Über die Zukunft des Lokalen
28. September 2009 - 17:39 UhrSie erinnern sich? Vor kurzem hatte ich hier ein paar Zeilen über die Zukunft des Lokaljournalismus geschrieben, nicht alle haben sich darüber gefreut (das ist ja das Schöne an Blogs). Inzwischen hat sich die Debatte auch auf die “Drehscheibe” ausgeweitet, in deren neuesten Ausgabe ich nochmal ein paar Sätze zum Thema sage, gekontert (wie schon hier im Blog) von Ulli Tückmantel von der “Rheinischen Post”, dem ich jetzt die liebevolle Bezeichnung zu verdanken habe, ich sei der Hilfsschrebergärtner von Stefan Niggemeier, wobei ich “BILDblog” nicht unbedingt als publizistischen Schrebergarten sehen würde, aber bitte, ich bin ja halbwegs tolerant.
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Beide Texte finden Sie jetzt nachfolgend — und wenn Sie diskutieren wollen (herzlich gerne), können und sollen Sie das hier tun, nicht weil ich der “Drehscheibe” die Debatte und den Traffic nicht gönne, sondern weil Sie bei der Drehscheibe aus technischen Gründen noch nicht diskutieren können (*räusper*).
Also, bitte sehr, hier die verschiedenen Positionen:
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PRO – Christian Jakubetz:
Der Tag, an dem mir der Kragen platzte, war eigentlich ein ganz normaler Tag im lokaljournalistischen Alltag. Er bestand im Wesentlichen aus einer Aufmachergeschichte im heimischen Lokalteil, bei der ich nach wenigen Absätzen einzuschlafen drohte. Irgendwo daneben hatte sich noch jemand mit einer „Glosse“ abgemüht – und, ach ja, es gab eine lokale Freitagsumfrage, die in etwa wissen wollte, ob die Bundeswehr in Afghanistan bleiben sollte. Man hätte auch fragen können, ob Obama ein guter Präsident ist oder ob Bayern Ribéry verkaufen soll; die Relevanz für den Lokalteil wäre ungefähr die gleiche.
Auf den kommenden Seiten ging das Elend dann erst richtig los: Ein Text einer Hausfrau aus meiner Nachbarschaft ließ mich wissen, dass die Feuerwehr auch im vergangenen Jahr wieder Unfassbares geleistet haben soll; umrahmt wurden diese und die folgenden Seiten von Texten, denen man unschwer ansehen konnte, dass sie zum einen nicht von Journalisten geschrieben und zum anderen von Journalisten redigiert worden waren, die einfach nur froh waren, diesen Text schnell wieder loszuwerden.
Danach setzte ich mich hin und schrieb einen Eintrag für meinen Blog, der selbstverständlich völlig unausgegoren, völlig subjektiv, hoffnungslos polemisch und genau deswegen gut war. Die Grundthese: Mit dieser lieblosen und langweiligen Art, wie sich Lokaljournalismus präsentiert, sind die Verlage auf dem allerbesten Weg, ihren letzten Rest Existenzberechtigung zu verspielen. Was mich wunderte: Es gab Widerspruch. Was mich noch mehr wunderte: Vieles an den Widersprüchen basierte auf der Annahme, ich hätte von Lokalem ungefähr gar keine Ahnung.
Aber genau das ist der entscheidende Punkt: Ich habe zwölf Jahre in Lokalredaktionen gearbeitet, über die Hälfte davon als Lokalchef. Zugegeben, seit nunmehr zwölf Jahren bin ich draußen aus dem Lokaljournalismus. Und vielleicht ist es gerade das, was ärgert und verblüfft: dass seither nichts besser geworden ist. Dass man seit vielen Jahren weiß, woran es hakt im Lokaljournalismus: an lieblosem Terminjournalismus, an freien Mitarbeitern, die sich aus Hausfrauen, Feuerwehrschriftführern und pensionierten Studienräten rekrutieren. An personell hoffnungslos unterbesetzten, technisch miserabel ausgestatteten und mäßig ausgebildeten Redaktionen und Redakteuren. An fehlender Rückendeckung aus den Verlagen und den Chefredaktionen. Und daran, dass es zwar Jahr für Jahr wohlfeile Kongresse und Panels gibt, bei denen die Bedeutung des Lokalen beschworen wird, die aber an der Situation nichts ändern.
Und nein, ich mache dies erst an letzter Stelle den Lokaljournalisten zum Vorwurf (obwohl es mir häufig durchaus sympathischer wäre, sie würden sich an die eigene Nase fassen und irgendetwas zu ändern versuchen, als regelmäßig das Klagelied gegen die bösen Verleger, die bösen Leser und die böse Welt anzustimmen). Wirkliche Vorwürfe müsste man hingegen denen machen, die es in der Hand hätten, die Zustände zu ändern. Denjenigen, die zwar den Wert des Lokalen regelmäßig betonen, gleichzeitig aber für ein skurriles Missverhältnis in der Besetzung und Ausstattung der Redaktionen sorgen. Eigentlich müsste man – gerade jetzt, wo das Lokale für viele Regionalzeitungen de facto zu ihrer einzigen Daseinsberechtigung geworden ist – in den Lokalredaktionen die Besten eines Hauses sitzen haben. Mal ganz ehrlich: Kennen Sie ein Blatt, wo das der Fall ist?
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CONTRA – Ulli Tückmantel:
Eigentlich ist in der Branche ein super Job zu vergeben: Wer einen fundierten Überblick über den Zustand des deutschen Lokaljournalismus hätte, könnte sich dumm und dusselig verdienen. Dass die Stelle unbesetzt ist, hat seinen simplen Grund darin, dass der deutsche Lokaljournalismus mit rund 1500 Titeln erstens genau das ist, was sein Name sagt (nämlich lokal, also unüberschaubar), und es zweitens keine einzige verwertbare Bestandsaufnahme wissenschaftlich-repräsentativer Natur gibt, aus der man sein Wissen abschreiben könnte. Solange sich daran nichts ändert, wird weiter vom hohen Ross der Unkenntnis herab von der eigenen schmalen Lektüre auf den Zustand des Lokaljournalismus geschlossen und geschossen werden.
Die daraus resultierenden Albernheiten liegen regelmäßig auf dem Niveau, auf das Die Zeit 1995 abstürzte, als sie aus den ihr völlig fremden Umstrukturierungs-Nöten eines Regionalverlags für ganz Deutschland schlussfolgerte, das Niveau der regionalen Presse sinke dramatisch. Klügelnd formulierte sie, aus den Käseblättern seien „Crème-fraîche-Blätter“ geworden. Das „Netzwerk Recherche“ gefiel sich 2004 darin, ohne Recherche einen Kongress mit dem Titel „Das große Schweigen? – Korruption und die Rolle des Lokaljournalismus“ zu veranstalten, der den Lokaljournalismus schon im Vorfeld pauschal als „ernst zu nehmendes Dunkelfeld“ denunzierte.
Nun muss es in den Lokalredaktionen niemanden kümmern, wenn Lautsprecher des Kalibers Leif & Leyendecker in der Diakonischen Akademie Berlin-Pankow die aus ihrer Rezeptionsverweigerung der lokalen Publizistik resultierende Unzuständigkeit unter der Jüngerschaft als aufklärerisches Werk feiern. Der Ex-Kollege Jakubetz, der nebenbei Niggemeier als Hilfsschrebergärtner dient, ist da bloß ein weiterer Fall. Praktizierende Lokal- und Regionaljournalisten sollten ihr Selbstbewusstsein, nicht jede Suada durch Kenntnisnahme zu nobilitieren, die unterhaltsame Einzelbefunde mit Zeugnissen eines Zustands verwechselt, offensiver artikulieren. Ich werde zudem den Verdacht nicht los, dass manch einer der selbsternannten Lokaljournalismus-Experten lediglich den Paradigmenwechsel einer „over-newsten“, globalisierungsgestressten Gesellschaft hin zu Heimat, überschaubarer Territorialität und Selbstverständigung im lokalen Erlebnisfeld nicht verkraftet. Wir waren Heimat? Sorry. Ihr seid gestern. Tschüss.
Nicht der Lokaljournalismus ist in den 80er Jahren stehen geblieben, sondern seine Kritiker. Die lokaljournalistische Diskussion wird von ganz anderen Fragen bestimmt. Viel lieber hätte ich angehört, wie Paul-Josef Raue kürzlich in der Schweiz Journalistenschülern erklärt hat, wie sich seine Braunschweiger Zeitung systematisch Leser zu Freunden und Funktionäre zu Feinden macht. Ich würde viel lieber den Kollegen des Hamburger Abendblatts bei einem der schlüssigsten Metropolen-Konzepte Deutschlands über die Schulter gucken. Die Autoren der besten Beiträge des Konrad-Adenauer-Preises abtelefonieren und wenigstens regelmäßig die drehscheibe lesen. Oder mir von Christian Lindner, dem Chefredakteur des Kritiker-Lieblings-Hassblatts Rhein-Zeitung, von den Erfahrungen seines intensiven Twitter-Einsatzes erzählen lassen. Ich bin halt einfach lieber mit Wesentlichem als mit irrelevanter Erbsenzählerei befasst.
(Ulli Tückmantel (43) war zehn Jahre Lokalchef am Niederrhein und leitet seit 2008 das Ressort Report der Rheinischen Post in Düsseldorf. Kontakt: www.tueckmantel.com.