Archive for Mai, 2010
Schlachtplattenpads
Kann es sein, dass es der Branche momentan gerade unter leichtem Kopfschmerz dämmert, dass diese Sache mit dem iPad vielleicht doch nicht die potenzielle Erlösung ist?
Dem VDZ geht auf, dass von diesen ganzen hübschen Spielereien erstmal nur einer in jedem Fall profitiert — und das sind nicht die Verlage, sondern Apple. Beim Deutschen Journalistenverband (Hinweis: Ich bin Mitglied) bemerkt der Vorsitzende Michael Konken plötzlich, dass Apple ja auch massiv Einfluss auf Inhalte nehmen kann. Und Frank Schirrmacher sieht die Welt auf dem Weg zu einem autoritären “iPad-Staat“, was die Apple-Enthusiasten gar nicht freuen dürfte und vielleicht auch etwas überspitzt ist. Die Grundtendenz ist aber nicht von der Hand zu weisen. Apple hat keineswegs vor, darbenden Verlagen aus der Misere zu helfen. Apple will Geld verdienen, Apple will Kontrolle, Apple hat perspektivisch Microsoft schon lange hinter sich gelassen. Bei Microsoft wurde nach dem Einsatz von irgendwelchen europäischen Kommissionen gerufen, um das Monster zu zähmen. Bei Apple jubilieren die selben Menschen schon, wenn der Konzern ankündigt, in Erwägung zu ziehen, demnächst vielleicht eine neue Version des iPhone auf den Markt zu werfen (Ich sollte da übrigens wirklich vorsichtig sein, ich habe selbst ein iPhone).
Aber es soll hier nicht so sehr um die merkwürdig unreflektierte Haltung an sich intelligenter Menschen gehen, sondern um die enorme Diskprepanz zwischen Hoffnungen und Realitäten in Sachen iPad. Sehr schön sieht man das aktuell am “Spiegel”, der sich noch lustig gemacht hatte über die Trostlosigkeit der US-Verlagsangebote. Inzwischen gibt es die eigene App, was das “Fontblog” zur sarkastischen Anmerkung veranlasst, es handle sich hierbei eher um eine Art “grafische Schlachtplatte”. Und in der Tat, was man bisher so sieht, das wirkt nicht gerade wie der Aufbruch in einen neuen multimedialen Journalismus. Die Trost- und Lieblosigkeit der iPhone-App setzt sich hier konsequent fort:

(Screenshots: Fontblog)
Natürlich, zwei Argumente werden zu dieser Kritik umgehend kommen: zum einen, dass es andere ja auch noch nicht sehr viel besser gemacht haben. Und dass, zum anderen, die Entwicklung solcher Apps und eines solches iPad-Journalismus ja noch ganz am Anfang stehe. Beides stimmt, beides zeigt aber auch, dass es noch eine ganze Menge zu tun gibt, will man wirklich plausible Gründe schaffen, Medienangebote auf eigenen (kostenpflichtigen) Apps zu schaffen. Die App des “Spiegel” liefert bisher jedenfalls nur sehr eingeschränkte Anreize, dafür mehr Geld auszugeben als für die gedruckte Ausgabe. Man wird gut zu tun haben, bis man Apps entwickelt, die wirklich eine neue Form des Journalismus bieten und das iPad nicht nur zum hippen Lesegerät degenerieren.
Trotzdem denke ich, dass es der “Spiegel” sein wird, der noch am ehesten von möglichen Entwicklungen auf dem iPad profitieren wird. Ganz einfach, weil er sich erneut als einer der ersten ernsthaft mit diesem Thema auseinandersetzt. So wie damals, vor fast 15 Jahren, als man “Spiegel online” ins Leben rief, was aus heutiger Sicht ebenso unbeholfen und irgendwie überflüssig wirkte wie die jetzige App. Manchmal wiederholt sich Geschichte eben doch.
Unsortiertes zum Wochenende
Der “Verein Deutsche Sprache” hat investigativ und blitzschnell herausgefunden, dass Lena Meyer-Landrut zwar einen ziemlich treudeutschen Namen hat, in Oslo beim European Song Contest Europäischen Liederwettbewerb nicht (wiederhole: nicht!) auf deutsch singen wird. Stattdessen wird sie ihr Lied auf englisch vortragen. Beim Verein Deutsche Sprache ist man nun der Meinung, dass sich Deutschland neuerlich blamieren wird, weil man bisher immer die besten Ergebnissse erzielt habe, wenn die Interpreten deutsch gesungen hatten. Man erwähnt dabei beispielsweise die erstaunlicherweise in Vergessenheit geratene Gruppe “Mekado”, die mit dem lyrischen Titel “Wir geben ´ne Party” zum ersten Mal einen Song ein Lied schuf, bei dem es den Hund samt der Hütte schüttelt. Von einer gewissen Schlichtheit abgesehen, war es aber auch bei Mekado nicht so weit her mit dem reindeutschen Deutsch:
FUEHL DEN RHYTHMUS
BABY
WO IST ‘NE PARTY
WO IST ‘NE PARTY HEUT’ NACHT
FLIEGT HEUTE IRGEND JEMAND MIT MIR ZUM MOND
ICH BRAUCH ‘NEN KICK
DAMIT DER ABEND SICH LOHNT
WO IST ‘NE PARTY
WO IST ‘NE PARTY
BABY?
Partybabykick. Aber immerhin, Platz 3 damals.
Und warum hat sich eigentlich Wolf Schneider noch nicht zum Thema gemeldet?
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Auf der anderen Seite sollten ja nun gerade wir Medien-Leute mit Spott ein wenig vorsichtig sein, weil wir generell auch dazu zu neigen, diese lustige Quatschveranstaltung zu überhöhen. Die “Süddeutsche Zeitung” beispielsweise versuchte sich in dieser Woche auf einer geschlagenen halben Seite im Feuilleton, sich dem Phänomen Lena Meyer-Landrut anzunähern (“Versuch einer Annäherung” wäre eh eine sehr schöne Überschrift gewesen, fällt mir gerade auf). Was ziemlich erstaunlich ist für eine 19jährige, die irgendwie ganz lustig ist, inzwischen aber ein Album vorgelegt hat, das an Flachheit und Langeweile kaum zu toppen ist. Wird man vermutlich bemerken, wenn sich der Hype in einem Tempo legt, gegen das sogar der Niedergang von Guildo Horn nichts war. Die “Zeit” ließ Lena ein wenig träumen und alle auch ernstzunehmende Welt jubilierte, dass Lena von einem Bauernhof und einer Harley träumt und begann sofort, diese tiefenschweren Gedanken zu interpretieren. Die bisher halbwegs erträglichste Art, sich der lustigen Quatsch-Veranstaltung anzunähern, habe ich bei Stefan Niggemeier und Lukas Heinser gefunden, da ist der Ernst nicht ganz so heilig. Aber über das Mikro in den Videos müssten wir dringend nochmal reden.
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Mit diesen Eil-Meldungen ist das langsam ein echtes Kreuz. Man kann sich ja kaum mehr vor dem Eindruck retten, dass auf der Welt alle Naslang was passiert. Stimmt ja auch. Beispielsweise:
Dass Phillip Lahm Kapitän der deutschen Nationalmannschaft wird, wurde natürlich ebenfalls eiligst gemeldet, so wie viele andere Sachen auch. Ich meine, ich mag ja dieses ganze Twitterzeugs einigermaßen, aber manchmal bin ich mir nicht sicher, ob nicht die Neigung, eher unwichtige Dinge aufzuplustern, massiv verstärkt wird. Gabi Pauli und eine Nullkommairgendwas-Partei als Eilmeldung – geht´s denn eigentlich noch?
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Nachtrag, 30.5.: Muss sich der Sprachschützer-Verein nach der eingetrenenen Riesenblamage nicht selbst auflösen?
Jetzt aber wirklich
Das i des Columbus
Das iPad kommt und langsam drehen auch die durch, die vorher nicht durchgedreht waren. Gut, das waren eh nicht mehr viele, nachdem Springer-Chef Matthias Döpfern die Hysterie mit seinem Satz salonfähig gemacht hatte, die Verleger hätten Steve Jobs auf Knien für diese wunderbare Erfindung zu danken — schlichßlich sei es doch nicht weniger als Rettung der darbenden Verlagsbranche. Warum es das sein soll, weiß so richtig niemand. Aber immerhin, aus der Angst heraus, schon wieder einen Megatrend zu verschlafen, arbeiten sie jetzt wie wahnwitzig an iPad-Lösungen, die Verlage. Ganz so, als würde ein hübsches neues Spielzeug irgendwas am eigentlichen Problem ändern.
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Bevor wir zum eigentlichen Problem kommen, erst einmal: Zahlen: Um die 8 Prozent der deutschen Internetnutzer wollen sich ein iPad zulegen, ergab jetzt eine Umfrage. Das wären in etwa (setzt man ca. 40 Millionen voraus) 3,2 Millionen Menschen, die irgendwann in der nächsten Zeit ein iPad besitzen. Zieht man dann noch in Betracht, dass einen Monat nach dem iPad-Start in den USA unter den 20 beliebtesten Apps kein einziges Angebot aus einem Verlagshaus war, dann ist es keine sehr gewagte Prognose, dass sich die Potenziale für die Verlage zunächst einmal in sehr, sehr überschaubaren Grenzen halten werden. Zum Retter von allem und jedem sollte man das Ding jedenfalls noch nicht hochjazzen.
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Der “Spiegel” hat in dieser Woche ebenfalls über die iPad-Bemühungen geschrieben und ist dabei ungewollt komisch geworden. Man schilderte ein wenig die Einfallslosigkeit der Verlage, monierte u.a., dass bei vielen die Apps eher PDFs denn interaktiven Applikationen glichen. Der App der “New York Times” bescheinigten die Hamburger, dass sie in “wenig erfrischender Erscheinung” daherkomme. Auch die Magazine seien “bislang kaum mehr als auf den Bildschirm gebrachte Teile der Printausgaben, die nicht mit den visuellen und interaktiven Möglichkeiten des iPad spielen”. Und schließlich erntet auch das “Wall Street Journal” den sanften “Spiegel”-Spott. Insbesondere dafür, dass das WSJ auf dem iPad teurer ist als im Print-Abo. Der Unterton ist unverkennbar: Man muss schon ziemlich doof sein, eine solche Preispolitik zu betreiben.
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Danach wirft man einen Blick auf den auf die Spiegel-App auf dem iPhone und wischt sich verwundert die Augen. Die Miniaturausgabe (was in diesem Fall wörtlich zu nehmen ist) des Magazins kostet mit 3,99 € genau 19 Cent mehr als die gedruckte Ausgabe. Man bekommt zwar dann noch das e-Paper kostenlos dazu, aber das stünde zwei Wochen später ja ohnedies kostenslos im Netz (und wenn man etwas fürs iPhone/iPad haben will, ist eine PDF-Ausgabe nur so eine mittelgute Alternative als Dreingabe). Über die Optik und die technische Ausgereiftheit der “Spiegel”-App muss man nicht allzu viele Worte verlieren, das alles ist mit trostlos gnädig umschrieben. Und sowieso ist die “Spiegel”-App ohnehin nicht sehr viel mehr als ein Lesegerät. Man hätte über die anderen im In- und Ausland also gar nicht so viel schreiben müssen — eine Beschreibung der eigenen App-Aktivitäten hätte womöglich schon ausgereicht um aufzuzeigen, dass den deutschen Verlagen bisher auch noch nicht so rasend viel eingefallen ist in Sachen Apfeltablett.
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Spiegel Online hingegen hat das neue Wundergerät ebenfalls einem Praxistest unterzogen und kommt zu einem sehr ähnlichen Ergebnis wie die FAZ. Beide kommen zu dem wenig überraschenden Resultat, dass der Hype möglicherweise viel größer ist, als es die Realität rechtfertigt. Das iPad ist verdammt teuer, kann vergleichsweise wenig für viel Geld, wird sich aber trotzdem durchsetzen, weil hinten ein angebissener Apfel drauf ist. Und den Apple-Jüngern kann man ja bekanntermaßen alles verkaufen. In den Praxistests von FAZ und SPON ist übrigens relativ wenig die Rede von journalistischen Angeboten, fällt mir eben auf. Aber daddeln lässt es sich mit der Kiste prima.
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(Off topic: Morgen schaue ich übrigens lieber nicht die Twitter-Timeline. Ich möchte echt nicht den ganzen Tag Statusmeldungen über das “unboxed iPad” lesen.)
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Aber bleiben wir doch noch ein wenig beim Thema “Medien und iPad”. Bisher kenne ich noch kein Modell, das etablierten Medien dauerhafte Zuwächse oder wenigsten Kompensation der bisherigen Verluste garantieren würde. Der eigentliche Fehler, den man jetzt zu korrigieren versucht, liegt ja auch schon ein wenig zurück und hat mit dem Verbreitungskanal gar nicht so viel zu tun. Über inzwischen etliche Jahre hinweg haben insbesondere Verlage in Deutschland tatenlos zugesehen, wie sich neben ihrer Welt auch noch eine Parallelwelt aufbaut. Eine, durch die sie letztendlich ihr wichtigstes Gut zumindest teilweise eingebüßt haben: Relevanz und Bedeutung. Man kann heute einigermaßen gut und informiert über die Runden kommen, ohne morgens eine Zeitung im Postkasten zu haben oder das Radio einzuschalten. Man kann sich über Hobbys oder Fachgebiete ganz wunderbar schlau machen, ohne auch nur ein einziges der einstmals monopolartigen Fachmedien zu kaufen. Kurzum, mit einem herzhaften “weiter so” haben sich viele Verlage in eine Situation gebracht, aus der sie heute nur noch mit Hilfe einer iPad-Applikation herauszukommen glauben. Das wiederum ist ein Trugschluss. Das iPad ist eine hübsche Multimediamaschine, kein Lesegerät. Man kauft sich nicht für 600 Euro eine solche Kiste, damit man darauf Zeitung lesen kann. Das ist, wie die ersten Erfahrungen aus den USA zeigen, ein netter Nebeneffekt, nicht mehr, nicht weniger.
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Man müsste also endlich mal Dinge wie Multimedialität, Interaktion, Vernetzung begreifen. Man müsste, noch banaler, das Internet verstehen. Doch genau das ist der Punkt, an dem es bei vielen Printmenschen komplett hakt. Sie halten immer noch das Netz für eine Art elektronischen Bildschrim, für eine Art Zeitung, der die Haptik fehlt. Ich spreche nur selten mit Zeitungsmenschen, bei denen ich wirklich den Eindruck habe, sie hätten das Netz begriffen. Ihnen ist nicht klar, dass das Netz mit all seinen Möglichkeiten auch einen komplett neuen Journalismus erfordert. Den müsste man langsam entwickeln; langsam vielleicht, aber eben doch entwickeln. Stattdessen klammern sich die Verlage an Bezahlmodelle und dröge iPad-Apps.
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Fünf Jahre gibt man übrigens verlagsintern noch der gedruckten “Financial Times”. Nicht unrealistisch, das. Nur: Wenn so weitermachen, können sie den Appendix “gedruckt” streichen.
Das Bistum Regensburg und die Medien-Komplizen
Das Bistum Regensburg hat beschlossen, sich jetzt doch mal zu den Vorgängen der letzten Zeit zu äußern. Müsste man das, was sie bei “Regensburg digital” hinterlassen hat, in zwei Sätzen zusammenfassen, sie lauteten wie folgt: Journalisten lügen. Und sie haben eine gezielte Kampagne gegen uns gestartet.
Natürlich ist diese Schlussfolgerung wörtlich nirgends zu lesen. Aber die verräterische Wortwahl zeigt: Das Weltbild des Bistums besteht im Wesentlichen aus schwarz und aus weiß. Aus den aufrechten Verfechtern der Wahrheit auf der anderen Seite und den Hetzern auf der anderen Seite (mit ihren “Komplizen”, die wider besseren Wissens gegen die katholische Kirche publizieren).
Komplizen? Die Pressestelle des Bistums nennt Journalisten tatsächlich so:
(…)Für diese behauptete Tatsache bot Aigner genauso wenig Belege oder Anhaltspunkte wie seine Komplizen anderer Medien. Kurz: Er verbreitet eine glatte und bösartige Unwahrheit und bricht damit Recht.
Natürlich darf man Journalisten bezeichnen wie man mag; es geht auch nicht um verletzte Eitelkeiten. Aber die Wortwahl “Komplizen” ist überaus bezeichnend für das Bild, dass man im Bistum von der (Medien-)Welt da draußen hat. Man sieht sich als Opfer eine Kampagne, als Opfer vielleicht nicht gleich verbrecherischer, dennoch aber wenigstens zu verurteilender Machenschaften. Wer von Komplizenschaften spricht, vermutet dahinter selten etwas Gutes als vielmehr: eine geplante Aktion, üble Machenschaften, in jedem Fall aber eine konzertierte Aktion mit wenig erfreulichen Zielen.
Für dieses erstaunliche Weltbild spricht auch der Schlusssatz des etwas arg larmoyant-trotzig geratenen Statements:
Journalisten, die Unwahres behaupten, verteidigen die Meinungs- bzw. Pressefreiheit nicht. Sie missbrauchen sie vielmehr, um bösartige Unwahrheiten gegen andere Menschen – in diesem Falle kirchliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – zu verbreiten. Dazu haben sie kein Recht – auch dann nicht, wenn es nur gegen katholische Christen geht.
Das ist in mehrerlei Hinsicht durchaus erstaunlich. Man meint also im Bistum, man müsse Journalisten darüber aufklären, dass es kein Recht gibt, Unwahrheiten zu verbreiten? Man glaubt ernsthaft, dass es Journalisten gibt, die sich dieses Recht wissentlich heraus nehmen? Und man denkt also allen Ernstes, Journalisten würden diese völlig unbestrittene Rechtslage beugen wollen, wenn es “nur gegen katolische Christen geht”? Das wirkt dann doch so, als würden sich die Regensburger hinter ihren dicken Mauern nicht nur verfolgt, sondern auch ernsthaft bedroht fühlen.
Auch der Rest der Stellungnahme beharrt auf diesem Weltbild: Wir haben immer die Wahrheit gesagt, wir haben versucht, mit Journalisten zu sprechen. Trotzdem wird über uns andauernd die Unwahrheit gesagt (eine Kampagne von Rechtsbrechern und Komplizen eben).
Besonders der Schlenker gegen das Medienmagazin “Zapp” des NDR, das in dieser Woche ausführlich über den Fall Regensburg berichtete, lässt tief blicken — vor allem, wenn man die Hintergründe kennt. Das Bistum wirft dem NDR vor, sich als Erfüllungsgehilfe (Komplizen, womöglich?) von Rechtsbrechern zu betätigen. Wörtlich schreibt die Pressestelle:
Besonders bedrückend, wie öffentlich rechtliche Medienmagazine, die angeblichen Qualitätsjournalisten, ihnen dafür unterwürfig und kritiklos eine Bühne bieten: Keine Frage nach Belegen. Keine Frage nach den Gründen der Richter. Kein Interesse an den Tatsachen.
Die Vorwürfe als solche sind schon ungeheuerlich. Wenn man aber dann noch die Hintergründe kennt, wird daraus eine absurde Unterstellung. Die Autorin des NDR-Beitrags, Grit Fischer, hatte das Bistum um einen Interviewtermin gebeten, er wurde ihr, wie einigen anderen auch, verweigert. Man muss sich das in seiner ganzen irrsinnigen Logik mal vorstellen: Eine Journalistin bittet um eine Stellungnahme und erhält sie nicht. Sie berichtet dennoch — und muss sich nun vorwerfen lassen, sie biete anderen “unterwürfig und kritiklos” eine Bühne. Man benötigt dazu vermutlich das Weltbild eines Pressesprechers des Regensburger Bistums und ein völlig fehlendes Verständnis für Journalismus in einer Demokratie, wenn man diese Logik nachvollziehen will. Gleichzeitig steht immer noch der Vorwurf des Bistums an mich im Raum, ich hätte bei meinen Recherchen zum Thema gar nicht in Regensburg nachgefragt — obwohl ich das alles schon lange öffentlich dokumentiert habe. Man muss das also mal zusammenfassen: Wenn Journalisten um eine Stellungnahme bitten, diese abgelehnt werden und man dennoch berichtet, bleiben nur zweierlei Möglichkeiten. Entweder, die Journalisten haben erst gar nicht nachgefragt. Oder aber sie bieten anderen “unterwürfig und kritiklos” Plattformen zur Meinungsäußerung.
Die Alternative, wie man sie im Bistum gerne hätte, kann man sich vorstellen. Gar nicht berichten. Oder aber eben ohne jedes Hinterfragen, ohne wirkliche Gegenrecherche — dafür benennt das Bistum interessanterweise auch gleich Kronzeugen: die “regionalen Zeitungen in Ostbayern”. Was das Bistum daran so vorbildlich findet, kann man sich leicht ausmalen, wenn man die “regionalen Zeitungen in Ostbayern” kennt. Über die Rolle des Verlautbarungsorgan für kirchliche Belange kommen sie selten hinaus.
Was immer noch völlig offen und unverständlich ist: In ihrer Stellungnahme schildert das Bistum ausführlich ihre Sicht der Dinge (und damit auch, warum nach ihrer Meinung in den umstrittenen Fällen falsch berichtet worden ist). Wenn es denn so wäre, dann fragt man sich: wieso erst jetzt? Warum war es bisher nicht möglich, diese Äußerungen öffentlich zu machen? Wieso schwingt die Kirche die ganz schwere juristische Keule, wenn doch angeblich alles so leicht zu erklären ist?
Sein Bild von der eigentlichen Sache kann sich jetzt jeder nach dieser Stellungnahme machen. Die Kirche sollte bloß nicht erwarten, dass jegliche Nachfragen damit eingestellt sind. Klug wäre es, vielleicht etwas früher zu antworten — und nicht hinter jedem Journalisten einen Rechtsbrecher zu vermuten.
Wir nennen es Unsterblichkeit
Die Beatles brauchen keinen John Lennon mehr, keinen George Harrison, keinen braungebrannten Ringo aus Beverly Hills. Sie brauchen noch nicht mal mehr Paul McCartney. Sie sind zu einer Idee geworden.
Das ist Unsterblichkeit.
Der “Spiegel” heute mit einer wirklich wunderbaren Titelgeschichte. Und man merkt dann eben doch noch den Unterschied zwischen einem Blatt, das seinen Autoren Platz und Geld und Zeit gibt. Und denen, die sich in erster Linie über Infografiken definieren.
Und wo bleibt das Positive (4)?
Hier: So richtig lange ist es ja nicht nicht her, dass Zeitungen eher Kommunikationsattrappen glichen. Und dass Chefredakteure mittelgroßen Heiligkeiten gleichkamen, die sich nur ab und an zum lesenden oder auch mitarbeitenden Volk herabließen. Deswegen gibt´s hier jetzt mal was, was es sonst hier eher selten gibt: eine öffentliche Ode (naja, gut, das ist dann vielleicht doch zuviel gesagt, aber eine mittelgroße Respektsbekundigung ist das schon). Nämlich für Christrian Lindner, Chefredakteur der Rhein-Zeitung. Auf meine “Blattkritik” sofort in den Kommentaren reagiert, Teile aus ihr sowohl online als auch im Blatt veröffentlicht. Und heute, Samstag morgen, noch nicht mal 10 Uhr: Die nächste Reaktion in den Kommentaren.
Über das Web 2.0 lässt sich vieles sagen und diskutieren, aber zumindest eines hat es bewirkt. Nämlich dass Journalisten und Redaktion allmählich (wenn auch lange noch nicht alle) anfangen, mit den Leuten zu reden. Unserem Journalismus wird es nicht schaden. Und ein Chefredakteur, der an einem Samstag morgen um 10 Uhr in einem winzig kleinen Medienblog mitdiskutiert, ist dafür ein ganz wunderbares Beispiel.
Zapp, jetzt online
Der NDR hat den Beitrag von Grit Fischer über die Vorgänge im Bistum Regensburg jetzt auch online gestellt. Daneben ebenfalls zu sehen: Die Interviews mit Stefan Aigner und mir in voller Länge.
Blattkritik für die “Rhein-Zeitung”
Lieber Sascha Lobo, lieber Christian Lindner,
erstmal muss ich Dir und Ihnen gratulieren zu einem wirklich gelungenen Marketing-Coup; man weiß ja zumindest vom Kollegen Lobo, dass er von (Eigen-)Marketing ganz enorm viel versteht. Die Idee also, die “Rhein-Zeitung” für einen Tag von Sascha Lobo als Chefredakteur machen zu lassen, ist zumindest sehr öffentlichkeitswirksam und letztendlich natürlich auch ein interessantes Experiment — kann es der, der den Dinosauriern immer sagt, was sie alles falsch machen, wirklich besser?
Bevor wir also lange über die Marketing-Aspekte dieser Aktion debattieren (die mir ehrlich gesagt eher gleichgültig sind), ergänzen wir diese fröhliche Runde Lobo-Lindner noch um eine dritte Sache. Eine (öffentliche) Blattkritik dieser Ausgabe, für die sich ungefragt und unentgeltlich Christian Jakubetz zur Verfügung stellt.
Beginnen wir mit dem, mit dem Blatkritiken immer beginnen: mit der ersten Seite. Gelesen und gehört habe ich, dass Sascha Lobos chefredaktionelle Maxime gewesen sein soll, die Redaktion dürfe einen Tag mal schreiben, auf was sie Lust habe. Gewünscht hätte ich mir bei der Aufmachergeschichte, dass amtierender und Eintageschefredakteur vielleicht doch noch mal präzisere Angaben machen von dem, was sie eigentlich wollen. “Schreib mal, worauf du so Lust hast”, lieber Sascha, das funktioniert bei uns Bloggern vielleicht und leidlich; eine Zeitung, noch dazu eine Regionalzeitung für die Region Koblenz, tickt so nicht. Der Leser übrigens auch nicht. Insofern war ich ziemlich über euer Aufmacherstück erstaunt, das sich zwar hübsch liest und in dem auch bestimmt kluge Gedanken stehen.
Um ehrlich zu ein: Dieses Stück und diese Themenauswahl entsprechen ziemlich genau dem, was ich bei vielen Regionalblättern als furchtbar störend empfinde. Diesen Drang nach Wichtigkeit und Bedeutsamkeit, dieser unbedingte Wille, mehr sein zu wollen als “nur” Lokaljournalist. Nicht falsch verstehen, ich halte Lokaljournalismus für wichtig und für ehrenwert. Aber warum, zur Hölle, müsst ihr dann auf der ersten Seite einer Zeitung für Koblenz ein Essay über das Leid der Vergessenen schreiben? Um zu zeigen, dass ihr es könnt? Ein wenig kleiner hattet ihr es nicht gerade? Ihr könnt es, ich glaube es euch ja. Und jetzt hätte ich wieder gerne Themen meiner Zeitung, meiner Region. Ein wenig habe ich übrigens auch den Verdacht, dass bei der Auswahl dieser Aufmachergeschichte auch ein wenig das urbane Boheme-Dingsdibumms von Sascha Lobo durchgekommen ist. Man liest sowas sicher gerne in Kreuzberg auf dem Mac-Book. In Koblenz würde ich sagen: zielsicher am Leser vorbeigeschrieben, liebe Freunde.
Das alles gilt eingeschränkt auch für den Zumacher auf der Seite. Ein Spitzenökonom des DIW fordert einen Mehrwertsteuersatz von 25 Prozent und weiß genau: Das ist politisch nicht durchsetzbar. Und der Steuerzahlerbund (gut gemeint, dass es der in RLP ist, aber das scheint dann doch ein Alibi zu sein, um die Geschichte machen zu könen) sagt: Das ist politisch nicht durchsetzbar. Darauf kommt ihr dann auch in der Überschrift, die da lautet:
Auch das ist so eine Art Journalismus in Regionalzeitungen, die mir nicht einleuchten mag. Sie ist gleichzeitig archetypisch für das, was in Deutschlands Mittelstandszeitungen passiert. Man muss immer groß und bedeutsam sein. Deswegen also das Steuerthema, das man en passant versucht, “aufs Lokale runterzubrechen” (Steuerzahlerbund RLP!). Schon mal über die Relevanz dieser Geschichte nachgedacht? Ich habe in der gesamten Nachrichtenagenda des gestrigen Tages niemanden gefunden, der eine Einzelforderung, von der wir wissen, dass sie nicht durchsetzbar ist, so hoch gewichtet hat wie ihr. Böse gesagt: eine Nullmeldung für die Nachrichtenspalte auf Seite 7, unnötig zu einer nicht vorhandenen Bedeutungsschwere aufgeplustert hat. Das wäre in etwa so, als würdet ihr melden, dass Jogi Löw die Forderung einzelner Bayern-Fans zurückgewiesen hat, Franz Beckenbauer als Spieler zu reaktivieren. Und dann fragt ihr noch den Trainer der TuS Koblenz, was der dazu sagt (vermutlich wird auch er das als nicht so gut machbar zurückweisen).
Und dann dachte ich mir (wenn wir schon bei Beckenbauer sind): Schaun mer mal, wo es denn ist, das Lokale auf Seite 1. Lange gesucht, dann gefunden. Hier:
Links unten also quetscht ihr einen Elfzeiler mit einem lokalen Thema rein. Stellt sich mir die Frage: Wie ernst meint ihr es eigentlich mit dem angekündigten Wandel zu einem regionalen und relevanten Medium? Und, lieber Sascha Lobo: Wie intensiv hast du dich eigentlich wirklich mit dem Medium lokale Tageszeitung auseinandergesetzt? Wenn das jedenfalls deine Bewerbungsarbeit für einen Job als Chefredakteur einer solchen Zeitung wäre, würde ich nach dieser Titelseite sagen: Versuchen Sie es doch mal bei der taz, junger Mann. Sie sind bestimmt klug und talentiert, aber für diesen Job vielleicht eher ungeeignet.
Die Tendenz setzt sich dann auf Seite 2 fort. Natürlich liegt es nahe, dass der Chefredakteur für einen Tag auch den Leitartikel schreibt. Und dass der irgendwie was mit der Internet zu tun hat, geschenkt. Aber auch hier wieder der Praxistest: Eine Regionalzeitung für Koblenz schreibt über die Wirkung des Internets? Warum? Wer soll das lesen, wen soll das interessieren?
Und: Wie groß, glaubst Du, lieber Sascha, ist die Bereitschaft des durchschnittlichen RZ-Lesers, sich nach einem ewig langen Essay auf Seite 1 noch ein ewig langes Essay auf Seite 2 anzutun, wenn beide Essays für ihn tendenziell eher abstrakt und nichtssagend sind? Da scheint es mir doch einen erheblichen Realitätsverlust zu geben. Um es deutlich zu sagen: Die Bedeutung von Sascha Lobo in der realen Koblenzer Welt ist deutlich unterhalb von der bei Twitter anzusiedeln, das Interesse für deine Ausführungen und das Thema Internet sind dort wahrscheinlich ebenfalls nicht mal im Ansatz so ausgeprägt wie in irgendwelchen sozialen Netzwerken. Welchen Stellenwert hat das Netz eigentlich in der Region Koblenz? Wie ist die Durchdringung mit Breitbandanschlüssen, wie nutzen Firmen und Privatmenschen das Netz dort? Das hätte mich interessiert als Koblenzer. Und aus all diesen Gründen decken wir über den Rest der Seite 2 ebenfalls den Mantel des Schweigens.
Seite 3, die ist prima, wirklich. Wie fühlt sich das Lebens um 12 Uhr mittags in der Region an, schönes Thema, schön umgesetzt, spannend, relevant regional. Ebenso die Geschichte der “Wein-Favoriten” regionaler Blogger. Ganz wunderbar, alles richtig gemacht — und nach Lektüre dieser Seite drängt sich mir der Gedanke auf: Warum nicht gleich so? Warum diese mutlosen und fuchtbar konventionellen ersten beiden Seiten? Ich glaube, man müsste den Mut haben, die eigene Region und die Themen aus ihr noch viel prominenter auf der ersten Seite zu platzieren. Hört doch auf, mich mit irgendwelchen absurden Forderungen zu so wunderbar lebensnahen Themen wie Steuerpolitik zu langweilen.
Seite 4: Hübsch. Aber abstrakt. Gelegentlich dachte ich, ich sei in der “Zeit” gelandet.
Seite 5: Nicht hübsch. Quälender Nachrichtenjournalismus aus den 80er Jahren. Ich musste an Karl-Heinz Köpke und die “Tagesschau” denken. Und der Diskurs über Internet und Zeitung, lieber Sascha, lieber Herr Lindner — lasst es gut sein. Nach dem dritten Lobo-Foto und der gefühlt 58. Erwähnung seines Namens bekam ich langsam leichte Agressionen. Und da heißt es immer, wir Blogger seien selbstrefrentiell.
Seite 6: Die vergessenen Kriege. Siehe Seite 1. Schönes Layout und bestimmt eine Arbeit, die man beim nächsten Journalistenpreis einreichen kann. Habe Zweifel an hoher Lesequote. Und das blau auf der Seite gefällt mir nicht, aber das ist jetzt geschmäcklerisch.
Den größten Teil des Mantels habe ich damit jetzt eigentlich abgedeckt, das ist alles schön und recht, aber den Ansatz für die Regionalzeitung der Zukunft habe ich da immer noch nicht entdeckt. Außer, dass es viel um Internet geht und Sascha Lobo wieder mit Foto auftaucht, diesmal mit iPad und Wandertipps aus dem Netz. Er sieht gestresst aus auf dem Foto. Muss ein harter Tag gewesen sein. Und selbst die letzte 85jährige Oma aus der Leserschaft weiß jetzt, wer der Herr mit der eigenwilligen Frisur ist.
Der Sport macht dann auf mit einer Geschichte, dass im Internet Live-Sportübertragungen zu sehen sind. Zumindest als Sport-Ressortleiter würde ich Sascha Lobos Zukunft nicht sehen. Und als ich auf der nächsten Seite auch noch sah, dass man die Geschichte über Ballacks Knöchel pflichtschuldig mit einem Kasten versah, dass “im Internet” (!!) Hetzjagd auf Boateng gemacht werde, musste ich beinahe schon lachen über so viel Bemühtheit. Hetzjagd auf Boatng macht auch die “Bild”, die Boateng nur noch den “Kaputt-Treter” nennt. Aber was mir in dem Zusammenhang auffiel: Warum eigentlich keine Interaktion mit den Leuten, keine Debatte auf der eigenen Seite dazu? Das fand ich bei zwei Online-Epigonen wie Lobo und Lindner eh auffällig: Ihre Meinung zieht sich konsequent durchs Blatt (was ok ist), umgekehrt habe ich nicht den Eindruck gehabt, als sei den beiden ernsthaft an Kommunikation und Interaktion mit der geneigten Leserschaft gelegen.
Das Lokale muss ich (leider) weitgehend auslassen. Dazu fehlt es mir an örtlicher Kompetenz. Was ich gesehen habe, hat mir ziemlich gut gefallen, schöne Themen, schöne Optik. Nutzertig, lesenswert, anschauenswert. Ich kann mir vorstellen, dass das ein guter Lokalteil ist — aber, wie gesagt: Da würde ich gerne den Joker ziehen, weil ich von Koblenz ungefähr nichts weiß. Umso mehr drängt sich mir die Frage auf: Warum wird der eigentlich so weit hinten versteckt? Und warum landen solche Themen generell nicht prominenter? Herr Lobo??
Kultur und Panorama machen mit Online-Themen auf. Quelle surprise.
Zusammengefasst also: Erst fand ich den Gedanken, Sascha Lobo das Blatt für einen Tag zu überlassen, ganz interessant. Nach dieser Ausgabe bin ich mir nicht sicher, wer ihn gebremst hat. Er sich selber, die Redaktion, oder etwa doch der “richtige” Chefredakteur? Die Anzeigenabteilung, die Verleger? Natürlich hat es mich gestört, dass das Resultat so fuchtbar erwartbar war. Aber richtig enttäuscht hat mich, dass es nicht gelungen ist, eine Art Überlebensweg für regionale Blätter aufzuzeigen. Nur weil man im Mantel jetzt mehr Online-Themen fährt, ist das noch kein Beleg für mehr Relevanz. Und speziell von Lobo-Lindner hatte ich mir noch mehr Mut, mehr radikales Umdenken gewünscht. Nein, nicht in Form langer Essays, sondern in Form von mehr Leserhähe und lokalen Themen. Böse gesagt: Diese Lobo-Ausgabe ist nicht sehr viel mehr als die Regionalzeitung der 90er, ein wenig hübscher und frischer angestrichen. Ihr müsst neu denken, wenn ihr überleben wollt.
PS: Das Los des Kritikers ist es ja leider, meistens eher unfreundlich rüberzukommen. Und es ist alles eine Frage der Relation. Die RZ ist sicher viel weiter als viele andere. Ich bezweifle dennoch, dass das schon alles gewesen sein kann.
PPS: Das ganze Blatt zum Nachlesen gibt´s auch als PDF (lobenswert!)
Pumperlgsund, auch wenn es sich nicht ausgeht
Es gibt viele gute Gründe dafür, dass man Österreich unbedingt lieben muss. Beispielsweise seine sensationellen Fernzüge, die „Railjets“, die jedem deutschen Bahnvorstand eigentlich die Schamesröte ins Gesicht treiben müsste, wenn er danach einen Blick in seine brüchigen ICE´s wirft. Oder die Art wie Österreicher schreiben, wenn sie gerade Journalismus machen. Der „Standard“ beispielsweise schreibt über den Ballack-Ausfall heute, Ballack habe erfahren müssen, dass „es sich für seine dritte WM nicht ausgeht“. Über den Nationalspieler (die in Österreich übrigens meistens „Teamspieler“ genannt werden) Sebastian Prödl heißt es, sein jüngster Einsatz bei Werder Bremen sei das Pokalfinale gegen die „unverschämten Bayern“ gewesen. Und wer bei geschriebenen Sachertörtchen wie diesem nicht sofort aufjuchzt, der wird Austria nie verstehen: „Die relativ geringe Zahl (an Einsätzen) hat auch mit einer hartnäckigen Schleimbeutelentzündung im Knie zu tun. Und damit, dass Per Mertesacker und Naldo (…) pumperlgesund geblieben sind.“ Pumperlgsund, heureka! Wer solche Sätze schreibt, hat die lebenslange Lizenz zum Schreiben und außerdem fahre ich gerade eben mit dem Railjet durch die Alpen, wo oben immer noch eine Menge Schnee liegt, vorbei an einem Bahnhof namens Ötztal – und ja, liebe Nordlichter: Das gibt es wirklich und „Ötzi“ wurde nach diesem Tal benannt, nicht etwa umgekehrt. Tu felix Austria also. Das geht sich schon aus, würde der Österreicher jetzt sagen.
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Zwischen Ötzi und pumperlgsunden Teamspielern gibt es natürlich auch in Österreich eine Medienwelt, die ich in den letzten Monaten ein wenig intensiver kennengelernt habe. Und immer, wenn ich sie mir näher ansehe, stelle ich fest, dass eine Reise nach Österreich einer kleinen Reise mit einer Zeitmaschine gleichkommt; nicht weit zurück, vielleicht so zwei oder drei Jahre. Aber eben doch: zurück in das Deutschland des Jahres, sagen wir, 2007. Die gleichen Debatten, die gleichen Entwicklungen, nur dass Tageszeitungen in Österreich noch nicht unter derart gewaltigem Handlungsdruck stehen wie sie das in Deutschland tun (man muss allerdings kein Prophet sein um zu wissen, dass sie diesen Druck ebenfalls erleben werden, wenn sie sich nicht bald was einfallen lassen). Noch herrscht in Österreich nach meinem Eindruck jene Entspanntheit, die auch in Deutschland vor drei Jahren herrschte, als man in vielen Medienhäusern meinte, es sei ausreichend, sich allmählich mal ein paar Gedanken über die Zukunft zu machen.
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Und man erlebt erstaunliche Argumentationen, wie man sie in inzwischen in Deutschland (beinahe) gar nicht mehr hört. Beispielsweise, dass letztendlich nur gedruckte Produkte einen hohen journalistischen Standard bieten könnten. Oder dass man sich einfach noch mehr um journalistische Qualität bemühen müsse. Dass die Menschen für gedruckte Zeitungen eine enorme Zahlungsbereitschaft mitbrächten und zudem die Inhalte ihres Blattes sehr zu schätzen wüssten.
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70 Prozent der Leser, so habe ich beispielsweise erfahren, lesen angeblich jeden Tag den Leitartikel ihrer Zeitung. Was ein Beleg nicht nur für die enge (endlich mal wieder dieses Wort…) Leser-Blatt-Bindung sei, sondern auch dafür, wie wichtig es sei, journalistische, qualitäts- und gehaltvolle Orientierung in wirren Tagen wie diesen abzuliefern und den Menschen somit ein wenig Halt zu geben. Schönes Argument, das mit den 70 Prozent – nur relativiert es sich angesichts anderer Zahlen. In Deutschland greift statistisch nicht mal mehr die Hälfte der jüngeren Leser überhaupt noch zur Zeitung. Ist es dann ein Trost, wenn mir dafür wenigstens mein altes Publikum ordentlich die Treue hält?
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An diesen Zahlen, die man jedes Jahr zum Thema Zeitung bekommt, zweifle ich ja inzwischen ohnehin sehr. Weil sie sich mit eigenen Beobachtungen ganz und gar nicht decken, weder in Deutschland noch in Österreich. Der Chefredakteur des ORF Salzburg, nebenher noch Lehrbeauftragter an der Fachhochschule, erzählte mir von seiner letzten Studentengruppe: Unter 66 genau einer, der regelmäßig Zeitung las. Eine Quote, die nahezu identisch ist mit den Beobachtungen, die ich bei meinen letzten beiden Studentengruppen an der Uni Passau gemacht habe.
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Gespannt bin ich jedem Fall, wie es weitergehen wird in Österreich. Ob man schlauer ist als bei uns und eher agieren statt reagieren wird. Gestern abend war ich auf einem Podium zum Thema in Salzburg – und seit gestern abend regiert die Skepsis. Der Mensch mag keine Veränderung. Nicht mal dann, wenn er pumperlgsund ist.



