Wie ein 20-Jähriger einen Verlag demontiert

Die folgende kleine Geschichte besteht eigentlich aus zweien. Auf den ersten Blick haben sie nichts miteinander zu tun, auf den zweiten dann schon eine ganze Menge — und beim dritten Blick bemerkt man, dass sie symptomatisch für viele unserer Tageszeitungen werden könnte.

Der erste Teil handelt von einem jungen Mann aus Fürstenstein in Bayern. Sein Name ist Michael Wagner und ebenso wenig spektakulär wie sein Name ist seine Passion: Fußball. Nicht nur solcher, der sich in den großen Ligen Europs abspielt, sondern auch der, der jeden Tag auf kleinen Sportplätzen in den Niederungen der Kreisligen gekickt wird. Große Leidenschaft, die zu einem zunächst kleinen Ergebnis führte: Vor vier Jahren setzte der damals 16-Jährige eine kleine Seite ins Netz. Thema: lokaler Fußball aus der Region Passau, von der untersten Kreisliga bis in die Bayernliga. Wagner machte sich dabei etwas zunutze, was zu den unschlagbaren Vorteilen des Netzes gehört: Er hatte de facto unbegrenzt Platz zur Verfügung. Das klingt erst einmal schrecklich banal, bekommt aber an Spannung, wenn man ein wenig weiß, wie der lokale Fußball in den meisten Lokalredaktionen der Tageszeitungen in Niederbayern behandelt wurde. Für viele kleine Vereine reichte es gerade mal für ein paar mickrige Zeilen, oft gerade mal das Spielergebnis mit Torschützen.

Aus nüchterner, journalistischer Sicht ist das natürlich — begründbar. Klar sind es oft ziemlich gruselige C-Klassen-Kicks und oft schauen da nur ein paar Spielerfrauen und ein paar Leute aus dem Dorf zu. Es wäre also nichts einfacher als zu sagen: Was zur Hölle hat das mit einem womöglich noch ernst gemeinten “Spielbericht” in der Zeitung zu suchen? Nimmt man den reinen Informationswert oder gar den sportlichen Wert des Ganzen als Maßstab, kommt man schnell zu einem gut begründbaren Ergebnis: nicht mehr als drei Zeilen.

Das ist der eine Aspekt. Der andere ist (wie so häufig im Lokalen): Genau dafür interessiert sich bei den Lesern kein Mensch. Niemand will unsere journalistische Erwägungen wissen, wenn es um ein kleines Fußballspiel geht. Stattdessen wollen sie: einen ausführlichen Spielbericht mit minutiöser Schilderung der dramatischen Ereignisse auf dem Platz. Viele Bilder, wunderbare Statistiken, Tabellen, Meinungen zum Spiel. Im Grunde also soll das C-Klassen-Spiel abgehandelt werden wie ein Länderspiel.

Für die allermeisten Zeitungen ist das aus diversen Gründen nicht leistbar. Es würde ihre Umfänge sprengen, ihre personelle Infrasturktur ist nicht darauf ausgelegt. Vor allem: Wenn man ein Kreisklassenspiel so behandelt, was macht man dann mit dem Länderspiel? Eine Sonderausgabe?

Keine Ahnung, ob sich Michael Wagner all diese Gedanken jemals gemacht hat. Was er machte, könnte diesem Gedanken aber gefolgt sein: Er lieferte auf seinem Portal den vielen Fußballfans in der Region genau das. Jede Liga, jedes Spiel wird dort inzwischen ausführlich geschildert. Es gibt Spielerbörsen, Tabellen, Statistiken, kurzum: Wagner hat ein hyperlokales (Fußball-)Medium gemacht — und die User dort sind glücklich. Bis zu 20.000 Besucher hat die Seite inzwischen. Und einen Mitarbeiterstamm, der jedem großen Medium zu Ehre gereichen würde.

Womit wir allmählich zum zweiten Teil der Geschichte kommen. In Passau sitzt ja auch die große PNP, ein Regionalblatt mit einer Auflage von rund 170.000 und in weiten Teilen ihres Verbreitungsgebiets ein klassischer Monopolist. Der Kreisklassen-Fußball wurde (und wird) dort seit Jahren so behandelt wie beschrieben. Ob das richtig war oder nicht, war lange Zeit dahin gestellt. Ganz einfach deswegen, weil es für den Verlag nicht relevant war, ob die Leser das mochten oder auch nicht. Schließlich blieb ihnen keine andere Wahl — entweder PNP lesen oder auf Informationen zu den Spielen verzichten.

Diese Schläfrigkeit führte dann auch dazu, dass die große PNP lange nicht bemerkte, was sich in ihrem Schatten entwickelte. Sie betrieb weiterhin ihren Verwaltungsjournalismus in der Zeitung und was online passierte, beachtete sie nicht. Das aus zweierlei Gründen: zum einen, weil sie sich für das Netz und für neue Medien ungefähr gar nicht interessierte, zum anderen, weil ihr vermutlich der Gedanke, jemand anderes könne im Großraum Passau  ein ernstzunehmendes journalistisches Angebot etablieren, völlig suspekt war. Was wiederum dem alten analogen Denken und dem völligen Unverständnis für digitale Medien geschuldet war: Dass die Kosten, ein digitales Medium zu etablieren, deutlich unter denen eines Printmediums liegen, hatte sich noch nicht ganz bis zur PNP rumgesprochen. Und dass ein 16jähriger Azubi  damit die Möglichkeit hat, unbemerkt zum Verleger eines Mediums zu werden, schien den Passauern auch nicht ganz einzuleuchten (ist ja auch, wenn man ehrlich ist, erst einmal schwer vorstellbar).

Die Konsequenz dessen war einfach: Während die PNP weiter vor sich hin dilettierte und einen merkwürdigen Onlineauftritt hinlegte, bei dem viele Inhalte zahlenden Abonennten vorbehalten blieben, wuchs Wagners “Fußball Passau” zu einer überaus beachtlichen Konkurrenz heran. Konkurrenz? Eigentlich das falsche Wort. Wer wissen will, was im regionalen Fußball passiert, hält sich inzwischen viel eher an das gut gemachte Wagner-Portal als an den öden PNP-Auftritt. Danach versuchte man mehreres: Man probierte Wagner unter Druck zu setzen, man versuchte, den unliebsamen Konkurenten zu kaufen. Alles erfolglos, Wagner, inzwischen 20, macht nicht nur unbeirrt weiter, er hat aus seinem Online-Portal inzwischen auch ein Fußball-Heft gemacht, das in diesen Tagen erstmals erschienen ist.

Bei der PNP hingegen geht es mal wieder gerade etwas lustig zu. Es zeigt die ganze Hilflosigkeit, die in einem solchen Großverlag herrscht. Der gerade mal vor einem Jahr gekommene Passauer Lokalchef soll jetzt Chef einer neuen Multimedia-Truppe werden, weil die PNP beschlossen hat, sich bereits ab  2010 an den Zeitgeist zu hängen und einen neuen Onlineauftritt zu entwickeln. Dafür soll es sogar, man glaubt es kaum, eine richtige eigene Redaktion geben. Warum man sich als Chef dieses Auftritts jemanden auserkoren hat, der nachweisbar keinerlei Expertise in diesem Bereich hat, mag man spekulierendererweise auch damit begründen, dass auch er es nicht geschafft hat, den stetigen Auflagenrückgang in Passau zu stoppen.  Jedenfalls zeigt ich der ganze Leidensdruck von Regionalzeitungen sehr schön in dieser Geschichte: Über viele Jahre hinweg übte sich der Lokalriese PNP als bräsiger Platzhirsch, um jetzt zum Scheinriesen zu mutieren. Ein 20-Jähriger nimmt ihnen die Kernkompetenz Lokalsport, Onlinekompetenz im Haus gibt es de facto nicht, ein Nicht-Onliner wird deswegen zum Chefredakteur des Onlineangebots gemacht. Gleichzeitig befinden sich Auflage und Anzeigenerlöse weiter im Sinkflug, was durch Einsparungen beim Personal kompensiert werden soll. Welche Auswirkungen das hat, ist leicht absehbar: Das Blatt wird dünner, es wird schlechter,  es verliert den Zugang zu einem jüngeren Publikum (das sich schon längst online rumtreibt). Innerhalb eines Jahres (3. Quartal 2008 bis 3. Quartal 2009) hat die PNP laut IVW erneut rund 1500 Auflage verloren. Diese Erosion wird sich in den kommenden Jahren noch verstärken und die PNP hat keinerlei Alternative zur Kompensation, weil sie es in den letzten 10 Jahren versäumt hat, neue Kanäle zu entwickeln und aufzubauen.

Michael Wagner jedenfalls ist guter Dinge. Jedes Jahr hat sich sein Nutzerkreis bisher verdreifacht.

Er braucht die PNP sicher nicht. Und seine Leser — brauchen sie auch nicht mehr.