Archiv für Juli 2010


Tief im Westen (2): Die Stadt ohne Gesicht

25. Juli 2010 - 21:50 Uhr

Es ist ja schon erstaunlich, wenn man irgendwo hinkommt und dann etliche seiner Vorurteile und Klischees über den Haufen werfen muss. Noch viel erstaunlicher ist es, wenn man ankommt – und seine Vorurteile bestätigt findet. Nun kann man nach einem knappen Tag an einem neuen Ort noch nicht unbedingt viel über eine Stadt sagen. Aber einen ersten Eindruck gewinnt man. Und wenn ich den für Essen zusammenfassen müsste, ich würde sagen: Viel habe ich von meinem ersten Blogeintrag zu meiner kleinen Exkursion in den Ruhrpott noch nicht zurückzunehmen.

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Mietskaserne

Saturn

Die Herbert-Grönemeyer-Gutfinder unter Ihnen dürfen mich jetzt ruhig hassen, aber um ehrlich zu sein: Essen ist tatsächlich eine der hässlichsten Städte, die mir jemals untergekommen ist. Die Stadt hat nicht einmal ein hässliches Gesicht, sie hat gar keines. Was ich bisher gesehen habe: Straßenmonstren, die jeden Ansatz eines Stadtbildes rücksichtslos zerschneiden. Architektur, die man auf gar keinen Fall Architektur nennen darf. Die aus Zeiten stammt, in der man in radikaler Fortschrittsgläubigkeit irgendwann in den 60er- und 70er Jahren als Ausweis neuer wirtschaftlicher Potenz und vermeintlicher Modernität mitten in den Stadtkern gewuchtet hat. Und an vielen Stellen deutliche Spuren des Niedergangs: Schilder, die Läden als sofort zu mieten anpreisen, blätternde Fassaden, ein Straßenbild, das oft an eine merkwürdige Mischung aus den späten 80er Jahren und ganz vielen Cindys aus Marzahn, nur leider in echt, erinnert. Ballonseide und Jogginghosen gibt es hier immer noch, Trinkhallen auch – und an meinem ersten Abend hier bin ich mir nicht sicher, ob der durchschnittliche Pöttler hier nicht doch einiges ziemlich verklärt. Kann aber auch daran liegen, dass ich mit dieser wir-sind-alles-Kumpels-und-haben-ein-großes-Herz-Kultur, kurz dem gemeinen Grönemeyer noch nie viel anfangen konnte. Und natürlich weiß ich auch, dass das alles nach nur einem Tag nicht gerade sehr repräsentativ ist und dass es vielleicht sogar in Essen schöne Ecken gibt. Eventuell finde ich sie sogar.

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Niedrige Preise

Döner

Hier sind wir, um die Besonderheiten des Ruhrpotts in Sachen Kultur herauszufinden. Nun gut, wir haben neun Tage Zeit, in vielen Gespräche und Vor-Ort-Terminen noch was anderes als Loveparade und Zollverein zu finden.

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Stecker raus, Flipboard rein

22. Juli 2010 - 9:08 Uhr

Diese Geschichte um das Aus des FAZ-Blogs “Ctrl-Verlust” war für mich eine der interessantesten Belege dafür, dass das mit der Meinungsführerschaft im Netz und in unserer so wunderbar pluralen digitalen Welt auch nicht sehr viel anders funktioniert als im echten Leben. Und dass es in der Bloggosphäre und im Web 2.0 auch nicht sehr viel anders zugeht als in einem CDU-Ortsverein am Niederrhein. Ein paar geben den Takt vor, die Herde blökt nach. Mario Sixtus verstieg sich sogar via Twitter zu der Auffassung, die FAZ betreibe “Bücherverbrennung” — weil sie jemandem den Stecker zog, der fortgesetzt und trotz diverser Hinweise der FAZ immer wieder Bilder verwendete, für die er keine Rechte hatte. Trotzdem schrie man weiterhin “Skandal” im Netz und ich bin mir ziemlich sicher, dass es den Skandal verstärkte, dass das Lieblingsfeindbild der Gemeinde, der Herr Alphonso, seinem Ex-Bloggerkollegen nicht beistand und die Abschaltung ausdrücklich verteidigte. Ursprünglich hatte ich ja mal gehofft, dass das Netz dafür sorgt, dass Meinunsgvielfalt und ernsthafte Debatten entstehen können. Wenn ich mir allerdings ansehe, wie vollkommen kritiklos auch in “unserer” Szene vielen A-Bloggern/Twitterern/Facebookern nachgeplappert wird, fürchte ich fast, mich getäuscht zu haben. Sehr schön beschrieben ist die Geschichte u.a. in der “Jungle World”, Teile der Debatte gibt es auch hier nachzulesen.

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Es geht ja in diesen Zeiten alles sehr schnell: Alle (Medien-)Welt redet über Flipboard. Christian Stöcker zählt sich selbst (wie ich mich auch) zu den iPad-Skeptikern, beschreibt aber ziemlich gut, was das überhaupt so ist, das Flipboard. Ob ich es haben will, weiß ich danach aber immer noch nicht, leider.

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Es gibt keine Presse mehr

22. Juli 2010 - 0:31 Uhr

Es gibt keine Presse mehr. Vielleicht muss man diese merkwürdige und dennoch naheliegende Erkenntnis an den Anfang eines Eintrags stellen, der sich im Wesentlichen mit einem ebenso merkwürdigen Kommentar des FAZ-Medienredakteurs Micheal Hanfeld auseinandersetzt. (Hanfeld hat es übrigens soweit gebracht, dass der ARD-Vorsitzende einen offenen Brief an Herrn Schirrmacher schrieb).

Die Welt von Michael Hanfeld (dessen Sachen ich ansonsten übrigens ziemlich gerne lese) besteht aus schwarz und weiß. Zumindest, wenn es um die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender auf der einen und die Verlage, die Presse auf der anderen Seite geht. Folgt man Hanfeld, dann drohen uns durch die Online-Angebote der Sender Zustände wie in Nordkorea:

Es (das Gutachten zu den Onlineangeboten der ÖR´s) verkündet nichts anderes als einen totalen Machtanspruch, das Ende der freien Presse und die Herrschaft des Staatsjournalismus.

Tagesschau.de oder heute.de bedeuten also das “Ende der freien Presse”, bedeuten “Staatsjournalismus”? Das ist so ziemlich der undifferenzierteste Unsinn, den ich seit Jahren gelesen habe. Es ist so maßlos überzogen, dass es keiner weiteren Erwähnung wert wäre, stünde es nicht ausgerechnet in der FAZ (und hätte es dadurch nicht automatisch eine gewisse Fallhöhe). Dass die FAZ in ihrer journalistischen Freiheit behindert wäre, lässt sich also beim besten Willen nicht belegen und ist insofern auch nicht weiter diskussionswürdig. Dass ARD und ZDF einen “totalen Machtanspruch” entwickeln, gehört ebenfalls in die Kategorie hohler Phrasen. Aber eher ungewollt hat Hanfeld eines richtig erkannt: Internet ist tatsächlich Rundfunk. Hanfeld beschreibt das eher spöttisch:

Du bist Rundfunk, ich bin Rundfunk, wir alle sind Rundfunk. Sie betreiben einen Blog im Internet? Dann sind Sie Rundfunk. Sie arbeiten für einen Verlag, bei einer Zeitung, einer Zeitschrift, die einen Online-Auftritt unterhält, mit Texten, Bildern, kurzen Filmen?

Was Hanfeld eher hämisch meint, ist in der Tat Realität. Auf diesem Blog hier gab´s schon Videos, gab´s Audios und theoretisch könnte ich heute abend noch einen Livestream aus meinem Schlafzimmer starten (keine Sorge, ich erspare Ihnen das). Was ist das anderes als — Rundfunk? Und wann begönne denn nach Hanfelds Auffassung Rundfunk? Bei zehn Zuschauern, zehntausend, zehn Millionen? Oder doch nur, wenn er über einen Fernseher und ein Radio ins Haus kommt? Das Kriterium für Rundfunk ist doch keineswegs, wie viele Leute zusehen und über welche Plattform und mit welcher Technik sie ausstrahlen. Entscheidend ist, dass sie klassische Rundfunkinhalte, nämlich Audio und Video, ausstrahlen können. Die FAZ macht das übrigens auch, ohne dass man ihr deswegen einen “totalen Machtanspruch” bescheinigen würde.

Gleichzeitig ist das ja auch eine interessante Beobachtung: kein Journalist und kein Medienmacher und kein Medienforscher würden mit gutem Gewissen abstreiten, dass Medien heute eben nicht mehr in die klassischen Kategorien zuzuordnen sind. Presse? Es gibt keine Presse mehr ohne funktionierenden Onlineauftritt und ohne Videos und ohne Audios (eben: Rundfunk). Zeitungen müssen sich heute auch in der digitalen Welt bewegen können und natürlich müssen sie auch Videos und Audios produzieren können. Umgekehrt kann Fernsehen heute in einer hyperkonvergenten Medienwelt eben nicht mehr nur im Fernsehen stattfinden, Radio nicht mehr nur im Radio. ARD und ZDF würden innerhalb kürzester Zeit vor existenziellen Fragen stehen, gäbe es ihre Angebote nicht in angemessener Form auch im Netz und auf dem Smartphone. Das Publikum der Zukunft wird vorwiegend digital leben. Wenn ARD und ZDF dort nicht stattfinden dürfen, verlieren sie über kurz oder lang ihre Existenzberechtigung.

Was ist angemessen? Natürlich gab es bizarre Auswüchse in den vergangenen Jahren, Mainzelmännchen im Onlineshop verkaufen gehört sicher nicht zu den öffentlich-rechtlichen Kernaufgaben. Das ist massiv zurückgefahren worden und momentan sind in den Anstalten ohnehin ziemliche Löschorgien im Gang, wie Stefan Niggemeier — ausgerechnet — in der FAS ausführlich beschrieben hat.

Merkwürdig ist ja auch, dass es dieses Dauer-Lamento beinahe nur in Deutschland gibt. In Großbritannien, wo die BBC ein ganz anderes (Online-) Gewicht hat, ist noch niemand auf die Idee gekommen, das Ende der “Times” oder des “Guardian” zu prognostizieren, weil es die BBC im Netz gibt.

Kurzum: Es gibt keinen Rundfunk mehr, der nur noch Rundfunk macht. Und es gibt keine Presse mehr, die nur noch Presse macht. Im Netz begegnen sich beide wieder, naturgemäß als Konkurrenten. Das waren sie vorher auch schon, jetzt sind sie es noch stärker. Das trifft alle, nur dass man umgekehrt noch nie einen Fernsehsendern lamentieren hören hat, dass die Zeitungen jetzt auch Videos (eben: Rundfunk) anbieten. Oder dass es YouTube gibt. Wenn es aber keine Medienzuordnungen im klassischen Sinn mehr gibt — welchen Sinn macht es dann, darauf zu beharren, dass öffentlich-rechtliche Sender weiterhin nur das machen, was sie schon seit 50 Jahren machen?

Und noch etwas hat Hanfeld vergessen: das Interesse der Zuschauer. Seit es die digitale Welt gibt, schaue ich so gut wie kein “normales” Fernsehen mehr, ich möchte die Beiträge aber dennoch nutzen. Ich möchte die Tagesschau im Netz sehen können und ich möchte auf tagesschau.de (oder wo auch immer) geschriebene Texte lesen. Und Fotos sehen. Ist das ein Privileg der “Presse”?

Auf die Idee, deswegen die FAZ nicht mehr zu lesen, komme ich übrigens trotzdem nicht.

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Tief im Westen (1): Ich und der Pott

20. Juli 2010 - 16:26 Uhr

Ab Freitag bin ich für zehn Tage in Essen und um es vorweg zu sagen: Mein Bild vom Ruhrpott, um den es in den eineinhalb Wochen gehen wird, ist vermutlich noch klischeehafter als das von Afrika. Nachdem ich allerdings auch in Südafrika wenigstens ein bisschen was dazu gelernt habe, bin ich halbwegs zuversichtlich, dass sich mein Bild vom Ruhrgebiet vielleicht doch noch ändert.

Liebe Grüße gehen von dieser Steelle erst einmal an Ewald Wenker, auch wenn ich ahne, dass er das hier nie lesen wird. Ewald Wenker war mein erster ernstzunehmender Deutschlehrer am Gymnasium und als ich das erste Mal den “Club der toten Dichter” gesehen habe, musste ich sofort an Wenker denken. Der war auch so:  immer erst mal alles in Frage stellen, einen eigenen Kopf, einen eigenen Charakter und immer eigene Gedanken und Meinungen entwickeln (wem ich also ab und an auf den Keks gehen sollte, bitte wenden Sie sich vertrauensvoll an Herrn Wenker).

Der gute Herr Wenker war es dann auch, der uns in der 8. Klasse Max von der Grün zu lesen gab. Vermutlich habe ich in der 8.Klasse noch keinen Satz richtig verstanden, den ich damals lesen musste, weswegen wir gleich noch einen von der Grün hinterherbekammen (wenn ich mich richtig erinnere, waren es “Zwei Briefe an Pospischiel” und “Irrlicht und Feuer”). Beide fand ich weniger wegen der Sozialkritik interessant, als vielmehr wegen ihrer Beschreibung des Ruhrgebiets. Ich war zu diesem Zeitpunkt noch nie im “Pott”, hatte aber immer Bilder vor meinem inneren Auge. Von hart arbeitenden Männern mit geschwärzten Gesichtern, von Reihenhaussiedlungen irgendwo am Stadtrand von Dortmund. Von Frauen in Kittelschürzen und mit merkwürdigen Dauerwellen, die am Freitag abend auf ihre Männer warten, die mal eben noch in der Kneipe nebenan ihr Wochenendbier trinken. Kurz gesagt, von einer sehr eigenen Welt, die es eben nur dort und nirgendwo anders geben könnte.

Ich hoffe, Sie verzeihen mir dieses vollkommen unrealistische und naive Bild vom Pott; aber ich war damals 14 oder 15 und das wiederum ist auch schon wieder 30 Jahre her. Vielleicht durfte man das als 14jähriger in den 80er-Jahren auch denken. Von irgendwelchen Renaturierungen und von grüner Ruhr und blauem Himmel war damals nicht so sehr die Rede.

Was noch? Pils in kleinen Gläsern, Schnaps, Currywurst, Pommes. Rote Erde, BvB, Schalke, überhaupt: Fußball.

Man kann sich also leicht vorstellen, dass ich es erst einmal furchtbar gewollt fand, eine ganze Region, die in erster Linie aus baumwollunterhemdtragenden und pilstrinkenden Malochern besteht, zur “Kulturhauptstadt” zu erklären. Und überhaupt, was heißt hier Stadt, Metropole? Aus meiner klischeebeladenenen Sicht ist es zwar erstaunlich, wie viele Ausfahrten mit bekannten Städtenamen an eine einzige Autobahn passen. Und wie sehr man sich im Gewühl von Ruhrpottautobahnen verfahren kann.  Aber dennoch habe ich den Pott (als Außenstehender) nie als eine Stadt, eine Region empfunden.  Das kommt mir doch sehr konstruiert vor, irgendwie.

Ich verbinde mit dem Ruhrgebiet außerdem Beton. Viel Beton. Ein inniges Verhältnis zum Waschbeton. Viel Grau. Vor knapp zwei Jahren war ich mal in Bochum und habe innerhalb von wenigen Minuten das hier fotografiert (nein, ich habe nicht gesucht, bevor Sie fragen):

Klar, ich weiß, dass das alles furchtbar vorurteilsbeladen ist (soll´s ja auch erst mal sein). Aber als jemand, der in der Sonne aufgewachsen ist und der Sonne und Wasser quasi als Lebensgrundlagen betrachtet, sind das Anblicke, die zur Sofortdepression führen.

Das mit der Kultur habe ich auch noch nicht so genau verstanden. Am Wochenende bestand die Kultur darin, eine Autobahn zu sperren und die Leute darauf irgendwas machen zu lassen, worauf sie erstaunlicherweise irgendwas machten. Beispielsweise ein Picknick.

Zugegeben: Mit der vermeintlichen Kultur habe ich es auch nicht immer so sehr. Das mag also wirklich interessant werden, wenn ich mit Kultur und dem Ruhrpott zusammentreffe, noch dazu, wo ich immer noch unter dem Südafrika-Eindruck stehe und der Pott unfairerweise jeden Vergleich nur verlieren kann.

Gespannt bin ich trotzdem. Link auf die Seite folgt. Einträge hier im Blog auch. Ich bin ja lernfähig (hoffentlich).

Und bis dahin mache ich insbesondere das hier:

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Und wo bleibt das Positive (6)?

20. Juli 2010 - 12:28 Uhr

Hier. Und heute gleich in doppelter und ausführlicher Form. Zum einen gibt es das wirklich wunderbare Stück von Heribert Prantl, der in der SZ völlig unaufgeregt feststellt, dass es  keinen Grund gebe, sich vor der Zukunft des Journalismus (und der Journalisten) zu fürchten. Und dass Blogger und Journalisten gar keine geborenen Feinde sind. Im Gegenteil:

Es wird so getan, als sei die Bloggerei eine Seuche, die via Internet übertragen wird und den professionellen Journalismus auffrisst. Das ist, mit Verlaub, Unfug. In jedem professionellen Journalisten steckt ein Blogger.

Schließlich kommt Prantl zu dem überaus naheliegenden wie klugen Fazit:

Der Journalismus ist keine verspätete Veranstaltung des hochmittelalterlichen Zunftwesens. Den Journalismus kann man also nicht mit Zunftordnung und Zunftzwang verteidigen – sondern nur mit Können. Der Journalismus ist schon immer ein besonders freier Beruf gewesen. Und die Bloggerei ist eine neue Bühne für diese Freiheit. Wie viel guter Journalismus auf dieser Bühne gedeiht, muss sich noch zeigen. Kein Schauspieler muss sich vor einer neuen Bühne fürchten. Ein Journalist auch nicht.

Achja, und schön wäre es, wenn man den Prantl-Text dann auch noch ausdrucken und  per Snailmail an diverse Journalisten- und Verlegerverbände schicken könnte. Paradoxerweise würde er sich in der Hauspost der “Süddeutschen” übrigens auch nicht schlecht machen.

Weil wir gerade beim Verhältnis Journalisten/Blogger sind: Tatsächlich reagieren viele Journalisten immer noch mit einer merkwürdig aggressiv-ablehnenden Haltung auf Blogs, was ich mir schon alleine deshalb nicht leisten kann, weil ich dann täglich mich selbst beschimpfen müsste. Zu den sehr wenigen Tageszeitungs-Chefredakteuren in Deutschland, die ein gesundes Verhältnis zum Thema haben, ist Christian Lindner von der Rhein-Zeitung. Nicht alles (wie auch?), was er macht, muss man kritiklos bejubeln, die Aktion beispielsweise, Sascha Lobo zum Chefredakteur für einen Tag zu machen, fand ich im Ergebnis nur so mittelgut gelungen. Lindners neueste Ideee finde ich dafür umso bemerkenswerter: Zwei Volontariatsplätze hält er im kommenden Jahr für Blogger parat. Ich habe natürlich keinerlei Ahnung, wie dieses Experiment ausgehen wird, aber ich mag den Gedanken, es einfach mal zu versuchen. Immerhin bestand nahezu alles, was wir in den letzten zehn Jahren in der Branche so angestellt haben, aus Versuchen. Das mit den Konzepten funktioniert ja in Zeiten des Radikalumbruchs nur eingeschränkt. Also, lasst die bei der RZ das mal machen mit den Blogvolos; bevor die Diplom-Übelnehmer kommen: Ich finde, das Experiment hat eine reele Chance verdient.

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Macht bloß kein Fernsehen

19. Juli 2010 - 13:51 Uhr

Täuscht der Eindruck — oder ist die Euphorie um das Thema Videos im Netz langsam schon wieder vorbei?  Tatsächlich kann man derzeit nahezu jeden Medienschaffenden in ein umfangreiches Gespräch zum Thema “Soziale Netzwerke” verwickeln, so wie man es noch vor zwei Jahren beim Thema Videos machen konnte. Die Ähnlichkeiten sind frappierend: Bei beiden Themen plapperten auf einmal Leute, die weitgehend sachkenntnisbefreit waren, munter drauflos. Und alle wollten dieses neue Zeugs haben, ohne erst einmal darüber nachzudenken, was ihnen das ganze bringt, ob es ihnen überhaupt irgendetwas bringt — und ob der Neukram überhaupt irgendwie umsetzbar ist. Letzte Ähnlichkeit: Ja, haben will man das schon, es darf aber ungefähr nichts kosten und soll bitteschön auch keinerlei personellen Mehraufwand verursachen. Man wundert sich angesichts dessen übrigens, dass es überhaupt irgendwo ein einziges Video im Netz gegeben hat und dass irgendwo auch nur ein einziger Facebook-Account ins Leben gerufen wurde.

Vermutlich sind die Konzeptionslosigkeit und der erkennbare Trend, “Me-Too-Produkte” ins Leben zu rufen, ein Hauptgrund, warum Videos im Netz immer noch häufig wahlweise nur teuer, nur sinnlos oder manchmal auch beides zusammen sind. Die Sinnlosigkeit (und auch: die manchmal exorbitanten Kosten) kommen immer dann zum Vorschein, wenn man im Netz versucht, Videos zu machen, die irgendwie wie Fernsehen aussehen. Dabei macht man im Netz gar kein Fernsehen. Das klingt furchtbar banal, die Erkenntnis muss sich aber bei vielen Redaktionen erst einmal durchsetzen: Wer ins Netz geht, will nicht fernsehen. Er will Information und/oder Unterhaltung, aber er will keinen krawattierten Moderator, keine Schnitt- und Antextbilder, all diese Unarten, die sich ins Fernsehen eingeschlichen haben und dort einfach mal als selbstverständlich hingenommen werden. Der User will “Youtube”. Er will sein Video schnell, unmittelbar, authentisch.

Dafür spricht mehreres. Da ist zum einen die Verweildauer eines Users bei einem Video. Nach nicht einmal zehn Sekunden ist er durchschnittlich wieder raus. Das liegt manchmal an den Videos selbst, häufig aber am Nutzungsverhalten: Video im Netz ist eben nicht durch eine Programmzeitschrift oder gar durch Erfahrungswerte einzuordnen. Videos im Netz heißt: suchen, reinschauen — und ggf. auch wieder ausschalten. Die Zeit, die man einem Video gibt, ist nicht lang. Und anders als beim Fernsehen hat auch niemand vor, jetzt einen netten Videoabend auf der Couch zu verbringen. Wer langweilt, fliegt.

Das klingt erst einmal unangenehm für die Produzenten von Webvideos. Weil es zu der Annahme verleiten könnte, man müsste, egal wie, zum Punkt kommen. Nur schnell, sehr schnell. Und ebenfalls könnte man meinen, man habe überhaupt nicht viel Zeit bei Webvideos. Die üblen 1.30 aus dem Privatfunk als Schallmauer, alles was drunter ist, ist per se besser. Doch das ist Unsinn, im Gegenteil: Das Netz gibt Videomachern die wunderbare Chance, die üblichen Zeitbegrenzungen einfach zu vergessen. Netznutzer ticken nicht wie Fernsehzuschauer, man kann es nicht oft genug sagen. Und das bedeutet eben auch, dass sie nicht nach 1.30 abschalten, weil ihnen 1.32 schon zuviel sind.

Gute Chancen mit Videos im Netz haben also vor allem diejenigen, die begreifen, dass wir es mit einem komplett neuen Medium zu tun haben, in das nicht einfach die Regeln des alten übernommen werden können und in dem man die bestehenden äußeren Formen adaptiert. Anders gesagt: Man könnte mit ein bisschen gutem Willen auch davon ausgehen, dass der Kreativität alle Türen geöffnet sind und man eigentlich nur ein bisschen was ausprobieren müsste, um auf Formate zu kommen, die funktionieren. Die Idee zählt deutlich mehr als die teure Kamera, der richtige Ton oder die aufwändige Produktion.

Wie vermeidet man also, einfach nur (das schlechtere) Fernsehen zu veranstalten? Man vergisst einfach den Gedanken an das Fernsehen und macht sich klar, dass es niemand will — und auch niemand braucht. Stattdessen gibt man sich selbst und seinen Leuten den Freiraum und den Mut zur eigenwilligen Kreativität. Und ein wenig Zeit und Geduld. Nicht alles, was man ausprobiert, wird unweigerlich zum Erfolg führen. Was im Gegensatz zu TV-Formaten auch gar nicht schlimm ist. TV-Formate entwickeln kostet richtig viel Geld, Online-Formate kosten allenfalls Zeit.

(Dieser Text ist eine leicht modifizierte Zusammenfassung eines Mail-Interviews, das das “Meinungsbarometer Digitaler Rundfunk” mit mir geführt hat und das im August erscheinen wird.)

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Zum Abschluss: ein paar Videos und was Selbstgebasteltes

17. Juli 2010 - 17:26 Uhr

Das “Klartext”-Magazin der 48 K der DJS ist seit gestern abend fertiggestellt — wir haben noch eine ganze Reihe neuer Videos draufgepackt. Beispielsweise lernt man jetzt einiges darüber, wie es ist in einem Ort zu leben, dem die Einwohner weglaufen. Nein, er liegt nicht in Mecklenburg-Vorpommern, sondern in Niederbayern:

Und weil man ja nicht immer alles so bierernst sehen muss, gibt es auch einen Schnellduchlauf durch das Millionendorf Deutschlands: München in 100 Sekunden:

Das ganze “Volt”-Magazin online gibt´s hier.

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Und wo bleibt das Positive (5)?

17. Juli 2010 - 17:09 Uhr

Hier.  Man muss ja wirklich kein Sportfan sein, um den Sportteil der “Süddeutschen” einfach nur lesenswert zu finden. Heute kamen die Kollegen auf die wunderbare Idee, nach der alles überstrahlenden WM eine “Bundesliga-Nachhilfeseite” zu machen, die so wunderbar sanft-ironisch geschrieben war, dass ich sogar nachgelesen habe, wie die derzeitige Lage in Hoffenheim ist, obwohl mir die derzeitige Lage in Hoffenheim prinzipiell völlig egal ist.

Muss man auch erst mal hinbekommen. Gratuliere.

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Warum ich kein (reiner) Journalist mehr bin

15. Juli 2010 - 15:59 Uhr

Vor ein paar Tagen war es dann soweit: Ich hatte ernsthaft überlegt, doch noch mit Flattr zu beginnen. Aus Prinzip, Protest und überhaupt.

Der Reihe nach: Meine grundsätzliche Haltung zu Flattr hat sich nicht verändert, ich halte übrigens auch die Meinung von Sascha Lobo dazu zwar nicht wirklich für stringent, aber dennoch nachvollziehbar (das gilt für keine eigene Meinung zum Thema übrigens auch). Aber in den letzten Tagen habe ich öfter wieder ein paar praktische Einblicke in das Leben freier Journalisten und damit auch in den redaktionellen Alltag bekommen. Das ist alles ziemlich ernüchternd und irgendwie macht man sich ein wenig Sorgen um den Journalismus.

Vorweg ein paar Geständnisse, für die sich mich gerne prügeln können: Ich verdiene mein Geld nicht (mehr) mit reinem Journalismus. Ich arbeite immer noch gerne journalistisch. Ich gehe gerne raus, produziere was. Heute fast noch lieber als früher. Weil ich nicht mehr festgelegt bin, weil ich mir aussuchen kann, ob ich ein Video oder doch lieber einen Text mache. Und weil Onlinemedien mir die Möglichkeit geben, mich nicht mehr an radikalen Platzbeschränkungen und Formalia der analogen Medien halten zu müssen.

Und es gibt noch einen Grund: Weil ich es nicht muss. Ich muss es nicht, weil es andere, lukrative Möglichkeiten gibt, im Bereich Medien Geld zu verdienen (ohne, bevor jetzt jemand auf den Verdacht kommt, in einer Werbeagentur zu arbeiten, was ich nicht anrüchig finde, dafür aber keinerlei Talent besitze). Ich muss die elende Jagd nach 100-Euro-Aufträgen nicht mitmachen und ich muss mich nicht für 100 Euro-Honorare einen Tag oder länger an eine gute Geschichte klemmen.

Wenn ich es müsste, würde es mir keinen Spaß mehr machen. Ich müsste jeden Tag rechnen und massenhaft produzieren (vermutlich darunter auch viel Unsinn), wollte ich es auf ein überlebensfähiges Einkommen schaffen. Stefan Niggemeier hat unlängst bei seiner ersten Flattr-Abrechnung vorgerechnet, für einen Beitrag rund 100 Euro zugeflattrt bekommen zu haben. Und dass dies mehr sei, als manche Zeitung für einen Beitrag bezahlt. Stimmt, nur dass dies leider nicht nur bei Zeitungen der Fall ist: Auch große Online-Portale bezahlen für fertige Beiträge gerne Honorare in dieser Größenordnung. Man kann sich also leicht ausrechnen, wie viel man am Tag produzieren muss, um auf das vom DJV ausgerechnete monatliche Durschnittseinkommen freier Journalisten von gut 2000 Euro zu kommen. Man müsste, Wochenenden weggerechnet, jeden Tag mindestens eine 100-Euro-Geschichte verkauft bekommen. Man darf keinen Tag krank sein, keinen Tag Urlaub oder frei machen. Wohlgemerkt, dabei reden wir immer noch von gut 2000 Euro im Monat. Dass man damit nicht sehr weit kommt und dies ein Einkommen ist, für das man eigentlich nicht studiert und etliche andere Sachen absolviert haben muss, braucht man nicht dazu zu sagen. Motivation für hochwertigen Journalismus? Wie gesagt, Sie dürfen mich prügeln, aber mit 100 Euro für einen möglicherweise tagesfüllenden Job ködern Sie mich auf gar keinen Fall. (Andere übrigens auch nicht).

Dabei ist es ja gar nicht nur das zeitliche Problem. Mindestens genauso schwierig (und ärgerlich für freie Journalisten) sind die ökonomischen Zwänge, denen sich viele Redaktionen inzwischen ausgesetzt sehen. Natürlich versteht man den Betriebswirt, dessen Job es ist, dafür zu sorgen, dass die Zahlen in Ordnung sind. Dennoch ist diese Fokussierung auf Zahlen fatal: Über kurz oder lang werden sich die guten Geschichten aus dem klassischen Journalismus rausverlagern. Wer nicht zu den wenigen gehört, denen man per se jede Geschichte wegen ihres großen Namens abnimmt, hat ein echtes Problem: kein Platz, kein Budget,  keine Fremdgeschichten mehr — ich habe diese Sachen in den letzten Tagen selber wieder oft genug erlebt. Hinterher war ich froh, dass ich mein Leben nicht danach ausgerichtet habe, als Freier jeden Tag Geschichten verkaufen zu müssen. Und mindestens genauso glücklich war ich in diesem Moment, dieses Blog hier zu haben. Ich habe mich aus Südafrika richtig ausgetobt, ich musste niemanden fragen, ob ihm die Geschichte passt, ich musste mir keine Budgetdebatten anhören.

Was passiert unter dem Strich? Unser Beruf (Sie sehen, ich schreibe immer noch “unser…”) wird zunehmend unattraktiver. Stephan Ruß-Mohl hat unlängst bei sueddeutsche.de süffisant ausgeführt, dass ihm die Redaktion für einen Text mit rund 10.000 Zeichen ein Honorarangebot gemacht habe, das sich nicht einmal das “Goldene Blatt” zu unterbreiten getraut habe. Es müsse also eine außerordentliche Ehre sein, für sueddeutsche.de schreiben zu können, folgerte er. Da hat er wohl recht, im Umkehrschluss heißt das aber auch: Ruß-Mohl schrieb für die Online-Ausgabe der SZ, weil er es sich leisten konnte.

Diesen absurden Vorgang muss man sich mal vorstellen: Nur wer es sich leisten kann, schreibt ganz entspannt an einem ausführlichen Stück für ein Qualitätsmedium. Weil das aber sehr viele gar nicht können und eventuell auch gar nicht wollen, wandern sie ab. In Branchen, die besser bezahlt sind. Deutlich besser, das muss man wohl dazu sagen. Natürlich war es schon immer so: Wem es ausschlißelich darauf ankam, schnell viel Geld zu verdienen, der sollte nicht in den Journalismus gehen. Journalismus war schon immer eine Sache, die auch ein gewisses Maß an Leidenschaft und Idealismus verlangte. Von Leidensfähigkeit, mit absurden Honoraren über die Runden kommen zu müssen, was allerdings nie die Rede.

Aber um nochmal bei der netten Geschichte von Ruß-Mohl und der SZ zu bleiben: Er rechnete aus, wie hoch sein Stundenlohn für diesen Text war und kam zu dem Schluss, dass ein Hartz4-Empfänger sich dagegen wie ein Krösus ausnehme. Und, noch mehr: Er hoffe doch, schrieb der Professor, dass er nie wieder zu solchen Konditionen einen Text produzieren müsse.

Das, was Ruß-Mohl einigermaßen süffisant beschrieben hat, wird auf Dauer zu einem sehr ernsthaften Akzeptanzproblem im Journalismus führen. Für Honorare wie diese werden wir dauerhaft nicht das bekommen, was uns seit Jahr und Tag als der große Vorteil von Journalismus gegenüber Bloggern, Communitys und anderen verkauft wird: Qualität, lesens- und sehenswerte Sachen.

Der Journalismus wird eine ganze Reihe von Talenten verlieren und auch eine Menge an Nutzern. Und auch daran ist nicht Google schuld.

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It´s the content, stupid!

14. Juli 2010 - 13:40 Uhr

Man ahnt das ja jetzt schon etwas länger: Das iPad und seine Epigonen retten die Zeitung. Der BDZV hat deshalb in seiner Jahrespressekonferenz darauf hingewiesen, wie wichtig die Tablets für die Zukunft seien. In der offiziellen Pressemitteilung des Verbands liest sich das dann so:

Die gesamte Branche bewege sich in einer wichtigen Experimentierphase. Es bestehe Konsens, dass die neuen Tablets große Chancen böten, das klassische Geschäftsmodell der Zeitung, nämlich Vertriebserlöse plus Werbeerlöse, in die digitale Welt zu übertragen.

Das klingt so wunderschön einfach: Endlich also gibt es ein Endgerät, bei dem die User bereit sind, zu bezahlen. Was sie ja vorher nicht waren. Damit ist die Zeitung gerettet, man darf sie sogar weiterhin Zeitung nennen, sie ist halt nur nicht mehr auf Papier gedruckt.

Man ahnt, dass das tatsächlich zu schön ist, um wahr zu sein. Und man ahnt, dass die Verlage speziell bei Tageszeitungen immer noch einige Denkfehler begehen. Sie gehen davon aus, dass man ungefähr alles, was zu dieser Misere geführt hat, dem Internet, der Kostenlos-Mentalität, dem rechtsfreien Raum als solchen und dem Geburtsfehler des Web, kein Geld zu verlangen, zuschreiben kann. Doch damit soll jetzt Schluss sein, weil…ja, warum eigentlich?

Man müsste die Logik hinter solchen Überlegungen eigentlich frappierend nennen, wenn es denn überhaupt eine Logik wäre. Und vielleicht ist es ja einfach so: Es gibt gar kein Geschäftsmodell in die digitale Welt hinüberzuretten, weil es nicht der Unterschied zwischen analog und digital ist, der den Tageszeitungen das Leben so schwer macht. Vielleicht ist es die Idee “Tageszeitung”, die an ihr Ende gekommen ist. Und wenn es so wäre: wäre es schlimm? Oder ist es nicht ganz einfach so, dass die Tageszeitung aus vielen ziemlich nostalgischen und in nur sehr wenigen Fällen wirklich nachvollziehbaren Gründen verklärt wird? Einiges spricht für diese These; ich bin beispielsweise mal ernsthaft vom Chefredakteur einer mittelgroßen Tageszeitung gefragt worden, ob nicht die Tageszeitung als einziges Medium glaubhaft und seriös Information und Meinung vermitteln könne. Mir fiel keine gescheite Antwort ein, weil ich mit Staunen beschäftigt war. Vermutlich meinte er es sehr ernst.

Das Problem der Tageszeitung ist nicht, dass sie auf Papier gedruckt ist. Ihr Problem ist, dass sie in vielen Fällen immer noch so strukturiert ist, wie es den Lesegewohnheiten und den Bedürfnissen der Menschen vor 50 Jahren entsprach. Die Tageszeitung will jeden glücklich machen. Sie will Politik, Unterhaltung, Sport, Kultur und meistens noch den örtlichen Kleintierzuchtverein unter einen Hut bringen. Als ich kurz nach dem 2. Weltkrieg volontiert habe, war das ein geflügelter Spruch, den niemand in Abrede stellte: Ihr müsst so schreiben, dass euch die Putzfrau versteht und der Professor immer noch ansprechend findet. Das ist aus heutiger Sicht, in der der Professor irgendwo in einer Akademiker-Community und die Putzfrau auf Facebook ist, ein lächerlicher Anachronismus. Nur die Tageszeitung — und wirklich nur sie — versucht, sie alle in einem abenteuerlichen und letztendlich meistens unbefriedigenden Mix unter einen Hut zu bekommen. Meistens dazu beschränkt auf eine in Zeiten der knappen Budgets häufig sinkenden Seitenzahl.

Und dieses Modell will man jetzt kostenpflichtig aufs iPad retten?

Erst einmal also müsste man die Zeitung verändern. Man müsste sich von dieser Idee verabschieden, dass jeder alles aus einer Quelle wissen will. Man müsste akzeptieren, dass es inzwischen ausreichend Quellen gibt, die in den einzelnen Ressorts wesentlich besser, fundierter, schneller sind als jede Tageszeitungsredaktion. Und dass sie ihre Kompetenz, ihren Anspruch,  für die Mediennutzer die erste Wahl für Information und Wissen zu sein, schon lange nicht mehr halten kann. Wer käme schon ernsthaft auf die Idee, bei einem Online-Thema auf der Computerseite einer lokalen Tageszeitung nachzuschauen?

Daneben gibt es anderes, was die Verlage gerne bei ihrem Tablet-Enthusiamsus vergessen: Mitnehmen kann man nur, was man schon gehabt hat. Speziell bei dem Publikum, dass sich mit iPads eindeckt, handelt es sich vermutlich nur wenig um ein solches, das vorher hohe Affinität zur Zeitung gehabt hat. Der Generationenabriss bei Zeitungen ist keine Drohkulisse mehr, sondern schon lange Realität. Tatsächlich müssten sich Zeitungen um dieses neue, digitale Publikum bemühen, anstatt einfach einen (ohnehin eher eingebildeten) Bestand mitnehmen zu wollen.

Es wird nach wie vor der Inhalt sein, der sich verkauft. Der Hang zur Selbstverklärung, den man leider vielen Zeitungsmachern attestieren muss, wird dabei eher hinderlich sein. Die mangelnde Ursachenforschung allerdings auch. Ich bezweifle massiv, dass es im Netz eine ausgeprägtere Kostenlos-Mentalität als im analogen Leben auch gibt. Viel mehr gilt auch hier: Angebot und Nachfrage. Würde, sagen wir, die FAZ weiterhin Geld kosten und die SZ plötzlich kostenlos erscheinen, man kann sich leicht ausmalen, wie die Geschichte weiterginge. Es hat sich schlichtweg der Markt für das journalistische Produkt Tageszeitung verändert — man darf ruhig auch sagen: verschlechtert. Das müsste man erkennen, als in Bausch und Bogen auf Google, den öffentlichrechtlichen Rundfunk und den User als solchen einzuschlagen und dessen umgehende Reglementierung zu verlangen.

Nur weil es dieses Produkt Tageszeitung jetzt auch auf dem iPad gibt, wird der Markt nicht anders, im Gegenteil: Die kostenlose Konkurrenz in Form hochwertiger Webangebote ist noch näher rangerückt.

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