Krise? Welche Krise?

Das lustigste Wort der zurückliegende Monaten ist Krise. Wir haben keine Krise, wirklich nicht. Wer das, was in unserer Branche momentan passiert, als Krise bezeichnet, nennt berufsmäßige Steuerhinterzieher auch „Steuersünder“. Würden wir von einer Krise reden, hätten wir es mit einer vorübergehenden Erscheinung zu tun. Die irgendwann mal wieder endet — und danach ist dann fast alles beinahe wieder so wie vorher. Das ist natürlich ein Irrglaube. Nichts wird hinterher wieder so sein wie vorher. Vieles wird sich ändern, manches wird restlos verschwinden.

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Mal eben die letzten Wochen zusammengezählt — rund 20 Jobs bei der „Süddeutschen Zeitung“, um die 40 bei der „Abendzeitung“, rund 70 beim „Jahreszeiten-Verlag“, das sind um die 130 Leute, die neu auf den Markt kommen, um das mal ein wenig euphemistisch zu umschreiben. Man muss kein Zyniker sein, um die Prognose zu wagen: Nicht alle davon werden wieder in einer Festanstellung landen. Das wäre generell noch nicht wirklich schlimm, weil Freiberuflichkeit zwar vielleicht nicht jedermanns Sache, dennoch aber grundsätzlich nichts Schlimmes ist. Der Markt für Freie kollabiert aber momentan genauso wie die Geschäftsmodelle der konventionellen Medien. Das eine hängt also logischerweise mit dem anderen zusammen. Wenn beispielsweise ein Branchenriese wie Gruner&Jahr im vergangenen Jahr ein Minus von 18 Millionen Euro schreibt, dann wird er seine Budgets für freie Journalisten nicht gerade erhöhen wollen, sondern seine redaktionellen Bedürfnisse mit (wenngleich geringeren) Bordmitteln stemmen. Es herrscht ein Überangebot — ein Überangebot an Menschen, die Inhalte produzieren. Diese Lage wird sich weiter verschärfen. Dabei spielt es zunächst einmal aus ökonomischer Sicht gar keine Rolle, wer diese Inhalte produziert, ob es gelernte Journalisten, Blogger oder irgendwelche Content-Manufakturen sind, die mit Macht auf den Markt drängen. Tatsache ist, dass es weitaus mehr Inhalte als Konsumenten gibt. Das drückt den Preis, das weiß jeder Student der Wirtschaftswissenschaften schon vor dem ersten Semester. Das ist schon jetzt dramatisch spürbar: Es gibt freie Journalisten, die für Stundenlöhne unterhalb von 15 Euro unterwegs sind, wenn sie richtig rechnen. Richtig rechnen bedeutet eben nicht nur, das Honorar für ein veröffentlichtes Stück zu sehen, sondern den kompletten Aufwand. Wer also für eine Sache zwei, drei Stunden recherchiert (was eh nicht übertrieben viel ist) und dann noch eine Stunde schreibt/schneidet/produziert und dafür 80 Euro bekommt (was wiederum keine Seltenheit ist), der hat 20 Euro pro Stunde. Wie man sieht: eine Rechnung, die tendenziell vieles zugunsten des Freiberuflers voraussetzt. Es kann auch deutlich schlechter laufen.

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Aus der Sicht eines Betrebswirts ist das vermutlich der einzig gangbare Weg: Die Einnahmen brechen auch mittelfristig massiv weg, also müssen die Kosten gesenkt werden. Viel Potential für Kostensenkungen gibt es natürlich nicht, außer den üblichen Verdächtigen: Personalkosten, Honorarkosten. Weniger Menschen in den Redaktionen also, weniger Ausgaben für freie Journalisten. Das wiederum wird den konventionellen Journalismus in eine fatale Spirale führen. Gerade jetzt, in den Zeiten des Überangebots, müsste er seine latenten Stärken ausspielen. Er müsste sich von der schieren Masse der Anbieter absetzen, er müsste analysieren, einordnen, erklären, er müsste — einfach gute Geschichten erzählen, die fundiert sind, die relevant sind. Dafür könnte man dann vielleicht sogar Geld verlangen, in jedem Fall aber hätte man ein ziemlich gutes Argument, warum Leute ihre Zeit eben dann doch den Journalisten und nicht den Contentfabriken widmen sollen. Man hört von dieser sagenumwobenen Nische übrigens viel, immer dann nämlich, wenn man mal wieder von „Qualitätsjournalismus“ spricht.

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Mit diesem „Qualitätsjournalismus“ ist das wiederum so eine Sache. Man hätte ja eigentlich denken können, dass man dafür u.a. so etwas wie Qualität an Menschen braucht, ganz sicher aber auch: eine gewisse Quantität, selbst wenn das widersprüchlich klingt. Insofern ist das ja dann schon erstaunlich, wenn die Chefredaktion der „Abendzeitung“ verkündet, man werde sich bemühen, dass der Leser den Wegfall der halben Redaktion gar nicht bemerkt. Das Bemühen der Redaktion sei unbenommen, das Argument als solches ist unsinnig. Würde es zutreffen, würde das bedeuten, dass man die letzten Jahre betriebswirtschaftliches Harakiri gespielt und etlichen Leuten beim Nasebohren zugeschaut hat. Wer also mal eben auf die Hälfte der Redaktion verzichten kann, war entweder vorher ein Dummkopf — oder ist es künftig, wenn er ernsthaft glaubt, der Konsument würde nicht merken, wenn auf einmal ein großer Teil der Belegschaft nicht mehr dabei ist (tatsächlich bin ich mir auch sicher, dass auch die Chefredaktion der AZ sehr genau weiß, dass das gar nicht geht, aber was soll man nach außen hin schon anders sagen? Etwa, dass natürlich jetzt auch die Zeitung schlechter wird?). Und wenn die SZ tatsächlich mal eben auf 20 Leute verzichten kann, ohne dass das einen Unterschied macht, hätte ich gerne meine früheren Abogebühren zurück, die ich offensichtlich aufgrund betriebswirtschaftlichen Missmanagements bezahlt habe.

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Im sehr kleinen Beispiel hatte ich das Spiel schon mal, es ist vielleicht gar nicht falsch, sich so ein bodenständiges Exempel mal näher anzusehen. Schon vor über zehn Jahren als Lokalchef in der „Passauer Neuen Presse“ habe ich die Auswirkungen des Sparens zu spüren bekommen. Damals gab es auch schon schlaue Controller, die in irgendwelchen wilden Gleichungen vorrechneten, wie hoch Kosten, Nutzen und Gewinn auf einzelne Seiten und Redaktionen umzulegen seien. Also kürzte man Budgets (der Reflex muss wirklich tief sitzen…) und damit auch Seitenkontingente. Es dauerte nicht lange, bis die Leser bemerkten, dass sie für ihr Geld weniger bekamen. Und es dauerte nicht lange, bis die Auflage zu sinken begann, was die Leser in niederbayerischer Bierruhe erklärten: „Da steht ja nix mehr drin“, war ein Argument, das andere: „Do konn i aa s´Wochenblattl lesen“.  Sehr viel anders ist das heute auch nicht: Wer das Gefühl hat, weniger zu bekommen, kann auch anderes lesen. Nur dass die Alternative heute nicht mehr das kostenlose Wochenblatt ist, sondern das Internet. Aber auch das: meistens kostenlos. Deja vu? Von Journalismus, der sich Journalismus nennt und der sich bezahlen lässt, erwarten die Leute eben (zurecht) mehr als von Hobbyschreibern.

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Es wird also, machen wir uns nichts vor, gerade Raubbau am Journalismus betrieben. Es werden schlechtere Medien produziert werden, beliebigere, oberflächlichere (für die man dann, welch Treppenwitz, Geld verlangen will). Auf Dauer wird der Journalismus noch mehr als bisher ohnehin schon seine Deutungshoheit verlieren, wenn nicht gegengesteuert wird. Journalismus kostet Geld, wenn man ihn vernünftig betreiben will. Momentan deutet beinahe nichts darauf hin, dass es diese Bereitschaft noch geben wird. Der Journalismus wird sich noch  zu Tode sparen.