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Anmerkungen eines Medienmenschen

Zwei Welten

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Eine Woche lang unterwegs. Acht Termine in sechs Städten. Wenn man davon absieht, dass ich äußerst schleppend auf E-Mails geantwortet habe, dürfte das allerdings niemandem aufgefallen sein, bei dem ich mich nicht persönlich über diesen Vorweihnachtswahnsinn beschwert habe. Dank WLAN, Mobiltelefon und einiger anderer nützlicher Begleiter funktioniert das Arbeiten unterwegs nicht anders als jenes im Büro.

Noch vor ein paar Jahren hätte man mit der Organisation der Reisen eine Assistentin problemlos für mehrere Tage auslasten können: Telefonate und Faxe mit Hotels, Beschaffung von Flug- und Zugtickets, diverse Umbuchungen, weil hier und da noch ein Termin dazukam. Als die Bahn wegen eines Personenunfalls für die traditionellen 100 Minuten nicht weiterfuhr, hätte sich der Reisende, nunmehr ohne Verbindung zur helfenden Assistentin, wohl oder übel in die Hände des Zugbegleitpersonals begeben müssen, um im besten aller Fälle eine Alternativverbindung genannt zu bekommen, die ihn dem Ziel auch näher brachte. Möglicherweise kam man irgendwann auch an, so abenteuerlich das aus heutiger Sicht scheint.

Heute kann man Assistentinnen sinnvoller beschäftigen. Hotels und Tickets per Internet gebucht, bestätigt, umgebucht. Buchungssoftware seufzt weder vielsagend noch neigt sie zu schnippischen Bemerkungen.  Sicher, es ist immer noch möglich, sich vorzustellen, wie diese Woche verlaufen wäre, wenn alle mobilen Internetsysteme Deutschlands lahmgelegt worden wären.

Wenn man wissen will, wie es anders so ganz ohne die digitalen Helferlein ist, bitte sehr: Zurück geht es an einem Abend im ICE von Frankfurt nach München. Kurz hinter Aschaffenburg beginnt die alte Welt. Nun ist Franken ganz ganz bestimmt ganz wunderschön, aber: Angesichts der früh einsetzenden Dunkelheit tritt dieser Aspekt allerdings in den Hintergrund. In der Wahrnehmung des Bahnreisenden ist Franken vor allem eines: tiefste Diaspora. Die E-Mails sollten bis Aschaffenburg beantwortet sein. Gesprächspartner am Telefon weist man höflich beim Verlassen des Bahnhofs auf die gleich folgende Funkstille hin. Wenn sich dann auch das Internet verabschiedet hat, schaut der Reisende sinnierend in die Nacht vor seinem Fenster und fragt sich, wie die Menschen auf der anderen Seite dieses Fensters bloß leben.

Sogleich meldet sich die Stimme der Vernunft. Genau so, wie man selbst vor einigen Jahren lebte. Sie lesen die Zeitung, die gegen Mittag geliefert wird und die Nachrichten vom Vortag enthält. Sie schalten den Fernseher an und schauen, was der zuständige Redakteur für sie ausgewählt hat. Sie telefonieren, wenn ein Telefon verfügbar ist. Sie erkundigen sich beim Schaffner nach der besten Anschlussverbindung. Sie fragen einen Einheimischen nach dem Weg, wenn sie fremd sind. Sie erwerben Flugtickets in einem Reisebüro. Und sicher finden sie nichts dabei.

Natürlich gibt es diese Momente, in denen ich das Telefon ausschalte und das Internet ignoriere. Aber nach einer Weile will ich dann eben doch wissen, ob mein Eishockeyverein zur Abwechslung vielleicht mal gewonnen hat. Und ich will diese Information auch nicht erst in der Lokalzeitung von morgen finden. Ich will sie auch haben, wenn ich gerade in Hamburg bin, wo die Höhen und Tiefen der Eishockey-Bayernliga wahrscheinlich ungefähr genauso interessieren wie eine Wasserstandsmeldung aus dem Gangesdelta. Ich möchte selbst entscheiden können, ob, wann und woher ich welche Information beziehe. Deshalb atme ich auf, wenn sich der ICE München nähert und die Dunkelheit vor meinem Fenster von hellen Lichtern durchbrochen wird. Zumindest bis die ersten E-Mails eintrudeln…

(P.S. Selbstverständlich existiert auch in Franken Internet- und Mobilfunkempfang. Aber eben nicht auf der ICE Strecke. Und natürlich gibt es viele andere Gegenden in Deutschland, die Franken sehr ähnlich sind.)

Written by guess who

Dezember 18th, 2009 at 3:07 pm

Posted in NUR SO DAHINGESAGT

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