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Anmerkungen eines Medienmenschen

Archive for Dezember, 2008

Die Zeit (mich) mit euch…

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…darum sagen wir auf Wiedersehen, die Zeit mit euch war wunderschön…”

Bis nächstes Jahr!

Written by cjakubetz

Dezember 31st, 2008 at 10:21 am

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Die Abschaffung des geschriebenen Wortes…

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…ist vermutlich das erklärte Ziel von Onlineredaktionen. Kostet erstens Zeit, dieses Schreiben – und bringt so furchtbar wenig Klicks.

Weswegen die Kollegen vom “Münchner Merkur” kurzerhand das Jahr 2008 in elf Ressorts gepackt und mit knapp 400 Fotos bebildert haben. Bringt, wenn alles gut geht, 400 Klicks, ohne ein einziges Mal sich Gedanken um eine richtige Geschichte (sowas nannte man früher auch “Journalismus”) machen zu müssen. Und wenn man jedes Spiel des TSV 1860 München im Bild bringt, kommt man sogar beim Thema “Das Jahr der Löwen” auf knapp 40 Bilder.

Ob Merkur-Verleger Dirk Ippen das meinte, als er davon sprach, dass sich die Branche momentan in einer unheimlich kreativen Phase befinde?

Written by cjakubetz

Dezember 30th, 2008 at 4:43 pm

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2008/2009

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Vermutlich ist es ja gar keine besondere Weisheit, jemandem zu empfehlen, den Ratschlägen von Experten, Gurus oder gar Kultfiguren mit einer gewissen Skepsis gegenüberzustehen.  Und hätte man es nicht schon vorher irgendwie geahnt, dass solche Prognosen entweder selbsterfüllende Voraussagen sind oder möglicherweise sogar einfach nur munter geratenes Zeugs, das sich bewahrheitet oder eben auch nicht, man hätte sich nur 2008 als bestes Beispiel heranziehen müssen. Selten so viele Fehleinschätzungen erlebt wie in diesem Jahr – und als Beleg dafür muss man nun wirklich nicht mehr das verwenden, was momentan an jedem gehobenen Stammtisch der Republik kursiert: Wer hat eigentlich Finanz- und Werbekrise kommen sehen? Na bitte.

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Auf der anderen Seite wird man ja das Gefühl irgendwie nicht los, dass diese Krise, die man einfach nicht sehen kommen konnte, jetzt auch ein schöner Vorwand für viele Dinge ist, die man schon gerne etwas früher gemacht hätte, sich aber nicht so richtig zu tun traute. Dass man beispielsweise bei der WAZ nicht nur 300 Stellen abbauen, sondern zudem auch noch das ganze bisherige WAZ-Modell abschaffen will, ist so eine Sache. Natürlich klingt es gleich viel überzeugender (und bedrohlicher), wenn man mit der verbalen Keule „Finanzkrise“ kommt. Man tut sich dann ein wenig schwerer mit der Gegenargumentation. Dass allerdings die WAZ und etliche andere, die jetzt über die Krise, die man sich kommen sehen konnte, lamentieren, erst von 2007 auf 2008 ziemlich rapide in diese unschöne Situation geraten sind, mag man getrost bezweifeln. Man muss ja nicht gleich von Menschen reden, die es sich zu lange zu gemütlich auf Sonnendecks eingerichtet hatten, aber kaum zu bestreiten ist, dass insbesondere in der analogen Welt sich die Alarmzeichen doch schon länger deutlich bemerkbar gemacht hatten.  So eine Krise verschärft das eine oder andere.

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Wahr ist natürlich auch, dass es bestimmte Sachen gibt, die man kaum aussprechen sollte, weil sie politisch eher unkorrekt sind. Versuchen wir es trotzdem mal: Unbestritten gibt es Redaktionen und damit verbunden Journalisten, die man mal ordentlich durchrütteln müsste. Die ihre Zeitung immer noch so machen wie sie es irgendwann mal in den glorreichen 80ern getan haben. Die in ihrer Grundhaltung immer noch meinen, Kommunikation mit  Lesern sei nicht weiter nötig und die immer noch glauben, der Hype mit diesem Interdings lege sich demnächst mal wieder. Auch 2008 habe ich mit gar nicht mal so wenigen (ansonsten durchaus geschätzten) Kollegen gesprochen, die ernsthaft argumentierten, dass ein gedrucktes Wort einfach mehr Wert und Glaubhaftigkeit habe als ein digitales. Sogar der Vorsitzende des Deutschen Journalisten Verbandes, Michael Konken, argumentierte in diese Richtung: Man sei es vom Netz ja gewohnt, dass es dort mit der Wahrheit nicht immer so weit her sei, während man vom gedruckten Medium selbstverständlich davon ausgehe, dass dort alles korrekt sei. Journalistenweisheiten 2008 – und man sollte besser nicht erwarten, 2009 würden solche extravaganten Einschätzungen weniger werden.

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Aber weil wir gerade beim Thema sind: Wie geht´s eigentlich unserer Blogosphäre? Gut, möchte man meinen. Auch wenn 2008 ein ziemlich merkwürdiges Genöle einsetzte, der Hype um die Blogs sei schon wieder vorbei und man dies daran festmachen wollte, dass die Zahl der Verlinkungen in der Bloggerwelt zurückgehe. Ach herrje, als könnte man den Stellenwert von Blogs daran festmachen, wie oft sie sich untereinander verlinken. Und schließlich könnte man das ja auch als ein Zeichen der Festigung werten: Auf dieser kleinen Seite hier habe ich auf meine Favoriten, auf diejenigen, von denen ich glaube, dass es sich lohnt, sie zu lesen, oft genug hingewiesen. Und nachdem erfreulicherweise von meinen Favoriten in diesem Jahr keiner dichtgemacht hat, muss ich ja nicht zum 17. Mal darauf verweisen, es lohne sich, bei diesem oder jenem mal vorbeizuschauen. Kein Gejammer also; im Gegenteil: Nach meinem natürlich überaus subjektiven Eindruck sind Blogs in der täglichen journalistischen Arbeit etwas, was immer selbstverständlicher wird. Seien es Journalisten, die selber welche schreiben, seien es Kollegen, die inzwischen bemerkt haben, dass man Blogs auch ganz prima zum recherchieren oder debattieren verwenden kann. Kann sein, dass es mehr schlechte als gute Blogs gibt, aber:  Man kann diese Feststellung vermutlich auch an jedem durchschnittlichen Zeitungskiosk so treffen und beim abendlichen Durchzappen durch das Fernsehprogramm sowieso.

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Weil man ja von uns gerne verlangt, dass wir mit uns und unserem Berufsstand kritisch ins Gericht gehen sollten und wir das mit einer gewissen Streitlust ja auch tun, ist es vermutlich eine naheliegende Idee, über den eigenen Tellerrand hinauszusehen und sich ein Bild davon zu machen, wie es eigentlich in anderen Branchen so zugeht. Wenn man dann also rüberschaut (und damit wiederum bei den Auslösern der ganzen Malaise dieses Jahres landet) zu den Freunden aus der Banken- und Finanzbranche, dann kann man ja dann doch wieder ganz zufrieden sein mit dem Zustand des Journalismus. Ich starre jedenfalls immer noch mit einer gewissen Ekelfaszination auf eine dummdreiste Branche, die jahrelang ein – wie es der Spiegel so treffend beschrieb – Kapitalverbrechen begeht, danach nach dem Staat und seinen Steuerzahlern schreit, sich wie selbstverständlich dann retten lässt und kein einziges Wort der Verantwortung oder des Bedauerns findet. Ein Bischof hat während seiner Weihnachtspredigt den Herrn Ackermann des Götzendienstes bezichtigt und die Erwartung geäußert, dass nie wieder ein Vorstandschef einer deutschen Bank Renditeziele von 25 Prozent ausgibt. Und wie reagiert die Deutsche Bank? Lässt miteilen, dass sie verärgert sei. Prima, da sollte sie mal außerhalb ihrer Glastürme nachfragen, wie viele Menschen über die Banken, nunja, verärgert sind. Und vielleicht stellt SAT1 ja seine Sozialschmarotzer-Soap ein und mischt sich 2009 investigativ unter die Banker. Man würde vermutlich Dinge senden können, gegen die jeder Hartz4-Betrug wie eine Lachplatte wirkt. Aber das ist wahrscheinlich ein ziemlich naiver Gedanke.

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Vorahnungen 2009: Irgendwann wird jemand mal sowas wie Web 3.0 in die Runde werfen und die Gemeinde hat endlich wieder was buzziges zu debattieren. Die Verlage werden (um den Kollegen Niggemeier zu zitieren) weiter ausprobieren, ob es im Netz nicht mit noch ein weniger Journalismus geht.

Die Bundeskanzlerin spannt auf Initiative der deutschen Zeitungsverleger einen Rettungsschirm für die deutschen Tageszeitungen.

Don Alphonso wird Co-Herausgeber der FAZ und lernt Skifahren.

ProSiebenSAT1 kauft alle noch verbliebenen europäischen Sender, stellt danach wegen rund 30 Milliarden Schulden den Sendebetrieb ein und verkauft nur noch Pharmazeutika.

Hoffenheim wird Meister. Uli Hoeneß verkauft als Konsequenz daraus den FC Bayern an Google.

Alles wird gut.

Written by cjakubetz

Dezember 28th, 2008 at 12:53 pm

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SAT1 und die Nichtmeldungen

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Man hängt ja Weihnachten tendenziell eher faul rum und so passiert es auch mal, dass man am Fernseher hängenbleibt und aus Versehen SAT 1 Nachrichten sieht. Das Vergnügen hatte ich erst zweimal, nämlich ziemlich genau da, als das Ding an den Start ging und man bei SAT 1 meinte, man werde der Tagesschau über kurz oder lang schon mal ordentlich zeigen, wo der Hammer hängt.

Nach zehn  Minuten gestern dann die Bestätigung einer Ahnung, die man schon vorher hatte: Wer am Weihnachtsabend im Eiswasser planschende Nackedeis und in Kneipen abhängende Berliner für die wichtigste Meldung hält und den Zuschauer damit geschlagene 2.30 quält, wird mit Quotenghetto nicht unter 5 Prozent bestraft.

Und ab morgen werden wieder richtige Nachrichten geschaut.

Written by cjakubetz

Dezember 26th, 2008 at 2:22 pm

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Print worst (1)

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Lustig, im untenstehenden Beitrag schrieb ich eben noch davon, dass man ja wisse, dass die PNP online nicht so wirklich gut könne.

Neu ist: Drucken können sie jetzt schon auch nicht mehr – dass es jedenfalls am Wochenende keine einzige gedruckte Zeitung gegeben hat, ist irgendwie eine völlig neue Dimension der Passauer Neuen Peinlichkeiten.

Written by cjakubetz

Dezember 20th, 2008 at 3:19 pm

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Im Schweinsgalopp durch die Medienwoche

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Via FAZ: Die Tageszeitungen in Detroit werden künftig nur noch an drei Tagen in der Woche zugestellt; an den anderen Tagen kann man sich eine ziemlich abgespeckte Version am Kiosk holen. Weitere Konsequenzen: Stellenabbau um rund 200, dazu eine verstärkte Konzentration auf die Onlineauftritte. Ähnliches hatte bereits der Christian Science Monitor gemacht: Die gedruckte Ausgabe kommt nur noch samstags als eine Art Wochenzeitung/Wochenzusammenfassunf; an den anderen Tagen kann man den CSM online lesen. Dirk Manthey schlug in Meedia.de diese Woche eine solche Lösung als neues Geschäftsmodell vor, was sich insoweit als Innovation relativiert, wenn man eben weiß, dass es schon jemanden gibt, der just dieses Modell ausprobiert. Was nichts daran ändert, dass es auch in Deutschland irgendwann demnächst mal solche Experimente geben wird (ob den Verlagen das jetzt übermäßig passt oder auch nicht). Die Frage ist lediglich: wer und wann.

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Lustig auch, dass es derzeit eine ganze Reihe Zeitungsverleger gibt, die sich selbst gegenseitig Mut- und Ideenlosigkeit vorhalten. Mein prägender Eindruck aus 2008: Zwischen Reden und Handeln herrscht in ziemlich vielen Verlagen eine ziemlich große Diskrepanz.

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Scoop des Tages: Der Datenskandal bei der LBB wurde anscheinend von zwei hungrigen Kurierfahrern ausgelöst. Die hatten Hunger auf Stollen, der eigentlich für die Frankfurter Rundschau bestimmt war. Stattdessen bekamen die Kollegen Kreditkartendaten. Investigativer Journalismus der ganz anderen Sorte. Die Aufregung ist mir eh nicht ganz klar: Ich kenne Banken, die senden ganze Kundenstammblätter einschließlich der Kontostände per Fax durch die Gegend. Die landen dann nicht immer da, wo sie landen sollten. Wäre an sich größerer Recherche wert, interessiert nur im Zeitalter der Milliardenverluste und der gezielten Telekomspitzeleien keine alte Sau. Für mich trotzdem ein Beleg, dass Banken mit Daten schon immer sehr salopp umgegangen sind, auch wenn die zuständige Pressestelle von einem “Einzelfall” spricht (wie nicht anders zu erwarten).

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Natürlich hätte es auch wieder Ulkiges aus der Reihe “Online worst” gegeben. Verzichtet habe ich deswegen darauf, weil es für die geneigte Leserschaft irgendwann eher langweilig wird, immer wieder dem gleichen Dilletieren zuzusehen. Dass sie online nicht wirklich gut können in Passau, ist zur Genüge rübergekommen. Und sofern sie nicht wieder ganz atemeraubende Dinge anstellen, soll es das erst einmal mit “Online worst” gewesen sein.

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Und wenn Sie demnächst noch alle Kollegen bei ProSiebenSAT1 und die dazugehörigen Stellen richtig zuordnen können: Glückwunsch!

Written by cjakubetz

Dezember 20th, 2008 at 3:17 pm

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Zeitungslamento

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Krisen bewirken neben vielen anderen Dingen auch und vor allem eines: Sie beschleunigen den Niedergang schwächelnder Branchen nochmal, schrieb die SZ in diesen Tagen. Die Kollegen der Süddeutschen führten die Finanzbranche und die Autobranche als Beispiel an – und vergaßen darüber, noch eine weitere anzuführen: Zeitungen.

Schaut man sich aktuell das Lamento des durchschnittlichen deutschen Verlagshauses an, stellt man in erster Linie eines fest: Es ist heftiger geworden, das Lamento. Das, was vor kurzem noch als “Print lebt!”-Pfeifen-im Walde rüberkam, ist jetzt ziemlich düsterer Selbsterkenntnis gewichen: “Wir erleben keine Krise, sondern eine beängstigende Talfahrt und versuchen alle, vorläufig ziemlich hilflos, irgendwie gegenzusteuern,” lässt sich beispielsweise Alfred Neven Du Mont im Magazin Cicero zitieren; während andere schon mitten drin stecken in der Krisenbewältigung. Wundern muss man sich trotzdem: Sind die aktuellen Krisenpropheten nicht bevorzugt jene, die noch vor Jahresfrist Nationale Printinitiativen geggründet und Kampagnen wie “Print wirkt” gekleistert haben? Und diejenigen, die zwar schon seit Jahren immer wieder davon hören, dass man irgendwie was mit Online machen müsse, wolle man überlebensfähig bleiben, dennoch aber ihre Onlineredaktionen mit vier oder fünf Leuten vor sich hindümpeln lassen? Diejenigen, die einen Feuilletonisten im gedruckten Blatt innerlich immer noch für deutlich wichtiger halten als den Ressortleiter Online?

Und schließlich: auch diejenigen, die Ende 2008 immer noch nicht begriffen haben, wie dieses merkwürdige Internet üerhaupt tickt?

Written by cjakubetz

Dezember 18th, 2008 at 6:37 pm

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Not zwitschering

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Seit ein paar Wochen komme ich mir ziemlich alt und etwas rückständig vor. Das mag zum Teil damit zusammenhängen, dass ich ziemlich alt und etwas rückständig bin. Zum anderen aber auch damit, dass ich – ja, zugegeben – dass ich nicht twittere. So. Jetzt isses raus und Sie dürfen faule Eier werfen. Ein Blogger, der nicht twittert! Ein Journalist, der nicht twittert! Ein begeisterter und bekennender Onliner, der nicht twittert!

Ich geb´s ja zu: Ich hab´s mir eine ganze Zeit angeschaut, wer und was so alles twittert, habe viele kluge Analysen gelesen und mir von Sascha Lobo in der SZ erklären lassen, warum dieses Mikro-Blogging die Zukunft von ungefähr aller Kommunikation ist. Ich habe die Debatte zwischen Thomas Knüwer und seinem Handelsblatt-Kollegen vor allem unter der Perspektive verfolgt, dass twittern uns als Journalisten echt weiterbringt und ich habe einige Twitter-Feeds gelesen und mich wirklich bemüht, es richtig klasse zu finden, wenn mir einer auf 140 Zeichen mitteilt, dass er gerade im Zug sitzt und aus dem Fenster schaut. Vergebens, alles vergebens.

Vor kurzem war ich eingeladen beim Journalistentag in Bochum. Und da wurde auch ganz viel getwittert, wenn ich das der Verbandszeitschrift der DJV-NRW richtig entnehme. Eine Besucherin beispielsweise twitterte, dass sie es schade fände, dass auf “meinem” Panel Frank Syré kurzfristig abgesagt habe und nicht dabei sei. Ich fand das natürlich auch schade, versuchte mir aber vorzustellen, wie es gewesen wäre, wenn ich als normaler Gast dort gewesen wäre und mir dann jemand per Twitter mitgeteilt hätte: Schade, dass Frank Syré nicht dabei ist. Oder: Im Forum Ost beginnt jetzt das Panel XY. Hm.

Ich weiß zwar nicht, wie ich meinen Arbeitsalltag künftig ohne Twitter bewältige und ob mich überhaupt nochmal jemand auf ein Panel einlädt; jetzt, wo es raus ist. Aber ehrlich gesagt: Manche Dinge sind einfach nur Gimmicks. Und werden es auch immer bleiben. Es rauscht und zwitschert  soviel in meiner Umgebung, man könnte es auch ein mediales Grundzwitschern nennen – da verzichte ich  ziemlich gerne auf noch einen 140-Zeichen-Kanal. Ein bisschen Ruhe kann ja auch was für sich haben.

Written by cjakubetz

Dezember 16th, 2008 at 10:42 am

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Online worst (22) – oder: Print first!

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Vielleicht muss man sich das so vorstellen: Da sitzt ein bedauernswerter, diensthabender Praktikant am Samstagabend in der Online-Redaktion der PNP; ziemlich alleine in einem riesigen Redaktionsgebäude in der Passauer Peripherie. Außer ein paar Wildschweinen am Waldrand: gähnende Leere. Zeitungsleute arbeiten samstags nicht und irgendwann in einer freien Minute fragt sich der diensthabende Praktikant, warum zur Hölle ausgerechnet er online machen muss, während die anderen “Sportschau” und anschließend “Wetten, dass…” schauen können. Lustlos hämmert er die eine oder andere Meldung vor sich hin, ziemlich unbeeindruckt davon, dass er auf eine beträchtliche Fehlerquote in seinen Texten kommt. Sch…Online-Wochenenddienst brummelt er vor sich hin, als er, kurz vor Feierabend, noch eine Meldung auf den Schirm bekommt: Vermutlich ein Neonazi hat einen Mordanschlag auf den Passauer Polizeichef verübt; der Polizist schwebt in Lebensgefahr. Schöner Mist, flucht er, wird´s wieder nix mit dem gemütlichen Samstag abend.

Aber dann kommt ihm die rettende Idee: Da ist doch dieses Sonntagsblatt, das von unserem Verlag auch noch rausgegeben wird. Und hieß es bei der PNP nicht schon seit jeher: Print first!? Na also. Ein Anruf zum Sonntagsblättchen: “Habt ihr die Geschichte? Ach, und ihr habt die morgen schon…? Ja, super. Dann schreib ich das mal. Nee, verlinken kann ich nicht, aber ich schreib´s rein, dass die Leute halt bei euch nachschauen sollen. Weiter recherchieren…? Nee, du, ich hab jetzt echt keinen Bock mehr, bin verabredet. Merkt doch eh keiner im Haus, was wir online machen, pfiad di nachhad.”

Glück gehabt, denkt sich der Wochenenddienst-Praktikant am nächsten Tag. Die Kollegen vom Sonntagsblatt (das zwar nur in einem Teil des Verbreitungsgebietes erscheint, aber wen stört das schon) haben Wort gehalten. Und nicht nur das – sie haben die Verlagsdevise “Print first” richtig toll beherzigt:

Gut gelaunt setzt sich der Wochenenddienst-Praktikant an seinen Rechner, stolz darauf, diese leidige Geschichte so elegant abgebügelt zu haben.  Ein wenig aber wird ihm dann aber beim Sonntagmorgensurfen doch mulmig:

Puh, denkt er sich nach einem kurzen Moment des Erschreckens, gut, dass ich so souverän den Traffic an die “Am Sonntag” abgegeben habe. Kann ja keiner ahnen, dass sie bei Spiegel, Focus, Bild, Tagesschau schon am Sonntag morgen arbeiten. Komisch, denkt er weiter und lässt seinen Blick durch das Passauer Verlagsgebäude schweifen, hier ist doch auch noch kein Mensch. Die sind ja merkwürdig drauf in ihrem Hamburg und München, grummelt er, mit sich und der PNP-Welt wieder zufrieden – und macht sich daran, die nächsten Meldungen des Tages abzuarbeiten. Die Jungfeuerwehr, denkt er sich, um Himmels willen, die Jungfeuerwehr – die hätt´ich in der Aufregung doch jetzt glatt beinahe vergessen…

Update, 14.19 Uhr: Inzwischen ist die Geschichte bei nahezu allen ernstzunehmenden Onlinemedien die Aufmachergeschichte, ebenso wie im BR. Die PNP hat sich inzwischen dazu bequemt, die Geschichte der Kollegen von “Am Sonntag” online zu stellen – mit dem bizarren Rubrikentitel “Im regionalen Fokus”. Da redet also der Innenminister von einer “völlig neuen Dimension rechtsradikaler Verbrechen”; Medien in ganz Deutschland machen die Geschichte auf – und die PNP nennt das “Im regionalen Fokus”. Keine Zeile journalistischer Initiative oder Eigenleistung, keine Idee, kein Esprit, kein gar nichts.

Ziemlich obskur auch, was man da online gestellt hat, ohne es sich vorher vielleicht mal durchzulesen: Eine Großfahndung sei bis Redaktionsschluss um Mitternacht (!) ohne Erfolg geblieben. Dass inzwischen der Innenminister in Passau war, liest man überall – nur in der PNP nicht.

Man darf gespannt sein, ob Verlagsberater Kollböck in seinem geheimnisumwitterten Konzept auch eine Zeile zum Thema “Neue Medien” hat (ich fürchte: eher nicht).

Eine Redaktion kapituliert vor dem Journalismus. Und so lange das so ist, sollte man die PNP journalistisch vielleicht einfach nicht ernst nehmen.

Written by cjakubetz

Dezember 14th, 2008 at 11:49 am

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Online worst (21) – und ein paar grundsätzliche Anmerkungen

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“Christbaum am Stadtplatzm abgefackelt. (…) Licherloh brannte die stattlliche Fichte vor dem Alten Rathaus. (…) Die Kriminaslpolizei nahm die Ermitlungen auf. (…) ” (via Kommentare)

Man muss das erstmal fertigbringen: In einer Meldung von sechs Zeilen finden sich vier Schlampigkeitsfehler und zudem eine falsche Bezeichnung der eigenen berichtenden Lokalausgabe (für Nichtbayern: dass ein Christbaumbrand in Deggendorf in der Lokalausgabe Altötting Erwähnung findet, ist ziemlich unwahrscheinlich). Man mag es pingelig finden, insbesondere von jemanden wie mir, der auf dieser kleinen Seite eine beträchtliche Quote von Tippfehlern reinhaut, aber bei Meldungen wie diesen geht es nicht um die kleinen und vermutlich alltäglichen Schusseleien des Arbeitslebens. Hier geht es um den elenden Stellenwert, den Verlagshäuser häufig ihren Onlineangeboten zumessen (und das ist sicher kein Passauer Phänomen). Letztlich zeigt es, wie hoffnungslos egal vielen Zeitungshäusern ihre Webseiten sind.

Ich fürchte ernsthaft, dass dies einer ziemlich merkwürdigen verinnerlichten Haltung geschuldet ist: dass man nämlich glaubt, der Leser habe für Onlinejournalismus nicht den gleichen Anspruch auf eine gewisse Form von Qualität (und wenn es nur Meldungen sind, die weitgehend in korrekter Rechtschreibung verfasst sind). Weil das, was man da anbietet, ja nichts kostet. Weil es ja nicht “die Zeitung”, sondern eben nur Internet ist. Man kann sich zwar nur schwerlich vorstellen, dass es solche Gedanken gibt, aber wenn ich etliche Gespräche mit Zeitungsleuten Revue passieren lasse, denke ich mir: doch, das gibt es. Zumal ich, im Umkehrschluss, ziemlich sicher weiß, dass im gleichen Haus Redakteure der Printausgabe für weitaus harmlosere Tippfehler schriftliche Abmahnungen kassiert haben oder versetzt wurden. Der Kahlschlag in der Passauer Stadtredaktion ist dafür nur ein kleiner Beleg. Was hätte man eigentlich mit der Truppe angestellt, wenn sie ähnlich ulkig über brennende Christbäume berichtet hätte? Online zählt das alles nicht, zumindest nicht in den Köpfen von Zeitungsmenschen.

Nun darf ja jeder strategisch und finanziell entscheiden, was er mag. Und wenn jemand es für richtig hält, in seine Onlineaktivitäten weder Geld noch ein paar Stunden halbwegs angestrengten Nachdenkens zu investieren, auch recht. Völlig unklar ist aber, warum sich dann diejenigen, die sich dafür entscheiden, Onlinejournalismus schlichtweg nicht stattfinden zu lassen, darüber wundern, dass man ihren Online-”Journalismus” nicht beachtet, nicht ernst nimmt – und dass sich mit dieser Form des Publizierens letztendlich auch kein Geld verdienen lässt.

Ob jemand in der PNP´s dieser Welt auch schon mal darüber nachgedacht hat, dass möglicherweise ja auch ein Umkehrschluss möglich ist? Dass ein junger Leser, der sich erstmal online an Medien herantastet und seine ersten Kontakte mit der Zeitung gar nicht gedruckt, sondern auf dem Schirm hat, keine sonderliche Lust verspürt, die offensichtlich vorhandene journalistische Lustlosigkeit jetzt auch noch gedruckt zu lesen? Dass er also möglicherweise sein eher nicht so gutes Bild, dass er von der Onlineausgabe hat, gleich auf die gedruckte Variante mit überträgt? Damit wird man in Zukunft allerdings rechnen müssen: der Weg führt nicht nur von A nach B, sondern auch von B nach A. Funktioniert allerdings nur, wenn man bei B wenigstens halbwegs einen Anreiz bietet, auch mal nach A zu schauen.

Wenn B erstmal durch eine Reihe hanebüchener Fehler auffällt, wird das allerdings kaum jemand tun.

(Und aus gegebenem Anlass auch nochmal der Hinweis auf ein schon paar Wochen alte, dennoch aber nach Lektüre brennender PNP-Christbäume umso lesenswertere grundsätzliche Ausführungen zum Zustand des Onlinejournalismus).

Written by cjakubetz

Dezember 13th, 2008 at 2:00 pm

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