Archive for Juli 20th, 2010
Tief im Westen (1): Ich und der Pott
Ab Freitag bin ich für zehn Tage in Essen und um es vorweg zu sagen: Mein Bild vom Ruhrpott, um den es in den eineinhalb Wochen gehen wird, ist vermutlich noch klischeehafter als das von Afrika. Nachdem ich allerdings auch in Südafrika wenigstens ein bisschen was dazu gelernt habe, bin ich halbwegs zuversichtlich, dass sich mein Bild vom Ruhrgebiet vielleicht doch noch ändert.
Liebe Grüße gehen von dieser Steelle erst einmal an Ewald Wenker, auch wenn ich ahne, dass er das hier nie lesen wird. Ewald Wenker war mein erster ernstzunehmender Deutschlehrer am Gymnasium und als ich das erste Mal den “Club der toten Dichter” gesehen habe, musste ich sofort an Wenker denken. Der war auch so: immer erst mal alles in Frage stellen, einen eigenen Kopf, einen eigenen Charakter und immer eigene Gedanken und Meinungen entwickeln (wem ich also ab und an auf den Keks gehen sollte, bitte wenden Sie sich vertrauensvoll an Herrn Wenker).
Der gute Herr Wenker war es dann auch, der uns in der 8. Klasse Max von der Grün zu lesen gab. Vermutlich habe ich in der 8.Klasse noch keinen Satz richtig verstanden, den ich damals lesen musste, weswegen wir gleich noch einen von der Grün hinterherbekammen (wenn ich mich richtig erinnere, waren es “Zwei Briefe an Pospischiel” und “Irrlicht und Feuer”). Beide fand ich weniger wegen der Sozialkritik interessant, als vielmehr wegen ihrer Beschreibung des Ruhrgebiets. Ich war zu diesem Zeitpunkt noch nie im “Pott”, hatte aber immer Bilder vor meinem inneren Auge. Von hart arbeitenden Männern mit geschwärzten Gesichtern, von Reihenhaussiedlungen irgendwo am Stadtrand von Dortmund. Von Frauen in Kittelschürzen und mit merkwürdigen Dauerwellen, die am Freitag abend auf ihre Männer warten, die mal eben noch in der Kneipe nebenan ihr Wochenendbier trinken. Kurz gesagt, von einer sehr eigenen Welt, die es eben nur dort und nirgendwo anders geben könnte.
Ich hoffe, Sie verzeihen mir dieses vollkommen unrealistische und naive Bild vom Pott; aber ich war damals 14 oder 15 und das wiederum ist auch schon wieder 30 Jahre her. Vielleicht durfte man das als 14jähriger in den 80er-Jahren auch denken. Von irgendwelchen Renaturierungen und von grüner Ruhr und blauem Himmel war damals nicht so sehr die Rede.
Was noch? Pils in kleinen Gläsern, Schnaps, Currywurst, Pommes. Rote Erde, BvB, Schalke, überhaupt: Fußball.
Man kann sich also leicht vorstellen, dass ich es erst einmal furchtbar gewollt fand, eine ganze Region, die in erster Linie aus baumwollunterhemdtragenden und pilstrinkenden Malochern besteht, zur “Kulturhauptstadt” zu erklären. Und überhaupt, was heißt hier Stadt, Metropole? Aus meiner klischeebeladenenen Sicht ist es zwar erstaunlich, wie viele Ausfahrten mit bekannten Städtenamen an eine einzige Autobahn passen. Und wie sehr man sich im Gewühl von Ruhrpottautobahnen verfahren kann. Aber dennoch habe ich den Pott (als Außenstehender) nie als eine Stadt, eine Region empfunden. Das kommt mir doch sehr konstruiert vor, irgendwie.
Ich verbinde mit dem Ruhrgebiet außerdem Beton. Viel Beton. Ein inniges Verhältnis zum Waschbeton. Viel Grau. Vor knapp zwei Jahren war ich mal in Bochum und habe innerhalb von wenigen Minuten das hier fotografiert (nein, ich habe nicht gesucht, bevor Sie fragen):



Klar, ich weiß, dass das alles furchtbar vorurteilsbeladen ist (soll´s ja auch erst mal sein). Aber als jemand, der in der Sonne aufgewachsen ist und der Sonne und Wasser quasi als Lebensgrundlagen betrachtet, sind das Anblicke, die zur Sofortdepression führen.
Das mit der Kultur habe ich auch noch nicht so genau verstanden. Am Wochenende bestand die Kultur darin, eine Autobahn zu sperren und die Leute darauf irgendwas machen zu lassen, worauf sie erstaunlicherweise irgendwas machten. Beispielsweise ein Picknick.
Zugegeben: Mit der vermeintlichen Kultur habe ich es auch nicht immer so sehr. Das mag also wirklich interessant werden, wenn ich mit Kultur und dem Ruhrpott zusammentreffe, noch dazu, wo ich immer noch unter dem Südafrika-Eindruck stehe und der Pott unfairerweise jeden Vergleich nur verlieren kann.
Gespannt bin ich trotzdem. Link auf die Seite folgt. Einträge hier im Blog auch. Ich bin ja lernfähig (hoffentlich).
Und bis dahin mache ich insbesondere das hier:

Und wo bleibt das Positive (6)?
Hier. Und heute gleich in doppelter und ausführlicher Form. Zum einen gibt es das wirklich wunderbare Stück von Heribert Prantl, der in der SZ völlig unaufgeregt feststellt, dass es keinen Grund gebe, sich vor der Zukunft des Journalismus (und der Journalisten) zu fürchten. Und dass Blogger und Journalisten gar keine geborenen Feinde sind. Im Gegenteil:
Es wird so getan, als sei die Bloggerei eine Seuche, die via Internet übertragen wird und den professionellen Journalismus auffrisst. Das ist, mit Verlaub, Unfug. In jedem professionellen Journalisten steckt ein Blogger.
Schließlich kommt Prantl zu dem überaus naheliegenden wie klugen Fazit:
Der Journalismus ist keine verspätete Veranstaltung des hochmittelalterlichen Zunftwesens. Den Journalismus kann man also nicht mit Zunftordnung und Zunftzwang verteidigen – sondern nur mit Können. Der Journalismus ist schon immer ein besonders freier Beruf gewesen. Und die Bloggerei ist eine neue Bühne für diese Freiheit. Wie viel guter Journalismus auf dieser Bühne gedeiht, muss sich noch zeigen. Kein Schauspieler muss sich vor einer neuen Bühne fürchten. Ein Journalist auch nicht.
Achja, und schön wäre es, wenn man den Prantl-Text dann auch noch ausdrucken und per Snailmail an diverse Journalisten- und Verlegerverbände schicken könnte. Paradoxerweise würde er sich in der Hauspost der “Süddeutschen” übrigens auch nicht schlecht machen.
Weil wir gerade beim Verhältnis Journalisten/Blogger sind: Tatsächlich reagieren viele Journalisten immer noch mit einer merkwürdig aggressiv-ablehnenden Haltung auf Blogs, was ich mir schon alleine deshalb nicht leisten kann, weil ich dann täglich mich selbst beschimpfen müsste. Zu den sehr wenigen Tageszeitungs-Chefredakteuren in Deutschland, die ein gesundes Verhältnis zum Thema haben, ist Christian Lindner von der Rhein-Zeitung. Nicht alles (wie auch?), was er macht, muss man kritiklos bejubeln, die Aktion beispielsweise, Sascha Lobo zum Chefredakteur für einen Tag zu machen, fand ich im Ergebnis nur so mittelgut gelungen. Lindners neueste Ideee finde ich dafür umso bemerkenswerter: Zwei Volontariatsplätze hält er im kommenden Jahr für Blogger parat. Ich habe natürlich keinerlei Ahnung, wie dieses Experiment ausgehen wird, aber ich mag den Gedanken, es einfach mal zu versuchen. Immerhin bestand nahezu alles, was wir in den letzten zehn Jahren in der Branche so angestellt haben, aus Versuchen. Das mit den Konzepten funktioniert ja in Zeiten des Radikalumbruchs nur eingeschränkt. Also, lasst die bei der RZ das mal machen mit den Blogvolos; bevor die Diplom-Übelnehmer kommen: Ich finde, das Experiment hat eine reele Chance verdient.