Archive for Februar, 2010
Die “Journalistenmutter” im Interview
Wenn man denn eine echte Institution der Journalistenausbildung kennenlernen will, muss man gar nicht weit fahren: Altheimer Eck 3, München – da sitz die Frau, bei der sie alle waren. Jauch, Maischberger, Hacke, Weiler, Niggemeier, wie sie alle heißen. In dieser Woche geht Tina Giersberg in den Ruhestand, Richard Gutjahr hat deswegen dieses Interview mit ihr aufgenommen (der war da auch mal).
Und ganz ehrlich gesagt: Wie eine DJS ohne Tina Giersberg aussieht, kann ich mir im Moment noch nicht so richtig vorstellen.
(Beim Kollegen Gutjahr können Sie Tina Giersberg übrigens auch gerne schreiben.)
Crossmedia, 2. Auflage
Am Wochenende war der Prospekt in der (analogen) Post: Die zweite Auflage von “Crossmedia” ist fertig und demnächst erhältlich. Geändert hat sich am Buch dann doch weitaus mehr, als ich dachte. Etliches wurde nachgebessert und aktualisiert, ein kleines Kapitel zum Thema “Soziale Netzwerke” ist zudem noch hinzugekommen. Speziell daran habe ich gemerkt, in welch wahnwitzigem Tempo sich die Dinge verändern. Als ich Mitte 2007 mit dem Konzept für das Buch begann, hätte ich es für absurd gehalten, Themen wie “Twitter” oder “Facebook” mehr als eine Fußnote zu widmen. Heute kommt man, will man oder will man auch nicht, kaum daran vorbei.
Jedenfalls freut es mich ungemein, dass eine komplette Auflage verkauft worden ist und der Verlag es für wert befindet, nochmal eine zweite Auflage auf den Markt zu bringen. Und danke natürlich an alle, die gelesen und gefeedbackt haben – ohne diese vielen fundierten Meinungen gäbe es das Buch nicht.
Ein paar iPad-Gedanken (unsortiert)
Verlage sind ja manchmal schon irgendwie ulkig. Da schreien sie auf der einen Seite nach einem “Leistungsschutzrecht”, nennen das Geschäftsmodell von Google “Kultur-Imperealismus”, der es letztlich nur zum Ziel habe, in fremden Ländern Rahm abzuschöpfen — und sind dann auf der anderen Seite stockbegeistert, wenn Apple auch nur ankündigt, demnächst ein neues Gerät auf den Markt bringen zu wollen. “Wir sind bereit”, lautet der Tenor nach der iPad-Präsentation, was man vielleicht insgeheim bezweifeln möchte, zumindest aber für Staunen sorgt. Denn das Prinzip wiederholt sich sowohl bei Apple als auch bei Google: Beide stellen Plattformen zur Verfügung, die einen die defacto-Monopol-Suchmaschine, die anderen die (demnächst wohl) defacto-Monopol-Multimediakonsummaschine als auch praktischerweise die defacto-Monopol-Stores mit den entsprechenden Inhalten. Beide stellen also die Infrastruktur zum Konsum und zum Auffinden der Inhalte der Zukunfte, die Inhalte kommen in beiden Fällen von jemand anderen. Beide lassen sich für diesen Job (sehr gut) bezahlen, zwar in unterschiedlichen Modellen, dennoch: Apple und Google verdienen an Inhalten, die nicht von ihnen stammen. Das mag man bedauern, wird aber nicht mehr zu ändern sein. Zu sehr haben sich beide eine marktbeherrschende Stellung erarbeitet — und zu sehr haben es die Inhalteproduzenten im vergangenen Jahrzehnt versäumt, sich eine eigene Idee zurechtzulegen. Musikindustrie und Verlage sind sich da übrigens gar nicht so unähnlich. Beide bewerteten das Netz und die Wünsche des neuen Publikums wahlweise als irrelevant, unverschämt, nicht erfüllbar oder Hype. Beide vertrauten darauf, dass sich der Kunde letztendlich ja schon am liebsten am althergebrachten Produkt (CD, Zeitung) festhalten würde. Beide haben sich bitter getäuscht und beide werden jetzt andere mitverdienen lassen müssen, wenn sie in der digitalen Welt bestehen wollen. Wie gesagt, man muss das nicht mögen. Nur ist es nicht eben sehr logisch, wenn man die einen dafür als potientielle Heilsbringer feiert — und die anderen vor den Kadi zerrt.
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Weil wir gerade beim Thema “Rettung” sind: Man muss ja schon fast ein wenig lachen, wenn man jetzt so liest und hört, wie das iPad die darbende Branche, ja genau, rettet. Warum man es anzweifeln darf, dass die Verlage vorbereitet sind auf das Zeitalter des iPad? Das lässt sich ziemlich leicht aus dem ableiten, was man von deren Seite so alles hört: Letztendlich läuft es darauf raus, dass man glaubt, jetzt endlich eine Plattform gefunden zu haben, auf der User bereit sind, für Inhalte zu bezahlen. Nachdem die “Kostenlos-Kultur” das Internet heimgesucht hat, so der Glaube etlicher Verlagsstrategen, könne man auf dem iPad quasi jetzt nochmal einen Neustart machen und die Leute bezahlen lassen. Die wiederum tun das gerne, weil sie jetzt endlich eine Zeitung im Original-Zeitungslayout auf einem hübschen Bildschirm durch die Gegend tragen können. Die Debatte erinnert momentan fatal an jene bleiernen Verlagsjahre, als man dem Durchbruch des Web als Massenmedium das E-Paper entgegensetzte. Das fanden viele Verlagsmanager über lange Zeit ziemlich toll, ehe ihnen dämmern musste, dass ein neues Medium auch nach neuen Darstellungsformen verlangt. Was man aus vielen Häusern derzeit so hört, ist in etwa die Überzeugung, dass man ein — natürlich kostenpflichtiges — E-Paper jetzt auch auf dem iPad lancieren könnte. Wenn das alles ist, sollten sich die Verlage nicht allzu sehr auf das iPad freuen. Es wird ihnen nämlich dann nichts bringen. Und ob es tatsächlich einen einzigen deutschen Verlag gibt, der eine wirkliche inhaltliche Strategie, ein wirklich ausgefeiltes Konzept hat, da würde ich beinahe einen guten Rotwein drauf wetten, dass es den noch nicht gibt (aber nehmen Sie mich jetzt nicht beim Wort, dafür mag ich einen guten Rotwein viel zu sehr, als dass ich um ihn wetten würde). Dafür gibt es immer noch zu viele, die noch nicht mal wissen, was eine App ist.
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Doch, ich geb´s zu: Mein Mitleid hält sich in sehr überschaubaren Grenzen: Dem Netz haben viele jetzt 10 Jahre in einer Mischung aus Ignoranz und Ahnungslosigkeit zugeschaut, dass das mobile Netz ein großes Thema werden wird, ist ebenfalls bei vielen noch nicht angekommen. Die meisten benehmen sich immer noch so, als wenn es eine Unwetterwarnung gegeben hätte und man sich danach Sorgen um seine Frisur macht.
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Selbst wenn man sich denn auf Verlagsseite Gedanken über die richtige Nutzung des iPad machen würde, vermuten muss man nach den Erfahrungen der letzten Jahre ja auch, dass es an Bereitschaft (und eventuell auch Möglichkeiten) fehlt, in die Entwicklung neuer Angebote zu investieren. Man staunt ja dann doch immer wieder, wenn auf der einen Seite Verleger stolz von Millioneninvestitionen in neue Druckanlagen berichten, auf der anderen Seite aber selber Ausgaben von ein paar tausend Euro unter den Vorbehalt der Refinanzbarkeit gestellt werden; sie gehören ja quasi nicht zum Kerngeschäft. Das zeigt, wie sehr sich viele Verlage in ihrem tiefsten Inneren noch als Zeitungs-Verleger begreifen. Dass sie Digital-Verleger sein müssten, ist in ihrem Bewusstsein oft noch nicht angekommen. Sonst gäbe es dieses krasse Missverhältnis bei den Investitionen nicht.
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Interessantes Detail in der Eigenwahrnehmung (zeigt sehr schön, welch brilliante Marketingstrategen bei Apple am Werk sind): Bis vor zwei, drei Jahren hielt ich T-Mobile für einen eher staatsbetriebsartigen Provider. Inzwischen gibt´s exklusiv das iPhone und meine eigenen, gar nicht mal so fürchterlichen Erfahrungen mit dem Laden lassen mich inzwischen T-Mobile in einem passablen Licht erscheinen. Vodafone hingegen, das ist für mich der Laden mit dem albernsten Werbespot der letzten zehn Jahre, der Laden, der nichts begriffen hat und dies mit gefakten Tweets auf Werbeanzeigen auch noch eindrucksvoll dokumentiert. Und plötzlich lassen mich meine eigenen Erfahrungen mit Vodafone den Laden als ziemlichen Ramsch sehen. Und ein iPad haben die Kretins auch nicht.
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Und das alles wegen Apple, meine Güte. Aber was soll man anderes erwarten von einem Laden, bei dem man es nicht mal mehr ungewöhnlich findet, das Journalisten aus Produktpräsentationen heilige Messen machen und applaudierendes Beiwerk einer geschickten Marketingsmaßnahme sind?
Journalismus 2010 (3)
Heute die erste Frau in unserer kleinen Interview-Reihe: Dr. Elvira Steppacher, Direktorin des ifp in München über Qualität im Journalismus, die Zukunft der “Freien” — und darüber, warum sie sich zunächst mal kein iPad zulegen will.
Jarvis und Gaschke
Zwei Texte, die ich wirklich wärmstens empfehlen möchte: Ulrike Langer interviewt sehr ausführlich unser aller Jeff Jarvis. Und Felix Schwenzel demontiert Susanne Gaschke, bissig, pointiert — aber nicht bösartig.
Lost in tradition
Als CNN vergangene Woche die “Journalisten des Jahres” auszeichnete, fand man mit Hasnain Kazim einen Preisträger, der seinen Preis redlich verdient hatte. Einen winzig kleinen Wermutstropfen gab es dennoch. Denn selbst dann, wenn Kazims Stück gar nicht so gut gewesen wäre wie es ist, wäre es womöglich prämiert worden, wie die Jury freimütig einräumte. Denn eigentlich war dieser Beitrag ungefähr der einzige onlinejournalistische Beitrag, der aus Sicht der Jury als orginärer Onlinejournalismus zu bewerten gewesen wäre.
Tatsächlich findet man ohnehin auf deutschen Webseiten nicht allzu vieles, was richtig gut ist. Noch viel seltener findet sich Journalismus, der den Anforderungen und (das vor allem) den Möglichkeiten des Mediums Online wirklich gerecht wird. Vieles ist aus anderen Medien transformiert, verlängert, gekürzt, mit ein paar interaktiven Elementen versehen (wobei Interaktion sich nach dem Verständnis vieler Onlineredaktionen in Votings oder ähnlichem erschöpft). Und einfach nur ein Video zu stellen, ist zwar chic, aber es ist eben ein Video — und somit per se kein Onlinejournalismus.
Müßig darüber nachzudenken, woran das liegen könnte. Ganz sicher hat das mit der immer noch sehr mäßigen Ausstattung vieler Redaktionen zu tun; vermutlich aber auch damit, dass man sich in deutschen Redaktionen zwar neuerdings sehr viele Gedanken über iPads macht, nicht aber darüber, wie man für neue Plattformen neue und adäquate Inhalte entwickelt. Das ist übrigens insofern interessant, weil jetzt ganz viele meinen, das iPad als solches sei schon ihre Rettung; dabei wird das das iPad niemanden retten, das muss man dann schon selber machen.
Heute dann über Twitter (danke an Richard Gutjahr, der das entdeckt hat) gesehen, wie man multimedial richtig gute Geschichten erzählen kann:

Die (mal wieder) “New York Times” hat den Start der sechsten und letzten Staffel von “Lost” zum Anlass genommen, den Plot, die Handlungsstränge und die Protagonisten der Serie multimedial darzustellen (Fans von “Lost” haben in etwa eine Ahnung, wie schwer nahezu unmöglich das ist). Zugegeben: Ich hab´s zwar immer noch nicht ganz kapiert, aber ich bin jetzt wieder deutlich schlauer.
Natürlich könnte man jetzt sagen: Ja, die NYT mit ihrem Personal, mit ihrer Ausstattung, die können so etwas leicht machen. Das Frappierende daran ist allerdings gar nicht mal die exqusite technische Umsetzung dieser Timeline. Sondern dass sich jemand einige kluge Gedanken gemacht hat, welche Darstellungsformen für das Web besonders gut geeignet sind. Das ist es, was vielen deutschen Onlineangeboten immer noch fehlt.
Vielleicht wäre es also eine ganz gute Idee, etwas weniger über künftige Geschäftsmodelle zu reden (die Frage taucht momentan bei jedem Panel zuverlässsig nach ungefähr vier Minuten auf). Sondern erstmal darüber, was es denn sein soll, womit man Geld verdienen will. Eine mobile Version einer Website oder ein E-Paper ist so ziemlich das Letzte, was man auf einem iPad braucht.
Nachtrag: So macht Spiegel Online heute dieses Thema. Man sieht den Unterschied.