Aus dem elenden Leben eines Halbdigitalers

Das Elend begann am Samstag und es begann bei Twitter.

Irgendjemand hatte einen Tweet abgesetzt, dass er jetzt auch bei posterous.com zu finden sei. Auf 140 Zeichen passt ja nicht so rasend viel, aber man konnte zwischen den Zeichen den digitalen Imperativ mitlesen: Wenn du nicht auch bei Posterous  bist, bist  du wahrscheinlich bald ein digitaler Niemand. Man kann einen solchen Imperativ in der digitalen Welt übrigens ziemlich schnell auch aus anderen Dingen extrahieren. Wenn beispielsweise ganz viele Twitterer Links posten, die zu Posterous führen. Dann merkt man: Oha, neuer Trend im Anmarsch. Sei besser dabei. Vor allem dann, wenn es die Meinungsmacher und Marktführer in Sachen neue Trends sind, die sowas posten. Denen läuft dann häufig die ganze Gemeinde hinterher, ist furchtbar stolz darauf — und man fragt sich im Stillen gelegentlich, was eigentlich in Digitalien (ha…ich hasse diesen Begriff!) so viel anders ist als in der von uns so verpönten analogen Welt. Wir teilen ja sogar die Blogger in A- bis E-Kategorien ein und eigentlich warte ich schon lange auf eine griffige Definition des A-Twitterers. Geht der dann ab 10.000 Followern los oder schon eher? Unlängst hat übrigens jemand ein Bild gepostet: ICH und Sascha Lobo! Dass er nicht dabei den Daumen nach oben in die Kamera reckte, war alles. Ob die auch getragene Unterwäsche von Digitalhelden sammeln? Oder wenigstens Hanuta-Sammelbildchen?

Aber ich schweife gerade etwas ab. Jedenfalls konnte und wollte ich mich dem imperativen Trend nicht entziehen, vermutlich auch deswegen nicht, weil ich in Sachen Digital Selfbranding ohnehin eine ziemliche Null bin. Weder setze ich am Tag 87 Tweets ab noch würde irgendjemand irgendetwas tun, nur weil ich das empfehle. Unlängst habe ich mir mal einen halbprivaten Spaß bei Twitter erlaubt, was die Masse geflissentlich ignoriert hat.  Und bei dieser komischen Einrichtung namens Follower Friday (das ist, glaube ich, so was wie der Linktausch in frühen digitalen Tagen) habe ich, glaube ich, insgesamt  zwei Erwähnungen abbekommen, wenn mich nicht alles täuscht. (Gut, umgekehrt empfehle ich auch fast nie, weil ich erstens diesen Ritualen ungefähr gar nichts abgewinnen kann und mir Ehrlichkeit immer über Höflichkeit geht — jedenfalls wundere ich mich über Leute, die jeden Freitag mal eben 23 Empfehlungen aussprechen können; ich wär mit 5 schon überfordert). Trotz alledem bin ich dann zu Posterous und dachte mir: nein, wie hübsch! Einfach von irgendwoher irgendeine Mail schicken und schon ist das gepostet. Einfach wahllos durcheinander, einfach posten, wie symphatisch. Zumal mir, als ich mich in meinem Büro und auf meinem Schreibtisch ein wenig umsah, schnell auffiel, dass ich dieses System ohnehin schon erfolgreich und ausdauernd auch im echten Leben praktiziere.

Danach wollte ich mich ans Werk machen — posten, irgendwas. Ich hätte ja beispielsweise den Link zu einer Geschichte posten können, die ich gerade gelesen hatte. Gut, ob ich sie jemals nochmal lesen wollen würde, war mir in dem Moment nicht ganz klar und zudem hatte ich ja auch noch meinen Account bei delicious im Hinterkopf…also gut, verwerfen, den Gedanken, aber ein Foto, Mensch, das wär doch mal was. Ich hab schließlich tausende Fotos auf meiner Festplatte und die meisten davon sind sogar ziemlich gut und man kann sie sich auch bei Flickr anschauen. Flickr? Ach ja, stimmt…unsinnig, sie dann nochmal zu posten, zumal ich irgendwann mal aus Langeweile drei Bilder bei Facebook gepostet habe und mich bis heute frage, warum (Naja, ehrlich gesagt weiß ich schon warum: Ich wollte sehen, ob das – technisch – geht. Es ging. Sogar vom Handy. Fantastisch.)

Aber verdammte Axt, IRGENDWAS musste doch zum posten sein, Herrgott, irgendwas, was dir gerade durch den Kopf geht. Gerade, als ich posten wollte, was mir gerade durch den Kopf geht, fiel mir ein, dass ich meine rapiden Gedankenblitze gut aufteilen muss, weil ich ja auch noch etwas für Twitter brauche. Und da eignen sich die Sachen, die einem gerade durch den Kopf gehen, ganz gut dafür, vor allem wenn es nicht mehr als 140 Zeichen sind. Gepostet habe ich dann bisher noch nicht soviel bei Posterous, ich glaube, zweimal steht jetzt da: Test. Ich bin aber generell zuversichtlich.

Weil wir gerade bei Twitter und den rationierten Tweets waren: Twitter ist ja nicht nur eine Art digitaler Imperativ, sondern auch eine Art stummer digitaler Vorwurf. Selbst wenn ich mich morgens um sechs einlogge (Ich hab´ Kinder, deswegen…) blinkt mir irgendjemand entgegen, der mir mitteilt: Reading New York Times! Great! (Wohlgemerkt, Deutsche, nicht Amerikaner). Oder die über Google Wave debattieren und im Gegensatz zu mir einen Account haben. Um halb sieben, während ich mir den ersten Kaffee des Tages mache, diskutieren sie schon die Medienzukunft im Großen und Ganzen, um 7 veröffentlichen sie den ersten selbstgemachten Vergleich zwischen der Kamera des neuen iPodNano, der Flip und der Sony Z1, während ich meiner großen Tochter einen schönen Schultag wünsche und langsam ansprechbar bin (wahrscheinlich haben die ihre Kinder zwischen zwei Tweets noch Latein abgefragt, aber das kann ich nicht so gut). Um 9 verabschieden sie sich in eine Konfi, aus der sie leider nur ab und an einen Zwischenstand twittern können, danach aber sind sie dreisprachig und jederzeit eloquent wieder für uns da. Mir fällt zwischendrin nicht sehr viel Klügeres als „Hab Hunger“ oder „Alle doof“ ein und es ist mir  peinlich, weil „Hunger“ ein wenig banal wirkt, während sich die anderen gerade mit einem saloppen „Hi there, Jeff“ in eine kleine Mittagsdebatte mit dem Digitalpapst Jarvis stürzen.

Um 16 Uhr schalte ich mich dann weg von Twitter. Ich habe Depressionen und möchte aus dem Fenster springen. Blöd, dass mein Büro im Erdgeschoss ist.

Bei posterous steht immer noch: Test.

Die digitalen Leithammel hingegen haben hier heute wieder eine unglaubliche Ansammlung aus klugen Gedanken, brillianten Fotos, ein paar schnell im Zug geschnittenen Videos, ein Essay und eine Doktorarbeit gepostet. Ich warte darauf, dass irgendwann mal einer direkt aus der Livesendung twittert und postet, vielleicht mitten einem Interview mit Merkel: Kanzlerinnen sind auch nicht mehr das, was sie mal waren #merkel.

Bei mir steht da: Test. Mist.

Facebook fällt mir ein, Facebook, meine potentielle Rettung an diesem Tag. Blöd nur, dass Facebook, als ich es gerade betrete, mal wieder ganz digitale Mülhalde ist, auf der alle wieder kreativ waren, nur ich nicht. Der Status am Tag achtmal gewechselt, Links, Fotos, Videos, kluge, witzige Sprüche, während mein Status das letzte Mal vor vier Tagen wechselte, was mich irgendwie deprimiert: Bin ich so ein schlichtes Gemüt, dass ich nur alle vier Tage mal einen anderen Gesichtsausdruck annehme? Reicht es, wenn ich mich in Luft auflöse und einfach nicht mehr da bin? Ich hab eh nur so ungefähr 70 Freunde, wobei ich in analogen Zeiten gedacht hätte, das wäre eine ganze Menge. Heute weiß ich: Das ist eigentlich kurz vor dem Status asozial. Andere haben tausende.

Und nun? Ich mache altmodische Dinge wie Blogs schreiben, ich will eigentlich nur einen Account für meine Links und einen für meine Fotos und Videos, ich würde mir gerne meine Freunde aussuchen und sie auch im echten Leben nett finden. Bin ich jetzt ein Untoter im digitalen Land? Und sollte ich das jetzt nicht eigentlich schon längst getwittert haben, bei Facebook und Posterous posten und bei Delicious bookmarken??

Und wo krieg ich jetzt eigentlich ne Einladung zu Google Wave her?

Nachtrag: Ein paar Vorteile hat das digitale Leben ja.  Ich weiß jetzt dank meiner Leser, dass ich in der Aufzählung Friendfeed und ein paar weitere vergaß. Außerdem habe ich jetzt bei Facebook einen Freund mehr. Ich kenne ihn zwar nicht, aber er klang nett, schon alleine, weil er sich geopfert hat, meine klägliche Freundeszahl ein wenig zu schönen. Dass mir da jetzt aber kein digitaler Friendmob draus wird.