Archive for März, 2009
Erschütternde Bilder!
“Das Leid der Elisabeth Fritzl – erschütternde Bilder”, kündigt N24.de gerade eben bei Twitter in gewohnt fischmarktmäßiger Manier an, um ganz serviceorientiert direkt darauf zu verlinken.
Und in der Tat, das ist wirklich erschütternd, was man da so sieht:
Richtig gruselig auch das hier:
Und obwohl man diese erschütternden Bilder kaum mehr ertragen kann, legen die Kollegen noch nach. Anschauen nur, wenn man wirklich gegen Erschütterungen aller Art gewappnet ist:
Und richtig vollends grausam wird es schließlich hier:
So ist das im crossmedialen Onlinejournalismus 2009: Man wirft wahl- und sinnlos irgendwelche Archivbilder zu einer “Galerie” zusammen, streckt die dann noch mit ein paar ganz und gar nicht zum Thema gehörenden anderen Motiven (es müssen schließlich Klicks her), formuliert ein paar bizarr schlechte Bildtexte dazu, twittert dann irgendwas von “erschütternden Bildern” – und wundert sich schließlich, dass man für Onlinejournalismus irgendwie noch kein richtig überzeugendes Geschäftsmodell gefunden hat und die User einfach nicht zahlen wollen.
Übrigens, zu den Zeiten des irgendwie nur mittelmäßig erfolgreichen Konzernchefs de Posch sollte N24 in die Top 5 der deutschen Nachrichtenportale gebracht werden. Sieht so aus, als habe man dieses Vorhaben vorläufig, äh, zurückgestellt.
Ubiquitäres Gezwitscher
Die Tatsache, dass die Geschichte mit dem Amoklauf und Twitter jetzt auch in den Klauen von Bernd Graff (O-Ton: “Ubiquitäre Echtzeittexte”) gelandet ist, sollte Anlass genug sein, nochmal ein paar Sätze zum Thema zu sagen.
Die Sache ist viel einfacher, als wie sie Graff heute gewohnt verschwurbelt im SZ-Feuilleton verwurstelt. Ob Twittertexte sich “mit dem Kontinuum der erlebten Zeit winden” spielt dabei keine richtig große Rolle. Es spricht nichts dagegen auf 140 Zeichen zu texten, wenn man das möchte, es spricht auch nichts dagegen, einen kurzen Sachverhalt kurz darzustellen.
Wohingegen sehr viel dagegen spricht ist, einen Amoklauf mit etlichen Toten dazu zu nutzen, seine Schlagzeilen derart lauthals anzupreisen, dass jedes Bordsteinschwälbchen auf dem Straßenstrch dagegen als züchtig durchgeht. Es spricht einiges dagegen, sich selbst in den Mittelpunkt der Berichterstattung zu stellen (“Wir drehen jetzt ab!”) und es ist abgrundtief peinlich, das Ganze auch noch mit vermeintlichem Witz auflockern zu wollen (“Chef hat Budget für zwei Zahnbürsten freigegeben, wir bleiben über Nacht”).
Mit dem Medium Twitter, ob man es mag oder nicht, hat das nicht so rasend viel zu tun. Sondern lediglich mit ein paar Kleinigkeiten, von denen ich bisher immer dachte, dass man sie zum einen schon in der Ausbildung lernt und dass man sie zum anderen schon alleine beim Gebrauch des halbwegs gesunden Menschenverstands unterlässt. Spekulation ist kein wirklich legitimes journalistisches Mittel; schlechte Witzchen im Zusammenhang mit einem Amoklauf sind geschmacklos. Welche Rolle soll es dabei spielen, ob der Mist getwittert oder gedruckt wird? Mist bleibt Mist.
Verfürt das rasend schnelle und unmittelbare Medium Twitter zu rasend schnellem und unreflektiertem Publizieren? Mag sein. Eine Erklärung für die Missgriffe vom Mittwoch ist das dennoch nicht.
Was mich in dem Zusammenhang viel eher, nun ja, gewundert hat: Es waren ziemlich bekannte und etablierte Medien, die sich da entblößt haben. Medien und Journalisten, von denen man doch irgendwie hoffen durfte, dass man einigermaßen fundiert informiert werde. Dass sie im Twitterrausch ziemlich viele Anstands – und auch einige journalistische Grundregeln glatt vergessen haben, macht die Lektüre der angestammten Plattformen der Herrschaften nicht eben angenehmer.
Das Verschwinden der Zeitung
Lesenswert: “Das Verschwinden der Zeitung?”, von Stephan Weichert und Leif Kramp, als PDF-Download hier.
Online worst (24)
Nachdem sich die PNP jetzt so richtig fit für die Zukunft gemacht und reichlich visionäres Zeugs abgesondert hat (mit der Quintessenz, dass es jetzt mit der Vernetzung von Print und Online erst so richtig losgehe), kann man ja mal schauen, was das ständige Denken der einen an die anderen (Chefredakteur Ernst Fuchs) in der Praxis so macht. Noch dazu, wo der ehemalige stellv. Chefredakteur der Printausgabe jetzt Projektleiter der Onlineausgabe ist und man insofern davon ausgehen darf, dass die ehemaligen Kollegen aus der Chefredaktion ganz viel aneinander denken.
Am Donnerstag morgen (Stand 8.20 Uhr) jedenfalls haben sie noch nicht so sehr an sich gedacht. Das heißt, möglicherweise würden sie schon aneinander denken, wenn sie nicht noch schlafen würden:
Die Blitzmeldung, die die PNP hier spazieren führt, stammt von Mittwoch nachmittag, ist mithin also ungefähr alberne 18 Stunden alt. Und während in vielen anderen bayerischen Onlineangeboten die Geschichte am Abend schon lang vollstädig erzählt war, stehen bei pnp.de immer noch nicht mehr als vier eher dürre Zeilen. Von einer durchaus tragischen Geschichte, die sich mittendrin in ihrem Kerngebiet abspielt.
Ebenfalls noch nicht ganz mitbekommen hat man in der Onlineredaktion, dass der Münchner Nockherberg abgesagt worden ist. Und zwar nicht mitten in der Nacht, sondern gestern abend. Aber da war man ja schon zu Hause und heute früh ist man noch nicht aufegstanden. Was eventuell daran liegen könnte, dass man zwar einen neuen Projektleiter bekommen hat, dafür aber ein anderer aus der Online-Redaktion abgezogen wurde, was zur Konsequenz hat, dass die Onlineoffensive der PNP mit einem Bruchteil dessen an Personal geführt wird, was sich in der Zeitungsredaktion tummelt.
Was letztendlich den Schluss zulässt, dass das ganze Gerede von Verlagsberatern und Geschäftsführern von der umfassenden und wunderbaren Neuausrichtung des Blattes nur eines war: Alibigeschwätz, um ungehindert Stellen abbauen zu können. So jedenfalls taumelt die digitale PNP weiter ungebremst der Lächerlichkeit entgegen.
Amoklauf: Jetzt live!
(Vorab: Mit dem folgenden Beitrag tue ich mich selber etwas schwer; vielleicht sehe ich das morgen auch schon wieder ganz anders und vielleicht mache ich mich des Gutmenschentums verdächtig. Trotzdem.)
Mir ist klar, dass wir Journalisten auch über grausame Dinge berichten müssen. Mir ist ebenso klar, dass es gerade diese Dinge sind, die, ganz nüchtern betrachtet, die meisten Quoten machen. Zynisch betrachtet also treibt eine Geschichte wie der Amoklauf heute in Baden-Württemberg Klicks, Quoten und Auflagen eher nach oben als eine Bundestagsdebatte. Das ist vermutlich systemimmanent und per se auch nicht zu kritisieren.
Beim Anblick meines Twitter-Accounts hätte ich heute dennoch kotzen können. Vom späten Vormittag bis in den Abend marktschreierisches Geplärr im Stile von (O-Ton): Die Presse-Konferenz: Jetzt live on tape bei N24! Die Kollegen vom Sender waren nicht die einzigen. Fortlaufend wurde mir angepriesen, welche sensationellen News man jetzt gerade wieder ausgegraben habe und wo sich die Reporter des Hauses gerade befinden (“…passieren gerade die Straßensperre.”).
Amoklauf! Jetzt live! Jetzt einschalten! Jetzt dabei sein, wir sind schon vor Ort für Sie! Wenn das die Zukunft des Journalismus ist und wenn es das ist, was uns Twitter als tolles neues Medium bringt, kaufe ich mir sofort eine Schreibmaschine und lebe fortan wieder analog. Dass der Turi2-Feed auch noch am Mittag twitterte, dass “Peter Turi eine eintsweilige Erschießung beantragt” gegen Medienmacher, die dem von ihm empfohlenen Link nicht folgen, war der traurige Gipfel eines Tages, an dem ich mich ganz unzwonullig gefragt habe, ob die lieben Kollegen in den Redaktionen eigentlich noch alle Latten am Zaun haben.
Journalismus? Eher ein digitaler Fischmarkt. Es widert mich an.
Der neue Chef der dpa
Man stelle sich vor, die Schlagzeile wäre vor, sagen wir, fünf Jahren gekommen: Der Chefredakteur eines großen Online-Nachrichtenportals wird Chefredakteur der altehrwürdigen dpa. Man hätte das für einen halbwegs ulkigen Witz gehalten, ein netter Beinaheaprilscherz (ebenso wie man vermutlich die Schlagzeile, ein Onliner werde Chefredakteur des “Spiegel” kaum geglaubt hätte). Doch die Zeiten haben sich, dem Herrn sei´s gedankt geändert: Wenn Wolfgang Büchner nächstes Jahr Chefredakteur der dpa wird, ist das so ziemlich das Nomalste auf der Welt. Büchner ist Onliner? Na und!
Umgekehrt kann man den gleichen Trend feststellen: Vor einigen Jahren hätte man sich bei einem etablierten Printredakteur, der plötzlich als Chef in die Onlineredaktion wechselt, vermutlich insgeheim gefragt, was der gute Mann wohl Schreckliches angestellt haben könnte, dass man ihn derart abschiebt. Heute sitzen bei Stern und Focus gestandene Ex-Printleute auf den Chefsesseln und niemand käme auf die Idee zu glauben, dass Jochen Wegner oder Frank Thomsen damit gerade noch dem Archiv entgangen sein könnten.
Online zu können und zu beherrschen ist also keineswegs mehr ein nettes Add-On, keine Zusatzqualifikation, über die man ja auch mal nachdenken könnte. Online öffnet die Türen in beide Richtungen (siehe Büchner) und ich würde sogar so weit gehen: Wer in ein paar Jahren digitale Medien nicht im Portfolio hat, ist vermutlich auf dem Arbeitsamt als in Redaktionen zu Gast.
(Klar sollte das im Übrigen selbstverständlich sein, dass man Onliner nicht mehr als eine Art Journalist mit leichten Mängeln betrachtet. Trotzdem freut mich das ungemein zu sehen, dass die Digitalen allmählich die Analogen zur Seite schieben)
Das System – nicht die Person
Zwei Sachen nerven an dieser ganzen Debatte um ZDF-Chefredakteur Brender aktuell ganz gewaltig. Erstens lenkt sie, bei aller Berechtigung, vom eigentlichen Thema ab. Momentan klingt das so, als würde ein dunkler (schwarzer) Bösewicht einen aufrechten Helden hinterrücks meucheln wollen. Da jault das gesammelte Gutmenschentum auf, schreibt Online-Petitionen mit so rührenden Namen wie “Brender muss bleiben”, die ungefähr gar nichts bringen (nebenbei: Was mich an solchen Dingen immer fürchterlich stört ist, dass man sich mit einer virtuellen Unterschrift schmerzfrei eine Gewissensabsolution verschaffen kann, ohne auch nur das Geringste riskieren oder ernsthaft tun zu müssen).
Dabei, um wieder zum eigentlichen Thema zu kommen, verstellt das eigentlich nur den Blick auf das eigentliche Thema, wie heute auch die FAZ sehr treffend bemerkt. Diese Debatte um Brender ist ein Scheingefecht. Viel interessanter und bedeutender ist doch die Grundsatzfrage danach, warum eigentlich ein Sender automatisch als Parteienbeute zu betrachten ist. Selbst wenn man also den guten Brender retten würde, wofür sicherlich einiges spricht, käme unter dem Strich nicht mehr heraus, als dass sich Petitionsunterzeichner und Thorsten Schäfer-Gümbel gegenseitig auf die Schulter klopfen könnten. Das wirkliche Problem wäre damit nicht gelöst, nämlich, dass nach der kruden Logik auf dem Lerchenberg Positionen bis hin zum Hausmeister nach Farbenlehre gelöst werden. Im Klartext: Würde man Brender auf seinem Job lassen und ihn weiterhin dem roten Lager zurechnen, würde das bedeuten, dass weiterhin der Intendant ein Schwarzer sein muss – undsoweiter, bis hin zum Hausmeister. Das fände ich diskussionswürdig: das ganze System, in dem die Causa Brender momentan lediglich ein besonders bizarrer Auswuchs ist.
Dabei spricht doch ganz und gar nichts dagegen, Brender oder Kleber für herausragende Journalisten zu halten – lediglich gegen die Besetzung nach Parteiengusto und Farbenproporz spricht einiges. Daran würde sich auch dann nichts ändern, würde Brender Chefredakteur bleiben.
Gratiskultur
Wenn man morgens in Zürich an einer ziemlich verschneiten Haltestelle des öffentlichen Nahverkehrs steht, lässt sich dieses Phänomen sehr schön beobachten: Wie selbstverständlich nehmen sich die Leute, die sich in der Rush-hour auf den Weg in die Arbeit machen, eine Zeitung aus einem der vielen Kästen, die die Gratisblätter beinhalten. Manche haben auch drei oder vier unter dem Arm, was den Schluss zulässt, dass es in der Schweiz ein ziemlich selbstverständlicher Teil des morgenlichen Wegs in die Arbeit ist, eine Zeitung zu lesen. Übrigens auch für ein jüngeres Publikum, womit man zumindest teilweise die Befürchtung entkräften könnte, sie würden Papier per se vollständig ablehnen. Direkt neben den Gratisblättern, die es übrigens am Abend auch nochmal gibt, stehen die stummen Verkäufer beispielsweise der NZZ und nach allem, was man bisher so weiß, geht es der NZZ nicht unbedingt schlechter, nur weil es Gratisblätter gibt. Bevor der Reflex kommt, dass dies kein Wunder sei, weil ja in diesen Gratisblätter ohnehin nur Quatsch stehe: ein Trugschluss. Diese Zeitungen sind durchaus ansprechend, legt man zugrunde, was ihre inhaltliche Idee ist: Sie wollen in verhältnismäßig knapper Zeit das Medium für unterwegs sein. Das machen sie erstaunlich gut. Die Kritik jedenfalls, nur Inhalt, für den man bezahlen müsse, könne auch einen gewissen qualitativen Anspruch leisten, erledigt sich ziemlich schnell, wenn man diese Zeitungen liest.
Man kann sich angesichts dessen dann auch vorstellen, wie ein Modell für Tageszeitungen in der Zukunft aussehen müsste. Drei Modelle haben demnach Zukunft. Erstens die Gratiszeitung, das Ding das man auf dem Weg in die Arbeit liest, was natürlich in erster Linie in den Städten funktioniert; auf dem flachen Land ist das weniger ein Modell. Klar kann man aktuelle Nachrichten, den inhaltlichen Start in den Morgen inzwischen auch ganz prima auf dem Smartphone verbringen, aber das Lesen einer gedruckten Seite ist möglicherweise dann doch noch etwas komfortabler als das Scrollen auf einem iPhone-Display. 15 Minuten lesen, hohe Reichweite, danach weg damit.
Zweitens das Qualitätsblatt; für all diejenigen, denen die 15 Minuten am Morgen oder Abend zu wenig sind, die mehr wissen wollen als die pure Nachricht. Die Kommentare, Analysen, Hintergründe zu schätzen wissen und denen das auch ein paar Euro wert ist.
Und schließlich, drittens, die hyperlokale Lokalzeitung; die, die auch mit geringen Reichweiten erscheint und auf jeglichen inhaltlichen Balast verzichtet. Die nicht den Anspruch stellt, in Heribert-Prantl-Manier mal eben mit der Bundesregierung abzurechnen, die keinen Kulturteil baut und die nicht den Anspruch erhebt, auch in Berlin oder Kabul gelesen werden zu wollen. Sondern stattdessen einfach nur berichtet, was ist und was die Menschen in ihrem unmittelbaren engsten Umfeld interessiert.
Zusammengefasst also: die Nische oder das große Ganze. Oder untergehen. Das sind die Alternativen, und das nicht erst seit 2009.
Ein bisschen twittern
Ich hab´jetzt ein bisschen getwittert, es hat soweit auch nicht weiter weh getan; es gibt jetzt auch ein paar sehr wenige Follower, was mich insofern überrascht, als dass ich nicht erwartet hätte, dass es irgendjemand auch nur im Ansatz interessiert, was ich gerade tue.
In den wirklich entscheidenden Momenten des Lebens konnte ich nicht twittern. Als am Sonntag mein über alle Maßen verehrter EV Dingolfing im Abstiegsspiel in der Bayernliga war, hätte ich am liebsten zur Zigarette gegriffen oder sonst was getan; aber beim schnellsten und tollsten Sport der Welt zu twittern, wär mir nicht in den Sinn gekommen. Es wär vermutlich nur Mist rausgekommen.
Dann habe ich jetzt auch zwei Feeds von Redaktionen drin, aber was ich wirklich noch immer nicht verstehe: Es ist ja wunderbar, dass ich die Eilmeldungen von SPON bekomme und die neuesten Interna aus der NEON-Redaktion bekomme – aber ist das nicht irgendwie alles eher ein netter Marketing-Joke statt die radikale Veränderung von Journalismus?






