch nicht eines entdeckt bei dem ich mir dachte: Oha! Gefahr im Verzug! Jobs gefährdet!
Viel eher ist mein Eindruck, dass die Tatsache, dass wir Journalisten eben nicht mehr die einzigen Gralshüter des Inhalts sind, bei dem einen oder anderen immer noch für latente Verstimmung sorgt.
Die Zukunft auf dem Smartphone
Gestern war mal wieder so ein Tag. Ein multimedialer Zaubertag oder anders gesagt: einer, der wunderbare Praxiserkenntnisse über das künftige Zusammenspiel von Medien und deren Funktionsweisen gibt.
Man sitzt also im ICE, weiß, dass man für ein paar Stunden unterwegs sein wird, legt sich gefühlte zwei Kilo Papier beiseite, die im wesentlichen die beiden großen Sonntagszeitungen des Landes enthalten – und freut sich auf entspannende Lektüren insbesondere von dem, was man gemeinhin als “Hintergrund” bezeichnet; also alles das, wozu man während der Woche irgendwie nur so mittelgut kommt. Nein, der Laptop wird bewusst nicht aufgebaut, man möchte ja nicht erst den ganzen Summs mit UMTS-Karte hinter sich bringen, auch wenn das heute schon erheblich schneller und unkomplizierter geht als früher, sich mobil obline zu bringen (außer man fährt durch Franken; dieser Teil Deutschlands ist nach meiner Wahrnehmung vollständig von moderner Kommunikation abgeschlossen; warum auch immer).
Nach geraumer Zeit und erfolgreicher Durchquerung Frankens dann doch der Routine-Blick auf das Smartphone, das always on ist und das schnelle Sychronisieren mit der Gegenwart noch einfacher macht als jeder Laptop. Rumms, schon ist es passiert: Beck ist weg, Münte is Beck (danke, taz, für diese traumhafte Schlagzeile!) – und zwei bestimmt prächtige geschriebene und brilliant analysierende Politikteile zweier großer Sonntagszeitungen sind perdu. Schön zu lesen, was wohl die SPD am Sonntag so alles beschließen würde, ob Steinmeier Kanzlerkandidat wird und wie es um das Verhältnis Becks zu Müntefering bestellt ist. Ein einfacher Vorgang, eine Rücktrittserklärung reicht aus, um die kleine politische Welt in Deutschland vollständig zu verändern und die WamS und die FAS zu einem Haufen Altpapier zu machen (eigentlich schade drum).
Aber was inzwischen auch Lieschen Müller weiß: FAZ und Welt und Spiegel und Süddeutsche und taz und wie sie alle heißen, die gibt´s inzwischen auch online. Und wenn sich jemand mal einen schönen best practice case für die Notwendigkeit crossmedialer Redaktionen und Marken ausgedacht haben sollte, dann kann er ihn seit gestern vergessen; schöner als die Realität geht´s nämlich nicht. Man wechselt online zur Marke seines Vertrauens, dort beginnt die neue Münte-Story, die ich heute klug analysiert im latent altpapierverdächtigen Trägermedium weiterzulesen gedenke, um sie dann während des Tages online weiterlaufen zu lassen.
Die Zeitung meines Vertrauens hat gar keinen wochenendaktuellen Onlineauftritt, werfen Sie gerade ein? Kann sein. Dann bin ich weg, und tschüss, auf Wiedersehen bei jemand anderem. Vielleicht bleibe ich bei dem dann sogar dauerhaft, wenn ich feststelle, dass er einen guten Job macht.
So einfach sind die Erwartungshaltungen von Lesern heute. So müsste es sein, als eine Selbstverständlichkeit und so einfach wäre es umzusetzen.
Ach, Sie wollen da nicht mitspielen und meinen, Sie machen Zeitung und sonst nix? Dann bis bald. Im digitalen Nirvana.
Feler beim Bloggen
Oh ja, hier wimmelt es von Fehlern. Nein, weniger vor sachlichen (hoffentlich zumindest) als vor Rechtschreibfehlern. Das kommt daher, dass gute Journalisten u.a. als geheimes Erkennungsmerkmal haben, dass sie nicht mit zehn Fingern tippen können. Warum auch? Wir sind ja keine Tippsen und wirkliche Größe zeichnet sich ohnehin nicht dadurch aus, Ordnung zu schaffen. Das ist eine Sekundärtugend. Können von mir aus Bankangestellte oder Sachbearbeiter bei Vodafone machen.
Warum also Fehler drinlassen, obwohl man sie sieht? Reines Ego, wenn man so will: Wenn man 25 Jahre in diesem Job war und einen beträchtlichen Teil seiner Zeit damit verbracht, Fehler zu korrigieren, genießt man es ungemein, wenn man sich als Blogger hinsetzen und den Fehlerteufel einen guten Mann lassen sein kann. Hey, das ist Bloggen, kein Rechtschreibwettbewerb für Zehntklässler. Wenn mir gerade etwas durch den Kopf schießt, dann möchte ich mich gerne hinsetzen und das hinschreiben können. Ohne Formalia und ohne Duden Korrektor. Wenn ich mich darauf konzentrieren würde, wäre die Authenzität, wäre das Spontane am Bloggen wieder weg. Demnach also: Ich habe hinterher schon Manches bereut, was ich hier spontan reingekritzelt habe. Alles mögliche – aber noch nie einen Tippfehler.
