Archive for Februar, 2009
Passau, ein Lehrstück
Die letzten Wochen in Passau waren ein Lehrstück. Eines, das die Gründe dafür aufgezeigt hat, warum unsere schöne alte Medienwelt, wie wir Ältere sie noch kannten, so krachend zusammengestürzt ist und warum man momentan unter den rauchenden Trümmern noch nicht so recht erkennen kann, wie diejenigen, die darunter begraben wurden, wieder da rauskommen wollen. Sieht man von einigen Passauer Spezifika ab, könnte man die Geschichte jedem Studenten als wunderbares Fallbeispiel auf den Tisch legen.
Zuerst einmal das (vorläufige) Ende der Geschichte: Die beiden Betriebsräte, die vergangene Woche in ziemlich handfesten Verhandlungen mit der PNP-Gesschäftsführerin Simone Tucci-Diekmann dafür sorgten, dass sie ihren, nunja, etwas fantasielosen Plan der betriebsbedingten Kündigungen aufgeben musste, durften sich am Donnerstag in Passau bei einer Veranstaltung des BJV mit stehenden Ovationen feiern lassen, verdientermaßen übrigens. Von 136 Redakteuren der PNP waren nach BJV-Angaben über 100 gekommen und insgesamt verfügt der BJV jetzt über einen Organisationgrad von rund 80 Prozent in der PNP. Und das, ganz ohne irgendetwas selbst dafür zu tun zu müssen. Glückwunsch, Frau Tucci-Diekmann, der erste Erfolg ihrer Strategie…
Strategie? Was die PNP-Verlegerin in den letzten Wochen anrichtete, war in erster Linie ein kommunikatives Großdesaster und zweitens Ausdruck eines etwas merkwürdigen Weltbildes. Ein Kommunikationsdesaster war es, weil die PNP-Alleinherrscherin das bemerkenswerte Kunststück hinbekam, mit ihren geplanten Stellenkürzungen viel stärker in die Negativschlagzeilen zu geraten als beispielsweise eine WAZ, die aktuell eine beträchtlich größere Zahl von Redakteuren vor die Tür setzt, als es die PNP jemals vorhatte. Der Unterschied zwischen Passau und Essen: Die WAZ kommunizierte von Anfang an halbwegs offen, gründete ein eigenes Blog und legte dar, was sie vorhat. Das hilft im Einzelfall einem von Kündigung betroffenen Redakteur nicht wirklich weiter, sorgt aber wenigstens für eine gewisse Transparenz und für das Gefühl, in einem unschönen Prozess halbwegs ernst genommen zu werden. Frau Diekmann hingegen ließ die Axt ankündigungslos und dafür umso schmerzhafter kreisen. Passaus Lokalredaktion ohne Vorwarnung zerschlagen, danach den Chefredakteur kurzerhand gefeuert und dann die Ankündigung en passant, 8 Redakteure “betriebsbedingt” entlassen zu wollen und weiteren 12 die Verträge nicht mehr zu verlängern – wer sich dann noch wundert, dass man ihm weder Sympathien noch Verständnis entgegenbringt, muss schon mit einem strafbaren Maß an Weltfremdheit ausgestattet sein.
Was uns zum Thema Weltbild und potenziellen Veränderungen desselben bringt. Die (falsche) Meinung der Verlegerin, diese Nummer unbemerkt und ohne weiteren Widerstand durchziehen zu können, entspringt einer Vorgeschichte, die zum einen verständlich macht, woher ihr Weltbild kommt und wie Zeitungs-Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten vielerorts strukturiert war. Die PNP und die sie domierenden Verlegerfamilien Kapfinger/Diekmann waren über Jahrzehnte publizistische Alleinherrscher einer ganzen Region. Zeitung, Radio, TV, Online, Wochenblätter; kaum ein Bereich, auf den die Familie keinen Zugriff gehabt hätte (und immer noch hat). Wer als Journalist in Niederbayern arbeiten wollte, kam am Diekmann-Imperium nicht vorbei und wer es sich mit dem Wohlwollen des Imperiums in Niederbayern verscherzte, war zumindest in Niederbayern schlichtweg erledigt. Muss man sich dann wundern, wenn das in Selbstüberschätzung endet, wenn man über Jahrzehnte hofiert wird, wenn man zu Ehrenbürgern ernannt wird, Straßen nach der Familie benannt werden und man sich Fußballklubs und Königinnen mal eben kaufen und einladen kann? Und ist es ein Wunder, wenn man so wird, wenn man die paar potenziellen Gegner, die man sich gemacht hat, einfach über Jahre hinweg totschweigt, wie man es mit dem “Scharfrichterhaus” in Passau über Jahre hinweg tat?
Man muss vermutlich wirklich glauben, dass die Verlegerin insgeheim baff erstaunt ist, dass jemand wie ihr Ex-Redakteur Hubert Denk und sein “Bürgerblick” ein solches Sperrfeuer entfachen kann, dass Öffentlichkeit hergestellt und die Vorgänge in der PNP zum Thema werden. Und dass der BR es wagt, die Teilnahme an PNP-Veranstaltungen abzusagen und zweimal in seinem Medienmagazin über die PNP wenig wohlwollend zu berichten (u.a. wieder am Sonntag, 15.2.). Das hat – nicht nur, aber auch – mit der Digitalisierung zu tun und damit, dass man keine teuren Produktionsmittel mehr braucht, um zu publizieren. Hubert Denk brauchte einen kleinen Server und ein wenig Software, um dem Zeitungsriesen Paroli zu bieten.
Das werden die PNP und auch einige andere Riesen erst noch kapieren müssen: Die Zeiten des Monopols sind potenziell vorbei. Das ist vor allem dann ein Problem, wenn, wie im Fall PNP, die Monopolstellung für viele Leser de facto der einzige Grund ist, das Blatt zu lesen.
Das schließlich sind dann auch die kleinen Wermutstropfen, die in den Freudenbecher der Belegschaft in Passau jetzt fallen. Die Probleme sind aufgeschoben, aber nicht aufgehoben. Die betriebsbedingten Kündigungen sind erst einmal vom Tisch, aber Stellenabbau wird es dennoch geben. Ein Stellenabbau, der vor allem die Lokalredaktionen und damit die Kernkompetenz des Blattes treffen. Es ist keine allzu gewagte Prognose, dass auch der Auflagenverlust der PNP (und vieler anderer Regionalzeitungen auch) weitergehen wird. Diese Art des Journalismus ist ziemlich am Ende. Warum, das stand hier und vielen anderen Blogs so oft zu lesen, dass es müßig ist, die Gründe wieder und wieder zu wiederholen.
Ruben Cossani
Ich würde mir übrigens wünschen, dass heute abend beim Bundesvision Song Contest bei Herrn Raab diese Jungs hier gewinnen, weil sie die momentan orginellste deutsche Kapelle sind.
Und weil ich die ganzen kleinen Möchtegern-Gangstas und neudeutschen Mädchennölen irgendwie nicht ertragen kann.
Mein ja nur.
Besucherzahlen
Achja, eines noch, was ganz spannend ist (und dann ist für heute auch mal wieder gut mit dem Thema PNP): Also, liebe PNP, wenn du so im Ansatz eine Ahnung hättest, wie viele Leute gestern auf dieser Seite alleine schon durch die Links beim Bürgerblick und bei mediendenk.com hierhergekommen sind, wenn ich dann noch die eigenen Besucher zähle und die RSS-Feeds und all diejenigen, die aus Gründen, die wohl nur sie kennen, lieber übrs iPhone statt dem normalen Rechner hier landen, wenn ich dann noch die kumulierten Besucherzahlen beim Kollegen Hubert Denk so nehme und dann das alles zusammezähle, meine Lieben, glaubt mir: Dann kommen wir auf Besucherzahlen, über die sich pnp.de freuen würde.
Was schön für uns, aber ganz bestimmt kein gutes Zeichen für pnp.de ist.
Anzeigen-Einbrüche
Natürlich ist die PNP nicht alleine mit ihren Sorgen und natürlich kann man für die Entwicklungen der letzten Monate dem Management in den Zeitungen nicht alleine die Schuld geben, nicht mal Frau Tucci-Diekmann. Unbestritten ist, dass die Märkte für Stellenanzeigen und für Immobilenangebote massiv eingebrochen sind und sich das kurzfristig auf der Erlösseite eher unangenehm bemerkbar macht. Trotzdem, zur Generalabsolution taugt das nicht. Wenn eine langfristige Strategie fehlt, tun kurzfristige Negativentwicklungen umso mehr weh. Dass speziell Rubrikenmärkte mittelfristig kaum in den Zeitungen zu halten sein werden, predigt ein von mir über die Maßen geschätzter Kollege (kein Journalist!) bei unseren gemeinsamen Veranstaltungen an der DJS schon seit Jahren. Und dass es eben nicht mehr reicht, eine Zeitung mit abgedockten Online-Irgendwas zu machen, ich dachte eigentlich, dass diese Feststellung so sehr banales Allgemeingut sei, dass man es schon gar nicht mehr aussprechen darf. Aber ganz offensichtlich geht die Schere in den Medien immer weiter auseinander: Die einen reden von Twittern und anderem Digitalkram, die anderen lernen gerade unter Schmerzen, dass analog tot ist. (Mehr dazu: hier)
BJV droht der PNP
Die Krise bei der PNP weitet sich aus: Nun droht der Bayerische Journalistenverband der Verlegerin Simone Tucci-Diekmann offen mit Widerstand gegen den geplanten Kahlschlag in der Redaktion. Denn betroffen sollen nunmehr nicht nur acht Kollegen sein, die betriebsbedingte Kündigungen erhalten. Zudem werden auch befristete Verträge nicht verlängert, so dass nach Auffassung des BJV insgesamt 20 Stellen zur Disposition stehen. Damit wäre auch das Argument der Verlegerin hinfällig, es handle sich dabei “nur” um sechs Prozent des redaktionellen Personals. Rechtlich gesehen ist die Sache einfach: Betriebsbedingte Kündigungen müssen zwar begründet werden – beispielsweise mit dem Wegfall einer Abteilung oder eben einer wirtschaftlichen Schieflage – gestreikt werden darf jedoch deswegen noch nicht. Wohl aber kann der Verband auf Aktionen zurückgreifen, wenn es in die Verhandlungen um einen neuen Haustarif geht. Dass Frau Tucci-Diekmann wieder in die Tarifbindung zurückkehrt, steht absolut nicht zu erwarten.
PNP stärkt Lokaljournalismus durch Rauswurf von Lokalredakteuren
Die Passauer Neue Presse mit ihrer Geschäftsführerin Simone Tucci-Diekmann und ihrem Chefberater Rudolf Kollböck hat jetzt ein verblüffendes Rezept zur avisierten Stärkung des Lokaljournalismus entdeckt. Und das geht so: Man verzichtet (vorläufig) auf den bisher geplanten Kahlschlag in der Mantelredaktion – und entlässt stattdessen acht Lokalredakteure. Das bedeutet quasi, dass der Mantel mit all seinen hübschen dpa-Geschichten den Lokalredakteuren mehr als bisher schon den Rücken freihält, um saubere, spannende und möglichst exklusive Geschichten zu recherchieren. Das Gedränge in den Lokalredaktionen ist dann auch nicht mehr so groß, der Geräuschpegel sinkt, kurzum: Künftig finden die verbliebenen Lokalredakteure dann ideale Bedingungen vor, um richtig Qualität zu liefern!
Im Ernst: Das wirkt natürlich bizarr, wenn man als Lokalzeitung die Lokalredaktionen rasiert und den Mantel unangetastet lässt. An die Rückbesinnung auf das Lokale kann man angesichts dessen nur ziemlich schwer glauben, viel mehr zeigt diese (vorläufige) Entscheidung wieder einmal, wo die Verleger der PNP ihre Prioritäten sehen: In irgendwelchen Kanzlerinneninterviews, die morgens um 5 in den Frühnachrichten des BR zitiert werden, in einem Feuilleton, das in etwa so prickelt wie abgestandener Sekt – und natürlich in der wundervollen Reihe “Menschen in Europa”, die das Haus so viel Geld gekostet hat, das man mit ihm die jetzt gefeuerten Redakteure lange beschäftigen könnte. Aber mit den Redakteuren lassen sich natürlich nicht so hübsche Bilder machen und Vaclav Havel würde es bestimmt immer noch als einen der Höhepunkte seines Lebens bezeichnen, in Passau einen echten “Menschen-in-Europa-Award” erhalten zu haben. Gespant darf man dann auch schon sein, was man bei einer der nächsten Veranstaltungen so zum Thema “Moral und Ethik in der Wirtschaft” zu sagen haben wird, 2008 klang das ja schon wirklich beeindruckend.
Was gibt es sonst zu sagen? Wenn tatsächlich der PNP Anzeigen in einer Größenordnung von einer halben Million weggebrochen sind, hat das vermutlich eine Reihe von Gründen; einer davon ist sicher sinkende Auflage mit der damit verbundenen sinkenden Reichweite und der sinkenden Relevanz. Dagegen geht man nun an, in dem man potenziell die Auflage und die Reichweite und die Relevanz noch weiter sinken lässt.
Aber natürlich hat das nunmehr geplante Vorgehen auch einen anderen, viel banaleren HIntergrund: Die Lokalredakteure sitzen allesamt in den ausgegliederten Mini-GmbHs und sind, obwohl sie möglicherweise davor schon viele Jahre bei der früheren Neuen Presse Verlags-GmbH gearbeitet haben, arbeitsrechtlich viel leichter rauszukriegen als jemand, der schon seit 20 Jahren bei der NPV sitzt. Die Schlagkraft hat man damals mit dem diesem Konstrukt tatsächlich gestärkt – allerdings nur die der Verleger.
(Mehr wie immer bei den Kollegen vom Passauer Bürgerblick)
Ausgezoomt
Eigentlich muss man ja froh sein, dass es Zoomer demnächst nicht mehr geben wird. Natürlich ist das für die Leute, die dort arbeiten, bitter; man wünscht das wirklich niemandem, seinen Job zu verlieren. Aber das Zoomer-Ende gibt dann vielleicht doch wieder etwas Anlass zu der vermutlich etwas naiven Hoffnung, dass es bei journalistisch getriebenen Angeboten in erster Linie dann doch um Journalismus gehen könnte. Und nicht um irgendwelche Gimmicks und pseudo-innovative Spielereien. Zoomer war, mit Verlaub, inhaltlich entsetzlicher Müll, selbst dann, wenn man zugrunde legt, dass sich eine junge Zielgruppe möglicherweise für ganz andere Dinge interessiert als, sagen wir, Don Alphonsos Ausführungen in der FAZ zu den Problemen mittelreicher Leute. Die Themenauswahl von Zoomer war durchgehend abenteuerlich; die Geschichten schlecht und meistens fehlerbehaftet geschrieben.
Erstaunlich fand ich dabei immer, dass ein etabliertes und großes Haus wie Holtzbrinck offensichtlich nie begriffen hat, dass ein junges und onlineaffines Publikum nicht automatisch am Rande der Verblödung stehen muss. jetzt.de oder Neon zeigen doch regelmäßig, dass man auch für diese Zielgruppe Angebote machen kann, die sich nicht mit der typischen dpa-Nachrichtenagenda beschäftigen, dennoch aber trotzdem ein Lebensgefühl treffen, nicht anbiedernd sind und durchgehend so etwas wie Intelligenz versprühen. Zoomer war einfach nur irgendwie doof.
Und an Wickerts Stelle würde ich darauf bestehen, dass alle seine missratenen Videobloggerversuche auf der Stelle von allen Servern gelöscht werden.
Die PNP-Bankrotterklärung
Gelegentliche Wechsel in der Führung einer Redaktion seien ganz normal, hieß es im Dezember. Man organisiere sich mit Hilfe eines externen Beraters neu, hieß es danach; man entwickle ein neues redaktionelles Konzept und richte sich auch inhaltlich neu aus: mehr Lokales, weniger Bundespolitik. Das alles wurde in den letzten Monaten zur Begründung der Erschütterungen bei der Passauer Neue Presse genannt – und wer (dazu zählt sich diese kleine Seite hier auch) dies nicht nur hinterfragte, sondern anderes behauptete, wurde kurzerhand in die Ecke derer gestellt, die Unwahrheiten formulieren (in dem Zusammenhang, manche leiden da echt am Stockholm-Syndrom). Nicht reagieren, nicht antworten; stattdessen: beschwichtigen. Seit spätestens Freitag nachmittag dürften allerdings auch die Letzten in Passau begriffen haben, was mit Ihnen gespielt wurde. Denn das neue Redaktionskonzept Marke Diekmann/Kollböck heißt: Leute rausschmeißen. Sicher ist, dass die PNP Leute vor die Tür setzen wird; streiten kann man sich ganz prima und mithilfe mathematischer Kniffe auch sehr ausdauernd, wie viele es sein werden. Um die sechs Prozent, so sagt die Geschäftsführung. Über alle Redaktionsteile hinweg gerechnet 20 Prozent, haben andere ausgerechnet. Am Montag werden die Kollegen in den Redaktionen erfahren, ob sie dabei sind oder eben nicht. Ausrechnen können sie es sich bereits relativ leicht. Nachdem es zu betriebsbedingten Kündigungen kommen wird, greift die Sozialauswahl – was kurz gefasst bedeutet: Wer jung ist und noch nicht so lange dabei und möglicherweise ledig und kinderlos, hat verdammt schlechte Karten.
Kurz gesagt: Man hat euch belogen, Freunde.
Eine erste Ahnung konnte man bekommen, als Verlegerin Simone Tucci-Diekmann am Mittwoch in der SZ zwei bemerkenswerte Sätze sagte; zwei Sätze, die, wenn man den Zustand der PNP kennt, verräterisch waren: Man versuche, die Leute zu halten und den Betrieb aufrechtzuerhalten, solange es gehe, sagte sie dort. Und: “Ich mache nichts Unüberlegtes.” Was richtig ist; denn dieser Kahlschlag, der jetzt kommt, ist nicht das Resultat einer Entwicklung der letzten Wochen. Die “Überlegung”, den Laden einzudampfen, gab es schon länger. Hallo, wer glaubt eigentlich im Ernst, dass die Gründung von lauter Klein-GmbHs und die Auslagerung der Lokalredaktionen dorthin wirklich nur der Stärkung von irgendwelcher Schlagkraft geschuldet war, wie damals im schönsten Beraterdeutsch dahingeblubbert wurde? Solche Konstrukte erleichtern in erster Linie solche Dinge, wie man sie jetzt vorhat, mehr nicht. Wenn ihr es nicht glaubt, spätestens am Montag werdet ihr sehen, wie grauenvoll schlecht eure Karten sind, leider.
„Stehen wir wirklich am Rande der Insolvenz?“ Der Betriebsrat machte sich in einem Brandbrief an die Verlegerin (Sonderpunkt übrigens für den originellsten Satz der Woche: “Sicher ist manches nicht perfekt gelaufen”) ziemlich Sorgen. Und in der Tat: Die Strategie der PNP deutet auf ziemliche Schwierigkeiten hin, wie ja auch die Kollegen der SZ in dieser Woche schrieben. Wer betriebsbedingte Kündigungen ausspricht, wer als Zukunftskonzept lediglich radikale Sparmaßnahmen und keine einzige strategische und inhaltliche Idee hat, steht meistens mit dem Rücken an der Wand.
Konkret sieht das so aus: Die Lokalredaktionen werden einen erheblichen personellen Aderlass hinnehmen müssen, der Mantel wird ebenfalls deutlich reduziert (von 15 auf 9, so heißt es bisher). Getarnt wird diese ziemlich radikale Kahlschlag mit einem “Newsdesk” (das sind diese Dinger, von denen man neuerdings so viel hört). In der Praxis wird das Kollböck-Konzept nichts anderes bedeuten, das weniger Leute mehr machen müssen. Fotografen beispielsweise, das passt dazu, sollen fortan ein gewisses Quantum Videos (von denen hört man ebenfalls viel neuerdings, weswegen sie Herr Kollböck gleich mal ins Konzept gepackt hat) in der Woche mitbringen; Redakteure nach dem Oldenburger Modell bemessen werden, wonach sie ein bestimmtes Maß an Textmenge zu erbringen haben, was umgekehrt auch erlaubt, eine Formel für die personelle Besetzung einer Redaktion zu entwickeln: Textseiten geteilt durch X ist gleich Zahl der benötigten Redakteure. Man durfte ja vermutlich nicht allzuviel Phantasie im Konzept von Kollböck und Tucci erwarten, aber das ist so billig, dass es schon wieder erstaunlich ist. Ehrlich, wenn ich den Eindruck hätte, es würde auch nur im Ansatz etwas bringen, würde ich dem Herrn Kollböck noch heute eine DVD in die Post stecken mit ein paar Beispielen was rauskommt, wenn man Fotografen oder Redakteure so ganz nebenher und natürlich ohne jegliche Ausbildung oder Erfahrung Videos drehen lässt. Meine Seminarteilnehmer haben danach immer ein sehr entspanntes Grinsen im Gesicht. Und Redakteure nach der Zahl ihrer potenziellen Artikel oder Zeilen zu bewerten; Herr im Himmel, ich kenne keinen einzigen Fall, in dem das ansatzweise funktioniert hätte. Wenn man allen Ernstes in Kauf nimmt, das man jemanden, der am Tag 50 exquisite Zeilen schreibt, gegen jemanden austauscht, der 100 Zeilen irgendwas schreibt – ja, dann steht man vermutlich wirklich mit dem Rücken zur Wand. Denn das ist die Logik hinter diesem Zahlenspiel: Es zählt nicht, was jemand schreibt/produziert, sondern wie viel (mich hat mal vor ein paar Jahren ein Controller mit solchen Spielchen gequält, bis ich mit einem tätlichen Angriff gedroht habe. Das half erstaunlicherweise ganz gut.)
Und, ach ja, weil das hier in den Kommentaren anklang: Ich halte die jetzige Chefredaktions-Lösung für ein ziemlich perfides Konstrukt. Der eigentliche Drahtzieher – Kollböck – wird für die Betroffenen nicht zu greifen sein; klar, er ist ja nur externer Berater. Die (gar nicht mal so) neue Chefredaktion wird sich dahinter verstecken, letztendlich nur das auszuführen, was der externe und leider nicht greifbare Berater sich so ausgedacht hat. Und Frau Tucci-Diekmann? Schickt am Montag irgendeinen armen GmbH-Geschäftsführer als Vollstrecker vor. Ansonsten zeigt sich die Verlegersfamilie lieber bei schöneren Anlässen wie beispielsweise dem Besuch von Königinnen. Würden sie den Leuten wenigstens in die Augen dabei schauen, hätte man vielleicht noch so ein bisschen Respekt (Ich habe eine Ahnung, wovon ich rede. Ich durfte mal an einem Tag einem Dutzend Leuten ihre Entlassung offenbaren. Danach war mir – ernsthaft – schlecht. Trotzdem war ich hinterher halbwegs froh, es selbst gemacht und nicht irgendjemanden vorgeschickt zu haben. Sowas nennt man auch Selbstachtung). Insofern bin ich mir sicher, dass der Schregelmann-Rauswurf und das neue Konstrukt ganz banale Gründe haben: Schregelmann war teuer, die neue Chefredaktion ist billiger, altgedient,loyal – und wird gerne das Vollzugsorgan geben. Hat sich was mit Rückbesinnung auf lokale Wurzeln.
Das “Konzept”, mit dem die PNP in die Zukunft gehen will, ist ihre endgültige Bankrotterklärung. Man wird in Zukunft noch mal erheblich weniger zu bieten haben; weniger und wohl auch schlechteren Inhalt. Das Wegbrechen der Anzeigemärkte wird weiter gehen, die Auflage wird weiter sinken – und dann wird man bald feststellen, dass es nichts mehr zu sparen und zu streichen gibt.
Und irgendwann mal kommt jemand und gibt dem Laden den Fangschuss.
EPILOG für Insider:
Manchmal sehe ich vor meinem geistigen Auge Franz Xaver Hirtreiter, den guten alten FXH, dessen Können und Cleverness mir erst heute so richtig klar sind, sitzend; irgendwo in einem seiner Autohäuser, Sägewerke oder Verlage, breit aber dennoch charmant grinsend; vielleicht, weil er sich denkt, damals alles richtig gemacht zu haben, ehe die Verlegersfamilie den Laden dann so rasant wie einer von Hirtreiters Porsches an die Wand gefahren zu haben. Oder er überlegt sich kurz einmal, wie es wäre, wenn er…
Wie ich mich durch den Alltag mogle…
Soll mir keiner erzählen, dass das hier nicht verdammt nah an der Realität ist.
Solange es geht…
“Wir versuchen, unsere Leute zu halten und den Betrieb aufrechtzuerhalten, solange es geht.”
Glückwunsch, Frau Tucci-Diekmann. Klingt nach durchtdachter, zukuftsorientierter Stratege. Das ganze Stück über die PNP heute in der “Süddeutschen”, Seite 15 (leider noch nicht online) jetzt auch online.
