Archiv für November 2008


PNP: Die Moral, die Theorie und ein Boykott des BR

30. November 2008 - 20:33 Uhr

Über Moral wollte man diskutieren, Moral und Ethik in der Wirtschaft. Mit Wirtschaftsgrößen und mit dem Erzbischof Marx aus München. Veranstaltet und eingeladen von der Passauer Neuen Presse, die vergangene Woche ein Musterbeispiel dafür lieferte, was in ihren eigenen Reihen nicht mehr ganz so viel Gewicht hat. Eingeladen von einer Zeitung, die einen 30 Jahre im Haus arbeitenden Lokalchef mal eben in wenigen Minuten vor die Tür setzt. Eine solche Veranstaltung in einem solchen Kontext abzuhalten, ist fast so bizarr wie einen Esoterik – und Astrologiechefredakteur in einer Zeit als Berater zu engagieren, in der sich ziemliches Ungemach für die Regionalblätter abzeichnet.

Der BR und seine Niederbayern-Korrespondetin Heidi Wolf nahmen an der wohlfeilen Runde nicht teil und berichteten auch nicht darüber. Aus einem ziemlich guten Grund, sagt die BR-Journalistin:

„Man kann nicht in einem Haus auf hohem Niveau bei Häppchen und Sekt über Moral und Ethik diskutieren, wenn diese Begriffe dort keinen Platz mehr haben.“

Dem kann man nichts mehr hinzufügen. (via Bürgerblick, wo auch ein Link auf einen aktuellen Beitrag des BR über den Kahlschlag bei der PNP zu finden ist).

Kommentieren » | NUR SO DAHINGESAGT

Korrektur: Er wurde gefault!

28. November 2008 - 22:00 Uhr

Vermutlich wäre es klug gewesen, mir einen anderen Lieblingssport als Eishockey auszusuchen. Dann müsste ich nicht Liveticker-Meldungen lesen wie diese:

1. Waldner aus Schweinfurt wurde vorher gefault und ging verletzt in die Kabine (es gab keine Strafe)

2. Thurner aus Schweinfurt 5 + SD, aber der gefaulte Spieler ist nicht in die Kabine!

(aus dem Liveticker von Bayernhockey.com, gelesen gerade eben. Und zu allem Überfluss liegt der Verein meines Herzens auch noch hinten.)

Kommentieren » | NUR SO DAHINGESAGT

Online worst (17)

28. November 2008 - 10:11 Uhr

Nur ein paar Kilometer weg von meinem Heimatort ist etwas passiert, was mit Worten kaum zu beschreiben ist: Zwei Jugendliche prügeln einen Obdachlosen zu Tode. Einfach so, weil ihnen langweilig war. Weil sie mal jemanden “aufmischen” wollten. Man kann und man sollte als Journalist dazu eine ganze Reihe Fragen stellen. Vor allem, weil sich diese Tat nicht in die Klischees einordnen lässt, die man sonst gerne zur Hand hat. Simbach am Inn ist keine Großstadt, von bemerkenswerten sozialen Brennpunkten ist mir nichts bekannt. Warum also?

Als mögliche Antworten könnten einem in den Sinn kommen:

  • Meine Güte, was soll´s. Wer andere totschlägt, hat eh ein Charakterproblem.
  • Naja, da werden schon einige Gründe zusammengekommen sein.
  • Nicht aufregen. Schlägereien sind in dem Alter nix Ungewöhnliches und direkt totschlagen wollten sie ihn ja nicht.

Glauben Sie nicht? Ist aber so, wenn man die Antwortmöglichkeiten betrachtet, die die Passauer Neue Presse in ihrer “Umfrage der Woche” ihren Usern so anbietet:

(PS: Vermutlich kann man an solchen Entgleisungen nicht einmal der Chefredaktion oder der Geschäftsführung die Schuld geben. Ich nehme kaum an, dass von dort jemand täglich auf das Onlineangebot schaut. Und damit wir uns richtig verstehen: Es sind nicht alleine die Antworten, die mich stören. Aus einer solchen Geschichte eine inhaltlich restlos schwachsinnige Klickmaschine zu machen, ist für mich einfach abartig).

(PPS: Bei 371 Abstimmern sind übrigens bisher mehrheitlich die meisten der Meinung, wer andere totschlägt, habe irgendwie ein Charakterproblem. Dann is ja gut.)

Update, 14.50 Uhr: Man hat die Umfrage der Woche jetzt mit einem anderen Thema bestückt, das etwas weniger delikat ist: Spätestens zum 1. Advent ist Weihnachten allgegenwärtig. Sind Sie schon so weit?

Unfreiwilig auch das ein Beleg dafür, wie unsinnig dieser Voting-Unfug ist.

1 Kommentar » | NUR SO DAHINGESAGT

Münster ist jetzt in Passau

26. November 2008 - 20:54 Uhr

Es ist gut eineinhalb Jahre her, da passierte in Münster Ungeheuerliches: Ein Verlag war mit seiner Lokalredaktion ziemlich unzufrieden und griff zu Radikallösung. Man engagierte mit Lutz Schumacher einen Exekutor, der wiederum parallel eine neue Lokalredaktion heimlich, still und leise aufbaute – und nach getaner Aufbauarbeit an einem Freitagabend der bisherigen Lokalredaktion mitteilte, sie brauche am Montag nicht mehr zu erscheinen, weil sie gefeuert sei. Das war in Deutschlands Zeitungslandschaft bisher einmalig und man konnte mit gutem Recht annehmen, dass dies auch so bleiben würde. Ganz so verroht sind die Sitten ja nun auch wieder nicht.

Bei unseren Freunden aus Passau, Hauptdarsteller der beliebten Rubrik “Online worst”, ist heute allerdings der Gegenbeweis angetreten worden: Dort setzte man Knall auf Fall ebenfalls beinahe die ganze Passauer Lokalredaktion vor die Tür – das heißt, ganz so formuliert man es nicht, lediglich von einer “Freistellung” ist die Rede. Das betrifft den Lokalchef, den Rathausreporter und zwei Redakteurinnen. Der Lokal-Vize soll in eine andere Redaktion wechseln und alle anderen (drei Redakteure und ein Fotograf) müssen zumindest um ihre Jobs bangen. Die Entscheidung darüber, wer der neuen Truppe angehören soll, trifft der neue Lokalchef, der bereits kommende Woche seinen Job antreten soll.

Vorab: Ich kann nicht beurteilen, wie gut oder schlecht die Arbeit der Passauer Lokalredaktion war und ist. Dazu kenne ich die Stadt Passau und ihre lokalen Begebenheiten viel zu wenig. Dass man der Truppe allerdings offensichtlich vorwirft, sie sei schuld an sinkenden Auflagezahlen, ist ein Treppenwitz. Davon abgesehen, dass es mit den Auflagezahlen des Blattes in allen Teilen des Verbreitungsgebietes abwärts geht und davon abgesehen, dass die PNP seit Jahren konstant zwischen ein und zwei Prozent ihrer Auflage verliert, macht sie seit vielen Jahren all die Fehler, die auch viele andere Regionalblätter machen – allerdings in einer exzessiven Form: Sie schreibt mit bemerkenswerter Konstanz an den Lesern vorbei. Sie macht ein Blatt von Journalisten für Journalisten. Sie berauscht sich an ihrer eigenen Bedeutung und vergisst darüber völlig ihr Publikum. Sie lädt Helmut Schmidt, Angela Merkel, Michail Gorbatschow und Helmut Kohl zu Veranstaltungen nach Passau ein und dampft gleichzeitig die Lokalteile ein. Sie widmet kulturellen Veranstaltungen, die häufig von der Verlegerin initiiert werden, ausführliche Strecken und ignoriert, was in ihrem engsten Umfeld passiert.

Weil das natürlich auf Dauer nicht gut geht – und schon gleich gar nicht in digitalisierten Zeiten, in denen kein Mensch mehr die Politikseiten der PNP braucht – ist das Blatt in eine fatale Abwärtsspirale geraten. Die man mit einer noch fataleren Gegenreaktion zu beenden sucht: Man spart. An Seiten, an Personal, an Quantität wie an Qualität. Ein akzeptables Onlineangebot oder geschweige denn so etwas wie eine Digitalstrategie existiert nicht. Häufig hat das Blatt während der Woche inzwischen nicht mehr als 28 oder 32 Seiten, man kann sich abzüglich von Politik, Meinung, Wirtschaft, Sport, Kultur, Sonderseiten und anderem Plunder und Anzeigenseiten leicht ausrechnen, wie viel Platz noch für Lokales und Regionales bleibt. Es gibt Tage, an denen stehen über mein charmantes niederbayerisches Heimatörtchen 20 Zeilen im Blatt. Man kann natürlich einwenden, dass mein Heimatörtchen nicht sehr viel mehr hergibt, schon wahr – aber glauben Sie, das würden meine Mitbürger in dem kleinen Heimatörtchen so sehen? Und glauben Sie ernsthaft, für meine lieben Mitbürger gäbe es noch viele andere zwingende Gründe, die PNP zu lesen, außer der Hoffnung, dort etwas über ihren Ort zu finden? Ich habe jedenfalls noch niemanden kennen gelernt, der das Blatt wegen der bemerkenswerten Leitartikel hat.

Möglicherweise erkennt man in der Auswahl der Chefredakteure, wie die Verlegerfamilie die Schwerpunkte ihres Blattes gewichtet. Nachdem man sich 2002 von Chefredakteur Rudolf Kollböck getrennt hatte, holte man einen gewissen Michael Backhaus. Backhaus war u.a. bei der B.Z. in Berlin und beim Stern und interessierte sich für Niederbayern ungefähr gar nicht. Das merkte man dem Blatt auch an:  Niederbayerisches Lebensgefühl kam fortan nur noch in Spurenelementen vor. Stattdessen gefiel sich der Chefredakteur in Interviews mit dem halben Bundeskabinett und mit Edmund Stoiber – und ich vermute, dass er auch am Ende seiner Amtszeit 2005 sich geographisch in seinem Verbreitungsgebiet nicht auskannte. Danach wechselte Backhaus zu Bild und Bild am Sonntag und dass die Verleger diese merkwürdige Form des Regionalzeitungsjournalismus durchaus goutierten, zeigte sich in der Wahl seines Nachfolgers: Hans Schregelmann, der 2006 zur PNP kam, hat zwar irgendwie bayerische Wurzeln, war aber schon seit Dekaden in Berlin und arbeitete dort zum Schluss als stellvertretender Leiter der Parlamentsredaktion von N24. Das Medium wechselte, inhaltlich brauchte sich Schregelmann nicht umzustellen: Nach wie vor befasste er sich in erster Linie mit Frau Merkel und dem Berliner Mikrokosmos. Einmal in der Woche griff er in die Tasten und verfasste Leitartikel, bei deren Lektüre es eine eiserne Willensanstregung bedeutete, sie bis zum Ende durchzuhalten. Den Verlegern war und ist dies ziemlich egal; schließlich wird man ab und an mit einer Erwähnung in den Frühnachrichten des BR belohnt. Wen interessieren dann schon die Karnickelzuchtvereine draußen auf dem Land?

Nachdem auch bei Schregelmann nicht zu vermuten steht, dass er sich mit den Vorgängen in den (inzwischen in eigenständige Mini-Gmbhs ausgelagerten) Lokalredaktionen auskennt, hat man jetzt zu einer besonders lustigen Variante gegriffen: Man holte einfach Schregelmanns Vor-Vorgänger Kollböck mit einem Beratervertrag zurück ins Boot. Kollböck ist übrigens hauptberuflich Chefredakteur der “Astrowoche”, einem Blättchen, das in den Sternen liest und Stieren und Jungfrauen gerne Tipps zur Gestaltung des Tages gibt. Außerdem ist er Geschäftsführer seiner Firma Mondhaus Medien, die nach eigener Darstellung 2008 vor allem folgendes Projekt launchte und verfolgte:

Wir bringen seit dem 16. April 2008 das Heft ENGELmagazin neu auf den Markt. ENGELmagazin berichtet mit spannenden Wissens- und Unterhaltungsbeiträgen und möchte der Leserin und dem Leser das aktuelle Lebenshilfe-Thema „Engel“ näher bringen. Entwickelt und herausgegeben wird ENGELmagazin von uns, den „Machern“ der ASTROWOCHE und in Zusammenarbeit mit vielen bekannten Buchautoren der Szene. In der Startausgabe erfahren die Leserinnen und Leser unter anderem:
• Tägliche, persönliche Engelbotschaften vom 1. Mai bis 30. Juni, eine Anleitung für ein besseres, glücklicheres und sinnvolleres Leben
• Bestseller-Autorin Doreen Virtue verrät exklusiv ihre Engel-Secrets, das Geheimnis für mehr Erfolg, Selbstbewusstsein und Lebenserfüllung und auf einfache Art glücklich zu sein.
• Exklusive Leseprobe aus Doreen Virtues neuen Roman „Der Tempel der Engel“
• TV- und Buchautor Wulfing von Rohr sagt, wie man von Engel im Alltag beschützt wird
• Bestseller-Autorin Sabrina Fox über den richtigen Umgang mit Engel
• Wie ein Engel Sarah Connor und ein kleines Mädchen zusammenführte
Das ENGELmagazin erscheint zweimonatlich und ist an folgenden Tagen am Kiosk deutschlandweit, in Österreich und in der Schweiz erhältlich. Das zweite Heft erscheint am Mittwoch, 18. Juni 2008.
Mehr unter www.engelmagazin.de

Man darf also sehr gespannt sein, wie der Herausgeber des “Engel-Magazins” und  Chefredakteur der “Astrowoche” den Lokalredaktionen der PNP zu mehr Durchschlagskraft verhilft. Einstweilen kann man davon ausgehen, dass die Lokalredaktionen, die demnächst Besuch von Kollböck bekommen, sich spätestens nach dem heutigen Tag richtig darauf freuen werden.

(Disclaimer: Hinweis: Ich habe bis 1998 bei der PNP gearbeitet. Mein Chefredakteur hieß Rudolf Kollböck.)

32 Kommentare » | NUR SO DAHINGESAGT

Ladyknallerbse

26. November 2008 - 0:40 Uhr

Entweder ich werde langsam alt und leide am Früher-war-alles-besser-Syndrom. Oder es ist tatsächlich so, dass ohne Christoph Maria Herbst die ganze Sache nicht viel wert ist. Jedenfalls: Wenn ich den bisherigen drei Folgen der vierten Staffel von Ladykracher fünfmal gelacht habe, dann war´s viel. Schade drum.

Kommentieren » | TV

Huber im Portrait

23. November 2008 - 12:25 Uhr

Ein wenig off-topic, trotzdem: Diese Geschichte im SZ-Magazin über Erwin Huber nach seinem ziemlich heftigen Fall von ganz oben zurück in den Stimmkreis Dingolfing gehört zu den Stücken, die man liest und danach eigentlich wieder rundum zufrieden mit dem Journalismus als solchen ist. Erstaunlich, dass man solche Stücke in Hochhäusern inmitten eines Wildschweingeheges schreiben kann.

2 Kommentare » | LESETIPP

Virtueller Mediengrabstein

23. November 2008 - 12:17 Uhr

Nette Idee: In der Netzeitung gibt es einen virtuellen Mediengrabstein. Momentan kommen regelmäßig neue Einträge dazu. Und eine gewissermaßen nachhaltige Idee ist das auch: Kaum anzunehmen, dass nicht weit bis ins nächste Jahr hinein quasi eine Eigenaktualisierung stattfindet.

1 Kommentar » | NUR SO DAHINGESAGT

Long tail

22. November 2008 - 9:41 Uhr

Der von “Wired”-Chefredakteur Chris Anderson beschworene “Long Tail” ist danach eine beinahe endlose Schleppe aus Millionen Blogs für persönliche Interessen und Vorlieben, die niemand liest außer den Autoren selbst. Der Kopf des Ganzen besteht aus ein paar Tausend Blogs, auf die der Rest der Online-Welt schielt und die so zum neuen Establishment geworden sind. “Wenn man die ganze Heuchelei über die Revolution des neuen Mediums Internet einmal abzieht”, giftet Keen, “regiert die Blogger letztlich alle der Wunsch nach Einfluss und finanziellem Erfolg. Das zieht eine bestimmte Sorte Mensch an – besessen, getrieben und nie zufrieden.”

(via Franziskript)

1 Kommentar » | NUR SO DAHINGESAGT

Das Unwort des Jahres: Zentralredaktion

20. November 2008 - 20:53 Uhr

Vor einigen Jahren mal hat man mir in meinem damaligen Job die Leitung eines publizistischen Monstrums übertragen: Das Ding nannte sich Zentralredaktion, ich assoziierte damit aus mir bis heute unerfindlichen Gründen immer ein Zentralkomitee und dachte an Erich Honecker. Vermutlich hatte diese Assoziation viel damit zu tun, dass man ähnlich beliebt war wie Erich im Haus. Die Einheiten, die wir quasi als hausinterne Agentur mit unseren wunderbaren Produkten belieferten, waren in etwa so beglückt wie eine Gruppe pubertierender FDJ-Zöglinge, die mal wieder eine Parade oder so was vorbereiten mussten, statt irgendwas anderes zu machen, was pubertierende Jugendliche gerne tun.

Inzwischen hört man dieses Wortmonstrum fast jeden Tag wieder aus irgendeiner Ecke und man wundert sich, warum eigentlich, wenn das anscheinend das neue Allheilmittel gegen publizistische und ökonoomische Krankheiten aller Art ist, man schon nicht früher darauf gekommen ist, einfach alles zu zentralisieren. Wenn ich allerdings an unseren damaligen Feldversuch einer Zentralredaktion für alles und jeden zurückdenke, dann habe ich Zweifel, ob die Idee wirklich so gut ist. Denn das Ganze hat, man ahnt es, nicht richtig gut funktioniert. Im Grunde waren wir ein redaktiongewordener Kompromiss: Natürlich ist eine Nachricht erst einmal eine Nachricht und Fernsehen ist Fernsehen und Online ist Online und Teletext ist Teletext. Der journalistische Mehrwert steigt auch nicht per se, nur weil statt einem vier Redakteure an einer Meldung sitzen. Allerdings – und ich habe echte Zweifel, ob Finanzinvestoren, Geschäftsführer und Controller das jemals richtig verstehen werden – muss man unterschiedliches Publikum auch unterschiedlich ansprechen. Vielleicht gar nicht mal so sehr, was die inhaltliche Gewichtung angeht. Wenn sich Roland Koch morgen von seiner Frau trennt, weil er seit Monaten ein geheimes Verhältnis mit Andrea Ypsilanti hat, wird das eine Geschichte für alle sein; egal ob für Bild oder SZ. Nur die Art und Weise, wie man diese Geschichte erzählt, welche Schwerpunkte man setzt, wie man sie aufbereitet, wird eine andere sein. Das kann keine Agentur ersetzen, weder eine zugekaufte wie dpa, noch eine hausinterne, was solche “Zentralredaktionen” ja letztendlich sind. Wir haben damals jedenfalls im zum Scheitern verurteilten Versuch, es allen und jedem recht zu machen, nur eines geschafft: alle und jeden zu vergrätzen. Manchmal machte sich das in völig banalen Dingen bemerkbar; CD-Tipps und Filmbesprechungen beispielsweise. Wir hatten einen wirklich hochkompetenten Musikchef, bei dem wir wussten: Wenn der einen Track oder einen Interpreten nicht kennt, kennt ihn niemand. Aber was nützt mir der kompetenteste Musikredakteur, wenn er einen repräsentativen Querschnitt für ein Publikum erstellen soll, das mit 14 beginnt und knapp unterhalb der 70 endet; das DJ Ötzi ebenso liebt wie Belle & Sebastian? Unterm Strich haben wir uns übrigens damals übrigens dafür entschieden, dann doch wieder jeden Abnehmer mit dem Zeug zu beliefern, das seinem Publikum am ehesten entspricht; die DJ-Ötzi-Fans werden vermutlich glücklich gewesen sein, keine Besprechungen mehr lesen zu müssen, in denen die filigranen Fähigkeiten von Belle&Sebastian gerühmt wurden. Inhaltlich also eine prima Idee; aber die viel gerühmten Synergien unseres Zentralkomitees waren damit natürlich völlig im Eimer. Hätte jeder unserer Abnehmer seine eigene Musikredaktion behalten, wäre es echt gescheiter gewesen. (Ich will nicht verschweigen, dass es manches gab, was prima zentralisiert abzufeiern war: das Wetter beispielsweise muss man nun wirklich nicht viermal neu aufbereiten. Regen bleibt Regen.)

Man kann natürlich vordergründig den ökonomischen Druck verstehen, unter dem viele Häuser inzwischen stehen (wobei man allerdings auch ganz ohne Häme hinufügen könnte, dass es entsprechende Prognosen, Online werde den klassischen Medien erheblich Feuer machen, schon ziemlich lange und ziemlich häufig gab). Trotzdem sind solche Zentralisierungsgeschichten fatal: weil sie den Medien ihre Persönlichkeit, ihre Individualität, ihren Stallgeruch nehmen. Das sind keineswegs irgendwelche kleinen Nettigkeiten, mit denen man Medien aufpeppt, sondern sie sind die entscheidenden Kriterien dafür, warum man wahlweise zur SZ oder zur FAZ, zur FTD oder zum Handelsblatt greift, warum man ARD oder eben doch RTL schaut. Medien haben, wenn schon nichts sinn-, dann doch wenigstens etwas gemeinschaftsstiftendes an sich.  Wer die SZ liest, liest sie eben nicht nur, weil dort Nachrichten nachzulesen sind. Sondern weil er dort – Achtung, Pathos – seine intellektuelle Heimat hat. Intellektuelle Heimat, die sich aus Contentfabriken speist? Kaum vorstellbar.

Kaum vorstellbar ist auch, wie man in Zeiten, in denen digitale Inhalte nicht nur frei, sondern auch häufig kostenlos sind, mit der Abwärtsspirale aus weniger Personal, weniger Seiten, weniger Qualität die Menschen dazu bewegen will, eben doch Geld auszugeben. Man habe das Gefühl, in den Abopreisen sei noch Luft nach oben, nachdem man in den letzten Jahren in diesem Bereich eher zurückhaltend gewesen sei, hat ein ziemlich bedeutender deutscher Verleger jetzt mal gesagt. Mag sein – aber müsste man nicht gerade für die Klientel, die bereit ist, noch mehr Geld für Medien auszugeben, ein ganz besonders hochwertiges Angebot machen? Sparen, kürzen, eindampfen auf der einen; Preise erhöhen auf der anderen Seite, das wird nicht zusammengehen.

Kommentieren » | NUR SO DAHINGESAGT

Online worst (16)…

18. November 2008 - 18:41 Uhr

Es gibt übrigens ein neues Video von den Kollegen aus Passau und es dreht sich..ach nee, das wollen Sie sicher gar nicht wissen.

Kommentieren » | NUR SO DAHINGESAGT

« Ältere Einträge