Archiv für 22. Juni 2010
Südafrika, 2010 (16): Gesichter aus Soweto
22. Juni 2010 - 15:20 Uhr
Vielleicht die schönste alternative Art, Soweto zu erkunden: Man nimmt sich die Kamera, schraubt das Tele auf und fotografiert Menschen. Als ich die Bilder sortiert habe, fiel mir auf, dass diese Gesichter mehr über die Menschen in diesem Land erzählen als lange Texte (von denen ich aktuell ohnehin genug geschrieben habe.) Deswegen 2.30 mit Gesichtern. Und Menschen.
Südafrika, 2010 (15): Soweto
22. Juni 2010 - 14:43 UhrWenn man bisher schon verstörende Bilder vor Augen hatte – dann ist ein Nachmittag in Soweto so ziemlich genau das Richtige, um sich endgültig durcheinander bringen zu lassen.
***
Soweto an einem Sonntagnachmittag im Juni. Auf dem Weg in die „South Western Town“ (so hieß Soweto ursprünglich mit vollem Namen, Soweto ist eine Abkürzung dessen) hat man die Bilder vor Augen, die man als Europäer ohne Afrikaerfahrung halt so vor sich hat. Es ist ein etwas diffuses Bild einer kleinen, engen, zusammengepferchten etwas größeren Wohnsiedlung vor den Toren einer Millionenstadt. Ein Ort, an dem Menschen leben, die in die Stadt wollen, es dorthin aber (noch) nicht geschafft haben. Der zwar, um im Berliner Duktus zu bleiben, arm aber sexy ist. Man stellt sich arme Menschen in sehr einfachen Verhältnissen vor, die aber trotzdem in einer gewissen Würde leben. Man stellt sich das alles also so vor, wie es sich nur ahnungslose und ignorante Mitteleuropäer vorstellen können, die von allem ein profundes Halbwissen haben (damit meine ich letztendlich: mich selbst).
Und weil es eben nur so ein profundes Halbwissen ist, ist man in Soweto noch nicht mal richtig angekommen, um festzustellen, dass man eigentlich gar nichts weiß. Soweto ist keineswegs der kleine Vorort der Millionenstadt Johannesburg. In Soweto leben nach offiziellen Angaben vier Millionen Menschen, inoffizielle Schätzungen gehen sogar von sechs Millionen aus. Der Vorort von Johannesburg hat also mehr Einwohner als Berlin, registriert der blasshäutige Mitteleuropäer ganz nebenbei – und hat somit einen Grund mehr, sein blödes Halbwissen in die Ecke zu stellen und sich nur auf das zu verlassen, was man selber sieht (für Journalisten ist das generell keine so schlechte Idee).
***
Die Millionenstadt Soweto lässt sich also keineswegs mal eben im Spaziergang erkunden und bewerten; man käme ja auch nicht auf die absonderliche Idee, bei einer USA-Reise einen Nachmittag für New York einzuplanen. Und ebenso wenig würde man auf die Idee kommen, New York auf einen einziges Bild zu reduzieren. In New York gibt es unfassbaren Reichtum und abstoßende Protzerei, es gibt innerhalb eines Viertels Reichtum, Armut und Gewalt nebeneinander (Harlem) und es gibt klassische Mittelschichtsbezirke (Staten Island), die in etwa so charismatisch und gefährlich sind wie Bochum. Das ist in Soweto auch nicht sehr viel anders. Wenn man beispielsweise die Museen der Stadt besucht oder das Nelson-Mandela-Haus, dann ist das wie in etliche anderen Museumsgegenden der Welt auch. Busse fahren vor, rund um die Parkplätze stehen Händler mit Souvenir-Scheußlichkeiten, die alles Mögliche sind, nur nicht handgemacht. Das Nelson-Mandela-Haus heißt so, weil dort der Nationalheilige Nelson Mandela mit seiner Familie mal gewohnt hat. Dort wird man schnell durchgeschleust, es gibt nichts wirklich Wichtiges zu sehen und in WM-Tagen ist das sowieso ein eher nerviges Erlebnis. Da stehen dann reihenweise Fußballfans in Trikots Schlange, lassen sich strahlend vor dem Schriftzug „Mandela House“ ablichten und eigentlich ist das Einzige, was noch fehlt, dass sie mit den Vuvuzelas tröten. Kein Ort also, an dem man gerne bleibt. Und ist es nicht erstaunlich, dass die typischen Tourismus-Rituale sofort an allen Ecken der Welt Einzug halten, wenn man sie nur lässt? Selbst in Soweto/South Africa gibt es nach dem Besuch in Museum und Mandela-Haus im benachbarten Schnellimbiss Pommes und Bier. Dass es keine Currywurst gibt, ist auch schon alles, obwohl: Vielleicht habe ich einfach nur nicht gründlich genug geschaut.
***
Man kann dann noch ein wenig durch Soweto mit dem Bus fahren, man landet irgendwann zum Essen im „Soweto Hotel“ und wenn man schon mal in den USA in einem guten Hotel beim Essen war, dann weiß man wie man sich das „Soweto Hotel“ vorzustellen hat. Am Nebentisch prosten sich Menschen mit Champagner zu, in der Bar spielen zwei mittelalte Südafrikaner jenen gelackten Bar-Blues-Jazz, den man in jedem gehobenen Mittelklassehotel dieser Welt bis zum Erbrechen anhören muss, mit der Ausnahme, dass es hier denn auch „Pata Pata“ von der anderen Nationalheiligen Miriam Makeba sein muss. „Pata Pata“ klingt in diesen Bar-Blues-Jazz-Variationen aber auch nicht sehr viel anders als, sagen wir, „New York New York“. Dieser latente Hang zur Gleichmacherei ist also auch in Soweto angekommen und wenn man seinen Tag so verbringt wie ich gestern, man würde wahrscheinlich nach Hause kommen und sagen: Och, so schlimm ist dieses Soweto, von dem man immer so viel hört, gar nicht. Zumal außen rum ein paar Obst- und andere Stände von Farbigen drapiert sind, die wenigstens so ein bisschen abgerissen aussehen, so dass der aufgeklärte Tourist von heute zuhause sagen kann: Naja, so ein bisschen arm sind die schon noch da. Aber der Schampus in der Bar war wirklich prima.
***
Südafrika wäre aber nicht Südafrika, wenn sich dieser Eindruck, der sich gut gesättigt in einem Hotel aufdrängt, nicht ganz schnell radikal verändern würde…
***


Soweto, an einem Nachmittag im Juni. Unser Busfahrer will uns etwas Gutes tun, wirft das wunderbare „Shosholoza“ in den CD-Player und weil wir uns inzwischen ja als halbe Afrikaner fühlen und das Lebensgefühl hier ziemlich inhaliert haben, dauert es nur ein paar Sekunden, bis die Truppe im Minibus mitsingt und ziemlich fröhlich wird. Wir sind auf dem Weg nach Kliptown, einem Viertel von Soweto, von dem es heißt, dass dort die wirkliche Armut beheimatet sei. Das Wort „Slum“ nimmt niemand vor uns in den Mund und auf dem Weg dorthin bekommen wir immer noch den Eindruck vermittelt, als sei das eine originelle Form der südafrikanischen Folklore. Man nennt das hier stattdessen „Shanty Towns“ und das klingt dann doch deutlich harmloser als – Slum.
***
Ich war noch nie in meinem Leben in einem Slum. Ich bin, wie erwähnt, ein ziemlich verwöhntes mitteleuropäisches Mittelklasse-Wohlstand-Irgendwas. Meine größten Probleme sind meistens der Ausfall des Internets oder dass sich der ICE von München nach sonstwohin um 10 Minuten verspätet. Meine Kinder haben ihre iPods und das ganze Zeug und meine große Tochter rief mich kurz vor dem Abflug nach Johannesburg an, um mir ihre T-Shirt-Wünsche aus Südafrika durchzugeben, aber bitte nur in bestimmten Farben und in bestimmten Motiven. Aber natürlich weiß ich alles über Slums, ich war schließlich auf einem Gymnasium, von dem es heißt, es sei ein besonders gutes gewesen. Und ich habe gelesen, geschaut, gehört. Ich weiß alles über Slums, Elend und Armut.
***
Einen feuchten Dreck weiß ich. Gar nichts. Der erste Blick aus dem Busfenster auf die Landschaft aus Wellblechhütten und Holzverschlägen lässt nichts Gutes ahnen. Man dürfte Vieh bei uns nicht so halten, weil es gegen irggendwelche präzisen Viehhaltungsvorschriften verstoßen würde. Dreck und Müll liegen an den Straßenrändern, mittendrin fließen kleine Bäche aus Wasser, von dem man lieber nicht wissen möchte, was da sonst noch drin ist. Der Tag ist sonnig, das ja, aber der wehleidige Mitteleuropäer hat ja in den letzten Tagen schon mehrfach über die Unverschämtheit des Hotels geschrieben, dass die Zimmer nur so mittelwarm aufgeheizt sind und das Wasser aus den Duschen auch nicht immer so kommt, wie wir es gewohnt sind und es selbstverständlich gerne auch hier so hätten. Heizung? Duschen? Auf einmal kommt mir meine eigene Welt, in der ich lebe, so furchtbar weit weg und einigermaßen bizarr vor. Duschen in einem dunklen, dreckigen, Loch, in dem es weder fließendes Wasser noch eine funktionierende Heizung gibt? In dem Menschen zusehen müssen, in dem sie Nächte mit bis zu minus 10 Grad einigermaßen überstehen, eingerollt in alte schmutzige Decken und mehrere Lagen von Kleidung. In dem Kinder sehr schnell verlernen, Kinder zu sein, weil sie hier einen täglichen Überlebenskampf führen müssen. Und in dem dennoch die Menschen ihr weniges Hab und Gut mit armseligen Mitteln vor Diebstahl zu sichern versuchen. Die Umstände, unter denen diese Menschen leben müssen – man kommt schnell an einen Punkt, an dem Sprache versagt. Kann man es sich, wenn man einen Text liest, wirklich vorstellen, was es bedeutet, ohne fließendes Wasser, ohne Strom, ohne eigene Toiletten leben zu müssen?
***
Auf der anderen Seite schießen dann Gedanken durch den Kopf, die vielleicht merkwürdig erscheinen, sich aber nicht verdrängen lassen. Was, wenn vielleicht unser mitteleuropäischer Lebensentwurf der Falsche ist? Wenn es vielleicht völlig absurd ist, immer noch mehr und noch mehr haben zu wollen, noch perfekter leben zu wollen? Mir ist klar, dass es den Menschen in Kliptown absonderlich vorkommen würde, würde man ihnen von diesen Gedanken erzählen. Und natürlich möchte ich auch in Zukunft nicht auf Toilette, Dusche und Strom verzichten wollen. Trotzdem bekommt man ein Gefühl dafür, wie nichtig die eigenen, täglich diskutierten Probleme sind angesichts dieser schwer zu beschreibenden Elends. Aber (noch so ein merkwürdiger Gedanke und noch ein paar der aus Europa mitgebrachten Klischees, die widerlegt werden) auf mich machen die Menschen in Kliptown dennoch einen zufriedeneren und glücklicheren Eindruck als beispielsweise Hartz4-Empfänger im Ruhrgebiet oder in Mecklenburg-Vorpommern. Es ist vermutlich anmaßend, einen solchen Eindruck zu schildern. Aber da ist so etwas (Achtung, Pathos!) wie Würde, was diese Menschen ausstrahlen. Das würde ich einem Dosenbier trinkenden Ballonseide-Trainingsanzugsträger in vielen Fällen so nicht zugestehen wollen. Aber natürlich weiß ich auch, eben nur die Fassade in Kliptown gesehen zu haben. Und dass es vermutlich wieder den klischeebeladenen Vorstellungen des Mitteleuropäers entspricht zu denken, dass die Menschen nicht so unglücklich sind, wie wir denken, dass sie es sein müssten. Zumal dieser Satz auch noch die Gefahr in sich birgt, hoffnungslos missverstanden zu werden: Das soll keineswegs bedeuten, dass man diese Zustände so belassen könnte, weil sie ja gar nicht so schlimm sind.
***



Man findet es dann angesichts der Eindrücke aus Kliptown auch irgendwie merkwürdig, andauernd – sowohl in Südafrika als auch in Deutschland – lesen und hören zu müssen, welchen Einfluss die WM auf das Land hat. Hier in Kliptown ist die WM Welten entfernt, obwohl Soccer City und der Stadtrand von Johannesburg in Sichtweite sind. Das muss man sich nochmal vor Augen führen: Wir sind hier keineswegs irgendwo in einer vergessenen südafrikanischen Provinz. Wir sind am Rand von Johannesburg, der Stadt, in der in knapp drei Wochen das WM-Finale zelebriert wird, bei dem sich die Reichen und Schönen der Welt die Hand geben. Es wird strahlende Bilder in die Welt geben, die Menschen werden vermutlich darüber reden, wie wunderbar sich dieses Südafrika doch entwickelt hat. Das Paralleluniversum im Schatten von „Soccer City“ wird niemand wahrnehmen. In Kliptown, einen Steinwurf vom Stadion entfernt, wird, wenn sie dort viel Glück haben, ein alter Fernseher stehen und sie werden zu Dutzenden um ihn rumstehen und versuchen, ein paar Bilder zu erhaschen. Und nach der WM wird die Karawane weiterziehen. Bringt die WM diesem Land irgendetwas, außer ein paar Wochen medialer Aufmerksamkeit? Nach einem Besuch im Slum hat man daran entschiedene Zweifel.
Und es ist, auch wenn sie offiziell abgeschafft ist, natürlich eine Form von Apartheid, was dort geschieht: Ich habe in dem Slum keinen einzigen Weißen gesehen.
Natürlich nicht, werden Sie jetzt vielleicht denken.
Natürlich??
***
Um nochmal auf die wirklichen Gedanken der Gefühle der Menschen in Kliptown zurückzukommen: Ich kenne sie nicht, weil ich sie nicht gefragt habe. Nicht gefragt – als Journalist? Ehrlich gesagt: Ich habe mich nicht getraut. Nein, nicht weil ich Angst vor ihnen hatte. Im Gegenteil. Ich fühle mich an manchen U-Bahn-Stationen in Berlin oder München deutlich unwohler, weil dort, wenn man den falschen Leuten begegnet, eine latent deutlich aggressivere Stimmung in der Luft liegt als in diesem elenden Slum. (Gute Gelegenheit, wieder ein Klischee zu revidieren: In Kliptown laufen die Menschen weder mit aufgeklapptem Messer noch der Pistole im Anschlag rum. Und es stinkt auch nicht.) Getraut habe ich mich nicht, weil ich mir furchtbar übel vorkam. Man läuft dort wie durch einen Menschenzoo rum, fragt sich: Darf man diese Form von Elendstourismus überhaupt betreiben? Ist das nicht eine üble Form von Dekadenz, wenn man mit der teuren Nikon und der HD-Videokamera im Anschlag rumläuft, mit Lederjacke und Adidas-Turnschuhen? Und dann die Menschen dort besichtigt, für zehn Minuten sowas wie ein schlechtes Gewissen hat und dann wieder fährt, möglicherweise sogar noch ein kleines Almosen hinterlassend? Und soll ich die Leute dann womöglich noch fragen, wie sie sich denn gerade so fühlen? Ich habe mich, um ehrlich zu sein, schon lange nicht mehr so elend gefühlt wie in Kliptown. Wenn man aus der Welt des unvorstellbaren Luxus kommt und dann Menschen in unvorstellbarer Armut gegenübersteht, bekommt man eine Ahnung, dass man dieses Leben im Luxus auf deren Kosten führt. Und wenn man für wenige Augenblicke ehrlich zu sich selber ist, dann weiß man, dass es dafür keine Rechtfertigung gibt.
***
Man weiß ja als Besucher eines solchen Ortes ohnehin nicht, wie man sich richtig verhält. Soll man den Menschen etwas geben? Wirkt gönnerhaft und ist zudem ungerecht. Wem gibt man etwas und wem nicht? Nichts geben? Großartig, da kommt man als Mensch mit (aus der Sicht der anderen) unglaublichen Reichtümern und hinterlässt nicht mal eine daran gemessene Kleinigkeit? Süßigkeiten für die Kinder, Geld, lieber etwas zu essen? Hält man dann die Kinder nicht zum Betteln an und verhindert somit indirekt, dass sich die Eltern einen ordentlichen Job suchen (auf den sie wahrscheinlich ohnehin keine echte Chance haben)? Und deprimiert man die Eltern nicht, wenn die Kinder auf einmal mit Geld heimkommen, dass die Eltern eben nicht haben? Und schließlich auch die Frage: Beruhigt man nicht einfach sein Gewissen (wobei das Gewissen noch schlechter wird, wenn man geht, ohne irgendwas getan zu haben)? Kurzum: Mir sind selten so viele ziemlich quälende Fragen durch den Kopf geschossen wie in Kliptown. Antworten darauf habe ich bis heute keine. Und um es schließlich noch aufzulösen: Ja, ich habe einigen Kindern dort etwas gegeben. Weil es Kinder waren und weil ich selber welche habe. Besser habe ich mich deswegen auch nicht gefühlt.
***

Wer hier einmal gewesen ist, den lassen die Bilder nicht mehr los. (Mir ist übrigens klar, dass leider auch meine Bilder nicht das transportieren können, was sie eigentlich sollten. Im Gegenteil, schon beim Fotografieren habe ich festgestellt, dass sie durch das wunderbare weiche afrikanische Nachmittagslicht eine eigenartige Ästhetik bekommen. Das war nicht mal beabsichtigt, eigentlich wollte ich das Elend zeigen und nicht putzige Kinder in weicher Sonne.)
***
Zurück im Bus.
Der Busfahrer lässt wieder „Shosholoza“ laufen.
Niemand singt mehr.
Südafrika, 2010 (14): Bafana Tuesday
22. Juni 2010 - 12:52 UhrHeute ist Bafana Tuesday. Ein ganzes Land fiebert mit seiner Mannschaft, wobei dieses Fieber Ausmaße annimmt, die wir in Deutschland nicht kennen. Natürlich ist das Spiel der Südafrikaner später gegen Frankreich das Thema Nummer eins in allen Medien, vom Fernsehen bis zu den Zeitungen ist von nichts anderem mehr die Rede. Und natürlich regiert hier nicht etwa das, was wir Objektivität nennen würden. Patriotismus pur ist ausgebrochen, die Blätter schreiben von “historischer Chance”, fordern die Menschen auf, ihre Mannschaft zu unterstützen. Und natürlich unterstützen sie ebenfalls, mit beachtlichem Optimismus: Die Redaktionen rechnen ihren Lesern vor, dass man gerade mal Frankreich 3:0 schlagen müsste und wenn dann noch Uruguay ebenfalls 0:3 verlieren würde, dann wäre Südafrika — zack ! — schon durch. Gut, wenn Mexiko unentschieden spielen würde, wäre Bafana selbst bei einem 17:0-Sieg gegen Frankreich draußen, aber das muss man ja nicht überbetonen.
Interessant ist das, wenn man sich überlegt, wie wohl deutsche Medien auf eine solche Situation reagieren würden. Vermutlich wäre (was ja auch nahe an der Wahrheit ist) die Rede davon, dass die Mannschaft nur noch theoretische Chancen auf die nächste Runde habe. Hier ist das anders. Irgendwo im Hinterkopf hat man die theoretische Möglichkeit, dass es das heute mit der WM gewesen sein könnte. Aber solange es nicht vorbei ist, ist es nicht vorbei, sagt man sich. Schimpfen und wehklagen kann man immer noch genügend, wenn es dann vorbei ist. Wobei es schon irgendwie sehr bemerkenswert ist, wie sehr die Südafrikaner ausblenden, dass sie es realistisch mit einer Mannschaft zu tun haben, die international kaum zweitklassigen Ansprüchen genügt. Und Gegner Frankreich mag momentan ein wenig schwächeln, ist aber immerhin noch Vizeweltmeister.
Egal. Vielleicht versteht man die Begeisterung und dieses überaus innige Verhältnis zum Fußball erst so richtig, wenn man gesehen hat, wie sie hier die Nationalhymne singen (das Video habe ich beim zweiten Vorrundenspiel aufgenommen. Sorry für die Qualität, aber auf dunkle, verrauchte Sportbars ist die Flip nicht eingestellt — und für ein sponatnes Mitsingen der Hymne geht´s halt nur so, dass man die Flip schnell rausholt und draufhält, dafür ist sie gemacht):
Südafrika, 2010 (13): Globalisierung in der Menschheitswiege
22. Juni 2010 - 11:43 UhrWo fange ich denn jetzt nur an?
Vielleicht erst einmal mit einer simplen Erklärung, wie es zusammengeht, wenn man auf der einen Seite über das fehlende Internet jammert und auf der anderen Seite dann doch wenigstens so halbwegs regelmäßig bloggt. Dafür habe ich extra meine Arbeitsweise etwas umstellen müssen; eine Arbeitsweise übrigens, die Ihnen vermutlich ziemlich normal vorkommt. Doch so funktioniert das hier einfach nicht: Man kann sich nicht einfach an einen Rechner setzen, sich ins Netz einloggen und dann direkt online produzieren. Das liegt nicht einmal an den Kosten (24 Stunden WLAN, allerdings tatsächlich Netto-Zeit, die man innerhalb eines Monats aufbrauchen kann, kosten 100 Rand, das sind ca. 13 Euro.) Es liegt vielmehr daran, dass man schlichtweg viel zu selten online kommt. Der Lernprozess schreitet hier allerdings zügig voran: Nach einer Woche weiß man, dass man entweder am frühen Morgen oder am späten Abend ganz passable Chancen hat, ein halbwegs stabiles Netz zu bekommen. Von Schnelligkeit reden wir ohnedies nicht. Man erlebt allerdings auch andere Dinge, die man sich schlichtweg nicht erklären kann. Mir ist zum Beispiel völlig schleierhaft, warum ich in meinem Hotel-Netzwerk zwar ganz normal arbeiten, aber keinerlei Uploads von Daten vornehmen kann, die eine Größe von 500 kb überschreiten. Oder warum mein Netzwerk auftaucht und plötzlich wieder wie von Geisterhand im Nirwana verschwindet. Oder warum es da ist, sich aber partout nicht anwählen lässt.
Das führt dann dazu, dass man tatsächlich so arbeitet: Man bereitet alles soweit vor, dass man Texte in Word vorschreibt und Fotos und Videos in einem Ordner ablegt. Dann wartet man auf Schlupflöcher. Wenn man ein solches findet, heißt es, schnell zu sein. Hochladen, was irgendwie geht. Die Texte im Hotel, das ja keine Uploads mag. Die größeren Dateien dann in der Deutschen Schule in Johannesburg, wo unser Seminar eigentlich stattfindet. Allerdings läuft das Netz in der Schule wiederum deutlich instabiler als im Hotel. Beides also zusammenzubringen ist also aus mitteleuropäischer Sicht bereits die hohe Kunst der Improvisation. Für die Menschen hier allerdings nur schnöder Alltag, bei genauerer Betrachtung sogar ein Luxusproblem: Wer schert sich schon um das Internet, wenn er in der Woche das Geld verdient, dass ich in dieser Woche für meinen WLAN-Zugang hier ausgegeben habe? Das sind dann die kurzen Momente, in denen man sich ziemlich verwöhnt und verhätschelt vorkommt. Jedenfalls erklärt diese etwas langatmige Erklärung hier auch, warum in diesem Blog momentan Zeitangaben, Bilder und Texte zeitlich etwas verschoben sind. Man gewöhnt sich übrigens auch an, alle mitgenommenen Geräte und Akkus sofort anzudocken und zu laden und erst gar nicht leer werden zu lassen. Was weiß man schon, wie das morgen wieder mit dem Strom sein wird? Die Hoffnung, dass sich das noch bis zum Ende unseres Aufenthalts ändern könnte, habe ich inzwischen aufgegeben. Typisch deutsch, dieses Perfektionsdenken.
***

Eher untypisch dagegen, was hier in den letzten Tagen wettermäßig so los war. Die Zeitungen begannen gerade zu hyperventilieren, weil in dieser Woche die kälteste jemals gemessene Juni-Nacht seit Beginn der Wetteraufzeichnungen in Südafrika registriert wurde (minus 10 Grad). Für einen Tag verdrängte das Wetter sogar die Weltmeisterschaft von den Titelseiten, was ein ziemliches Kunststück ist, weil die WM das alles beherrschende Thema ist. Dagegen war das, was wir in Deutschland vor vier Jahren erlebt haben, eine müde Geschichte. Inzwischen gibt es hier sogar einen „Vuvu-Friday“, eine Anlehnung an den „Casual Friday“ (die Älteren unter Ihnen, die die New Economy überlebt haben, werden sich mit angenehmen Gruseln erinnern). „Vuvu Friday“ heißt allerdings nicht, dass man im Büro die Vuvuzela mitnehmen darf, sondern nur dass die Kleiderordnung etwas lässiger gehandhabt wird. Und dass Fußball geschaut werden kann. Aber auch sonst bestimmt der Fußball das Straßenbild: Wer länger als zehn Sekunden mit dem Auto stehen bleiben muss, hat sofort fliegende Fahnen- und Trikothändler um sich, der Verkauf wird innerhalb von Sekunden an einer roten Ampel oder im Stau abgewickelt. Außerhalb der FIFA-Zonen ist das auch gar kein Problem. Und für viele Menschen hier ist das ein Geschäft, auf das sie vier Jahre gewartet haben.
Nicht immer aber laufen die Geschäfte so, wie man sie sich vorgestellt hat. Romeo beispielsweise, unser Fahrer, der uns jeden Tag aus dem Hotel abholt und uns abends wieder hinbringt (die Sicherheitsdebatte über Johannesburg lässt grüßen, wir gehen hier de facto keinen Schritt alleine). Romeo hatte ursprünglich vor, mit Zimmervermietungen in seinem Haus während der WM ein gutes Geschäft zu machen. Geklappt hat das allerdings nicht. Nicht, weil er irgendwas falsch gemacht hätte, sondern weil sich die Erwartungen der Südafrikaner in diesen Weltcup nicht erfüllt haben, zumindest nicht, was die Besucherzahl aus Europa angeht. Statt 500.000, die man sich eigentlich erhofft hatte, werden es bis zum Ende des Turniers vermutlich nur 250.000 sein. Weswegen Romeo die Sache mit dem Vermieten mangels Andrang wieder bleiben ließ und stattdessen nun Besucher durch die Stadt fährt, u.a. uns. Wenn Sie jemals nach Joburg kommen, empfehle ich Ihnen Romeo sehr. Dank seiner bin ich zwischenzeitlich Besitzer eines südafrikanischen Trikots, eines Schals und einer Mütze geworden. Romeo freut sich jedesmal ganz toll, wenn ich es anhabe. Den Gefallen tue ich ihm gerne, auch wenn das kanarienvogelgelb dem blasshäutigen Mitteleuropäer nur so mittelgut steht.
Das mit dem fehlenden Besucherandrang wirkt sich übrigens auch auf den Kartenabsatz aus. Tickets sind für nahezu alle Spiele noch erhältlich und davon, dass von ausverkauften Spielen in vielen Vorrunden-Fällen (außer natürlich bei Südafrika-Spielen) nicht die Rede sein kann, davon kann man sich jeden Tag am Fernseher selber ein Bild machen. Einer unserer Busfahrer beispielsweise hat mir heute ganz stolz erzählt, bisher jedes Spiel in Johannesburg live im Stadion gesehen zu haben. (Übrigens, verzeihen Sie den neuerlichen Schlenker, rauchen die Jungs hier komische Sachen in so hohen Dosen, dass mir jedesmal ganz schummerig ist, wenn ich aus einem Bus aussteige. Ausnahme: Romeo. Der raucht gar nicht.)
***
Erstaunlich viele übrigens haben sich (neben der Bafana natürlich) Deutschland als Team ihres Herzens auserwählt und waren dann ziemlich erstaunt, wie man denn nur gegen Serbien verlieren kann. Trotzdem glauben die Südafrikaner viel stärker an Jogis Jungs als wir das selber tun. Uns hingegen war die Niederlage gar nicht mal so unrecht, weil wir Karten für das Ghana-Spiel am Mittwoch haben und folglich jetzt ein echtes Endspiel sehen. Zwischenzeitlich machen sich mein überaus lustiger und sangesbegabter Kollege Jochen Markett und ich einen kleinen Spaß daraus, unseren Gastgebern beizubringen, dass das nicht Germany, sondern “Schland“ heißt. Ich könnte mich jedenfalls immer wegkugeln, wenn die zunächst etwas, nunja, irritiert schauen und dann aber begeistert „Schland!“ rufen. Einer hat sogar bei „Schland, oh Schland“ mitgesungen.
***
Als ich 1986 (liebe Seminarkollegen, ja ich weiß: die meisten von euch waren da noch gar nicht geboren, ihr müsst das nicht dauernd erwähnen) Paul Simons unfassbares, wunderbar melancholisches Album „Graceland“ zum ersten Mal gehört habe, hatte ich eine ziemlich genaue Vorstellung, wie Südafrika aussehen müsste. Es waren Bilder von unglaublicher Weite, von wunderbarem Licht („These are the days of lasers in the jungle somewhere“, wie Paul Simon so wunderbar singt), komischerweise auch:von Menschen, die am Straßenrand entlangschlendern durch den Staub und dabei für unsere hektischen Maßstäbe enorm viel Zeit zu haben scheinen. Johannesburg hat bisher all diese Bilder erwartungsgemäß nicht geliefert, weil es in Millionenstädten eher selten weite Steppe gibt und dort sogar die Südafrikaner deutlich hektischer und angestrengter wirken als auf dem Land). Umso glücklich war ich, als es heute rausging aus der Stadt. Raus in die „Cradle of humankind“, rund eine Autostunde von Johannesburg entfernt. Eine Stunde Autofahrt mit den schönsten und beeindruckendsten Bildern, die ich jemals gesehen habe. Vermutlich deswegen, weil sie genauso waren, wie ich sie mir immer vorgestellt habe. Bilder von unendlicher Weite, einem traumhaften afrikanischen Himmel. Und als auch noch Menschen am Straßenrand durch den Staub schlenderten, hätte ich am liebsten laut jubiliert. Allerdings war ich mit meinem Fahrer Earl alleine im Auto unterwegs. Earl war Südafrika-Meister im Boxen und zudem früher der Sparringspartner, der Henry Maske auf seine Kämpfe vorbereitete. Ich wollte nichts riskieren.
(Im Ernst ist Earl übrigens ungefähr der netteste Mensch, den man sich denken kann. Man kann sich kaum vorstellen, dass er dich mit einem Schlag ins Krankenhaus prügeln kann. Earl wollte sogar einen langen Umweg für mich in Kauf nehmen, weil er mich zu einem Wasserfall fahren wollte, den ich fotografieren sollte. Ich habe ihm dann erklärt, dass ich momentan ein selbst auferlegtes Wasserfallfotografierverbot habe. Er war wirklich sehr verständnisvoll).
Aus der „Cradle of Mankind“ wollte und könnte ich stundenlang erzählen, aber im Ernst, sehen Sie selbst:


***
Letzte kleine Episode aus der „Cradle“: Der eine oder andere Leser weiß vielleicht, dass ich trotz meiner letztendlich hoffnungslosen Heimatlosigkeit ein kleines Städtchen namens Dingolfing immer noch als meine Heimatstadt in Anspruch nehmen würde. Und während ich gerade meine Fotosafari mache, kommen mir ein paar Menschen in erkennbarer bayerischer Tracht entgegen. Kurzes Gespräch, Frage nach Herkunft: Das werden Sie nicht kennen, sagt mein Gegenüber, ich bin aus Dingolfing. Was soll ich sagen? Er kannte meine Großeltern und kann sich sogar noch an meine Mutter erinnern.
Global village. In the cradle of mankind.
***
(Wie jetzt? Sie haben diesen ganzen Schinken bis zum Ende gelesen? Sie müssen ja Zeit haben. Trotzdem danke fürs Durchhalten.)
Südadfrika 2010 (12): Mach den Beat nie wieder leiser!
22. Juni 2010 - 10:56 UhrOk, das folgende hat nun weder was mit der WM noch mit Südafrika noch mit Medien noch mit sonst irgendeinem wichtigen Thema zu tun. Nur mit einer unglaublichen Leidenschaft von mir, die Musik im Allgemeinen und 2Raumwohnung im Speziellen und Inga Humpe im sehr Speziellen heißt.
Der Reihe nach: Gestern abend kurz vor dem Aufbruch ins Hotel sagt unser unglaublicher Seminarleiter Jochen, dass es nun zwei Möglichkeiten gebe: zurück ins Hotel oder zu einem Konzert. Konzert? Ja, sagt Jochen, da spielen heute abend…Sie ahnen es, oder?
Wenn man eine Stunde vor Konzertbeginn erfährt, dass man die erklärte Lieblingsband live sehen wird, dann ist das per se ja schon mal ein ziemlicher Knüller. Und wenn man dann nach dem Konzert hört, man wolle mich jemandem vorstellen, dann ist das ein gefühlter Herzinfarkt. Aber bitte, sehen Sie selbst (ich konme mir gerade wie ein 14jähriger vor, der Fotos aus der Reihe “Mein Star und ich” an die Bravo schickt):
Und was haben wir gesungen, getanzt, gefeiert. Wozu am meisten? Bitte sehr:
Und ich muss mich bei ein paar Leuten unglaublich herzlich bedanken. Ihr wisst, dass ihr gemeint seit!)


