Archive for Dezember, 2009
2009/2010: Ein Jahresirgendwas
(Schon klar, zu 2009 und zu den Erwartungen für 2010 ist schon alles gesagt worden, nur noch nicht von jedem. Das würde ich nicht gerne auf mir sitzen lassen.)
Mittlerweile geht mir das ja jedes Jahr schon so: Immer kurz vor Neujahr bin ich mir ganz, ganz sicher, dass das jeweils kommende Jahr ein sehr entscheidendes, eines der großen Umbrüche sein wird. Diesmal aber bin ich mir ganz sicher (ok, das habe ich 2005, 2006, 2007, 2008 und 2009 auch behauptet; vielleicht ist es ja auch wirklich so, dass wir seit ein paar Jahren nur noch umbruchverdächtige Jahre erleben.)
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Es bietet sich ja nahezu an. Zeiten der (Achtung, Buzzword) Krise sind immer auch Zeiten des Umbruchs. Das liegt wahrscheinlich in der menschlichen Natur, dass man zu echten Umbrüchen erst dann in der Lage ist, wenn die Daumenschrauben ordentlich angezogen werden. Wenn dem so sein sollte, dann stehen die Chancen gut, 2010 wirklichen Umbruch zu erleben. Schließlich sind seit den ersten sichtbaren Auswirkungen des Internets 15 Jahre vergangen — das ist ein Zeitraum, der auch schon in früheren Epochen, die bei weitem nicht so rasant verlaufen sind wie die der Digitalisierung, erhebliche Veränderungen beinhaltet hat. Und die Daumenschrauben sollten bei den Vertretern der old school inzwischen so gut angezogen sein, dass es kräftig weh tut.
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Spätestens 2010 also — um zunächst zu Vorausschau zu kommen — wird es vorbei sein mit den ja in weiten Teilen der analogen Medien immer noch recht kuscheligen Zeiten. Vor allem das Geschäftsmodell “Tageszeitung” wird ein ziemlich beschleunigtes Ende erleben. Schon die bisherigen Gründe pro Print wirkten ja immer so ein wenig herbei beschworen: Print sei nachhaltiger, hieß es gerne; Zeitungen verfügten über eine wunderbare Haptik zudem. Ersteres — die Nachhaltigkeit — ist ein Nonsensargument. Nachhaltig wird ein Stück Journalismus durch seine Tiefe, durch Rechereche, durch Relevanz. Nachhaltigkeit erzielt man nicht, indem man ein Stück auf Papier druckt. Und die Haptik? Ich bestreite ja gar nicht, dass sich eine Zeitung schön anfühlt, aber diesen haptischen Lustgewinn wird vermutlich nur jemand empfinden können, der mit dem Rascheln einer Zeitung groß geworden ist. Wer hingegen vollständig digital aufgewachsen ist (und diese Generation kommt jetzt), findest es allenfalls nervig,wenn er nach Lektüre einer Zeitung einen Berg Altpapier entsorgen muss und schmutzige Finger hat. Nostalgische Anwandlungen sind jedenfalls eher nicht zu erwarten, weil solche Menschen gar keine nostalgischen Erinnerungen an irgendwas haben. Wenn ich meine beiden Töchter danach fragen würden, was sich besser anfühlt, so rein haptisch gesehen — beide würden sicher nicht mit “Zeitung” antworten, wenn ich Ihnen danach als Konsequenz den Laptop oder das Handy abnehmen würde.
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Und auch wenn ich mich vielleicht etwas weit aus dem Fenster lehne, aber ich glaube, dass der beschleunigte Niedergang von Tageszeitungen einen Namen hat: iSlate. So, wie der iPod das Konsumverhalten beim Musikhören verändert und das iPhone das Handy revolutioniert hat, so wird das Apple-Tablet die Lesegewohnheiten verändern. Klar, man kann einwenden, dass die Dinger (zunächst) teuer und vielleicht auch unausgereift sind. Aber das eigentlich Entscheidende ist: Lesen auf dem Display wird salonfähig und massenkompatibel. Und auch so bequem, dass man sich nicht mehr Sorgen um seine künftige Sehstärke machen muss. In dem Zusammenhang bin ich übrigens ziemlich froh, mir weder einen Kindle noch einen seiner Epigonen zugelegt zu haben. Hätte ich das getan, würde ich mich jetzt schwarz ärgern, während ich die rund 800 Dollar für dendiedas iSlate schon budgetiert habe. Aber um nochmal auf die Zeitungen zurückzukommen: Man muss ja irgendwie befürchten, dass sie auch diese Chance, die sich ihnen da bietet, noch nicht begriffen haben. Jede Wette: Frag nach in 50 Regionalzeitungsverlagen, was ihnen der Begriff iSlate sagt. 40 werden sagen: nie gehört. Müßig zu betonen, dass man dafür dann auch keine Inhaltestrategie parat hat. Dabei beginnt mit diesem Gerät erst das wirkliche Zeitalter von mobilen Inhalten, von mobilem Internet. Und wehe, Mr. Jobs, wenn da nicht auch ein iPod mit drin ist.
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Die Sache mit den Apps, natürlich. Man kommt in diesem und im nächsten Jahr vermutlich kaum daran vorbei, über sie zu schreiben, wenn es um Medien geht. Trotzdem halte ich sie aktuell zumindest für eine der am meisten überschätzten Geschichten überhaupt. Ich bin wirklich leidenschaftlicher iPhone-Nutzer, lese aber auf dem guten Stück dennoch ziemlich wenig. Smartphones haben völig andere Stärken als eine Plattform für längere Textstücke zu sein. Unbestritten sind die meisten (Medien-)Apps eine hübsche, praktische Sache. Mehr aber auch schon nicht. Eine App zu kaufen, monatlich für sie zu bezahlen, weil ich die Zeitung von morgen schon heute auf ihr als Mini-Mini-PDF lesen kann, wäre so ziemlich das Letzte, was mir einfiele. Um dem Totschlag-Argument von der Kostenlos-Mentalität zu entgegnen: Nein, das hat nichts mit mangelnder Zahlungsbereitschaft zu tun. Sondern nur damit, dass es nicht das Produkt ist, das ich gerne hätte. Mir sind Apps weitgehend egal, ich halte sie für ein nettes Spielzeug, mehr nicht.
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Das wird sich ändern, wenn derdiedas iSlate kommt. Dann sind Apps womöglich auch aus inhaltlicher Sicht relevant. Und wenn die dann auch noch sowohl auf iPod als auch auf iSlate laufen….für den Rest gilt: siehe oben.
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Im Moment fällt mir auf, dass hier andauernd die Rede von irgendwelchen technischen Neuerungen und strategischen Ausrichtungen ist. Dabei ist das gerade vorbeirauschende 2009 ja auch eine gute Gelegenheit, mal ein paar halbwegs ernst gemeinte Worte zum Zustand des Journalismus zu verlieren. Ich bin sicher kein Kulturpessimist, aber vieles von dem, was ich 2009 erlebt habe, ist schlichtweg inakzeptabel. Beispielsweise, dass es sich inzwischen nahezu widerspruchslos durchgesetzt hat, dass Redaktionen zusammengeschmissen und “zentralisiert” (und dabei natürlich personell auch eingekürzt werden), man das auch noch als im Sinne der Qualität unerlässlich bezeichnet — und es gibt nicht mindestens ein paar hysterische Lachattacken angesichts solcher Argumentationen. Ich meine, das muss man sich mal vorstellen: Da gibt es also inzwischen reihenweise Leute die behaupten, mit weniger von uns (Journalisten) würden Medien besser. Obwohl ich gerne zugebe, dass ich manchmal sogar geneigt bin, der einen oder anderen Ohrfeige für Journalisten gleich noch eine hinterherzuschießen. Nach ungezählten Panels und Podiumsdiskussionen in diesem Jahr bin ich nicht gerade zu dem Schluss gekommen, dass wir Journalisten sonderlich innovationsfreudig wären. Natürlich ist es wohlfeil, insbesondere Verlegern Vorhaltungen zu machen, dass sie in den letzten Jahren die eine oder andere Entwicklung verschlafen haben. Aber wenn ich dann auf der anderen Seite feststelle, dass die Mehrheit von uns Journalisten immer noch von “neuen Medien” spricht und in erster Linie das Internet meint, habe ich nicht gerade das Gefühl, es mit der Speerspitze der Innovation zu tun zu haben. Und wahr ist ja leider auch, dass Medien-Watchblogger es immer noch ziemlich mühelos schaffen, jeden Tag ihre Seiten zu füllen. Es wäre ein bisschen einfach, das immer nur auf die bösen Verleger oder Sender zu schieben. Vieles von dem, was (zurecht) moniert wird, hat mit einem langsamen und stetigen Verschwinden journalistischer Urtugenden zu tun: Recherche ist gerade dabei, zu einem Luxusgut zu mutieren, zumindest dann, wenn man darunter mehr versteht als eben mal bei Wikipedia nachzuschlagen oder einen Begriff zu googeln.
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Nein, Zeitungen sind leider inzwischen nicht mehr der Inbegriff von Vielfalt. Fernsehen dagegen ist mittlerweile endgültig zum Pseudonym für Einfalt verkommen. Mein konventioneller TV-Konsum ist mittlerweile auf nahe Null gesunken. Nicht, weil es sich so gut macht, wenn man mal eben auf “das Fernsehen” schimpft, das wäre zu billig. Nicht mal aus irgendwelchen anderen wichtigen Gründen. Nein, viel einfacher: Ich finde fast nichts mehr, was ich mir gerne anschauen würde (dabei mochte ich Fernsehen mal). Man kann sich nicht mal darüber aufregen, es ist völlig gleichgültig geworden, welchen Nonsens Sender gerade abstrahlen. Das ist vielleicht für die Zukunft des Fernsehens noch gefährlicher, als würde man sich aufregen: Gleichgültigkeit. Ich sehe ja nicht weniger als früher, ich sehe nur anders. Selektierter. Und eben nicht im TV-Programm, sondern auf DVD, auf dem Rechner, in Mediatheken. Insofern fällt mir eine Prognose ziemlich leicht: Fernsehen ist auf dem allerbesten Weg, zum Nebenbeimedium bei all jenen zu werden, die sich einfach nur berauschen und berieseln lassen wollen (Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel). Entsprechend lieblos machen einige Privatsender inzwischen ihr Programm. Sofern man das, was manche inzwischen am Nachmittag bringen, überhaupt noch Programm nennen kann.
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Beim kommenden Satz kenne ich schon eine archetypische Reaktion: Kennst du nicht “The Office”? Viiiiel besser. (Wahlweise auch gerne genommen: Also, früher war er ja schon besser.) Jaja, kann schon sein, trotzdem: Die 4. Stromberg-Staffel war mein persönliches TV-Highlight in diesem Jahr. So gut könnte Fernsehen sein.
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Radio? Ach herrje. Abgedreht. Außer: FM 4. So gut könnte also auch Radio sein.
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Was verschwindet nächstes Jahr? Ich habe zwar einen Twitter-Account, sehe das aber immer noch skeptisch. Ich nutze es als eine Art Grundrauschen, ich habe dort Leute abonniert, die gute Sachen machen, die wirklich lesenswert sind. Und ich verdanke Twitter ein wunderbares Abendessen mit ausgesprochen liebenswerten Kollegen in München, wobei ich Ihnen in diesem Zusamenhang gerne die Seiten und die Accounts von Horst Müller, Inge Seibel, Richard Gutjahr, Ulrike Langer und Marcus Schuler ans Herz legen will. Trotzdem: Würde man morgen Twitter abschalten, wäre ich nicht unglücklich. Und warum man so angestrengt üer die vermeintliche Bedeutung von Twitter für den Journalismus debattiert und weniger über grundlegende Fragen (die Sache mit der Recherche, siehe oben), will mir noch nicht so ganz in den Kopf. Das alles könnte ich übrigens auch über Facebook schreiben. Ich weiß ja, wie wichtig es ist, mit Lesern und Zuschauern zu kommunizieren, aber dafür bräuchte man kein Facebook und kein Twitter, wenn man es denn wirklich wollen würde. Stattdessen habe ich den Eindruck, dass für eine ganze Reihe von Redaktionen das ganze Zeug mit dem Twitter ein hübsches Alibi geworden ist. Über die Rhein-Zeitung in Koblenz habe ich ganze Oden gelesen, wie vorbildlich sie in Sachen Web 2.0 sei. Dabei habe ich den Tweets des dortigen Chefredakteurs bisher lediglich entnehmen können, dass er die eigene Zeitung ziemlich gut findet. Im Blatt selber soll´s dagegen nicht so rosig aussehen, nach allem, was man so hört. Merke also: Ein hübsches Facebook-Profil und ein paar Tweets ersetzen keinen Journalismus.
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Zum Schluss, quasi frisch reingekommen, mein Lieblings-Leadsatz des Jahres: Alle Jahre wieder ist Weihnachten. Bisher dachte ich ja immer, schon die Verwendung des Terminus “Alle Jahre wieder” stehe unter Strafe. Mit diesem Zusatz finde ich ihn allerdings besonders ulkig, kann mir aber dann doch die Frage nicht verkneifen: Wer schreibt eigentlich unsere Lokalteile voll? Und redigiert das dann auch mal jemand?
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Und schließlich noch was in eigener Sache, für alle diejenigen, die es tatsächlich bis zum Schluss durchgehalten haben: Im Sommer wird dieses Blog 5 Jahre alt, es ist also im Vergleich zu den 43 Tagen, die ein Blog angeblich im Durchschnitt existiert, eine echte Ausdauerleistung. Allerdings: Ich bin mir nicht so wirklich sicher, ob ich in diesen 5 Jahren nicht mehr oder weniger alles geschrieben habe, was ich zu schreiben/sagen habe. Vielleicht also — dies nur mal so als kleine Überlegung — wäre der 5. Geburtstag eine hübsche Gelegenheit, hier den Stecker zu ziehen, bevor die ersten die Augen verdrehen (“Also, früher war der echt besser…”).
Wir werden sehen. Und nein — ich will´s nicht verkaufen…
Kraftmeierei im Niemandsland
Vermutlich war 2009 zumindest aus Sicht der Verleger gar kein schlechtes Jahrfür die PNP. Ganz viele Menschen aus Europa kamen wieder in die Stadt, Karl Lagerfeld und ein paar andere. Man reduzierte die Personalkosten, in dem man das Personal des Hauses reduzierte – und die Auflagenverluste des Blattes setzte man einfach in eine lustige Relation. Man habe zwar verloren, schreibt Chefredakteur Ernst Fuchs zu Weihnachten, aber immerhin nicht so viel wie andere im bundesweiten Durchschnitt.
Wenn man es indessen schon als eine Art Erfolg herausstellen muss, weniger als andere zu verlieren, kann man sich vorstellen, dass es sonst auf der Habenseite nicht viel zu vermelden gibt. Und tatsächlich gab es 2009 auch andere Nachrichten, über die man sich in Passau nicht allzu sehr gefreut haben dürfte. Man verlor beispielsweise einen wichtigen Druckauftrag, nämlich den der Neuen Zürcher Zeitung, die rund 15 Jahre lang einen Teil ihrer Auflage in Passau herstellen ließ. Das ist jetzt vorbei, offiziell heißt es, weil die NZZ eine strategische Neuausrichtung ihres Drucks vornehme. Insider raunen da zwar anderes, aber sei´s drum — der Verlust des Auftrags aus der Schweiz trifft die Passauer einigermaßen schwer.
Daneben aber geht — und das ist interessanter als die Geschichten aus dem Druckzentrum – auch das erste Jahr in redaktioneller Neubesetzung zu Ende. Den Chefredakteur hatte man entsorgt, den Passauer Lokalchef auch, angekündigt war eine Neuausrichtung des Blattes in eine Richtung, von der man neuerdings oft hört und die angeblich die Zukunft von Tageszeitungen sein soll: mehr Lokales, mehr Menschliches, mehr Hintergründiges, mehr Analysierendes. Man habe also verstanden, sollte wohl die Botschaft der Neuausrichtung sein. Wie sehr man verstanden hat, beweist Chefredakteur Fuchs in einem Interview mit der aktuellen Mitarbeiterzeitschrift: Auf die Frage nach den besonderen Stärken seines Blattes antwortet Fuchs, man verfüge über eine ungewöhnlich hohe politische Reputation, im “politischen Berlin” jedenfalls kenne man die PNP ziemlich gut.
Politisches Gewicht in Berlin also als herausragende Stärke der Regionalzeitung PNP? Interessant. Da wundert man sich kaum mehr, wenn man dann liest, was der Chefredakteur als zweites Pfund ins Feld führt: München, da kenne man die PNP ebenfalls bestens. Gut, München ist 200 Kilometer weg und auch nicht mehr so richtig Verbreitungsgebiet — aber ist das nicht großartig, dass man das Blatt auch da kennt, wo es von keinem Menschen mehr gelesen wird? Und als dritte besondere Stärke der Zeitung nennt Fuchs dann doch noch, man glaubt es kaum, die regionale Kompetenz. Das ist ebenso erstaunlich wie bezeichnend (für viele andere Blätter auch): Man interessiert sich nicht so wirklich für seine Leser und insgeheim verachtet man vielleicht sogar das, worüber man täglich schreibt. Wie anders wäre es denn sonst erklärbar, dass man sich daran ergötzt, wenn einem vielleicht mal irgendein unbekannter Staatssekretär in Berlin oder München auf die Schulter klopft, man es aber als vermutlich eher unwichtig empfindet, was die eigene Leserschaft zum Blatt sagt? Letzteres, nämlich die Abstimmung mit den Abos, relativiert man, indem man sagt: Es könnte ja noch schlimmer sein. Und irgendwie ist das alles ja auch beinahe logisch: Wer sich in erster Linie um seine Reputation dort sorgt, wo er nicht gelesen wird, dem ist es vermutlich auch eher egal, was die Leute dort sagen, wo die Zeitung (noch) gelesen wird.
Mindestens ebenso verblüffend ist die alljährliche Wiederkehr der Ansage, man wolle dieses Jahr endlich mal was zum Thema Online machen. Das ist vielleicht für die grundlegende Schwäche dieser Zeitung (und noch einiger anderer): Wir schreiben 2010 und es gibt wirklich Blätter, die ankündigen (!), sich demnächst stärker im Internet engagieren zu wollen. Vermutlich müssen wir Onliner uns so etwas immer wieder vor Augen führen, um die Realitäten in der Medienwelt zu begreifen. (Umgekehrt sind solche Sachen allerdings auch ein guter Grund, vielen Verlagen erst einmal ein paar Hausaufgaben aufzugeben, ehe sie sich über das böse Internet, die Kostenloskultur und die Inhaltediebe aufregen; zumal man ja auch bezweifeln darf, ob jemand das Netz wirklich begriffen hat, wenn er sich dort de facto ja gar nicht bewegt).
Man wolle jedenfalls, so kündigt der PNP-Chefredakteur an, einen “attraktiven Sportkanal” schaffen. Was man als eine (reichlich späte) Reaktion auf den Erfolg von Michael Wagner und dessen Passauer Fußball-Portal werten darf. Und auch das zeigt exemplarisch die Klemme, in der sich die PNP und ihre Freunde befinden: Natürlich muss man jetzt irgendwas machen, um nicht den digitalen Anschluss zu verlieren. Aber der “attraktive Sportkanal” der PNP wird mit ein paar kleinen Tücken zu kämpfen haben. Beispielsweise damit, dass “Fußball Passau” eine komplette Infrastruktur und eine überaus treue Leserschaft hat, die nebenher auch noch gelernt hat, dass es ganz prima auch ohne Heimatzeitung geht. Wenn man das Undenkbare erst einmal ausprobiert und dann festgestellt hat, dass das gar nicht so schlimm ist, gibt es kaum einen Grund, nochmal in alte Strukturen zurückzugehen (insofern ist die Situation der PNP der der CSU gar nicht mal so unähnlich).
Und besonders bemerkenswert ist bei alledem, dass von dem, weswegen Zeitungen vielleicht ja dann doch gekauft werden, in Passau (und anderswo) am wenigsten die Rede ist: von journalistischer Qualität, von journalistischen Urtugenden, von Recherchen, von lesenswerterten Inhalten. Nicht nur bei der PNP klatscht man Seiten gerne mit Kostenlos-Texten von wenig getarnten PR-Agenturen wie beispielsweise obx in Regensburg zu. Wichtigstes Kriterium ist: billig. Es findet beispielsweise niemand der Mühe wert zu erklären, wie das denn zusammengehen soll mit weniger Leuten eine gleichbleibend gute oder möglicherweise sogar bessere Zeitung mitsamt anständiger Onlineverknüpfung zu produzieren. Begriffe wie “journalistische Qualität” tauchen in Fuchs´Weihnachtsbotschaft erst gar nicht auf. Weniger Zeitung für mehr Geld: Es wird nicht allzu lange dauern, bis der Durchschnitts-Leser bemerkt, was man ihm da eigentlich andrehen will. Funktioniert hat das bisher noch nirgends und es wird auch in Passau nicht funktionieren.
Man werde im Übrigen auch in den nächsten Jahren erfolgreich unterwegs sein, prophezeit der Chefredakteur seinen Mitarbeitern zum kommenden Jahr. Die grobe Richtung sei “weitgehend” vorgezeichnet.
Spätestens wenn man solche Sätze liest — sollte man sich Sorgen um die PNP machen.
(Anmerkung: Wie immer bei Geschichten aus Passau auf dieser Seite würde ich davor warnen, sich anderorts händereibend über die PNP zu amüsieren. Ich bin mir ziemlich sicher, dass man Geschichten dieser Art über sehr viele andere Regionalblätter in Deutschland ebenfalls schreiben könnte. Passau liegt halt einfach vor meiner Haustür.)
2009/2010 – Fragen an Uli Brenner
Uli Brenner, Schulleiter der DJS über das Krisenjahr 2009, über die Perspektiven für 2010 — und darüber, warum es sich immer noch lohnt, Journalist zu werden.
Wenn´s um Geld geht…
(Vorab: Nein, kein Beitrag zum Thema Paid Content).
Die Tage habe ich irgendwo gelesen, dass angeblich auch die Vorstände der gesamten bayerischen Sparkassen irgendwie in den Kauf dieser merkwürdigen Alpenbank involviert waren, die jetzt gerade in Bayern für ein bisschen Aufruhr sorgt (bevor wieder jemand abmahnen will: Ich weiß nicht, ob das stimmt und würde das insofern auch nicht behaupten). Das brachte mich, so ticken Journalisten eben, auf das Thema (Lokal-)Journalismus und ich stellte mir dann das Folgende vor:
Ein engagierter (Lokal-)Redateur liest diese Meldung und denkt sich: Oha, das ist ja mal spannend. Idee: den Vorstand der örtlichen Sparkasse fragen, ob das denn stimme und ob er dem Kauf dieses Milliardengrabs auch zugestimmt hat (das wäre dann ja tatsächlich mal ein großes Thema auf lokale Ebene runterbrechen). Unser wackerer Redakteur also ruft an beim örtlichen Sparkassen-Vorstand, der zunächst sehr freundlich ist, weil die Redakteure meistens anrufen, um sich nach eher angenehmen Themen zu erkundigen, beispielsweise danach, ob denn die Sparkasse auch in diesem Jahr wieder ein paar Fußbälle für die örtlichen Fußballvereine spenden wird. Als der Vorstand die Frage des Redakteurs dann hört, verfinstert sich seine Miene und er antwortet erstmal mit einem tendenziell eher patzigen “Nein”. Der Redakteur fragt weiter, sagt, er habe das aber gelesen — und lässt (journalistische Tugenden!) nicht locker. Dem Sparkassenvorstand wird das zu dumm und er sagt dem Redakteur, nun sei es aber genug, er werde sich beim Chefredakteur oder in der Geschäftsführung beschweren.
Eine Antwort bekommt der Redakteur also nicht, dafür aber am nächsten Tag einen Anruf aus der Geschäftsführung: ob ihm eigentlich nicht klar sei, dass die Sparkasse so ziemlich der größte Anzeigenkunde des Blattes ist und dass der Herr Vorstand einigermaßen sauer sei über solche despektierlichen Fragen, die man von den ansonsten immer objektiven Redakteuren des Hauses gar nicht gewohnt sei. Und dass die Sparkasse jährlich auch Fußbälle und andere schöne Sachen spende, das letzte Event des Verlags zudem gesponsert habe und es ja außerdem ziemlicher Quatsch sei, den Sparkassenvorstand vor Ort für den Murks der Landesbank verantwortlich zu machen. Dass er zudem regelmäßig mit dem Herrn Vorstand beim Stammtisch sitzt und ab und an auch mal Golfen geht, erwähnt er nicht, muss er aber auch gar nicht: Unser Redakteur ahnt es auch so, man hört ja so einiges.
Auch die Redakteursüberlegung, mal auf kommunalpolitischer Seite nachzufragen, fällt schnell in sich zusammen. Der Herr Landrat ist schließlich Vorsitzender des Verwaltungsrats der Sparkasse und der Bürgermeister wird sich auch hüten, auch nur ein Wort zum Thema zu sagen, wo ihm und seiner Stadt doch die Sparkasse Jahr für Jahr viele hübsche Dinge bezahlt.
Also, denkt sich unser wackerer Redakteur, sei´s drum, legt die Geschichte beiseite — und sie wird nie geschrieben.
So in etwa könnte das funktionieren, in den Redaktionen des Kulturguts Regionalzeitung. Viele gute Gründe also, auch weiterhin brav für hochwertigen Qualitätsjournalismus zu bezahlen. Und wenn das nicht reicht, müssen eben andere Subeventionen her, um das Kulturgut zu retten. Man könnte ggf. ja auch mal bei der Sparkasse nachfragen.
Zwei Welten
Eine Woche lang unterwegs. Acht Termine in sechs Städten. Wenn man davon absieht, dass ich äußerst schleppend auf E-Mails geantwortet habe, dürfte das allerdings niemandem aufgefallen sein, bei dem ich mich nicht persönlich über diesen Vorweihnachtswahnsinn beschwert habe. Dank WLAN, Mobiltelefon und einiger anderer nützlicher Begleiter funktioniert das Arbeiten unterwegs nicht anders als jenes im Büro.
Noch vor ein paar Jahren hätte man mit der Organisation der Reisen eine Assistentin problemlos für mehrere Tage auslasten können: Telefonate und Faxe mit Hotels, Beschaffung von Flug- und Zugtickets, diverse Umbuchungen, weil hier und da noch ein Termin dazukam. Als die Bahn wegen eines Personenunfalls für die traditionellen 100 Minuten nicht weiterfuhr, hätte sich der Reisende, nunmehr ohne Verbindung zur helfenden Assistentin, wohl oder übel in die Hände des Zugbegleitpersonals begeben müssen, um im besten aller Fälle eine Alternativverbindung genannt zu bekommen, die ihn dem Ziel auch näher brachte. Möglicherweise kam man irgendwann auch an, so abenteuerlich das aus heutiger Sicht scheint.
Heute kann man Assistentinnen sinnvoller beschäftigen. Hotels und Tickets per Internet gebucht, bestätigt, umgebucht. Buchungssoftware seufzt weder vielsagend noch neigt sie zu schnippischen Bemerkungen. Sicher, es ist immer noch möglich, sich vorzustellen, wie diese Woche verlaufen wäre, wenn alle mobilen Internetsysteme Deutschlands lahmgelegt worden wären.
Wenn man wissen will, wie es anders so ganz ohne die digitalen Helferlein ist, bitte sehr: Zurück geht es an einem Abend im ICE von Frankfurt nach München. Kurz hinter Aschaffenburg beginnt die alte Welt. Nun ist Franken ganz ganz bestimmt ganz wunderschön, aber: Angesichts der früh einsetzenden Dunkelheit tritt dieser Aspekt allerdings in den Hintergrund. In der Wahrnehmung des Bahnreisenden ist Franken vor allem eines: tiefste Diaspora. Die E-Mails sollten bis Aschaffenburg beantwortet sein. Gesprächspartner am Telefon weist man höflich beim Verlassen des Bahnhofs auf die gleich folgende Funkstille hin. Wenn sich dann auch das Internet verabschiedet hat, schaut der Reisende sinnierend in die Nacht vor seinem Fenster und fragt sich, wie die Menschen auf der anderen Seite dieses Fensters bloß leben.
Sogleich meldet sich die Stimme der Vernunft. Genau so, wie man selbst vor einigen Jahren lebte. Sie lesen die Zeitung, die gegen Mittag geliefert wird und die Nachrichten vom Vortag enthält. Sie schalten den Fernseher an und schauen, was der zuständige Redakteur für sie ausgewählt hat. Sie telefonieren, wenn ein Telefon verfügbar ist. Sie erkundigen sich beim Schaffner nach der besten Anschlussverbindung. Sie fragen einen Einheimischen nach dem Weg, wenn sie fremd sind. Sie erwerben Flugtickets in einem Reisebüro. Und sicher finden sie nichts dabei.
Natürlich gibt es diese Momente, in denen ich das Telefon ausschalte und das Internet ignoriere. Aber nach einer Weile will ich dann eben doch wissen, ob mein Eishockeyverein zur Abwechslung vielleicht mal gewonnen hat. Und ich will diese Information auch nicht erst in der Lokalzeitung von morgen finden. Ich will sie auch haben, wenn ich gerade in Hamburg bin, wo die Höhen und Tiefen der Eishockey-Bayernliga wahrscheinlich ungefähr genauso interessieren wie eine Wasserstandsmeldung aus dem Gangesdelta. Ich möchte selbst entscheiden können, ob, wann und woher ich welche Information beziehe. Deshalb atme ich auf, wenn sich der ICE München nähert und die Dunkelheit vor meinem Fenster von hellen Lichtern durchbrochen wird. Zumindest bis die ersten E-Mails eintrudeln…
(P.S. Selbstverständlich existiert auch in Franken Internet- und Mobilfunkempfang. Aber eben nicht auf der ICE Strecke. Und natürlich gibt es viele andere Gegenden in Deutschland, die Franken sehr ähnlich sind.)
Klartext, Nummer 19
Seit heute mittag ist die neueste Ausgabe des Klartext-Magazins der DJS online. Die Lehrredaktion 47A hat sich dabei ein knappes Jahr mit dem Thema “Selber machen” beschäftigt.
Ein knappes Jahr lang? Ja, weil das inzwischen fester Gedanke in der DJS-Ausbildung ist: ein Projekt konsequent cross- und multimedial aufzusetzen. Am Anfang stand das Heft: Zusammen mit Jan Weiler als “Heftdozent” wurde das Magazin auf- und umgesetzt; dahinter stand allerdings von Anfang an der Gedanke, jedes Thema multimedial begleiten zu können.

Ein ganz simples Beispiel: Anna Kistner hat einen Bob- Ross-Malkurs besucht. Im Heft (als Komplett-Download übrigens auf der Startseite) erzählt sie in Form einer klassischen Reportage ihre Erlebnisse als Selbst-Malerin, auf der Webseite kann man dann in fünf Schritten multimedial selbst erlernen, wie man Bob-Ross-Epigone wird.
Die multimedialen Elemente, insbesondere Audios und Videos, sind dann Stück für Stück im Laufe dieses Jahres dazugefügt worden. Und so gibt es überall da, wo es möglich und sinnvoll ist, multimediale Zusatzelemente. Man lernt dabei übrigens dann auch, wo es nicht sinnvoll oder machbar ist — und auch das kann ja ein Lerneffekt sein.
Und es gibt eine Premiere: Zum ersten Mal besteht die Online-Ausgabe des Klartext-Magazins nicht aus einem, sondern eigentlich aus zwei Angeboten. Die Zusatzseite “Deutschland 2″ befasst sich vordringlich mit Utopien, wie Deutschland alternativ und anders aussehen könnte, würden wir es selber machen. Es wird über ein Deutschland ohne Banken geschrieben, es gibt Vorschläge für eine neue Nationalflagge und für eine neue deutsche Grammatik..

“Klartext” ist übrigens kein einmaliges Projekt. Früher war es “nur” das Magazin, das die DJSler im Zuge ihrer Printausbildung erstellten. Das wurde gedruckt und verschickt, klassisch analog also. Seit gut einem Jahr ist die Idee dahinter eine andere: Jedes Magazin läuft online und ist nicht hinter irgendwelchen Passwörtern auf irgendwelchen Schulservern versteckt. Das Heft zum Thema “Selber Machen” ist das vierte, das wir in dieser Form präsentiert haben. Für Journalisten ein ganz besonderer Tipp: Im Sommer 2009 hatten wir eine Ausgabe gemacht, die sich ausschließlich mit Journalismus beschäftigt — was damals angesichts des 60. Geburtstags der DJS eine ganz besonders schöne Idee von Schulleiter Uli Brenner war.
Jetzt aber ab heute erst mal die neue Ausgabe zum Thema “Selber machen”. Das nächste Heft/Projekt erscheint dann voraussichtlich im Frühjahr 2010 mit der Lehrredaktion 48K.
Wertzeichen setzen
Im MI-Wirtschaftsbuch-Verlag ist in diesen Tagen ein neues Buch erschienen. Es heißt “Wertzeichen setzen” und befasst sich im weitesten Sinne mit der Medienzukunft. Herausgegeben wird es von Bela Anda, Stefan Endrös und Jochen Kalka. Autoren sind unter anderem die Herausgeber selbst, Sascha Lobo, Inga Humpe (!) und einige andere (ich auch). Mehr dazu hier.
Post zurück an den “Nordkurier”
Auch wenn es vielleicht den einen oder anderen enttäuschen mag: Ich habe heute die vom „Nordkurier” geforderte Unterlassungserklärung unterschrieben und mich verpflichtet, eine ganz bestimmte Behauptung nicht mehr aufzustellen und sie nicht zu wiederholen, weder wörtlich noch sinngemäß. Den ursprünglichen Beitrag habe ich gelöscht, ebenso natürlich aber auch meine damals am 14. Mai erfolgte Richtigstellung des Sachverhalts. Ebenso habe ich meinen Beitrag, in dem ich über die Abmahnung berichtet habe, soweit verändert, dass nicht mal Lutz Schumacher und die von ihm beauftragte Berliner Anwaltskanzlei daran etwas aussetzen können.
Zugegeben: Im ersten Moment, als die Abmahnung ins Haus kam, hatte mich die Streitlust gepackt. Ich hätte ich gerne gehört, inwieweit Schumacher und sein Anwalt denn begründen hätten wollen, dass eine Wiederholungsgefahr bestanden hätte, wenn ich schon sechs Tage nach der eigentlichen (inkriminierten) Geschichte erklärt habe, dass mir in dieser Geschichte, die sich ja um weit mehr drehte als diesen einen abgemahnten Satz, ein Fehler unterlaufen ist. Und ich hätte mir das alles sehr gerne von einem Haus erklären lassen, dass sich sonst bestimmt für Pressefreiheit und solche Geschichten einsetzt (wenigstens auf dem Papier).
Danach wurde mein Denken ein wenig pragmatischer (und ich möchte mich an dieser Stelle ausdrücklich bei ein paar lieben Ratgebern bedanken, die mir diesen Pragmatismus nahe legten). Soll ich also mich allen Ernstes mit Lutz Schumacher und dem „Nordkurier” um die rechtliche Interpretation eines einzigen, aus elf Wörtern bestehenden Satzes streiten, womöglich in einer über Monate währenden Auseinandersetzung? Mir ging (und geht) es in der Debatte um Methoden von Blättern wie dem „Nordkurier” doch nur am äußersten Rand um diese eine inkriminierte Behauptung (die ich, bevor sich jemand aufregt, ja ausdrücklich NICHT aufrecht erhalte). Mir geht und ging es um andere Sachen.
Und schließlich kam noch etwas anderes hinzu: die Motivation des „Nordkurier” für diese Abmahnung. Mir war ziemlich schnell klar, dass es hier keineswegs um die inhaltliche Korrektur eines Sachverhalts ging, das hätte man anders machen können. Lutz Schumacher und der „Nordkurier” wollen Kritiker schlichtweg mundtot machen – oder wie es mir jemand in einem Vier-Augen-Gespräch gesagt hat: Die wollen dich hängen sehen. Die sind es leid, sich von dir (und anderen) ans Bein pinkeln zu lassen. Und für dieses – mit Verlaub – kindische Spielchen sollte ich viel Zeit und ggf. Geld investieren? Das schien mir ziemlich absurd zu sein, weswegen ich die Unterlassungserklärung heute unterschrieben und zurückgefaxt habe. Meine Zeit möchte ich ungern mit einem Rechtsstreit um des Kaisers Bart führen, davon abgesehen hat man Schumachers Handlungsschema ja schon oft genug erlebt: Wer nicht in seine Weltsicht passt, wird weggeklagt oder kurzerhand rausgeworfen.
Dennoch halte ich es für interessant, das zu beobachten, was da gerade bei „Nordkurier” passiert – weil es, ebenso wie das Beispiel der Freunde in Passau, ziemlich gut zeigt, was mit Regionalzeitungen passiert, wie fatal sie reagieren, wie sie ihre Daseinsberechtigung mehr und mehr verspielen und wie sie keine wirklich probaten Antworten auf etwas finden, von dem sie glauben, es sei lediglich eine „Krise”. Dabei ist es ihr Todeskampf und sie verhalten sich dabei (ein wunderbares Zitat aus der „Süddeutschen”) wie die weiße Frau, die sich in den Fängen King Kongs befindet und sich dabei in allererster Linie Sorgen um ihre Frisur macht.
Die „Zeit” hat sich in ihrem letzten Dossier über den Zustand des Journalismus ausgiebig u.a. mit dem „Nordkurier” beschäftigt. Und sie beschreibt dort auch, welchen Stellenwert Journalisten noch in diesem Verlag haben:
„Sie betreuen nebenher das Lesertelefon, die Abonnenten, das Gewinnspiel. Seitdem der neue Geschäftsführer da ist, heißen sie in Hausmitteilungen nicht mehr Redakteure, sondern Content-Manager.”
Weiter schreibt die „Zeit”:
Wer den Chefredakteur Seidel besucht, betritt das Museum eines aussterbenden Handwerks. (…) Seidel war zehn Jahre lang Gewerkschaftsfunktionär, jetzt führt er »Strukturanpassungsmaßnahmen« durch. Er macht nun mit. Seidels Chef, der Geschäftsführer, heißt Lutz Schumacher, Spitzname Zumacher. Er hat vor zwei Jahren bei der Münsterschen Zeitung über Nacht eine ganze Redaktion entlassen. (…) Seidel und Schumacher haben den Nordkurier im vergangenen Jahr in 15 Einzelfirmen zerschlagen, von denen viele aus dem Tarifvertrag ausgestiegen sind, sodass sie geringere Löhne zahlen können. Jede dieser Firmen ist jetzt ein eigenes Profitcenter, jede muss Gewinn abwerfen, denn die Auflage sinkt. Der überregionale Teil der Zeitung wird von einer externen Firma in Schwerin produziert, die auch die Schweriner Volkszeitung beliefert. In Zukunft sollen weniger »teure Redakteure« angestellt werden, sagt Seidel, dafür mehr Content-Manager, die dann auch filmen, twittern, bloggen, podcasten.
Das scheint mir der frappierendste Aspekt in der momentanen „Medienkrise” zu sein: dass es so unglaublich schwer fällt, Macher zu entdecken, denen etwas anderes einfällt als kürzen, streichen, sparen (und lamentieren). Dabei – um diesem Argument ein wenig die Kraft zu nehmen – geht es doch in dieser Debatte überhaupt nicht darum, dass Zeitungen nicht auch Wirtschaftsunternehmen sind; natürlich sollen sie, müssen sie Geld verdienen. Natürlich ist es legitim, über Kosten nachzudenken und sie ggf. auch zu senke, täte ein Management das nicht, es wäre ein ziemlich schlechtes Management. Nur: Mit immer weniger Leuten immer weniger Zeitung zu machen, ist insofern eine eher schlechte Idee, weil selbst der unbedarfteste Leser irgendwann bemerkt, dass er für immer mehr Geld immer weniger bekommt. Wenn also der Nordkurier, wie es die Zeit beschreibt, über große lokale/regionale Ereignisse teilweise nur noch in Form von Agenturmeldungen berichten kann, weil ihm schlichtweg das Personal fehlt, dann verliert er seine Existenzberichtigung. Und wer, bitteschön, soll denn irgendwelche Tweets lesen, wenn es gar nichts mehr zum twittern gibt? Was in der Kantine des Nordkurier oder der PNP passiert, interessiert zurecht niemanden.
Hochwertiger, relevanter Journalismus ist es, was letztendlich zählt – und das haben Verlage wie der „Nordkurier” immer noch nicht verstanden. Wie also ausgerechnet Lutz Schumacher darauf kommt, eine Qualitätsdebatte über Journalismus zu fordern, gehört zu den letzten Mysterien des Medienjahres 2009.
Dabei gibt es ausreichend Belege dafür, dass Leser Qualitätsjournalismus (gruseliges Wort, ich weiß…) oder zumindest für sie relevanten Journalismus nach wie vor wollen (manchmal glaube ich auch wirklich, dass wir gar keine Medien- als vielmehr eine Journalismuskrise haben). Die meistverkaufte Einzelausgabe des „Spiegel” in diesem Jahr war jene, in der sich mehrere Reporter akribisch an der Entstehung der Finanzkrise abgearbeitet hatten und das lieferten, was Journalismus kann (und was er sein soll): Präzise recherchierte Information, Hintergrund, Analyse und meinetwegen auch fundierter Kommentar. Das hat sich seit Kischs Zeiten nicht geändert. Im Gegenteil, in einem Zeitalter, in dem jeder publizieren kann und es sehr viele gottseidank auch tun, gewinnt diese Form von klassischem und hochwertigem Journalismus erheblich an Bedeutung – und wenn man ehrlich ist, muss man einräumen: Es ist seine einzige Daseinsberechtigung. Verlagshäuser, in denen es nur noch „Content Manager” gibt, die keinen Journalismus, sondern Informationsverhackstückung betreiben, haben eine solche Daseinsberechtigung nicht mehr, selbst wenn sie das neuerdings „crossmediales Arbeiten” nennen. Sie werden verschwinden über kurz oder lang.
Und ehrlich gesagt: Es ist nicht schade um sie.
Wie ein 20-Jähriger einen Verlag demontiert
Die folgende kleine Geschichte besteht eigentlich aus zweien. Auf den ersten Blick haben sie nichts miteinander zu tun, auf den zweiten dann schon eine ganze Menge — und beim dritten Blick bemerkt man, dass sie symptomatisch für viele unserer Tageszeitungen werden könnte.
Der erste Teil handelt von einem jungen Mann aus Fürstenstein in Bayern. Sein Name ist Michael Wagner und ebenso wenig spektakulär wie sein Name ist seine Passion: Fußball. Nicht nur solcher, der sich in den großen Ligen Europs abspielt, sondern auch der, der jeden Tag auf kleinen Sportplätzen in den Niederungen der Kreisligen gekickt wird. Große Leidenschaft, die zu einem zunächst kleinen Ergebnis führte: Vor vier Jahren setzte der damals 16-Jährige eine kleine Seite ins Netz. Thema: lokaler Fußball aus der Region Passau, von der untersten Kreisliga bis in die Bayernliga. Wagner machte sich dabei etwas zunutze, was zu den unschlagbaren Vorteilen des Netzes gehört: Er hatte de facto unbegrenzt Platz zur Verfügung. Das klingt erst einmal schrecklich banal, bekommt aber an Spannung, wenn man ein wenig weiß, wie der lokale Fußball in den meisten Lokalredaktionen der Tageszeitungen in Niederbayern behandelt wurde. Für viele kleine Vereine reichte es gerade mal für ein paar mickrige Zeilen, oft gerade mal das Spielergebnis mit Torschützen.
Aus nüchterner, journalistischer Sicht ist das natürlich — begründbar. Klar sind es oft ziemlich gruselige C-Klassen-Kicks und oft schauen da nur ein paar Spielerfrauen und ein paar Leute aus dem Dorf zu. Es wäre also nichts einfacher als zu sagen: Was zur Hölle hat das mit einem womöglich noch ernst gemeinten “Spielbericht” in der Zeitung zu suchen? Nimmt man den reinen Informationswert oder gar den sportlichen Wert des Ganzen als Maßstab, kommt man schnell zu einem gut begründbaren Ergebnis: nicht mehr als drei Zeilen.
Das ist der eine Aspekt. Der andere ist (wie so häufig im Lokalen): Genau dafür interessiert sich bei den Lesern kein Mensch. Niemand will unsere journalistische Erwägungen wissen, wenn es um ein kleines Fußballspiel geht. Stattdessen wollen sie: einen ausführlichen Spielbericht mit minutiöser Schilderung der dramatischen Ereignisse auf dem Platz. Viele Bilder, wunderbare Statistiken, Tabellen, Meinungen zum Spiel. Im Grunde also soll das C-Klassen-Spiel abgehandelt werden wie ein Länderspiel.
Für die allermeisten Zeitungen ist das aus diversen Gründen nicht leistbar. Es würde ihre Umfänge sprengen, ihre personelle Infrasturktur ist nicht darauf ausgelegt. Vor allem: Wenn man ein Kreisklassenspiel so behandelt, was macht man dann mit dem Länderspiel? Eine Sonderausgabe?
Keine Ahnung, ob sich Michael Wagner all diese Gedanken jemals gemacht hat. Was er machte, könnte diesem Gedanken aber gefolgt sein: Er lieferte auf seinem Portal den vielen Fußballfans in der Region genau das. Jede Liga, jedes Spiel wird dort inzwischen ausführlich geschildert. Es gibt Spielerbörsen, Tabellen, Statistiken, kurzum: Wagner hat ein hyperlokales (Fußball-)Medium gemacht — und die User dort sind glücklich. Bis zu 20.000 Besucher hat die Seite inzwischen. Und einen Mitarbeiterstamm, der jedem großen Medium zu Ehre gereichen würde.
Womit wir allmählich zum zweiten Teil der Geschichte kommen. In Passau sitzt ja auch die große PNP, ein Regionalblatt mit einer Auflage von rund 170.000 und in weiten Teilen ihres Verbreitungsgebiets ein klassischer Monopolist. Der Kreisklassen-Fußball wurde (und wird) dort seit Jahren so behandelt wie beschrieben. Ob das richtig war oder nicht, war lange Zeit dahin gestellt. Ganz einfach deswegen, weil es für den Verlag nicht relevant war, ob die Leser das mochten oder auch nicht. Schließlich blieb ihnen keine andere Wahl — entweder PNP lesen oder auf Informationen zu den Spielen verzichten.
Diese Schläfrigkeit führte dann auch dazu, dass die große PNP lange nicht bemerkte, was sich in ihrem Schatten entwickelte. Sie betrieb weiterhin ihren Verwaltungsjournalismus in der Zeitung und was online passierte, beachtete sie nicht. Das aus zweierlei Gründen: zum einen, weil sie sich für das Netz und für neue Medien ungefähr gar nicht interessierte, zum anderen, weil ihr vermutlich der Gedanke, jemand anderes könne im Großraum Passau ein ernstzunehmendes journalistisches Angebot etablieren, völlig suspekt war. Was wiederum dem alten analogen Denken und dem völligen Unverständnis für digitale Medien geschuldet war: Dass die Kosten, ein digitales Medium zu etablieren, deutlich unter denen eines Printmediums liegen, hatte sich noch nicht ganz bis zur PNP rumgesprochen. Und dass ein 16jähriger Azubi damit die Möglichkeit hat, unbemerkt zum Verleger eines Mediums zu werden, schien den Passauern auch nicht ganz einzuleuchten (ist ja auch, wenn man ehrlich ist, erst einmal schwer vorstellbar).
Die Konsequenz dessen war einfach: Während die PNP weiter vor sich hin dilettierte und einen merkwürdigen Onlineauftritt hinlegte, bei dem viele Inhalte zahlenden Abonennten vorbehalten blieben, wuchs Wagners “Fußball Passau” zu einer überaus beachtlichen Konkurrenz heran. Konkurrenz? Eigentlich das falsche Wort. Wer wissen will, was im regionalen Fußball passiert, hält sich inzwischen viel eher an das gut gemachte Wagner-Portal als an den öden PNP-Auftritt. Danach versuchte man mehreres: Man probierte Wagner unter Druck zu setzen, man versuchte, den unliebsamen Konkurenten zu kaufen. Alles erfolglos, Wagner, inzwischen 20, macht nicht nur unbeirrt weiter, er hat aus seinem Online-Portal inzwischen auch ein Fußball-Heft gemacht, das in diesen Tagen erstmals erschienen ist.
Bei der PNP hingegen geht es mal wieder gerade etwas lustig zu. Es zeigt die ganze Hilflosigkeit, die in einem solchen Großverlag herrscht. Der gerade mal vor einem Jahr gekommene Passauer Lokalchef soll jetzt Chef einer neuen Multimedia-Truppe werden, weil die PNP beschlossen hat, sich bereits ab 2010 an den Zeitgeist zu hängen und einen neuen Onlineauftritt zu entwickeln. Dafür soll es sogar, man glaubt es kaum, eine richtige eigene Redaktion geben. Warum man sich als Chef dieses Auftritts jemanden auserkoren hat, der nachweisbar keinerlei Expertise in diesem Bereich hat, mag man spekulierendererweise auch damit begründen, dass auch er es nicht geschafft hat, den stetigen Auflagenrückgang in Passau zu stoppen. Jedenfalls zeigt ich der ganze Leidensdruck von Regionalzeitungen sehr schön in dieser Geschichte: Über viele Jahre hinweg übte sich der Lokalriese PNP als bräsiger Platzhirsch, um jetzt zum Scheinriesen zu mutieren. Ein 20-Jähriger nimmt ihnen die Kernkompetenz Lokalsport, Onlinekompetenz im Haus gibt es de facto nicht, ein Nicht-Onliner wird deswegen zum Chefredakteur des Onlineangebots gemacht. Gleichzeitig befinden sich Auflage und Anzeigenerlöse weiter im Sinkflug, was durch Einsparungen beim Personal kompensiert werden soll. Welche Auswirkungen das hat, ist leicht absehbar: Das Blatt wird dünner, es wird schlechter, es verliert den Zugang zu einem jüngeren Publikum (das sich schon längst online rumtreibt). Innerhalb eines Jahres (3. Quartal 2008 bis 3. Quartal 2009) hat die PNP laut IVW erneut rund 1500 Auflage verloren. Diese Erosion wird sich in den kommenden Jahren noch verstärken und die PNP hat keinerlei Alternative zur Kompensation, weil sie es in den letzten 10 Jahren versäumt hat, neue Kanäle zu entwickeln und aufzubauen.
Michael Wagner jedenfalls ist guter Dinge. Jedes Jahr hat sich sein Nutzerkreis bisher verdreifacht.
Er braucht die PNP sicher nicht. Und seine Leser — brauchen sie auch nicht mehr.