Archiv für Juli 2010


Tief im Westen (8): Und tschüss!

31. Juli 2010 - 19:14 Uhr

Das eigentlich Beunruhigende an solchen Seminaren ist ja, dass man kaum merkt, wie die Zeit fliegt. Vor neun Tagen bin ich hier angekommen und dachte, jede Menge Zeit zu haben, um das Ruhrgebiet besser kennenzulernen. Zeit gehabt habe ich keine Sekunde und bei all denen, denen ich ein gemeinsames Bier in Aussicht stellte, kann ich mich nur entschuldigen. Sorry — beim nächsten Mal sehr gerne. Morgen jedenfalls geht es mittags wieder raus aus dem Pott. Das war´s, zehn Tage — und tschüss.

Am letzten Tag habe ich noch an einem kleinen Stück gebastelt, für das Daniel Krawinkel die Audios eingeholt hatte. Er hat mit einem ehemaligen Bergmann gesprochen, der ziemlich anrührend und trotdzem mit der Gelassenheit eines Ruhrpottmenschen nochmal erzählt, wie das war mit dem viel beschworenen Zusammenhalt unter Tage. Und wieso ihm beim Anblick von still gelegten Zechen auch heute, Jahre später, immer noch die Tränen kommen.

Man versteht dieses Ruhrgebiet vielleicht erst dann, wenn man mit einem solchen Menschen gesprochen hat.

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Tief im Westen (7): Dinslaken

31. Juli 2010 - 12:17 Uhr

Die Zeche Lohberg liegt inzwischen seit fünf Jahren still und zumindest in ihrem Inneren hat sich seit der Stillegung fast nichts verändert. Wenn man also man die seltene Möglichkeit hat, das Innere dieser ehemaligen Zeche zu betreten, die Kauen, die engen Gänge, dann sollte man das unbedingt nutzen. Von einer sehr eigenen Ästhetik einer solchen Industriebrache abgesehen, ist es ein merkwürdiges Gefühl, wenn man sich mit Spiegelreflex und Videokamera durch diese Hallen schleicht und über jedes Geräusch, das man verursacht, erschrickt. Dabei muss hier noch vor wenigen Jahren enorm Lärm geherrscht haben, müssen hier Männer schwitzend und fluchend ihren Knochenjob verrichtet haben (also, ich stelle mir das zumindest so vor). Im Schwarzbereich der Kauen liegen immer noch dicke, schwarze Staubschichten, auch jetzt, Jahre später noch. Wer hier reingeht, nimmt Staub mit, so viel ist sicher.

Es sind die Kleinigkeiten, die sichtbar machen, wie irrsinnig es ist, eine solche Zeche einfach zuzumachen (nicht ökonomisch, aber aus jeder anderer Hinsicht heraus). Am Boden liegen noch alte Mülläscke, ein Besteckkasten, eine alte Schutzbrille. Man hat mitten im laufenden Betrieb zugemacht, Menschen aus ihrem Arbeitsleben gerissen. Noch heute, so erzählen inzwischen die Leute, die als Künstler und Kreative aus der alten Zeche das Kreativquartier Lohberg gemacht haben, kommen sie vorbei, die ehemaligen Kumnpels, schauen sich ihre Zeche an, ihr Leben — das untrennbar mit diesen Gebäuden verbunden ist, und wenn dort noch so gähnende Leere herrscht. Vielleicht meine spannendsten Eindrücke von diesen gut eineinhalb Wochen im Pott, die morgen zu Ende gehen. Möglicherweise haben insbesondere die letzten Tage mein Bild vom Ruhrgebiet doch noch einmal ein bisschen verändert. Nein, ich finde die Gegend nach wie vor nicht “schön” im Sinne des Wortes.  Aber genauerer Blicke wert. (In dem Zusammenhang, ich glaube, ich bin da mehrfach missverstanden worden: Ich mag die Menschen hier durchaus, was mich stört sind eher Architektur, das ewige Grundgrau der Städte und das Wetter. An einem Kiosk — ich glaube man nennt das hier Bude — einzukaufen ist dafür erheblich unterhaltsamer als in München).

***

Natürlich haben wir hier wieder eine ganze Menge produziert auf unsere zehn Tage. Wir wollten möglichst viel multimedial erzählen, was zur Folge hat, dass unsere kleine Seite irgendwie einen leichten Überhang hat an Audioslideshows, Animationen, Videos, Audios.  Ein paar dieser kleinen Highlights würde ich Ihnen gerne ans Herz legen, ohne Wertung, einfach nur so (und natürlich auch, weil sie spannnde Geschichten erzählen):

  • Suche Wohnung, biete Kunst: Charlotte Horn und Ronja von Wurmb-Seibel in einer Flash-Animation über die bewohner eines Hochhhauses, die für 365 Tage Teil des lebendes Kunstwerks sind.
  • Ein Fluss als Kulturquell: Verena Zimmermann, Charlotte Potts & Daniel Krawinkel zeigen Kunst, Kommerz und Kurioses entlang der Emscher.
  • Ein Quartier für Kreative: Sabrina Gundert und Katja Köllen mit Videos, Audios, Texte, Fotos über die Geschichte einer Zeche, die  zum Kulturzentrum wird (mit einer  Animation, gebaut mit der wirklich erstaunlichen Vuvox-Software).

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Passau – oder: Ein Tod mit Ankündigung

30. Juli 2010 - 13:41 Uhr

Geht es nach der Mehrzahl der Verleger, dann leidet das Zeitungsgeschäft in erster Linie unter ein paar Dingen, die man einfach nur abstellen muss — und alles wird wieder gut. Google, die öffentlich-rechtlichen Sender und die Kostenloskultur, der Geburtsfehler des Internet. Alles Dinge, für die man selber nichts kann, die man aber mit ein bisschen Lobbyarbeit und rigoroserem Umgang mit dem zahlungsunwilligen Leser beenden kann. Zeit also, um mal wieder einen kleinen Realitätscheck zu machen. Wir schalten hierfür nach längerer Pause mal wieder nach Passau (wie immer sei angemerkt: Passau ist nur ein Platzhalter, man könnte stattdessen auch eine ganze Menge anderer Namen einsetzen).

Fangen wir erstmal mit ein paar unschönen Zahlen an:

(Quelle: IVW)

Es geht den deutschen Tageszeitungen nicht gut. Nicht mal mehr der größte Optimist kommt angesichts dieser Entwicklung auf die Idee, den Blättern noch eine ernsthafte Chance zu geben, jemals wieder in Auflagengrößenordnungen zu kommen, die man noch im Jahr 2000 hatte. Man kann darüber debattieren, wie schnell oder langsam der Auflagenniedergang vonstatten gehen wird und man kann auch darüber reden,  wann der Rückgang vielleicht doch mal gstoppt wird. Dass es mit den Auflagen nochmal spürbar aufwärts geht, ist ausgeschlossen.

Die Passauer Neue Presse macht dabei keine Ausnahme, wenn man so will, ist sie also die stinknormalste Zeitung in ganz Deutschland. Zwischen dem 2. Quartal 2009 und dem Vergleichsquartal 2010 hat sie rund 1300 Abonnenten verloren,  die Zahl der verkauften Exemplare sank um rund 1700.  Das ist insofern unspektakulär, weil nichts anderes zu erwarten war. Zahlen wie diese hat man in Passau und andernorts inzwischen seit einigen Jahren auf dem Tisch liegen. Man kann sich allerdings leicht ausrechnen, was mittelfristig diese Zahlen auch für die wirklich relevanten Daten der Zeitung bedeuten: die Anzeigenumsätze. Weniger Reichweite, weniger Relevanz — weniger Anzeigen, weniger Erlöse.

(Quelle: IVW)

Es passiert dennoch — ungefähr nichts. Man hat einen wackeren Chefredakteur, der zum Amtsantritt im vergangenen März intern signalisiert hatte, verstanden zu haben: Lokal relevanter wolle man werden, mehr Heimat, weniger große Welt.  Und vernetzen wolle man sich, Online sollte eine wichtige Säule des gesamtpublizistischen Konzepts werden. Man setzte sogar einen eigenen “Online-Chefredakteur” ein.

Ein Jahr später ist alles beim alten, wenn man davon absieht, dass es den Online-Chefredakteur nicht mehr gibt. An der Zeitung sind ein paar optische Retuschen vorgenommen worden, die man mögen kann oder auch nicht. Konzeptionell ist die PNP wie sie immer war. Dass dieses tote Konzept der Zeitung für alles und jeden vielleicht der Grund dafür sein könnte, warum eben nicht mehr alles und jeder die Zeitung liest, ist schlichtweg nicht angekommen.  Und auch die angekündigte hat nicht einmal die Funktion eines Feigenblättchens. Online tapert die PNP irgendwo in der Endphase der 90er Jahre  rum. Wie ein Onlineauftritt, der wenigstens halbwegs aus der Moderne kommt, sieht pnp.de jedenfalls nicht aus, im Gegenteil: Irgendwie würde man sich nicht wundern, wenn morgen auch noch Frames und animated gifs auftauchen würden. Umgekehrt wundern sie sich vielleicht in Passau ab und an, warum das nicht funktioniert mit dieser Seite. Dabei gibt es eine einfache Antwort: Früher, in analogen Monopolstenzeiten, konnten die Leute vielleicht auf die Zeitung schimpfen, lesen mussten sie sie dennoch. Das muss jetzt niemand mehr.

Der Gedanke hinter der angekündigten Mehr-Vernetzung der PNP war klar: Was man an Umsätzen im Stammgeschäft verloren geht, soll durch wachsende Onlineumsätze wieder ausgeglichen werden. Davon ist man allerdings ebenfalls weit entfernt — und das hat mit Google etc. nichts zu tun. Stattdessen gibt es einen anderen Grund. Die Seite stagniert seit einem Jahr in ihren Besucherzahlen, mit rund 830.000 Visits hat sie im Juni 2010 fast die identische Besucherzahl wie im Juni 2009 vorzuweisen (817.000). Das ist eine Reichweite, die für die meisten Werber irrelevant ist. Man wird also mit dieser Seite über kurz oder lang nicht viel verdienen. Und zu  vermuten steht: Irgendjemand wird das auf Google sowie ARD und ZDF schieben, außerdem auf die Kostenlos-Kultur. Dass es schlichtweg keinen wirklichen Grund gibt, diese Seite zu besuchen, wird ignoriert. Zeitung und Internet haben wenigstens in dieser Beziehung eine echte Gemeinsamkeit.

Man müsste sich also verabschieden vom toten Journalismus aus den späten 90er Jahren. Und man müsste investieren. Man kann allerdings mühelos die Prognose stellen: Das wird nicht passieren. Die PNP hat in den letzten Jahren massiv Personal abgebaut, die verbleibende Truppe wird Mühe haben, überhaupt über die Runden zu kommen. Mit fatalen Folgen: Die, die es sich erlauben können, werden gehen. Die, die bleiben, sind die, die schon immer da waren. Innovationspotenzial: null. Umgekehrt wird sich auch in Niederbayern die Verzichtbarkeit der “Heimatzeitung” in ihrer jetzigen Form zeigen. Nicht heute, nicht morgen — aber ganz sicher spätestens übermorgen. Man kann dem Blatt also (wenn es so weitermacht) jetzt schon einen Tod mit Ansage prophezeien.

Gleichzeitig zeigt das Beispiel PNP aber auch, wie sehr die Forderungen und die Kritik der Verlage an der Realität vorbeigehen. Was würde es der PNP helfen, gäbe es ARD und ZDF nicht mehr im Internet nicht mehr? Nichts, rein gar nichts. Die Leute gehen ja nicht deswegen verloren, weil sie das ZDF so toll finden, sondern weil sie von der PNP nichts geboten bekommen. Was würde der PNP ein Leistungsschutzrecht helfen? Rein gar nichts. Google und andere können mühelos auf die PNP verzichten — umgekehrt darf man das getrost bezweifeln. Bleibt die Kostenlos-Kultur — und gerade dafür ist die PNP ein schönes Beispiel: Sie gibt seit jeher große Teile ihres Onlineangebots nur an zahlende Leser frei. Genutzt hat es nichts, vielleicht auch deswegen, weil man breitgetretene inhaltliche Langeweile nicht auch noch online haben muss.

Aber leichter ist es natürlich schon, wenn es ARD, ZDF, Google und ein fehlendes Leistungsschutzrecht gibt. Man kann dann ganz wunderbar vom eigenen Versagen ablenken.

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Wie es dem Journalismus an den Kragen geht

28. Juli 2010 - 17:33 Uhr

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts geht es dem Journalismus  aufgrund der aktuellen kapitalistischen Wende sprichwörtlich an den Kragen: Er verliert das strukturelle und personelle Rückgrat, mit dessen Hilfe er zum unabhängigen Kontrolleur staatlicher Macht und zur gesellschaftlichen Kontrollinstanz der Moderne aufsteigen konnte. Das wachsende Ungleichgewicht von Markt und Macht, ausgelöst durch den Würgegriff der Ökonomisierung fast aller Medienbereiche, rüttelt heute an den Grundfesten des Journalismus – oder anders gesagt: Die Medien unterwerfen sich mehr denn je einer Marktlogik, als ihnen gut tut. Das journalistische System büßt durch den Verlust seiner ökonomischen Autonomie vor allem seine publizistische Unabhängigkeit ein.

Das Komische an den Journalismus-Debatten dieser Tage ist ja: Dass es so wie bisher nicht weitergehen wird,  ist schon lange ausgemachte Sache. Nicht mal die größten Digital-Ignoranten würden bestreiten, dass es nicht um ein bisschen Internet und ebenfalls ein bisschen Social Media geht. Sondern dass der Journalismus in einem radikalen, strukturellen Umbruch steckt. Stephan Weichert benennt dies vor der Akademie für politische Bildung in Tutzing mehr als deutlich. Vermutlich wird er dafür nicht einmal sonderlich großen Widerspruch ernten.

Trotzdem staunt man dann immer wieder, wenn man sich aus den akdemischen Höhen in die Ebenen des Alltags begibt.  Man staunt, wie wenig dieser radikale Wandel immer noch wahrgenommen wird, wie wenig Konsequenzen es dafür für die Zukunft gibt. Tatsächlich fühlten sich beispielweise die Impressionisten der “Süddeutschen Zeitung” bemüht, ihrer neuen Chefredaktion als Wunsch für die Zukunft mitzugeben, Onlineredakteure nicht länger als Redakteure 2. Klasse zu behandeln. Verständlich ist dieser Wunsch allemal, umso merkwürdiger und irgendwie auch bezeichnend) ist es, dass ein Qualitätsblatt wie die SZ allen Ernstes überhaupt noch solche Forderungen stellen muss.

Leider ist die SZ dabei allerdings keine Ausnahme. Ich vermisse in vielen Redaktionen ganz Grundlegendes: nämlich ein echtes Verständnis für das, was da gerade passiert. Es ist immer noch häufig so, dass ein eigener Facebook-Account schon als der Gipfel der Innovation gefeiert wird. Von dem, was Weichert in Tutzung erzählt (und dabei auch Wolfgang Blau und dessen Idee von einem vernetzten, moderierenden Journalismus erwähnt hat), sind die meisten in der Praxis weit entfernt.

Das allerdings nicht mal so sehr, weil sie nicht in der Lage wären, diese neuen Idee zu begreifen. Sondern weil sie schlichtweg nicht mögen, weil ihnen der Gedanke, ihre Gatekeeper-Position aufzugeben, ein ziemlicher Graus ist. Weil sie immer noch darauf hoffen, dass sich das mit den mündigen Usern und den halbwegs gleichberechtigten Inhaltelieferanten irgendwann wieder legen wird und die Leute dann reumütig in den Schoß der Journalisten zurückkehren werden.

Könnte aber gut sein, dass sie vergeblich warten.

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Tief im Westen (7): Marxloh

28. Juli 2010 - 17:01 Uhr

Dass es mich gestern nach Duisburg verschlagen hat war Zufall. Aber natürlich sieht man die Stadt mit anderen Augen, wenn man die katastrophale Loveparade noch im Hinterkopf hat. Ein Plakat mit den Klitschkos am Hauptbahnhof mit dem Spruch “Mach dich fit für die Loveparade” wirkt drei Tage danach wie ein lächerlich-trauriger Zynismus. Sonst sieht man der Stadt nicht sehr viel an, was soll man ihr auch ansehen?
Man fährt, wenn man vom Hauptbahnhof nach Marxloh fährt, ohnedies in eine andere Welt. An die Loveparade hat man dort vermutlich schon vorher nicht viel gedacht, warum auch? Die Menschen hier haben andere Sorgen. Mustafa Tazeoglu ist Mitglied des “Medienbunkers Marxloh” erzählt in diesem kurzen Beitrag darüber, wie es sich anfühlt, dort zu leben, wo nach seiner eigenen Auffassung gar kein Duisburg mehr ist, sondern eben — Marxloh.

Einiges an neuen Beiträgen, keineswegs nur über Duisburg — wie immer hier.

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Südafrika, 2010 (27): Epilog

28. Juli 2010 - 16:21 Uhr

Natürlich weiß ich, dass ich Sie mit meinen Erzählungen aus Südafrika lang genug genervt habe. Trotzdem, noch ein kleiner Nachtrag. Wir haben ja auch ganz klassisch analog dort gearbeitet und ein 64-Seiten-Printmagazin hergestellt (neben unserem Onlinemagazin. Ich kann sowas wie Print übrigens auch — und doch, das werde ich wirklich manchmal gefragt). Das Heft wird derzeit u.a. auf den Lufthansa-Flügen zwischen Johannesburg und Frankfurt an die Passagiere verteilt. Wenn man nicht gerade in den kommenden Tagen auf dieser Strecke fliegt, empfiehlt sich der Download als pdf.

Das Magazin ist zweisprachig und aufgeteilt in mehrere große Themenblöcke. Jeder Block wurde von einem Journalisten aus Deutschland und einem afrikanischen Kollegen bearbeitet. Jeder Beitrag stellt jeweils die Sichtweise des Kollegen aus dem jeweiligen Kontinent dar. Ich glaube, dass das Ergebnis wirklich lesenswert ist, die Beteiligten finden Sie im Impressum (für den Fall, dass Sie sich für die eine oder andere Geschichte in Ihrer Redaktion interessieren).

Außerdem hat die wundebare, großartige Josephine Landertinger eine sehr schöne 15-Minuten-Dokumentation gedreht und online gestellt, bei der ich jedesmal Gänsehaut habe, wobei ich zugebe, dass das vermutlich dem Umstand geschuldet ist, dass großartige Erinnerungen an eine fantastische Zeit hochkommen.

Genug geschwärmt — wenn Sie bei Lektüre und Film wenigstens ein bisschen ein Gefühl für dieses Land entwickeln, dann bin ich schon zufrieden.

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Tief im Westen (6): Die letzten Stunden der Loveparade

28. Juli 2010 - 10:23 Uhr

Es gibt Momente, in denen hält man eine Nachricht, die man bekommt, erst einmal für einen absurden Witz, so unfassbar klingt sie. So war es am Samstag, als bei uns, die wir irgendwo entlang der Emscher radelten, Anrufe von zwei Kolleginnen eingingen, die lieber zur Loveparade wollten als an die Emscher: Eine Massenpanik sei ausgebrochen, die Rede sei von zehn Toten, der Weg zum Bahnhof sei versperrt. Wir hatten am Mittag noch besprochen, wie wir die Loveparade darstellen wollen, ursprünglich hatten wir an eine “normale” Reportage gedacht, Video schien uns angesichts der zu erwartenden Menschenmengen absurd, da wir zwar gute, fernsehtaugliche Kameras dabei haben, aber keine Teams — und jeder so multimedial wie möglich arbeiten soll. Ich habe den beiden Kolleginnen dann meine Flip in die Hand gedrückt und ihnen gesagt, dass sie ja auch dann gut funktionieren würde, wenn es mal eng würde (dass diese Bemerkung kurz darauf bittere Ironie werden würde, konnte man ja nicht ahnen).

Inzwischen haben wir das Material nochmal gesichtet und festgestellt, dass es mehr kann als die Dokumentation des Schrecklichen. Die Bilder, die Charlotte Potts und Wlada Kolosowa gedreht haben, zeigen, wie aus einem fröhlichen Fest eine Katastrophe wird – mit Ansage. Wie zunächst die ersten anmerken, in Berlin habe nicht so ein Gedränge geherrscht, wie die Polizei dann die Straßen sperrt und die Besucher auffordert umzudrehen — bis dann die ersten Zäune eingedrückt werden. Deswegen gibt es dieses Video, weil es mehr ist als die viel gesehenen Bilder einer bereits passierten Katastrophe. Diese Bilder zeigen das Entstehen einer Katastrophe und das ist mindestens genauso eindringlich.

Zum Video.

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Tief im Westen (5): Gelsenkirchen-Ückendorf

27. Juli 2010 - 18:02 Uhr

Gelsenkirchen-Ückendorf gehört zu diesen Stadtteilen, die so sind, wie man sie sich vorstellt:  Sie haben so ein bisschen was kieziges und natürlich kann man sie hip finden oder zumindest irgendwie idyllisch. Die Realität ist jedenfalls bestenfalls ein Versprechen auf die Zukunft, weil die Probleme, die sich in der einstigen  Boomtown angesammelt haben, unübersehbar sind. Mit dem Fotografen Peter Liedke, einem Ur-Gelsenkirchner, habe ich mich am Samstag über den Pott, Gelsenkirchen, Ückendorf unterhalten.

Und darüber, warum der Spruch, wonach Berlin arm, aber sexy sei, leider doch nicht mehr als ein Marketinggag ist.

Mehr aus dem Ruhrgebiet wie immer — hier.

Und die Projekte von Peter Liedtke finden Sie hier.

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Tief im Westen (4): Fade to grey

26. Juli 2010 - 19:54 Uhr

Ich glaube, mit meiner Begeisterung für den Ruhrpott wird das nix mehr. Nach wie vor kann ich nicht erkennen, was so großartig an dieser Gegend sein soll. Das Projekt “Kulturhauptstadt” hat mich bisher keineswegs überzeugt. Wenn es wirklich so ist, dass ein solcher Titel damit verbunden ist, dass man die Besonderheiten einer Region darstellt, dann hat der Pott entweder keine Kultur, keine Besonderheiten oder einfach nur ein schlechtes Kulturhauptstadtmanagement.

Ich werde auch nicht zu denen gehören, die euphorisch über den großen Wandel schreiben, der hier angeblich im Gange ist. Ich war heute in Duisburg-Marxloh, habe einen sehr kreativen und interessanten Menschen getroffen — und trotzdem keineswegs den Eindruck, das Marxloh gerade im Aufbruch von einem trostlosen Viertel an der äußersten Peripherie einer trostlosen Stadt zu einem hippen Szenequartier ist.  Am Samstag habe ich mich an der Emscher bei Gelsenkirchen rumgetrieben, die momentan mit einem enormen Aufwand renaturiert wird. Mein Jubel fiel dennoch bescheiden aus, weil sie momentan ganz schön stinkt, die Emscher, und man sich nicht dauernd die Nase zuhalten kann. Außerdem ist mir nicht klar, was der Versuch aus einer Kloake wieder einen Fluss zu machen, mit Kultur zu tun hat, obwohl: Man spricht ja auch von Kulturbeuteln im Bad und das alles ist einfach nur ein großes Missverständnis.

Ich geb´s ja außerdem zu: Dieses Einheitsgrau der Städte hier schlägt mir ein wenig aufs Gemüt. Man fährt in der S-Bahn mühelos durch den halben Pott und hat trotzdem keine wirkliche Ahnung, wo man sich gerade befindet. Ob dieses Grau dahinten nun zu Mülheim oder Duisburg oder Essen gehört, spielt eigentlich auch keine Rolle. Am Anfang fand ich meinen irgendwie schnell entstandenen Fotografenjob hier ja noch halbwegs interessant, aber inzwischen gehen mir die Motive aus, es sei denn, man fotografiert gerne graue Straßenzüge und graue Betonklötze und Trinkhallen.

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Tief im Westen (3): Im Museum

26. Juli 2010 - 0:19 Uhr

Soll ja keiner sagen, es würde nicht gearbeitet hier: 0.17 Uhr ist es jetzt und so langsam nimmt unsere Seite zum Thema Ruhrgebiet erste, kleine Formen an. Ab heute nachmittag wird hier mehr und mehr zu sehen sein, als erste kleine Einstimmung gibt´s schon mal ein paar Eindrücke vom Museum Folkwang, die ich heute abend zusammengebastelt habe. Der Pott sammelt ein paar kleine Pluspunkte.

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