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Anmerkungen eines Medienmenschen

Archive for Oktober, 2009

Krisenköpfe

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Vielleicht ist das ja das grundlegende Missverständnis, wenn es um das Thema Bezahlinhalte geht: Man meint in den Verlagshäusern gerne, dass die meisten User den größten Wert des Internets darin sehen, dass es dort alles umsonst gibt. Das ist auf der einen Seite ja irgendwie gemein, weil es impliziert, dass es Online-Nutzern von journalistischen Angeboten in erster Linie darum geht, Geld zu sparen (als “Schnorrer-Medium” hat mir das mal ein Verlagsmanager unter vier Augen bezeichnet). Allerdings ist das auf der anderen Seite ebenso falsch wie zu kurz gedacht. Und weil das so ist, laufen aktuell die “Süddeutsche Zeitung” und der Springer-Verlag sehenden Auges in das nächste Desaster (aber vermutlich kann man das ja dann wieder auif die vielen Schnorrer im Internet schieben).

Um es genauer zu erklären: Ich habe ein paar Zeitungen zuhause im Abo. Der “Spiegel” ist dabei, ebenso auch die “Süddeutsche”. Ich lese sie, weil ich trotz alledem selbst als überzeugter Onliner immer noch gerne Zeitungen lese. Das ist für mich Luxus, auf den ich nicht verzichten will. Würde ich eine öknomische Rechnung aufmachen, wären die Blätter schnell erstes Opfer von Rationalisierungsmaßnahmen meinerseits. Zusammen kosten mich “Spiegel” und “SZ” im Jahr immerhin rund 700 Euro pro Jahr, es gäbe also weitaus billigere Möglichkeiten, mich mit Journalismus zu versorgen, ginge es mir lediglich ums Sparen. Ich bezahle das trotzdem (manchmal sogar: gerne),weil mir die beiden Blätter dieses Geld wert sind.

Was mich umgekehrt logischerweise gar nicht interessiert, sind die Zeitungstexte, die auch online erscheinen. Warum auch? Ich habe sie ja ohnehin in der gedruckten Ausgabe. Was ich also erwarten würde von den Online-Ausgaben, sind sinnige, der Nutzungssituation angepasste Inhalte; all das also, was man inzwischen in jeder mittelmäßigen Crossmedia-Veranstaltung so hört. Demnach also nochmal zum Mitschreiben für Verlagsstrategen: Ich lese die Onlineausgabe nicht, um Geld zu sparen und dort gezielt Texte aus der Zeitung abzugraben (halt, ich muss das im Fall der SZ umformulieren; es muss heißen, ich würde das Angebot lesen, um dort…ich lese es aber nicht, weil ich vieles an sueddeutsche.de für schwer erträglich halte. Das retten auch Kister und Prantl eher nicht.)

Genau jene unterstellte Sparsamkeit allerdings benennt jetzt Hans-Jürgen Jakobs, Chefredakteur von sueddeutsche.de, als entscheidenden Grund für die Einführung von Bezahlinhalten. Man müsse aufhören mit dem “bodenlosen Verschleudern” von Inhalten, begründet er zweierlei Maßnahmen. Zum einen die Einführung einer Applikation für das iPhone, bei der man unter dem eigenartigen Titel “SZ Gold” für monatliche 1,59 Zugriff auf Inhalte geben, die man anscheinend jetzt im normalen Online-Angebot reduzieren will. Welche das genau sein sollen, verrät man leider nicht, erahnen kann man allerdings: Es sollen künftig nur noch wenige bis gar keine Geschichten aus dem gedruckten Blatt online erscheinen. Das soll man dann also künftig auf dem iPhone gegen Gebühr nachholen können.

Der Rohrkrepierer ist vorprogrammiert. Zum einen, weil es den reinen Geiz der Kunden als Grundannahme voraussetzt. Zum anderen, weil man keinen wirklichen Anreiz schafft. Die Printartikel kenne ich als SZ-Leser ja nun gut genug – und selbst, wenn ich kein Abonnent wäre: Ich will den Leitartikel von Kurt Kister ganz bestimmt nicht auf dem iPhnone lesen und die Seite 3 auch nicht. Wenn ich mein iPhone zum Medienkonsum nutze, dann, weil ich schnell über ein paar Sachen informiert sein will, aber bestimmt nicht für lange Reportagen und hintergründige Analysen (dafür habe ich ja die SZ zuhause). Ich wüsste es also in der Tat zu schätzen, wenn ich meine SZ in gewohnter Qualität bekäme und zudem ein antsändiges Onlineangebot, bei dem ich ja immer irgendwie glaube, dass das von meinen fast 500 Euro im Jahr vielleicht noch irgendwie mitfinanzierbar wäre. Aber ich werde ganz sicher keinen einzigen Cent ausgeben für eine Applikation, die mir verkleinerte Leitartikel und einen Newsticker aufs Handy bringt. Was man anscheinend immer noch nicht kapiert hat, weder in München noch in Berlin: Der Markt an Anbietern ist riesengroß — und auch auf die Gefahr, dass ich mich wiederhole: Ich lese und bezahle die SZ, weil ich das gerne tue und weil ich von ihr überzeugt bin (was man leider von ihren Onlineaktivitäten nicht behaupten kann.) Und wenn es wirklich nur ums Sparen ginge: Kostenlose Apps gibt´s ja bereits schon u.a. von Stern und Focus.

Wie sehr die Bezahl-Fantasien von Verlagen auf blanker Hoffnung und wie wenig umgekehrt auf dem Glauben an ein gutes, neues, innovatives Produkt beruhen, zeigt das BZ-Beispiel: Mit der neuen iPhone-Applikation soll man künftig unbeschränkten Zugriff beispielsweise auf die Bildergalerien der BZ bekommen, kündigt man dort an. Und das sogar, man fasst es kaum, täglich: Jeden Tag! Bilder des Tages! Dafür zahlt man dann wirklich gerne. Das eigentlich Beunruhigende ist ja, dass man das bei SZ und BZ alles auch noch ernst meint.

Man könnte die Medienkrise stoppen, wenn man die Leute endlicn dazu bringt, für die hochwertigen Inhalte zu bezahlen. So schlicht, so eindimensional ticken also Verlagsleute 2009. Dass man für die gelegentlich gruseligen Bildergalerien der SZ vielleicht auch deswegen nichts zahlen will, weil man sie schon im offenen Onlineangenbot so fürchterlich uninspiriert fand, auf den Gedanken kommt man anscheinend nicht. Stattdessen meint man immer noch, man müsse nur aufhören, irgendwas zu verschleudern.

Erst die Medientage, die den Eindruck vermittelten, man sei in einer Zeitschleife des Jahres 2001 steckengeblieben. Und dann solche Nachrichten zum Thema Bezahlinhalte. Vielleicht haben wir ja gar keine Medienkrise. Vielleicht stattdessen nur ein ganz simples Personalproblemen.

Written by cjakubetz

Oktober 31st, 2009 at 10:57 pm

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Münchner Realitätsverweigerertage

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In München waren in dieser Woche wieder die Medientage — eine Veranstaltung, die in erster Linie zum Visitenkartentausch und zum geschäftsmäßigen Verbreiten von Platitüden dient. Aber auch wenn man das weiß, staunt man dann doch immer wieder, wenn man hört, welche erstaunlichen Unsinnigkeiten vor allem die Printbranche im Vorfeld (und auch wärend der Veranstaltung) so loslässt.

Von Andreas Scherer beispielsweise, Geschäftsführer der “Augsburger Allgemeinen” und Vorsitzender des bayerischen Zeitungsverlegerverbands, hat man jetzt eine interessante Begründung für die Einführung von “Paid Content” gelesen. Schließlich böten, so Scherer, insbesondere die Regionalzeitungen  “gute und umfangreiche Qualitätsauftritte” — und: “Deshalb müssen wir versuchen, das Ganze jetzt zu refinanzieren”. In der Konsequenz soll das bedeuten, dass nicht etwa Bezahlen einzelner Artikel das System werden soll. Stattdessen denkt Scherer an eine Flatrate, ein Premium-Abo sozusagen, das etwas mehr kostet als das normale Abo, dafür aber Zugang zum sicher atemberaubend guten Qualitätsjournalismus-Portal der Ausgburger Allgemeinen bietet.

Der Qualitätsauftritt führt übrigens direkt in sentimentale Erinnerungen an 2001 und sieht derzeit so aus:

allgemeine

Von aktuell 17 auf der Startseite sichtbaren Meldungen sind momentan neun reines Agenturmaterial, der Rest stammt aus der Region (nicht auszuschließen, dass das auch schon mal im Blatt erschienen ist). Ausweislich des Impressums wird das Online-Angebot von sechs Menschen gemacht, geht man von zwei Schichten am Tag aus und realistischerweise davon, dass einer oder zwei ja immer irgendwie in Urlaub oder krank oder sonstwie nicht verfügbar sind, dann ergibt sich mathematisch und theoretisch eine Zahl von stolzen zwei Mann, die das Qualitätsangebot irgendwie über den Tag retten. Das ist in etwa die Größe einer durchschnittlichen Lokalredaktion in einer niederbayerischen Kleinstadt.

Das Erstaunliche daran ist ja dann doch die Realitätsverweigerung, die in den Verlagen immer noch betrieben wird. Man kann über den Begriff „Qualität” ganz bestimmt trefflich streiten, aber Onlineportale, die sich aus ein paar Agenturmeldungen und einigen Zeitungstexten zusammensetzen; die sich optisch schwer an den 90er Jahren orientieren und deren Höchstmaß an Interaktion es ist, dass man eine Mail an die Redaktion schreiben oder einen Kommentar hinterlassen kann – das ist dann die inhaltliche Qualität, die man gerne mit einer Flatrate bereit zu bezahlen ist? Welch ein bizarrer Gedanke. (Übrigens hat mir eine Kollegin aus Österreich unlängst mal den schönen Satz gesagt, dass Mails irgendwie so 90er-like seien. Erschüttert habe ich dann festgestellt, wie viel Kommunikation bei mir inzwischen tatsächlich außerhalb von Mailaccounts stattfindet).

Tatsächlich ist die Auffassung Scherers vor allem für eines bezeichnend: dass die Zeitungen immer noch nicht begriffen haben, was im Netz überhaupt passiert. Sie glauben häufig immer noch, es reiche aus, neben der Zeitung (die selbstverständlich immer noch als das eigentliche Hauptprodukt, als das „Muttermedium” begriffen wird) eine Internet-Seite, einen (ha, alleine schon dieses wunderbare Wort) einen „Online-Auftritt” in die Landschaft zu stellen. Eine erschütternd hohe Zahl dieser „Auftritte” vegetiert lieblos gepflegt vor sich hin und wenn man ab und an die Starseite von Burdas Aggregator nachrichten.de anschaut bemerkt man erst, woran es in vielen deutschen Onlineredaktionen hakt: Sie verpacken dpa neu. Das ist ganz prima für dpa, für den Nutzer dagegen weitgehend ohne jeden Belang. Und spätestens da stellen sich für ihn auch zwei ebenso einfache wie essentielle Fragen. Erstens: Für dpa-Feed bezahlen? Und zweitens: Warum dann nicht gleich zu einem der großen Anbieter, dem man möglicherweise zum einen mehr Kompetenz zubilligt und zum anderen (bei allem, was man über SPON et al so sagen kann) dann noch um einiges mehr bietet als beispielsweise die 6-Mann-Truppe aus Augsburg?

Und möglicherweise kommt man damit auch zu einem ganz entscheidenden Faktor, warum die meisten Blätter mit ihren Angeboten nicht so richtig auf die Beine kommen. Vielleicht ist es ja ganz einfach so, dass die Masse der potentiellen Leser so etwas ähnliches wie guten, spannenden, originellen Inhalt von ihren Regionalzeitungen gar nicht mehr erwartet. Vielleicht hat man sich abgefunden damit, dass dort nicht selten Journalismusattrappen hergestellt werden, die man mit nicht sehr viel anderen Methoden ins Netz verlängert. Mit dem geringstmöglichen personellen, inhaltlichen und technischem Aufwand, weil man sich inzwischen in einer kaum zu bremsenden Spirale befindet. Natürlich gibt es inzwischen Umsatzrückgänge, Sparzwänge, gibt es einen Kommunikationsabriss mit einem jüngeren Publikum, kurz gesagt: Natürlich gibt es all das, was kluge und ein wenig vorausdenkende Menschen schon vor zehn Jahren prophezeit haben (und dafür belächelt wurden). Nur kann man das jetzt nicht mehr so einfach machen. Zu rein analogen Zeiten haben die Leser das mehr oder weniger klaglos hingenommen. Nicht aus Überzeugung, nicht mit Begeisterung, sondern wegen purer Alternativlosigkeit. Jetzt aber gibt es diese Alternativen, kein Mensch braucht mehr die Regionalzeitung althergebrachter Form.

Bei der Medientagen in München hingegen hört man momentan viel Lamento und nebenbei etliche Belege, dass die Branche den Entwicklungen schon wieder hinterherhinkt. Oder wie sonst soll man es verstehen, dass dort Panels darüber laufen, ob das Internet nun der Freund oder der Feind von Zeitschriften sei? Wie will man das anders bewerten, wenn man es tatsächlich schon für die Krönung des Fortschritts hält, ein Podium zum Thema „Twitter” zu veranstalten (garniert mit der selten schwachsinnigen Fragestellung, ob die „Zwitscherei” nun die Zukunft des Journalismus darstelle; als ob das irgendein halbwegs ernstzunehmender Mensch jemals behauptet hätte.) Aus den Medientagen 2009 lässt sich allenfalls eines ablesen: Sie haben es immer noch nicht begriffen.

Hätte man es verstanden, dann wäre schnell klar, warum diese unselige Paid-Content-Debatte aus Sicht der Tageszeitungen schnell beendet sein müsste. Nicht nur, weil es keinen werthaltigen und letztendlich verkaufbaren Inhalt bei ihnen gibt. Sondern auch, weil ein solcher Gedanke, sich Inhalte quasi im Abo bezahlen zu lassen, dem Nutzungsverhalten einfach nicht mehr gerecht wird. Konventionelle Webseite, mobile Plattformen, personalisierte Seiten, Twitter, Facebook, Audios, Videos – es gibt inzwischen derart viele Kanäle, dass eine Abo-Flatrate irgendwie wie ein ulkiger Anachronismus daherkommt. Wenn man sich also über neue Geschäftsmodelle Gedanken macht, wäre sinnvoll, die Tatsache in die Überlegungen mit einzubeziehen, dass es eben inzwischen enorm viele unterschiedliche Nutzungsvarianten gibt. Für jede einzelne von ihnen mag ein bestimmtes Geschäftsmodell ein gangbarer Weg sein. Das Modell hingegen, pauschal für die Nutzung einer Webseite zu zahlen, ist so erledigt wie die gute alte Tageszeitung selbst.

Dass es jetzt übrigens vielerorts zu ziemlich fantasielosen Spar- und Personalabbauaktionen kommt, ist letztendlich auch eine Folge dessen, dass man die (durchaus absehbaren) Entwicklungen auf dem Medienmarkt über Jahre hinweg schlichtweg negiert hat. Inzwischen ist es vielerorts zu spät, es bleibt kaum mehr ein anderer Weg, als irgendwie Kosten zu senken um jeden Preis. Das allerdings wird nicht ohne Konsequenzen bleiben. Der Leser wird es schnell merken, wenn er für mehr Geld ein schlechteres Produkt vorgesetzt bekommt. Und in dem ganzen Schlamassel ist dann Paid Content für magerere Online-Angebote die Lösung? Manchmal fragt man sich ja schon, wie einige von denen die letzten Jahrzehnte am Markt eigentlich unfallfrei überstanden haben…

(Mehr zum Thema und dem Interview Scherer gibt´s an der Blogbar.)

Written by cjakubetz

Oktober 30th, 2009 at 12:36 am

Posted in NUR SO DAHINGESAGT

Es hat sich ausgekompromisst

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Jetzt also richtet es die taz, ausgerechnet. Es entbehrt ja nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet jedes Blatt, dass sich über Jahre hinweg mit mehr oder minder lustigen Marketingaktionen vor dem ökonomischen Untergang gerettet hat, jetzt nach den neuesten IVW-Zahlen als ziemlich einzige Tageszeitung in Deutschland über einen echten, stabilen und auch noch ganz beachtlichen Auflagenzuwachs freuen kann. Wissen die in Berlin also, wie man die bedrohte Gattung Tageszeitung retten kann? Oder stellen die sogar scheinbare Branchengesetze auf den Kopf?

Wahrscheinlich beides nicht. Vielleicht aber zeigt das Beispiel der taz sehr schön, wie man (bei allen Macken, die das Blatt so hat) heute Tageszeitung machen muss, um wahrgenommen zu werden und letztendlich überleben zu können. Immerhin macht die taz ja etwas, was für viele andere auch eine gute Idee wäre. Sie positioniert sich ganz eindeutig, sie ist subjektiv, sie steht für eine klare Grundhaltung. Sie verabschiedet sich von der Idee, eine Tageszeitung müsse noch Nachrichten im Sinne von Neuigkeiten transportieren. Statt dessen nutzt sie den frisch gewonnenen Platz und die neuen Freiheiten dazu, Geschichten zu erzählen, Meinung zu machen oder (manchmal) einfach nur witzig zu sein. Die Idee, eine erste Seite einer Tageszeitung müsse solche Dinge wie einen klassischen Aufmacher und ein paar (Nachrichten-)Rubriken haben, ist angesichts der meisten taz-Titelseiten und angesichts dessen, welche Rolle Tageszeitungen heute in der Mediennutzung noch spielen können, ein witziger Anachronismus.

Erstaulicherweise sind aber immer noch viele Tageszeitungen ein Anachronismus, sie wirken wie eine Zeitreise in die späten 80er. Noch immer versuchen sie, einen Wettlauf zu gewinnen, der nicht mehr zu gewinnen ist. Sie halten sich im Geschäft um und mit der Nachricht von unentbehrlich, sie glauben häufig immer noch, es gäbe auf absehbare Zeit noch Menschen, die ihre Informationen ernsthaft aus der Tageszeitung holen. Mein eigenes Haus- und Hofblatt vor Ort ist immer noch das schönste Beispiel dafür: Nach wie vor macht die “Passauer Neue Presse” Zeitung, so als wenn die letzten 15 Jahre nichts passiert wäre. Das Blatt, das jeden Morgen auf den Markt kommt, könnte in dieser Form auch 1984 erschienen sein, und manchmal möchte man das milde Lächeln über den Steinzeitjournalismus dort fast einstellen und mit ein wenig Mitleid ersetzen angesichts der zu erwartenden Tragik, die sich dort wie anderswo irgendwann demnächst einstellen wird. Und diese Tragik wird kommen, auch wenn anscheinend immer noch viele auf dem Markt glauben, wenn sich denn erst einmal der Werbemarkt wieder erholen werde, könne man so weitermachen wie bisher.

Das ist ein ziemlich verwegener Gedanke, weil er unterstellt, die momentanen Probleme der Zeitungen hätten im Wesentlichen mit dem Werbemarkt zu tun. Das haben sie, teilweise zumindest. Aber eben nur teilweise.  Doch selbst wenn der Werbemarkt wieder anzieht, in einem Produkt zu werben, das zunehmend an Reichweite und an Relevanz verliert, ist auch in Zeiten eines anziehenden Marktes wenig lukrativ. Und diesen Reichweiten-und Relevanzverlust werden die Zeitungen nicht verhindern können, wenn sie sich nicht ziemlich schnell etwas wirklich Neues einfallen lassen. Dazu wird es gehören (müssen), endlich die Idee aufzugeben, eine Tageszeitung sei eine Art Gemischtwarenladen, der für alle ein bisschen und für niemanden so richtig etwas hat. Als ich vor 25 Jahren volontierte, galt das Bonmot, man müsse so schreiben und Zeitung machen, dass uns die Putzfrau versteht und der Professor immer noch ansprechend findet. Das ist heute die uninteressanteste Idee überhaupt (gleichwohl sie immer noch durch viele Redaktionsköpfe geistert). Früher mal hätte es vielleicht noch eine Chance gegeben, dass Putzfrau und Professor die gleiche Zeitung gelesen hätten, um sich schlau zu machen, was in der großen weiten Welt so passiert. Zumindest diese Motivation existiert heute nicht mehr. Also müsste man  einer spezielleren Zielgruppe geben was sie möchte, dem Akademiker seine Analysen und Kommentare, der Putzfrau auf dem Land einen hyperlokalen Hyperlokalteil und dem AKW-Gegner die taz-Plakette “Atomkraft? Nicht schon wieder!”. Ein Mix daraus funktioniert heute schlechter denn je — und wenn man dafür einen Beleg bräuchte, die IVW-Zahlen für das dritte Quartal 2009 eignen sich dafür ganz prima.

Written by cjakubetz

Oktober 20th, 2009 at 10:14 pm

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Liebe PNP…

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…natürlich ist es ziemlich naheliegend, wenn man zu der Leistung eines Sportlers, die vor allem auf dessen Ausdauer basiert, eine Überschrift macht, wie ihr sie sie euch ausgedacht habt:

ausriss_pnp

Und vor allem: Man könnte auf Vorrat schon mal ein paar weitere für das Sportressort (oder auch für andere) vorformulieren, beispielsweise:

  • Kraft durch Freude
  • Arbeit macht frei
  • Zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl

Bin zuversichtlich, dass euch noch das eine oder andere einfallen wird.

(Warum ihr die Geschichte allerdings nicht gleich “Der Stürmer” genannt habt, erschließt sich mir noch nicht so ganz…)

Written by cjakubetz

Oktober 17th, 2009 at 11:53 am

Tief im Westen

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Wenn etwas wirklich einfach wäre, dann das: Man setzt sich hin und macht sich mit ein paar ironischen Zeilen über das ziemlich grandiose Scheitern von “Der Westen” lustig. Was hatte man im Vorfeld darüber alles gelesen: wie wegweisend dieses Portal werden würde, wie innovativ. Dass es die WAZ in eine neue digitale Dimension katapultieren würde und dass “Der Westen” mindestens mal die Nummer eins unter den Tageszeitungsangeboten werden würde. Chefredakteurin Katharina Borchert ließ sich durch die gesamte Fachpresse als eine Art journalistische Weltsensation (“Bloggerin wird Chefredakteurin”) abfeiern – und als das Ding dann nach einiger Verspätung endlich stand, da gab es erst einmal: Ernüchterung.

Und tatsächlich ist aus dem “Westen” gemessen an den einstigen Ansprüchen nicht sehr viel geworden. Es ist ganz sicher ein ziemlich solides Onlineportal, es ist einigermaßen state of the art, es hat ein paar nette Features und Gimmicks und alles in allem muss man Katharina Borchert ja immerhin zugestehen, im Gegensatz zu vielen anderen früh erkannt zu haben, wohin die Reise mit Multi- und Crossmedia geht. Viele andere ihrer Kollegen und der WAZ-Konkurrenten haben ja noch nicht einmal das begriffen. Aber der Anspruch von Borchert und WAZ war ja gerade nicht, nur solide zu sein.

Dass letztendlich auch der Publikumserfolg weitgehend ausblieb und der große Konkurrent RP-online inzwischen wieder entspannt im Sessel sitzt, ist letztendlich ebenfalls ein Beleg des Scheiterns. Wenn weder Kritiker noch Publikum wirklich zufrieden sind, ist irgendwas elementar schief gegangen.

Jetzt geht Frau Borchert und Markus Hündgen, ihr Videostar, geht auch. Mag man ebenfalls als ein Eingeständnis des Scheiterns werten, aber darum geht es nicht. Sondern ein Stück weit auch darum, wie schwer es immer noch ist, multimediale Konzepte mit denen umzusetzen, die es machen müssen: die Journalisten. Da maulen wir in der Branche ja immer gerne mal über die zurückgebliebenen Leser, die unsere brillianten Ideen einfach nicht verstehen und geschweige denn dafür bezahlen wollen — aber wenn ich mir diese Debatte zwischen Borchert, Hündgen und ziemlich vielen anscheinend gefrusteten WAZlern anschaue, dann bekomme ich eine Ahnung, wie unglaublich schwierig es ist, eine durchschnittliche Mannschaft durchschnittlicher deutscher Analog-Journalisten mit auf den Weg in die digitale Zukunft zu nehmen (dass Katharina Borchert vielleicht auch nicht gerade jemand ist, der geduldig und überzeugend auf die Schäflein einredet, um der Herde zu folgen, mag dann wieder auf einem anderen Blatt stehen). Es ist immer wieder verblüffend, wiewohl man ja schon gefühlte Millionen Beiträge zu diesem Thema gelesen hat, wie sehr Journalisten Realitätsverweigerung betreiben. Ich habe keine Ahnung, ob und wie und wer in dieser Debatte die Wahrheit sagt und ich bin mir ziemlich sicher, dass der Westen eher oben und nicht unten vermurkst worden ist, aber dennoch: Die Diskussionen, die man in vielen Redaktionen immer noch führen muss, sind so fürchterlich bürokratisch, so — ja, sozialdemokratisch aus den 70ern. Muss ich eine Flip anfassen? Ist das Anfassen der Flip tariflich geregelt, ist der Betriebsarzt über den Einsatz der Flip informiert? Ich arbeite zehn Stunden am Tag, muss ich jetzt sterben?

Man sieht umgekhrt aber daran auch, in welcher absurden Spirale sich inzwischen Blätter wie die WAZ (und viele andere auch) befinden. Das alte Geschäft trägt nicht mehr, die Regionalzeitung als solche – ein sterbendes Medium. Die Einnahmen brechen weg, man baut Personal ab, obwohl man eigentlich mehr davon bräuchte; schließlich sind es in ja in Zukunft sehr viel Medien mehr, die man am Laufen halten muss. Man will diese neuen Medien entsprechend bedienen, man will — beispielsweise — mit Videos arbeiten, hat aber nicht das Geld, die Geduld und wohl auch nicht die Kompetenz, so etwas professionell anzugehen (Ich fand Markus Hündgens´ Sachen nicht schlecht, aber man kann schlecht mit einem einzigen, der was davon versteht, einen Großkonzern bespielen). Man hat einen relativ kleinen Kreis von Digitalern, die aber mit den Analogen nicht wirklich kommunizieren können; ein weit verbreitetes Phänomen übrigens. Man bemerkt irgendwann, dass Theorie und Praxis ellenweit auseinanderklaffen und ergibt sich dem Frust. Chefredakteurin Borchert hat dem ganzen ambitionierten Projekt keinerlei journalistische Eigenprägung gegeben (und wenn es nur ein ordentlicher Ruhrpott-Stallgeruch gewesen wäre) und von Markus Hündgens habe ich Monate nichts mehr gesehen und gelesen; weswegen mich der Wechsel beider übrigens nicht mehr sehr überrascht hat). Und im (Zeitungs-)Haus selbst ist die einstmals propagierte Digital- und Regionalblatteuphorie auch schon wieder abgeklungen, es herrscht 80er-Journalismus as usual: Wer drei Seiten zu Obama macht und gleichzeitig Lokalredaktionen ausdünnt, könnte sich genauso gut einen Aufkleber “Wir haben nicht(s) verstanden” an die Bürotür nageln.

Ich trau mich nicht und ich weiß nicht wie: Getreu dieser Devise wird der “Westen” auch 2010 ins Stolpern geraten, egal, wer Katharina Borchert nachfolgt. Derdiedas Neue müsste eine eher schlecht laufende Seite, die weit hinter den Konzernerwartungen zurückgeblieben ist, noch einmal fast neu aufsetzen, wird aber dabei weder die journalistisch-strategische Narrenfreiheit von Frau Borchert noch die finanzielle/personelle Grundausstattung dafür bekommen. In den analogen Resten des Hauses wird derdiedas mit einigem Argwohn beäugt werden und den Lesern ist der “Westen” vermutlich eher wurscht.

Bin jedenfalls gespannt, wer sich die Finger daran verbrennen wird. Und wie hoch man den Schmerzensgeldanteil im Gehalt veranschlagen wird.

Written by cjakubetz

Oktober 13th, 2009 at 11:36 am

Posted in ONLINE/MULTIMEDIA

Mehr als Internet

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Eine der quälendsten Wortschöpfungen dieser Tage ist ja der “Lesebefehl” (vor allem wird das dadurch unlustig, dass das jetzt jeder sagt). Sprechen wir also lieber vom guten, alten Lesetipp — den ich Ihnen hiermit naheliegen möchte: Wolfgang Blau im Interview mit der österreichischen Ausgabe des “Horizont”.

Ich werde ja aktuell den Eindruck nicht so wirklich, dass selbst vermeintlich fortschrittliche Journalisten mit der Phrase “Ich bin onlineaafin” lediglich meinen, dass sie das Internet nutzen. Bisschen wenig, finde ich. Darum geht es doch schon lange gar nicht mehr.

Worum dann? Darum.

Written by cjakubetz

Oktober 11th, 2009 at 12:02 pm

Posted in LESETIPP

Schwanensee mit Stromberg

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Natürlich ist dieser Eintrag völlig sinnlos und er macht auch noch schamlos Werbung. Trotzdem, ich freu mich wie ein Schnitzel. Das Ding ist laut Bestellbestätigung an einem Samstag bei mir, an dem Tag bin ich bei den Medientagen in Passau und wenn ich am Abend heimkomme, dann Gnade Amazon, wenn die DVD nicht da liegt…und danach werde ich bis fünf Uhr morgens schauen, alle Folgen nacheinander. Schon alleine, weil ich gerne wissen möchte, wer die Frau ist, die (anscheinend freiwillig) Stromberg küsst.

Hatte ich schon erwähnt, dass ich seit ein paar Jahren immer unterschwellig grinsen muss, wenn jemand Bernd heißt?

Punkt aus, Micky Maus.

Written by cjakubetz

Oktober 9th, 2009 at 8:53 pm

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Der Bratwurstpionier verramscht Ausweise (und den Journalismus)

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(Vorweg der für diesen Beitrag nötige Hinweis: Ich habe kurze Zeit mal mit Andre Zalbertus zusammengearbeitet und in den letzten Jahren ungefähr gar nichts mehr mit ihm zu tun gehabt, worüber ich alles andere als unglücklich bin).

André Zalbertus ist jemand, der den großen Auftritt mag. Wie es überhaupt bei ihm gerne  groß und pompös sein darf: Von den Pressestellen der diversen Unternehmen, die er gegründet hat, lässt er sich schon mal  als “Visionär” bezeichnen (eine Nummer kleiner hatten sie es gerade nicht) und auch andere Auszüge aus der Serie “Zalbertus über Zalbertus” lassen erahnen, wie der Visionär, der unter anderem Kuriositäten Sender wie Bratwurst.tv und german-autobahn.tv betreibt, tickt:

Der Sender Bratwurst.tv, gegründet von Medienpionier Andre Zalbertus und einziges Vollprogramm rund um das Thema Bratwurst, plant daher zu Ehren der Currywurst umfangreiche Jubiläumsfeierlichkeiten und -aktivitäten.

(Pressemappe bratwurst.tv)

Die Zalbertus New Media GmbH wurde von Medienpionier Andre Zalbertus gegründet (…). Andre Zalbertus ist zugleich Begründer des center.tv Heimatfernsehen, dem 24-Stunden-Sender mit total lokalem Programm für die Region, und bratwurst.tv, dem einzigen Vollprogramm rund um das Thema Bratwurst.

(Pressemappe bratwurst.tv)

“Der Medienpionier Zalbertus ist nicht nur ein sehr erfolgreicher Fernsehunternehmer und Buchautor, sondern auch Geschäftsführer des Kölner und Düsseldorfer Lokalfernsehsenders center.tv Heimatfernsehen. (…) Zalbertus erklärtes Ziel ist es, nun auch mit Unterstützung von Rainer Prüm als “rechte Hand”, mit Internet und Fernsehen, die größte Heimat-Community Deutschlands aufzubauen.

(Pressemitteilung OpenPR)

„Gerade haben wir ein Büro in Hongkong eröffnet“, sagt Zalbertus.

(Welt online)

“Mittlerweile hat ein Hauen und Stechen um die regionalen Sendefrequenzen eingesetzt. Die Landesmedienanstalt in Nordrhein-Westfalen nennt das den “Zalbertus-Effekt”. Ich bin für Partner jedenfalls offen.”

(In einem Interview mit dem Manager-Magazin).

Der Mann, der das einzige Vollprogramm rund um das Thema Bratwurst betreibt (oder muss man sagen: betrieb? Die Seite ist jedenfalls irgendwie down), gründet ziemlich gerne ziemlich viel, bevorzugt mit wohlklingenden Namen, beispielweise rief er auch mal eine “Deutsche Videojournalistenschule” ins Leben, die es aber, man ahnt es, auch schon lange nicht mehr gibt.  Irgendwann existierte  eine Centerstone AG, eine Zalbertus New Media, eine Emotionsberatung und viele andere hübsche Dinge, über die die “Süddeutsche Zeitung”  schrieb:

Man muss sich keine Sorgen um André Zalbertus machen. Das sagt er zumindest, wenn man ihn derzeit telefonisch in Asien erreicht. Der Kölner Fernsehunternehmer, der bei RTL Drittsendeplätze bespielt und Nordrhein-Westfalen mit billigen Lokalsendern überschwemmt, gibt indes durchaus Anlass, sich mal nach seinem Befinden zu erkunden.

(Das ist übrigens eine nette Umschreibung für eine Seite, bei der man sich u.a. 18 Minuten lang aus der Fahrerperspektive ansehen kann, wie jemand auf der A1 nach Kamen fährt.)

Jetzt hat der Dauergründer und Pioniervisionär etwas ganz Neues entdeckt (und da hört dann der Spaß wieder auf): Er vergibt Presseausweise. Für den Fall, dass Sie bisher dachten, dazu seien lediglich Journalistenverbände oder Verlegerverbände berechtigt und Inhaber eines Ausweises müssten mehr oder minder hauptberuflich tätig sein — Sie täuschen sich: Andre Zalbertus hat nach bewährtem Muster  einen wohlklingenden Namen erfunden, diesmal nennt sich das Konstrukt “Gesellschaft zur Förderung der Bürgerreporter”. Auf der Webseite befindet sich nichts (ähnlich übrigens auch wie hinter der Webseite zalbertus.com).

Die Presseausweise, die Zalbertus seinen Mitgliedern verspricht, haben denn auch nicht den Sinn, den Presseausweise haben sollten, nämlich Journalisten ihre Arbeit zu erleichtern. Stattdessen ist Zalbertus erfreulich offen und preist seine vermutlich von keinem einzigen seriösen Unternehmen anerkannten Kärtchen als das an, was sie sein sollen – Rabattmarken:

Zudem sollen sie [die Bürgerreporter] zur Minimierung ihrer Nebenkosten Presserabatte in Anspruch nehmen können.

Diejenigen, die die Rabatte gewähren sollen, ködert Zalbertus wie gewohnt mit visionären Superlativen: In den kommenden beiden Jahren entstehe unter seiner Obhut Europas größte Bürgerreportergemeinschaft, was gut sein kann, weil es in anderen europäischen Ländern keine Gesellschaften gibt, die den Quatsch fördern. Und diese Bürgerreporter, allesamt in Zalbertus´ GzFB  Mitglied, sind dann eine große, große Einkaufsgemeinschaft, die nicht nur fleißig bei den Rabattgewährern einkaufen, sondern nebenher auch noch gerne ihre Daten hergeben:

Die GzFB-Bürgerreporter werden somit eine große Einkaufsgemeinschaft bilden. Über das neue Internetportal www.bürgerreporter.com werden wir einen regen Erfahrungsaustausch dieser Zielgruppe initiieren. Die daraus resultierenden subjektiven Marktforschungsdaten können sicher auch für Ihr Unternehmen von Interesse sein. Auch direkte Mailings und besondere Rabattaktionen für Bürgerreporter werden damit möglich.

Jaha, so tickt der Medienvisionär Zalbertus: Er verkauft nicht nur Grundwerte des Journalismus, sondern die entsprechenden Daten und wertlosen Presseausweise gleich noch dazu (wie man das rechtlich bewerten mag, wissen andere sicher besser als ich). Journalisten als Rabattjäger, die man gerne noch mit ein paar gezielten Mailings und ganz besonderen Angeboten ansprechen darf; da ahnt man dann, woher der schlechte Ruf unseres Berufsstandes kommt. Und als wenn das alles nicht schon übel genug wäre, stilisiert sich Zalbertus nebenher auch noch als Wohltäter:

Mit einem Teil der Erlöse aus den Mitgliederbeiträgen werden wir Projekte im Bildungsbereich und ehrenamtliche Hilfsprojekte finanzieren. Gegenwärtig bilden wir zum Beispiel im Ruhrgebiet 20 Hauptschüler zu potentiellen Medienfachkräften aus. Diese Schüler hätten in normalen Bewerbungsverfahren nicht den Hauch einer Chance gehabt, einen Ausbildungsplatz zu erhalten. In diesem Bereich sind wir stolz, als mittelständisches Unternehmen einen Teil unseres Erfolgs an die Gesellschaft zurückgeben zu können.

Ganz besonders ärgerlich ist es, wenn Zalbertus bekannte Namen in den Kontext seiner wirren Unternehmungen bringt, ohne jedoch, so schlau ist er dann doch, zu behaupten, dass diese Zitate unmittelbar über ihn und seine Projekte gefallen sind. In seinem desaströs lustigem Buch “So werde ich Hobbyreporter” beispielsweise druckte er diesen Text von Stefan Niggemeier aus der FAZ ab und machte ihn damit ungewollt zum Kronzeugen für seine Theorien. Dabei wird jedem, der Niggemeiers Text gründlich liest, schnell auffallen, dass sich seine und Zalbertus´Auffasungen in gar nichts decken. Für sein Bürgerreporterprojekt zitiert er u.a. Heribert Prantl und Wolfgang Büchner (die werden sich sicher freuen) und verweist in bekannter Bescheidenheit noch darauf, dass Barack Obama der erste gewesen sei, der die Bedeutung des Bürgerjournalismus erkannt habe und letztendlich wegen seiner Haltung zu ihnen Präsident geworden sei. Niggemeier, Büchner, Prantl, Obama, sie alle als Kronzeugen für die visionären Idee des Gründers der Gesellschaft zur Förderung von Bürgerreportern — wenn es nicht so bizarr wäre, müsste man schon wieder lachen.

Übrigens, gar so erfolgreich, wie sich Zalbertus und seine Unternehmungen gerne darstellt, ist er dann doch nicht. In der Branchenübersicht 01/2009 heißt es bei Verdi u.a.:

Der Regionalsender center.tv hat 2008 einen Verlust von 1,5 Millionen Euro eingefahren. Im laufenden Jahr wird deshalb ein hartes Sparprogramm umgesetzt. 20 Arbeitsplätze gelten als gefährdet.

Written by cjakubetz

Oktober 8th, 2009 at 9:06 pm

Posted in NUR SO DAHINGESAGT

Aus dem elenden Leben eines Halbdigitalers

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Das Elend begann am Samstag und es begann bei Twitter.

Irgendjemand hatte einen Tweet abgesetzt, dass er jetzt auch bei posterous.com zu finden sei. Auf 140 Zeichen passt ja nicht so rasend viel, aber man konnte zwischen den Zeichen den digitalen Imperativ mitlesen: Wenn du nicht auch bei Posterous  bist, bist  du wahrscheinlich bald ein digitaler Niemand. Man kann einen solchen Imperativ in der digitalen Welt übrigens ziemlich schnell auch aus anderen Dingen extrahieren. Wenn beispielsweise ganz viele Twitterer Links posten, die zu Posterous führen. Dann merkt man: Oha, neuer Trend im Anmarsch. Sei besser dabei. Vor allem dann, wenn es die Meinungsmacher und Marktführer in Sachen neue Trends sind, die sowas posten. Denen läuft dann häufig die ganze Gemeinde hinterher, ist furchtbar stolz darauf — und man fragt sich im Stillen gelegentlich, was eigentlich in Digitalien (ha…ich hasse diesen Begriff!) so viel anders ist als in der von uns so verpönten analogen Welt. Wir teilen ja sogar die Blogger in A- bis E-Kategorien ein und eigentlich warte ich schon lange auf eine griffige Definition des A-Twitterers. Geht der dann ab 10.000 Followern los oder schon eher? Unlängst hat übrigens jemand ein Bild gepostet: ICH und Sascha Lobo! Dass er nicht dabei den Daumen nach oben in die Kamera reckte, war alles. Ob die auch getragene Unterwäsche von Digitalhelden sammeln? Oder wenigstens Hanuta-Sammelbildchen?

Aber ich schweife gerade etwas ab. Jedenfalls konnte und wollte ich mich dem imperativen Trend nicht entziehen, vermutlich auch deswegen nicht, weil ich in Sachen Digital Selfbranding ohnehin eine ziemliche Null bin. Weder setze ich am Tag 87 Tweets ab noch würde irgendjemand irgendetwas tun, nur weil ich das empfehle. Unlängst habe ich mir mal einen halbprivaten Spaß bei Twitter erlaubt, was die Masse geflissentlich ignoriert hat.  Und bei dieser komischen Einrichtung namens Follower Friday (das ist, glaube ich, so was wie der Linktausch in frühen digitalen Tagen) habe ich, glaube ich, insgesamt  zwei Erwähnungen abbekommen, wenn mich nicht alles täuscht. (Gut, umgekehrt empfehle ich auch fast nie, weil ich erstens diesen Ritualen ungefähr gar nichts abgewinnen kann und mir Ehrlichkeit immer über Höflichkeit geht — jedenfalls wundere ich mich über Leute, die jeden Freitag mal eben 23 Empfehlungen aussprechen können; ich wär mit 5 schon überfordert). Trotz alledem bin ich dann zu Posterous und dachte mir: nein, wie hübsch! Einfach von irgendwoher irgendeine Mail schicken und schon ist das gepostet. Einfach wahllos durcheinander, einfach posten, wie symphatisch. Zumal mir, als ich mich in meinem Büro und auf meinem Schreibtisch ein wenig umsah, schnell auffiel, dass ich dieses System ohnehin schon erfolgreich und ausdauernd auch im echten Leben praktiziere.

Danach wollte ich mich ans Werk machen — posten, irgendwas. Ich hätte ja beispielsweise den Link zu einer Geschichte posten können, die ich gerade gelesen hatte. Gut, ob ich sie jemals nochmal lesen wollen würde, war mir in dem Moment nicht ganz klar und zudem hatte ich ja auch noch meinen Account bei delicious im Hinterkopf…also gut, verwerfen, den Gedanken, aber ein Foto, Mensch, das wär doch mal was. Ich hab schließlich tausende Fotos auf meiner Festplatte und die meisten davon sind sogar ziemlich gut und man kann sie sich auch bei Flickr anschauen. Flickr? Ach ja, stimmt…unsinnig, sie dann nochmal zu posten, zumal ich irgendwann mal aus Langeweile drei Bilder bei Facebook gepostet habe und mich bis heute frage, warum (Naja, ehrlich gesagt weiß ich schon warum: Ich wollte sehen, ob das – technisch – geht. Es ging. Sogar vom Handy. Fantastisch.)

Aber verdammte Axt, IRGENDWAS musste doch zum posten sein, Herrgott, irgendwas, was dir gerade durch den Kopf geht. Gerade, als ich posten wollte, was mir gerade durch den Kopf geht, fiel mir ein, dass ich meine rapiden Gedankenblitze gut aufteilen muss, weil ich ja auch noch etwas für Twitter brauche. Und da eignen sich die Sachen, die einem gerade durch den Kopf gehen, ganz gut dafür, vor allem wenn es nicht mehr als 140 Zeichen sind. Gepostet habe ich dann bisher noch nicht soviel bei Posterous, ich glaube, zweimal steht jetzt da: Test. Ich bin aber generell zuversichtlich.

Weil wir gerade bei Twitter und den rationierten Tweets waren: Twitter ist ja nicht nur eine Art digitaler Imperativ, sondern auch eine Art stummer digitaler Vorwurf. Selbst wenn ich mich morgens um sechs einlogge (Ich hab´ Kinder, deswegen…) blinkt mir irgendjemand entgegen, der mir mitteilt: Reading New York Times! Great! (Wohlgemerkt, Deutsche, nicht Amerikaner). Oder die über Google Wave debattieren und im Gegensatz zu mir einen Account haben. Um halb sieben, während ich mir den ersten Kaffee des Tages mache, diskutieren sie schon die Medienzukunft im Großen und Ganzen, um 7 veröffentlichen sie den ersten selbstgemachten Vergleich zwischen der Kamera des neuen iPodNano, der Flip und der Sony Z1, während ich meiner großen Tochter einen schönen Schultag wünsche und langsam ansprechbar bin (wahrscheinlich haben die ihre Kinder zwischen zwei Tweets noch Latein abgefragt, aber das kann ich nicht so gut). Um 9 verabschieden sie sich in eine Konfi, aus der sie leider nur ab und an einen Zwischenstand twittern können, danach aber sind sie dreisprachig und jederzeit eloquent wieder für uns da. Mir fällt zwischendrin nicht sehr viel Klügeres als “Hab Hunger” oder “Alle doof” ein und es ist mir  peinlich, weil “Hunger” ein wenig banal wirkt, während sich die anderen gerade mit einem saloppen “Hi there, Jeff” in eine kleine Mittagsdebatte mit dem Digitalpapst Jarvis stürzen.

Um 16 Uhr schalte ich mich dann weg von Twitter. Ich habe Depressionen und möchte aus dem Fenster springen. Blöd, dass mein Büro im Erdgeschoss ist.

Bei posterous steht immer noch: Test.

Die digitalen Leithammel hingegen haben hier heute wieder eine unglaubliche Ansammlung aus klugen Gedanken, brillianten Fotos, ein paar schnell im Zug geschnittenen Videos, ein Essay und eine Doktorarbeit gepostet. Ich warte darauf, dass irgendwann mal einer direkt aus der Livesendung twittert und postet, vielleicht mitten einem Interview mit Merkel: Kanzlerinnen sind auch nicht mehr das, was sie mal waren #merkel.

Bei mir steht da: Test. Mist.

Facebook fällt mir ein, Facebook, meine potentielle Rettung an diesem Tag. Blöd nur, dass Facebook, als ich es gerade betrete, mal wieder ganz digitale Mülhalde ist, auf der alle wieder kreativ waren, nur ich nicht. Der Status am Tag achtmal gewechselt, Links, Fotos, Videos, kluge, witzige Sprüche, während mein Status das letzte Mal vor vier Tagen wechselte, was mich irgendwie deprimiert: Bin ich so ein schlichtes Gemüt, dass ich nur alle vier Tage mal einen anderen Gesichtsausdruck annehme? Reicht es, wenn ich mich in Luft auflöse und einfach nicht mehr da bin? Ich hab eh nur so ungefähr 70 Freunde, wobei ich in analogen Zeiten gedacht hätte, das wäre eine ganze Menge. Heute weiß ich: Das ist eigentlich kurz vor dem Status asozial. Andere haben tausende.

Und nun? Ich mache altmodische Dinge wie Blogs schreiben, ich will eigentlich nur einen Account für meine Links und einen für meine Fotos und Videos, ich würde mir gerne meine Freunde aussuchen und sie auch im echten Leben nett finden. Bin ich jetzt ein Untoter im digitalen Land? Und sollte ich das jetzt nicht eigentlich schon längst getwittert haben, bei Facebook und Posterous posten und bei Delicious bookmarken??

Und wo krieg ich jetzt eigentlich ne Einladung zu Google Wave her?

Nachtrag: Ein paar Vorteile hat das digitale Leben ja.  Ich weiß jetzt dank meiner Leser, dass ich in der Aufzählung Friendfeed und ein paar weitere vergaß. Außerdem habe ich jetzt bei Facebook einen Freund mehr. Ich kenne ihn zwar nicht, aber er klang nett, schon alleine, weil er sich geopfert hat, meine klägliche Freundeszahl ein wenig zu schönen. Dass mir da jetzt aber kein digitaler Friendmob draus wird.

Written by cjakubetz

Oktober 6th, 2009 at 4:16 pm

Posted in NUR SO DAHINGESAGT

Ein Magazin aus Syrien

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Marc Röhlig und Simon Kremer sind Stipendianten der KAS und waren im Sommer u.a. mit beim Seminar zur Leichtathletik-WM in Berlin. Damals erzählten sie, demnächst für ein paar Monate nach Damaskus zu gehen — und von dort aus auch berichten zu wollen. Jetzt ist es soweit, die beiden sind  vor Ort. Und ihr Magazin, das sie zusammen mit einigen anderen erstellen, gibt es auch schon — lesenswert.

Written by cjakubetz

Oktober 3rd, 2009 at 11:18 am

Posted in LESETIPP