Archive for November, 2008
Bitte planen Sie Ihr Leben um
Beim Kollegen Knüwer findet sich eine bemerkenswerte Mail, die innerhalb der SZ-Redaktion kursiert. Sie ist nicht nur in Art und Weise bemerkenswert – sondern dient auch als Blaupause für das, was wahrscheinlich in einer ganzen Reihe von Tageszeitungsredaktionen im kommenden Jahr passieren wird. Insofern: lesen!
Online worst (15)
Bei der Passauer Neuen Presse gibt es übrigens nach einer kurzen kreativen Videopause wieder ein neues Video und es beschäftigt sich, Sie ahnen es, mit einer PNP-Veranstaltung. Das was draußen bei den Lesern und in der realen Welt passiert, muss halt so lange etwas zurückstehen in der Videoerstellung.
Moderiert wurde die Veranstaltung übrigens vom Herrn Netwerk Recherche selbst und u.a. stellt Dr. Thomas Leif so invesitigative Fragen wie: Warum sind Sie Unternehmer?
(Falls Sie sich nicht so recht entsinnen, warum Ihnen der Name Leif so bekannt vorkommt: Das ist der, der Filme mit so einprägsamen Namen wie “Quoten, Klicks und Kohle” machen, die dann anschließend ein wenig in den Ruch von Auftragsarbeiten kommen. Oder zumindest von solchen, die sich eher den Interessen des Auftraggebers zuwenden.)
Eine Woche in Analogien
Fassen wir mal eben zusammen, was die Woche so brachte in der zauberhaften Welt der analogen “alten” Medien:
- Die WAZ schreibt ein paar Millionendefizite in ihren Titeln. Die Mantelredaktionen werden weitgehend zusammengelegt. Leute werden entlassen; man schaut ihnen dabei aber immerhin in die Augen, heißt es.
- ProSiebenSAT1 zieht SAT 1 nach München um und streicht en passant 225 Jobs.
- Kleines, hübsches Sparprogramm bei der frisch umgezogenen SZ: 10 bis 20 Prozent der Redakteure könnten gehen müssen, heißt es; bisher vermeidet man das hässliche Wort “betriebsbedingte Kündigungen”.
- To be continued…
Die sogenannte Finanzkrise ist also inzwischen auch in der Real- und natürlich in der Medienwirtschaft angekommen und ein wenig lässt sich die Situation mit der der Autobauer vergleichen: Die haben auch jahrelang, obwohl die Trends sich schon lange in eine ganz andere Richtung abzeichneten, weiterhin SUV´s und andere Monstren gebaut; ineffizient, teuer und letztendlich an den Bedürfnissen des Marktes vorbei.
Die Produktion einer täglichen Ausgabe sei zu teuer, zu energieaufwändig, zu wenig nutzbringend, begründete jetzt in den USA eine Tageszeitung, die auf wöchentliche Erscheinung umgestellt hat, ihren Schritt. Begründungen dieser Art werden wir in den kommenden Jahren auch in Deutschland hören.
Der SUV der Medienindustrie heißt Tageszeitung.
Und dass…
…Roger Schawinski den Umzug von SAT 1 von Berlin nach München gleich als eine “Tragödie” bezeichnet, darf man getrost als Beleg dafür werten, dass wir uns schon irgendwie für sehr wichtig halten, wir Journalisten.
Dass Schawinski ohnehin ziemlich gerne gegen seinen Ex-Arbeitgeber nachtritt, steht natürlich wieder auf einem anderen Blatt.
Wir und der Rest der Welt
Drei Dinge aus den letzten Journalistentagen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben, dennoch aber ziemlich bezeichnend sind. Für uns und unser Selbstverständnis; man könnte auch sagen: Journalisten – und wie sie sich und die Welt sehen.
In der SZ schreibt Detlef Esllinger heute in einem Kommentar zum Tarifabschluss für Zeitungsredakteure, die ausgehandelten 4 Prozent seien zwar möglicherweise ökonomisch vernünftig. Keineswegs aber seien sie das Ergebnis einer Stratgeie als vielmehr von Lethargie. Esslinger erinnert daran, dass die Journalisten mit einer ursprünglichen Forderung angetreten seien, die nahe an der Metaller-Forderung von 8 Prozent gelegen sei. Den heutigen Tarifabschluss der Metaller (4,2 Prozent) konnte Esslinger zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen; sein Kommentar legt aber nahe, es sei zu erwarten, dass die Metaller deutlich mehr rausholen würden als die Journalisten (es kam anders, wie wir jetzt wissen).
Dafür gibt es aus Sicht Esslingers aus Gründe. Denn davon abgesehen, dass Journalisten eher unsolidarisch als Solisten gepolt seien, gibt es noch einen weiteren, anscheinend ziemlich entscheidenen Grund: Wir Journalisten machten unsere Arbeit viel zu gerne, als dass wir in einen ernsthaften Arbeitskampf treten würden. Ja, so ist das und so sehen wir uns anscheinend selbst: Idealisten im Kampf für gute, bessere Medien; die in diesem Kampf so weit gehen, dass sie sogar auf ordentliche Tarifabschlüsse verzichten. Darf man angesichts des Metallerabschlusses dann auch vermuten, dass Metaller mit ähnlich großer Begeisterung und Freude ihr Tagwerk verrichten?
Die zweite Beobachtung: Seit bekannt wurde, dass sie ihr Domizil in der Sendlinger Straße verlassen und in einen Büroturm am Münchner Stadtrand ziehen muss, liegt die SZ regelmäßig ihren Lesern mit der Klage ob dieses grauenhaften Schiscksals in den Ohren. Den Höhepunkt erreichte das Tremolo gestern in einer 56seitigen Beilage, die man, wenn man nicht gerade in München wohnt, kaum verstehen kann. Ob in Paderborn irgendjemand weiß, wo Zamdorf liegt und ob es in Senestadt auch nur einen Menschen interessiert, wo die Leitartikel der SZ geschrieben werden; man weiß es nicht. Das hindert die SZ, die sonst so gerne ihren überregionalen Anspruch herausstellt, nicht, sich auf 56 Seiten über Dinge auszulassen, die man außerhalb Münchens nicht nachvollziehen kann. Der Chefredakteur persönlich schreibt ein Editorial, der Vizechef schildert ein kleines bisschen langatmig, wie seine 13 Büros aussehen, in denen er bisher für die SZ gearbeitet hat; daneben viele kleine nette Schmonzetten, die sich im Intranet ganz prima machen, ansonsten aber für den Leser nur eines sind: belanglos. Ganz offensichtlich aber glaubt man (nicht nur bei der SZ), dass das Leben und Wirken von uns Journalisten so bedeutungsvoll sei, dass die Öffentlichkeit unbedingt daran teilhaben müsse. Man darf in diesem Zusammenhang übrigens darauf gespannt sein, wann die SZ mal wieder in einem bestimmt sehr klugen Leitartikel darüber sinniert, dass Lebensläufe an nur einer Stelle bei nur einem Arbeitgeber künftig die Ausnahme seien werden und dass eine gewisse Flexibilität heute einfach dazugehört (wenn es nicht gerade Steinhausen ist, was man einem Arbeitnehmer abverlangt; das “Wilschweingehege”; ein “Ort, der in ein paar Jahren vielleicht von seinem Schrecken verlieren wird”).
Und dann stellen wir uns doch am Rande noch vor, ein Betrieb, irgendein stinknormaler, in keinem Fall aber einer mit Journalisten, würde seinen Betrieb an den Stadtrand verlagern und die Mitarbeiter würden sich ähnlich aufführen wie die SZler; man würde gerne den Kommentar im Blatt lesen.
Drittens und letztens eine ganz banale, hier schon beschriebene Geschichte: Von den nicht einmal 20 Videos im sogegannten “Videoarchiv” der Passauer Neuen Presse drehen sich mehr als die Hälfte um die PNP selbst.
Natürlich kann man das, was Dirk von Gehlen bei turi2 im Interview gesagt hat und was von Stefan Niggemeier einem Realitätscheck unterzogen wurde, erstmal für banal halten. Von Gehlen sagt ja nichts anderes als das, was eigentlich selbstverständlich ist: Dass es Leser da draußen gibt, die mehr wissen als wir. Dass wir mit ihnen kommunizieren sollten und dass es an sich auch keine besondere charakterliche Größe darstellt, wenn man einen gemachten Fehler auch mal öffentlich korrigiert. Dass man so etwas (zurecht übrigens) immer wieder explizit betonen muss zeigt, wie schwer wir uns mit diesem Thema tun. Es zeigt aber auch, welch in den Sphären der Selbstüberhöhung angesiedeltes Selbstverständnis wir haben, wenn wir es für erwähnenswert halten, dass wir vielleicht doch nicht immer und grundsätzlich im Besitz des alleinseligmachenden Wissens sind.
Liebe Süddeutsche (3),
…am Wochenende hatte ich mir Sorgen um Dich gemacht. Ich wartete auf die angekündigte Beilage zu Deinem Umzug in die Slums von Steinhausen – und fand nichts, nichts, nichts. Was war passiert? Zwangseinlieferungen wegen kollektiver Depression? Erste Suizide?
Dann heute der Blick ins Blatt und gottseidank, man ahnt es, hast Du heute nochmal ordentlich hingelangt. 56 Seiten Beilage zum Umzug und endlich, endlich sind die richtigen Relationen wieder hergestellt: Das reguläre Blatt hat heute 46 Seiten.
Online worst (14) – oder The fall of the house of…
Man kann ja momentan unendlich viele Studien lesen über die Zukunft der Tageszeitung als solcher; man liest interessante Interviews und kluge Geschichten wie erst gestern auf der Medienseite der SZ über die Probleme der US-Blätter. Ein Blatt in New Jersey hat jetzt sogar etwas gemacht, was man bisher für unvorstellbar hielt: seine Erscheinungsweise von täglich auf wöchentlich umgestellt; die tägliche Verlaufsberichterstattung läuft jetzt online. In Frankreich hat sich die Tageszeitungsauflage halbiert; in der Schweiz baut inzwischen sogar die renommierte NZZ ab. Und das, was man in den letzten Wochen aus Deutschland so hörte, klang auch nur so mittelgut.
So richtig inspirierend finde ich das allerdings nicht. Nicht nur, weil die Lösungsvorschläge sich letztendlich doch immer wieder in den gleichen Allgemeinplätzen erschöpfen und inzwischen auch der Verleger des Kleinkleckersdorfer Tagblatts “Wir haben verstanden” suggeriert. Sondern auch deswegen, weil es viel interessanter und vielsagender ist, wenn man, quasi als Feldversuch, ziemlich genau unter die Lupe nimmt, was diejenigen, die es letztendlich betrifft, in der Praxis tun – und wie sehr es sich von dem unterscheidet, was auf Panels gesagt und in irgendwelchen netten Sonntagsaufsätzen geschrieben wird.
In Passau beispielsweise, um mal wieder einen Blick in die Nachbarschaft zu werfen, hatte man vor gut einem Jahr ebenfalls postuliert, dass man verstanden habe. Online sei die Zukunft, sei wichtig – und deswegen werde man 2008 in den Ausbau der Onlineaktivitäten investieren. Das machte man dann in der Tat. Die Redaktion wurde zu verdreifachter Stärke aufgestockt, die bisherige Alleinredakteurin hat jetzt zwei Kollegen. Zum Vergleich: Die Printausgabe wird insgesamt von rund 120 Redakteuren betreut, man kann also vermuten, dass insgeheim die Bedeutung von Online doch noch nicht so hoch ist, wie man glauben machen möchte. Außerdem engagierte man sich im Bereich Video und nannte das dann “PNP-TV” (etwas darunter hatten sie es wohl gerade nicht).
An diesem Projekt des “TV” erkennt man ziemlich schön, wie völlig kenntnisbefreit immer noch viele Zeitungshäuser an das durchaus ja sehr komplexe Thema Multimedia herangehen. Von den üblichen Merkwürdigkeiten des Passauer Onlineauftritts abgesehen, die man u.a. hier, hier, hier und natürlich auch hier nachlesen kann, hat man sich für das TV-Projekt eine eigenartige Strategie einfallen lassen, die sich dennoch in wenigen Worten auf den Punkt bringen lässt: Wenn es uns gerade einfällt, filmen wir vielleicht auch mal was.
Im Lokalen, immerhin so etwas wie die eigentliche Daseinsberechtigung des Blattes, war man ein bisschen fleißig:
Das Archiv von “PNP-TV” weist im Lokalen momentan exakt fünf Videos aus; das erste stammt vom Juli, man bringt es also statistisch auf eines pro Monat, was allerdings nur eingeschränkt aussagefähig ist, weil das letzte Video vom September stammt und man sich im Bereich lokale Videos eine kurze Sendepause von zwei Monaten gegönnt hat, was wiederum den Schluss nahelegt, dass es sich bei der Bezeichnung “TV” irgendwie um einen Euphemismus handeln könnte.
Warum dann aber gerade die Bemerkung, im Lokalen sei PNP-TV “fleißig” gewesen? Ein Blick auf die restlichen Rubriken im Archiv belegt es. Das hier beispielsweise findet man im Archiv in der Rubrik “Unterhaltung”:
Leider nur halb so groß (und irgendwie ungewollt komisch) wie in der Unterhaltung und ihren zwei Beiträgen ist momentan das Angebot im Bereich “Politik”:
Ähnliche Taktungen weisen auch die Ressorts Kultur (2 Beiträge) und Wirtschaft (1 Beitrag) auf, so dass PNP-TV in seinem Archiv insgesamt auf sagenhafte 11 Videos kommt.
Das heißt, so ganz richtig ist das nicht. Denn dann gibt´s auch noch die Veranstaltungsreihe “Menschen in Europa”, veranstaltet von der PNP selbst – und hier ist die Frequenz dann doch deutlich höher:
Die Videos zur eigenen Veranstaltungsreihe machen insgesamt sechs aus, sind somit am stärksten vertreten und es wäre natürlich eine reine Bösartigkeit, würde man dies als Beleg für die These hernehmen, dass das Blatt sich selbst immer noch am wichtigsten nimmt. Natürlich wäre es auch bösartig zu behaupten, dass die Blätter nicht etwa wegen bösartiger Leser oder kriselnder Konjunktur eingehen, sondern vor allem deshalb, weil sie sich immer noch an der eigenen Bedeutung und Einmaligkeit berauschen und nicht bemerken, dass sich die Schlinge um ihren Hals langsam zuzieht. Man verliert in einem Prozess ständiger Erosion (und der ist gefährlicher als die schnellen, harten Schläge) jedes Jahr an Lesern, was besonders schön daran erkennbar ist, dass die Zahl der sonstigen Verkäufe in einem zweistelligen Bereich steigt, während alle anderen Kennzahlen nach unten zeigen. Ein beliebtes, auch andernorts gerne betriebenes Spiel, um wenigstens die Gesamtauflage halbwegs im Lot zu halten: Man erhöht die ominösen “sonstigen Verkäufe”. Jedenfalls sieht die Entwicklung in Passau seit 2003 so aus:
(Quelle: meedia.de)
Das ist nichts Unbewöhnliches und spiegelt eine Entwicklung wieder, wie sie seit zehn Jahren bei nahezu allen deutschen Regionalblättern zu beobachten ist. Man verliert Auflage, Umsätze, Erlöse, Reichweite beim jungen Publikum – und, was am schlimmsten ist, zusammengenommen ganz erheblich an Relevanz.
Man versucht dem entgegenzuwirken, indem man untaugliche Onlineangebote macht, unausgegorene Videostrategien entwirft und isnsgeheim dann doch am guten alten Blatt festhält. Die Onlinetruppe der PNP ist der beste Beweis dafür: Soll man ernsthaft den bedauernswerten Dreien einen Vorwurf machen, wenn sie mit Minimalressourcen die Zukunft des Hauses sichern sollen, während die Zeitung immer noch von so ungleich vielen mehr gemacht wird?
Trotzdem, vieles ist auch eine Frage der inneren Haltung zu sich selbst und zu den Lesern. Während man demjenigen nämlich jährliche Preiserhöhungen und sichtbare Umfangskürzungen zumutet, scheut man für Selbstdarstellungen keinerlei Aufwand. Glauben Sie nicht? Das längste Video bei PNP-TV ist 15 Minuten lang, heißt “Paula Print will in die Zeitung” und ist eine derart bizarre Geschichte, dass es fast schon wieder sehenswert ist.
(Video ansehen).
Herr ARD und der Journalistentag in Bochum
Früher, auch wenn das schon lange her ist, dachte ich ja immer, es gäbe Positionen auf der Welt, die nicht von Menschen besetzt werden, also jedenfalls nicht so richtigen. Papst beispielsweise, ich meine: Welcher Mensch soll schon Papst sein – und wie wird man das überhaupt? Oder TV-Moderator oder Bundeskanzler. Zwar war mir irgendwie klar, dass das keine Außerirdischen sind, aber Menschen konnten das doch auch nicht sein; irgendwas dazwischen vielleicht Inzwischen weiß ich, dass ein paar Kilometer von meinem Büro entfernt ein echter und sogar amtierender Papst geboren wurde; einem Ex-Bundeskanzler bin ich selbst mal begegnet und von TV-Moderatoren habe ich auch gehört, dass es sie in Fleisch und Blut geben soll.
Aber was ich ganz und gar nicht für möglich gehalten habe: Auch das Wesen “ARD-Vorsitzender” gibt es. Momentan heißt er Fritz Raff und wenn nicht meine Kindertheorien doch noch zutreffend sind, darf ich mit ihm sogar demnächst in einem Raum sitzen und mit ihm reden.
Beim Journalistentag NRW in Bochum. Mit ihm und einigen anderen Gästen.
Und falls Sie sich ebenfalls davon überzeugen wollen, dass es leibhaftige ARD-Vorsitzende gibt, dann freue ich mich, wenn wir uns am 29. November sehen.
Online worst (13)
Jetzt mal im Ernst: Was ist schon so eine depperte Präsidentenwahl in den USA? Noch dazu, wenn ein Niederbayer König in Ghana ist.
(Startseite pnp.de, Mittwoch, 5.11., 9 Uhr)
Liebe Süddeutsche (2),
wenn ich das dem gestrigen Münchner Lokalteil richtig entnommen habe, ist Steinhausen nur noch mit Guantanamo vergleichbar und insofern finde ich es wirklich ok, dass ihr gestern nochmal eine knappe Doppelseite über den Umzug an den Standrand nachgelegt und euch nochmal ordentlich beklagt habt, dass das Arbeiten dort quasi menschenunwürdig ist.
Aber bitte, bitte….issjetztwiedergut??







