Leistungsschutz für meine kleine Zeitungsfarm

Seit Stunden wühle ich mich gerade durch die Online-Angebote deutscher Tageszeitungen. Durch alle (fragen Sie nicht warum). Es ist kein Vergnügen, wirklich nicht.

Aber jetzt, nach vielen Stunden und hunderte Klicks später, ist mir allmählich was aufgegangen. Warum nämlich so viele Zeitungen nicht an den Erfolg und an die Bedeutung von Online glauben. Ganz einfach deswegen: Sie haben keinen damit und sie werden vermutlich auch keinen haben (Stammleser wissen, dass ich in solchen Momenten der Verallgemeinerung gerne mal ein “Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel” einschiebe).

Unfassbar viele Seiten, selbst von Kleinstblättern, die ich bisher nicht mal dem Namen nach kannte,  machen mit den ganz großen Dingern auf: Russland. Pakistan. USA. Flut in Sachsen. Das ist insofern nur so mittelgeschickt, weil es alle anderen auch machen und weil man ja ohnehin nur das Agenturmaterial hat, das ungefähr alle anderen auch haben. Gesichtslose, verwechselbare Seiten, die in ihrer Mittelmäßigkeit den Blättern wahrscheinlich nicht unähnlich sind. Nur mit dem Problem behaftet, dass man hier eben nicht mit dem lokalen Anzeigenblatt konkurriert, sondern mit hochwertigem – die Times, die FAZ, die Zeit, sie sind alle nur den abgedroschenen Mausklick weit weg. Man kann fast eine Wette eingehen: Die allermeisten schauen schnell auf die Service-Geschichten und aufs Lokale und sind dann sofort wieder weg. Im Grunde also machen sie das, was sie mit der gedruckten Zeitung auch machen, nur dass man das dort nicht so merkt.

Was ich gesucht und in den seltensten Fällen gefunden habe: ein ansprechendes, multimediales Lokal-Onlinemagazin, schnell, übersichtlich, umfangreich, vielleicht nicht  in Echtzeit, aber ständig auf der Höhe. Mit einer vernünftigen Präsenz bei Twitter, bei Facebook, mit einem angepassten Angebot für Smartphones. Kein Anspruch also, der utopisch hoch angesetzt wäre und keiner, über dessen grundsätzlichen Bedarf man lange debattieren müsste. Gefunden habe ich so etwas fast nirgends. Die Behauptung vieler Verlage, man sei für die Zukunft bestens gewappnet, entlarvt sich bei einer Surftour durch ihre Angebote.

Wenn man sich durch die Onlineangebote der meisten Zeitungen durchgequält hat, bemerkt man dann auch wieder, wie absurd die beiden Kernideen verlegerischer Strategien sind: Leistungsschutz und Paid Content. Bei fast allen Seiten, die ich gestern gesehen habe, gingen mir die beiden Schlagworte durch den Kopf — und in fast jedem Fall musste ich unwillkürlich lachen. Leistungsschutz für das halbwegs einwandfreie Aufbereiten von Agenturmeldungen? Ich würde behaupten, dass gestern abend 70 Prozent der Angebote von Regionalzeitungen online zu einem beachtlichen Teil mit Agenturmaterial bestückt waren. Teilen sich dann also 50 Onlineangebote den Erlös aus dem Leistunsgsschutzrecht, wobei die Leistung daraus besteht, dpa redigiert zu haben?

Und Paid Content — wofür? Für kaum spürbare Eigenleistung? Für ein paar lokale Meldungen, die es auch in lokalen Anzeigenblättern gibt? Und zudem noch demnächst auch von Seiten wie dem inzwischen etablierten “Heddesheimblog” und anderen, die inzwischen in den Startlöchern stehen, angeboten werden?

Natürlich kann man sich fragen, warum man in vielen Häusern nicht sieht, was doch so offensichtlich ist. Auch dafür habe ich bei meinem gestrigen Streifzug eine plausible Erklärung gefunden.  Es gibt in Deutschland immer noch Zeitungen, die per Mail über eine t-online-Adresse, eine sogar über eine Zahlenkombi bei AOL erreichbar sind. Nichts dagegen — aber soll man man von einer Redaktion, die gerade im Mailzeitalter angekommen ist, ernsthaft erwarten, die Herausforderungen der digitalen Welt bestehen zu können?

Viele Verlage haben es sich in den letzten beiden Jahrzehnten kuschelig eingerichtet in ihrer sehr eigenen Welt. Sie haben eine Subkultur entwickelt, die im Wesentlichen aus der Idee bestand, dass es ohne sie nicht geht, trotz Radio, trotz Fernsehen. Die kleine Zeitungsfarm, mit Zäunen abgeschottet gegen  die böse Welt da draußen. Jetzt müssen sie erleben, dass es möglicherweise doch ohne sie geht — und rufen deswegen nach Artenschutz. Und vielleicht würde man sie insgeheim ja auch schützen wollen, weil man sich als jemand, der mit Zeitungen groß geworden ist, einen Tag ohne Zeitungen gar nicht vorstellen mag.

Nur: Bevor es einen Leistungsschutz gibt, müsste es eine Leistung geben, die man schützen kann.