Archive for Juli 28th, 2010
Wie es dem Journalismus an den Kragen geht
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts geht es dem Journalismus aufgrund der aktuellen kapitalistischen Wende sprichwörtlich an den Kragen: Er verliert das strukturelle und personelle Rückgrat, mit dessen Hilfe er zum unabhängigen Kontrolleur staatlicher Macht und zur gesellschaftlichen Kontrollinstanz der Moderne aufsteigen konnte. Das wachsende Ungleichgewicht von Markt und Macht, ausgelöst durch den Würgegriff der Ökonomisierung fast aller Medienbereiche, rüttelt heute an den Grundfesten des Journalismus – oder anders gesagt: Die Medien unterwerfen sich mehr denn je einer Marktlogik, als ihnen gut tut. Das journalistische System büßt durch den Verlust seiner ökonomischen Autonomie vor allem seine publizistische Unabhängigkeit ein.
Das Komische an den Journalismus-Debatten dieser Tage ist ja: Dass es so wie bisher nicht weitergehen wird, ist schon lange ausgemachte Sache. Nicht mal die größten Digital-Ignoranten würden bestreiten, dass es nicht um ein bisschen Internet und ebenfalls ein bisschen Social Media geht. Sondern dass der Journalismus in einem radikalen, strukturellen Umbruch steckt. Stephan Weichert benennt dies vor der Akademie für politische Bildung in Tutzing mehr als deutlich. Vermutlich wird er dafür nicht einmal sonderlich großen Widerspruch ernten.
Trotzdem staunt man dann immer wieder, wenn man sich aus den akdemischen Höhen in die Ebenen des Alltags begibt. Man staunt, wie wenig dieser radikale Wandel immer noch wahrgenommen wird, wie wenig Konsequenzen es dafür für die Zukunft gibt. Tatsächlich fühlten sich beispielweise die Impressionisten der “Süddeutschen Zeitung” bemüht, ihrer neuen Chefredaktion als Wunsch für die Zukunft mitzugeben, Onlineredakteure nicht länger als Redakteure 2. Klasse zu behandeln. Verständlich ist dieser Wunsch allemal, umso merkwürdiger und irgendwie auch bezeichnend) ist es, dass ein Qualitätsblatt wie die SZ allen Ernstes überhaupt noch solche Forderungen stellen muss.
Leider ist die SZ dabei allerdings keine Ausnahme. Ich vermisse in vielen Redaktionen ganz Grundlegendes: nämlich ein echtes Verständnis für das, was da gerade passiert. Es ist immer noch häufig so, dass ein eigener Facebook-Account schon als der Gipfel der Innovation gefeiert wird. Von dem, was Weichert in Tutzung erzählt (und dabei auch Wolfgang Blau und dessen Idee von einem vernetzten, moderierenden Journalismus erwähnt hat), sind die meisten in der Praxis weit entfernt.
Das allerdings nicht mal so sehr, weil sie nicht in der Lage wären, diese neuen Idee zu begreifen. Sondern weil sie schlichtweg nicht mögen, weil ihnen der Gedanke, ihre Gatekeeper-Position aufzugeben, ein ziemlicher Graus ist. Weil sie immer noch darauf hoffen, dass sich das mit den mündigen Usern und den halbwegs gleichberechtigten Inhaltelieferanten irgendwann wieder legen wird und die Leute dann reumütig in den Schoß der Journalisten zurückkehren werden.
Könnte aber gut sein, dass sie vergeblich warten.
Tief im Westen (7): Marxloh
Dass es mich gestern nach Duisburg verschlagen hat war Zufall. Aber natürlich sieht man die Stadt mit anderen Augen, wenn man die katastrophale Loveparade noch im Hinterkopf hat. Ein Plakat mit den Klitschkos am Hauptbahnhof mit dem Spruch “Mach dich fit für die Loveparade” wirkt drei Tage danach wie ein lächerlich-trauriger Zynismus. Sonst sieht man der Stadt nicht sehr viel an, was soll man ihr auch ansehen?
Man fährt, wenn man vom Hauptbahnhof nach Marxloh fährt, ohnedies in eine andere Welt. An die Loveparade hat man dort vermutlich schon vorher nicht viel gedacht, warum auch? Die Menschen hier haben andere Sorgen. Mustafa Tazeoglu ist Mitglied des “Medienbunkers Marxloh” erzählt in diesem kurzen Beitrag darüber, wie es sich anfühlt, dort zu leben, wo nach seiner eigenen Auffassung gar kein Duisburg mehr ist, sondern eben — Marxloh.
Einiges an neuen Beiträgen, keineswegs nur über Duisburg — wie immer hier.
Südafrika, 2010 (27): Epilog
Natürlich weiß ich, dass ich Sie mit meinen Erzählungen aus Südafrika lang genug genervt habe. Trotzdem, noch ein kleiner Nachtrag. Wir haben ja auch ganz klassisch analog dort gearbeitet und ein 64-Seiten-Printmagazin hergestellt (neben unserem Onlinemagazin. Ich kann sowas wie Print übrigens auch — und doch, das werde ich wirklich manchmal gefragt). Das Heft wird derzeit u.a. auf den Lufthansa-Flügen zwischen Johannesburg und Frankfurt an die Passagiere verteilt. Wenn man nicht gerade in den kommenden Tagen auf dieser Strecke fliegt, empfiehlt sich der Download als pdf.
Das Magazin ist zweisprachig und aufgeteilt in mehrere große Themenblöcke. Jeder Block wurde von einem Journalisten aus Deutschland und einem afrikanischen Kollegen bearbeitet. Jeder Beitrag stellt jeweils die Sichtweise des Kollegen aus dem jeweiligen Kontinent dar. Ich glaube, dass das Ergebnis wirklich lesenswert ist, die Beteiligten finden Sie im Impressum (für den Fall, dass Sie sich für die eine oder andere Geschichte in Ihrer Redaktion interessieren).
Außerdem hat die wundebare, großartige Josephine Landertinger eine sehr schöne 15-Minuten-Dokumentation gedreht und online gestellt, bei der ich jedesmal Gänsehaut habe, wobei ich zugebe, dass das vermutlich dem Umstand geschuldet ist, dass großartige Erinnerungen an eine fantastische Zeit hochkommen.
Genug geschwärmt — wenn Sie bei Lektüre und Film wenigstens ein bisschen ein Gefühl für dieses Land entwickeln, dann bin ich schon zufrieden.
Tief im Westen (6): Die letzten Stunden der Loveparade

Es gibt Momente, in denen hält man eine Nachricht, die man bekommt, erst einmal für einen absurden Witz, so unfassbar klingt sie. So war es am Samstag, als bei uns, die wir irgendwo entlang der Emscher radelten, Anrufe von zwei Kolleginnen eingingen, die lieber zur Loveparade wollten als an die Emscher: Eine Massenpanik sei ausgebrochen, die Rede sei von zehn Toten, der Weg zum Bahnhof sei versperrt. Wir hatten am Mittag noch besprochen, wie wir die Loveparade darstellen wollen, ursprünglich hatten wir an eine “normale” Reportage gedacht, Video schien uns angesichts der zu erwartenden Menschenmengen absurd, da wir zwar gute, fernsehtaugliche Kameras dabei haben, aber keine Teams — und jeder so multimedial wie möglich arbeiten soll. Ich habe den beiden Kolleginnen dann meine Flip in die Hand gedrückt und ihnen gesagt, dass sie ja auch dann gut funktionieren würde, wenn es mal eng würde (dass diese Bemerkung kurz darauf bittere Ironie werden würde, konnte man ja nicht ahnen).
Inzwischen haben wir das Material nochmal gesichtet und festgestellt, dass es mehr kann als die Dokumentation des Schrecklichen. Die Bilder, die Charlotte Potts und Wlada Kolosowa gedreht haben, zeigen, wie aus einem fröhlichen Fest eine Katastrophe wird – mit Ansage. Wie zunächst die ersten anmerken, in Berlin habe nicht so ein Gedränge geherrscht, wie die Polizei dann die Straßen sperrt und die Besucher auffordert umzudrehen — bis dann die ersten Zäune eingedrückt werden. Deswegen gibt es dieses Video, weil es mehr ist als die viel gesehenen Bilder einer bereits passierten Katastrophe. Diese Bilder zeigen das Entstehen einer Katastrophe und das ist mindestens genauso eindringlich.
