Die Zukunft von Journalismus heißt – Journalismus

Und wo bleibt jetzt die Perspektive?

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Gestern abend kam noch eine Mail zu diesem Beitrag hier, in dem es sinngemäß hieß: Das stimme ja schon alles, was ich geschrieben hätte, aber irgendwo fehle ihm ein wenig die Zukunftsperspektive — sowohl in diesem Beitrag, als auch generell in diesem wie auch in anderen (Medien-)Blogs.

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Ich mag das ziemlich, was dieser Mensch in seinem Hauptberuf so schreibt. Deswegen hätte ich ihm das Folgende antworten können: Natürlich gibt es eine Perspektive, ich sehe sie ja jeden Tag. Ab und an kaufe ich mir eigens das Blatt, für das der Mailschreiber arbeitet, weil ich gerne seine Kommentare lese und mich meistens ziemlich gut aufgehoben fühle bei ihnen. Ich habe seine Tweets abonniert, weil ich sie gerne lese und weil ich kaum ein Blatt kenne, dass so klug und witzig mit seinen Lesern via Twitter interagiert. Und weil das so ist, schaue ich mir auch die Onlineausgabe des Blattes ganz gerne an, obwohl die früher absolut ungenießbar (um nicht zu sagen: ein sehr schlechter Witz) war. Und ja, ich gebe dafür, was dieses Blatt so alles produziert, auch Geld aus. Momentan nur für die Zeitung, ich wäre aber bei einem intelligenten und kundenfreundlichen Modell auch bereit, für anderes zu zahlen.

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Reden wir also erst einmal über das Journalistische, ehe wir zum leidlichen Thema Geld, Geschäftsmodelle, Abrechnungsweisen kommen. Man wird ja in diesen Tagen den Eindruck nicht los, als würde man darüber generell ein bisschen arg wenig sprechen. Fragt man heute Strategen und, ja, auch das, Journalisten nach dem, wie sie sich die Zukunft vorstellen, hört man sehr oft Dinge wie: iPad, PaidContent, Gratismentralität, Online, Hyperlokales, Graswurzelaktivitäten. Man vernimmt das meistens in einem Kontext zwische Ratlosigkeit und Frustration; jedenfalls bekommt man es selten mit Menschen zu tun, die dem Ganzen auch etwas Positives, Aufregendes, Herausforderndes abgewinnen können. Die paar, die es können und machen, kenne ich (glaube ich) inzwischen alle persönlich. Der Rest empfindet die neue Medienwelt irgendwie als eine Art Belastung oder Quälerei. Wenn man aber dauernd über Geräte, Modelle und Frustration spricht, bleibt das auf der Strecke, was unseren Job seit Menschengedenken ausmacht: Journalismus. Ich kann mich immer noch wie ein Kleinkind über gute Autoren freuen, ich zolle jedem, der ein paar kluge Sätze schreibt oder spricht, meine aufrichtige Bewunderung und gerne auch 3,50 Euro als Honorar. Dabei ist es weitgehend egal, aus welchem Hintergrund jemand kommt. Ob das ein Blogger oder ein Chefredakteur ist, interessiert mich eher am Rande, Hauptsache es ist gut. Das heiß natürlich, dass Journalisten es auf einmal mit einer zumindest quantitativ und in vielen Fällen auch qualitativ größeren Konkurrenz zu tun bekommen. Auf der anderen Seite ist das aber auch eine Chance für sie: Wer etwas zu sagen hat und das richtig gut tut, wird wahrgenommen, bekommt Aufmerksamkeit. Und dieses „richtig gut können“ —  das sollte zumindest theoretisch eher die Stärke von ausgebildeten Journalisten sein.  Theoretisch zumindest.

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Warum stehen hier solche Bagetellen? Weil sie zwar Bagetellen sind, man aber den Eindruck nicht los wird, dass man sie nicht oft genug wiederholen kann. Richtige Autoren, Autoren die etwas können, Autoren, die nicht nur unter dem Label einer Marke schreiben, sondern womöglich selber sogar Marken sind, vermisst man inzwischen fast überall. Redaktionen sind nach meinem Eindruck leider viel zu sehr zu Kostenstellen, zu reinen Produktionsstätten verkommen; besetzt mit ziemlich vielen Menschen, die austauschbar sind. Den Luxus, gute Autoren zu hegen und zu pflegen leistet sich fast niemand mehr, was einer Quadratur des Kreises ziemlich nahekommt: Man könne sie sich nicht leisten, wird gerne argumentiert, weil man schlank und kostengünstig produzieren müsse. Der Kostendruck wiederum nimmt zu, weil man immer mehr an Umsätzen verliert und die Umsätze wiederum — ist es eine gewagte These, wenn man behauptet, dass sie auch deswegen zurückgehen, weil Journalismus immer verwechselbarer und austauschbarer geworden ist? Natürlich finde ich übrigens Internet toll, verzweifle inzwischen aber regelmäßig an Chefredakteuren, die als obersten Anspruch an ihre künftige Leute ausgegeben haben, dass sie auch Internet „können“ müssten. Um ehrlich zu sein: Wenn ich heute einen richtig guten Autoren im Team hätte, könnte der meinetwegen seine Sachen auch mit der Schreibmaschine reinhacken oder auf analogem Tonband aufnehmen.

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Ich ertappe mich zunehmend dabei, meine Mediennutzung tatsächlich nach der Qualität der Autoren auszusuchen. Und: Je umfangreicher die Angebote werden,  desto selektiver und rigoroser wird die Auswahl betrieben. Von David Gelernter habe ich in dieser Woche den schönen Vergleich gelesen, dass es einfacher sei, einem einzigen schnell sprechenden Menschen zuzuhören, als fünf Menschen gleichzeitig — selbst dann, wenn diese fünf in einem normalen Tempo sprechen. Daraus lässt sich eine Perspektive für Journalisten und für Medien schon ableiten: Wenn man es schafft, dieser eine zu sein, dem man gerne zuhört, dann hat man auch gute Chancen, in diesem digitalen Dschungel nicht unterzugehen.

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Das also könnte tatsächlich eine Geschäftsidee werden: zu akzeptieren, dass wir es in Zukunft noch viel mehr als bisher mit einer Art Aufmerksamkeitsökonomie zu tun haben werden als bisher. Zu akzeptieren, dass sich Finanzierungen künftig (auch) aus Aufmerksamkeit ableiten lassen. Und zu akzeptieren, dass es Aufmerksamkeit nicht für Beliebigkeit gibt. Ich glaube allen Ernstes daran, dass viele der bisherigen Medien-Geschäftsmodelle nicht nur wegen ein paar ökonomischer Unwegsamkeiten gerade vor die Wand fahren. Ich glaube, es ist die Beliebigkeit, die Trägkeit, die Routine in vielen Redaktionen, die gerade eine Menge Menschen auf die Idee bringt, man könne es doch auch mal ganz gut ohne Zeitung/Radio/Fernsehen probieren (und dummerweise merkt man ja auch: es geht ganz gut).

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Kann mir also Google News (man muss ja zum Schluss leider auch auf dieses leidvolle Thema kommen) irgendeinen guten Autoren ersetzen? Sind News-Aggregatoren nicht eigentlich nichts anderes als ein modernes Clipping? Und wäre jemals jemand auf die Idee gekommen, wegen eines Clippings keine Zeitung mehr zu lesen? Ein Leistungsschutzrecht? Ich würde jedem Verleger/Chefredakteur sofort seligsprechen, wenn er seine Zeit darin investieren würde, Journalismus zu fördern — anstatt sie zu verschwenden, indem er eine Technologie (das ist eben nur: eine Technologie) blockieren will.

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Und in erster Linie, man ist ja auch Egoist, wünsche ich mir für diesen Beitrag jetzt nur eins: Aufmerksamkeit.