Archive for Dezember 14th, 2008
Online worst (22) – oder: Print first!
Vielleicht muss man sich das so vorstellen: Da sitzt ein bedauernswerter, diensthabender Praktikant am Samstagabend in der Online-Redaktion der PNP; ziemlich alleine in einem riesigen Redaktionsgebäude in der Passauer Peripherie. Außer ein paar Wildschweinen am Waldrand: gähnende Leere. Zeitungsleute arbeiten samstags nicht und irgendwann in einer freien Minute fragt sich der diensthabende Praktikant, warum zur Hölle ausgerechnet er online machen muss, während die anderen “Sportschau” und anschließend “Wetten, dass…” schauen können. Lustlos hämmert er die eine oder andere Meldung vor sich hin, ziemlich unbeeindruckt davon, dass er auf eine beträchtliche Fehlerquote in seinen Texten kommt. Sch…Online-Wochenenddienst brummelt er vor sich hin, als er, kurz vor Feierabend, noch eine Meldung auf den Schirm bekommt: Vermutlich ein Neonazi hat einen Mordanschlag auf den Passauer Polizeichef verübt; der Polizist schwebt in Lebensgefahr. Schöner Mist, flucht er, wird´s wieder nix mit dem gemütlichen Samstag abend.
Aber dann kommt ihm die rettende Idee: Da ist doch dieses Sonntagsblatt, das von unserem Verlag auch noch rausgegeben wird. Und hieß es bei der PNP nicht schon seit jeher: Print first!? Na also. Ein Anruf zum Sonntagsblättchen: “Habt ihr die Geschichte? Ach, und ihr habt die morgen schon…? Ja, super. Dann schreib ich das mal. Nee, verlinken kann ich nicht, aber ich schreib´s rein, dass die Leute halt bei euch nachschauen sollen. Weiter recherchieren…? Nee, du, ich hab jetzt echt keinen Bock mehr, bin verabredet. Merkt doch eh keiner im Haus, was wir online machen, pfiad di nachhad.”
Glück gehabt, denkt sich der Wochenenddienst-Praktikant am nächsten Tag. Die Kollegen vom Sonntagsblatt (das zwar nur in einem Teil des Verbreitungsgebietes erscheint, aber wen stört das schon) haben Wort gehalten. Und nicht nur das – sie haben die Verlagsdevise “Print first” richtig toll beherzigt:
Gut gelaunt setzt sich der Wochenenddienst-Praktikant an seinen Rechner, stolz darauf, diese leidige Geschichte so elegant abgebügelt zu haben. Ein wenig aber wird ihm dann aber beim Sonntagmorgensurfen doch mulmig:
Puh, denkt er sich nach einem kurzen Moment des Erschreckens, gut, dass ich so souverän den Traffic an die “Am Sonntag” abgegeben habe. Kann ja keiner ahnen, dass sie bei Spiegel, Focus, Bild, Tagesschau schon am Sonntag morgen arbeiten. Komisch, denkt er weiter und lässt seinen Blick durch das Passauer Verlagsgebäude schweifen, hier ist doch auch noch kein Mensch. Die sind ja merkwürdig drauf in ihrem Hamburg und München, grummelt er, mit sich und der PNP-Welt wieder zufrieden – und macht sich daran, die nächsten Meldungen des Tages abzuarbeiten. Die Jungfeuerwehr, denkt er sich, um Himmels willen, die Jungfeuerwehr – die hätt´ich in der Aufregung doch jetzt glatt beinahe vergessen…
Update, 14.19 Uhr: Inzwischen ist die Geschichte bei nahezu allen ernstzunehmenden Onlinemedien die Aufmachergeschichte, ebenso wie im BR. Die PNP hat sich inzwischen dazu bequemt, die Geschichte der Kollegen von “Am Sonntag” online zu stellen – mit dem bizarren Rubrikentitel “Im regionalen Fokus”. Da redet also der Innenminister von einer “völlig neuen Dimension rechtsradikaler Verbrechen”; Medien in ganz Deutschland machen die Geschichte auf – und die PNP nennt das “Im regionalen Fokus”. Keine Zeile journalistischer Initiative oder Eigenleistung, keine Idee, kein Esprit, kein gar nichts.
Ziemlich obskur auch, was man da online gestellt hat, ohne es sich vorher vielleicht mal durchzulesen: Eine Großfahndung sei bis Redaktionsschluss um Mitternacht (!) ohne Erfolg geblieben. Dass inzwischen der Innenminister in Passau war, liest man überall – nur in der PNP nicht.
Man darf gespannt sein, ob Verlagsberater Kollböck in seinem geheimnisumwitterten Konzept auch eine Zeile zum Thema “Neue Medien” hat (ich fürchte: eher nicht).
Eine Redaktion kapituliert vor dem Journalismus. Und so lange das so ist, sollte man die PNP journalistisch vielleicht einfach nicht ernst nehmen.







