Lieber erst mal den Kunden beschimpfen…

Wenn man den Verlagsstrategen glauben schenken darf, dann ist die Zeit der kostenlosen Inhalte im Netz bald vorbei. Man hat zu diesem Thema ja allerhand gelesen in letzter Zeit, vor allem viel Theoretisches. Über den Weg gelaufen ist mir jetzt allerdings ein schönes Beispiel, das den Unterschied zwischen Theorie und Praxis ganz wunderbar aufzeigt.

Bei der „Süddeutschen Zeitung“ gibt es schon eine geraume Zeit ein kostenpflichtiges Archiv. Inzwischen teasert die Online-Ausgabe immer wieder mal solche Artikel aus dem Archiv an, um damit so viel Appetit zu machen, dass man dafür dann mehr oder minder gerne bezahlt.

Das ist erst einmal nicht Ehrenrühriges, eher sogar legitim, dass man nach neuen Finanzierungsmöglichkeiten für Journalismus sucht. Allerdings: So wie es die SZ umsetzt wirkt es geradezu so, als wolle man einmal am lebenden Beispiel demonstrieren, warum das so einfach nicht sein wird (um genauer zu sein: ziemlich unmöglich).

Man bekommt da also als erstes jenen besagten Teaser. Man liest ein paar Zeilen, findet das womöglich richtig toll — und dann baut sich der erste gefühlte Hinderungsgrund auf:

paidcontent1

Sie sind noch nicht weg; weder frustriert vom plötzlich und ohne Vorwarnung auftauchenden Kassenhäuschen? Gut. Dann gehen Sie mal weiter zum Archiv, wo dann folgendes auf Sie wartet:

paidcontent2

Verwirrend, finden Sie? Nicht sofort erkennbar, welcher denn jetzt der Artikel ist, der Sie interessiert? Sie wundern sich, dass Sie plötzlich die Ergebnisse einer „Suchanfrage“ bekommen, obwohl Sie doch gar keine Suchanfrage gestellt haben, sondern einfach nur den bereits angefangenen Artikel zu Ende lesen wollten? Dann geht´s Ihnen wie mir — aber weil wir alle netzaffin und routiniert sind, finden wir den richtigen Artikel, nicht allerdings ohne vor der nächsten Schranke zu stehen:

paidcontent3

Bitte wählen Sie jetzt also aus, wie Sie bezahlen möchten. Keinen Account bei den beiden Anbietern? Pech gehabt. Dann werden Sie auch nicht mehr rausfinden, ob sich das mit 24-Stunden-Zugriff nur auf die Netzversion oder auch auf das geladene PDF bezieht.

Was man also sehr schön an diesem Beispiel sieht: Bisher hakt es sehr häufig ja schon alleine an einer halbwegs vernünftigen, einfachen Umsetzung des Kaufens. Zumal (anscheinend) keine Möglichkeit geboten ist, sich einmal als Kunde zu registrieren und dann ähnlich wie bei iTunes mit nur noch einem Mausklick Geschichten zu kaufen. Man kann sich vorstellen, wie groß die Neigung ist, regelmäßig bei der SZ einzukaufen.

Und dann ist da ja noch die überaus eigenartige Preisgestaltung, über die man besser keine drei Sekunden nachdenkt. Wenn also die Einzelausgabe der SZ je nach Werktag zwischen 1,90 Euro und 2,10 Euro kostet — wie kommt man dann bei einem einzelnen Artikel auf 2 Euro? Weil er 1548 Wörter hat? Würde man die Logik, die dort dahintersteht, auf iTunes anwenden, würde dort ein Album 9,99 Euro kosten — und ein einzelner Song ebenfalls.

Nun kann man mit einigem Recht sagen: Irgendeinen Preis muss man ja festlegen. Und (sagen wir) 1 Euro ist auch nicht logischer begründbar als 2 Euro. Das mag gut möglich sein, nur: Wenn ein Kaufvorgang einigermaßen umständlich und eine Preisgestaltung unlogisch und nicht nachvollziehbar ist, wird man kaum jemanden dazu bringen einzukaufen. Da muss man dann auch gar nicht über mangelnde Zahlungsbereitschaft der Kunden und das böse Internet lamentieren, sondern sich vielleicht eher Gedanken darüber machen, wie man ein Produkt so gestaltet, dass es lukrativ ist. Das Gejammere der Verlage über die angeblich mangelnde Zahlungsbereitschaft der Kundschaft erinnert ziemlich fatal an das Verhalten der Musikindustrie, die ebenfalls über Jahren kein konkurrenzfähiges und kundenfreundliches Angebot gemacht hat und statt dessen die bösen Kunden beschimpft hat. So jedenfalls wird das definitiv nix mit dem „paid content“.