Archiv für 13. August 2010


Journalistenrausschmiss auf katholisch

13. August 2010 - 15:54 Uhr

Zum kirchlichen Charakter des Instituts gehört es auch, dass es keine bestimmte innerkirchliche Richtung vertritt oder favorisiert, sondern offen ist für die Vielfalt christlicher Glaubens- und Lebensstile. Alle, die in der großen Kirche Platz haben, sollen auch im Institut Platz haben – vorausgesetzt allerdings, dass sie dialogfähig sind, das heißt, daß sie ihre eigene Meinung nicht absolut setzen und nicht als die christlich und kirchlich allein mögliche hinstellen. In diesem Sinn soll das Institut einen Raum bieten, in dem jeder seinen eigenen Glaubensweg finden kann – immer in der argumentativen Auseinandersetzung mit den Fragen unserer Zeit. (aus: “Unser Selbstverständnis”, IfP)

Die katholische Journalistenschule in München hat in diesem Jahr einen neuen geistlichen Direktor bekommen. Pfarrer Michael Broch, auch als Rundfunkpfarrer für den SWR tätig,  gehört zu den Geistlichen in der Kirche, die man “unbequem” nennen darf, ohne dass man sich damit der Phrasendrescherei schuldig macht. Am 22. Mai gab er ein Interview in der “Leonberger Kreiszeitung”, das einiges an solchen unbequemen Aussagen enthält: Dem Papst attestierte er, die Kirche “an die Wand” zu fahren, die Sexualmoral nannte der “antiquiert”.  Das System Kirche, so schlussfolgerte Broch, dürfe nicht “von ein paar zölibitären Männern beherrscht werden”. Vor möglichen Folgen solcher Worte hatte er keine Angst: “Ich bin loyal, auch wenn ich motze. Und dann habe ich natürlich als Medienpfarrer mehr Freiheiten – denn meine Kirchenbezirke aus Rottenburg, Freiburg und Mainz haben Respekt vor der Pressefreiheit.”

Man musste sich da schon ein wenig sorgen: Geht das gut?

Es ging nicht. Michael Broch ist heute von seinem Amt als Geistlicher Direktor des IfP zurückgetreten. Liest man die Pressemitteilung der Deutschen Bischofskonferrenz allerdings genauer, müsste man eher sagen: Er ist zurückgetreten worden. Die DKB schreibt unter anderem:

Der Text (des Interviews) enthielt einige Bewertungen der kirchlichen Lage und zuspitzende Aussagen, die in der Bischofskonferenz für unvereinbar gelten mit der Verantwortung, die dem Geistlichen Direktor des ifp zufällt.

Das ist ein ziemlich interessanter Widerspruch zu dem, was für das IfP postuliert ist: eben keine bestimmte innerkirchliche Richtung vertreten zu wollen. Allen Platz zu lassen, so lange sie dialogfähig sind und ihre Meinung nicht als die alleinige kirchlich mögliche hinstellen. Genau das hat Pfarrer Broch getan: Er hat seine Meinung geäußert und keinen Zweifel daran gelassen, dass sie mit der offiziellen katholischen Sprachregelung eben nicht konform geht.

Und das eigentlich Erschreckende daran ist: Man wundert sich nicht einmal darüber. Man ist nicht erstaunt darüber, dass die katholische Kirche von der Amtsmeinung abweichende Äußerungen anscheinend nicht erträgt, nicht einmal dann, wenn es um die Ausbildung von Journalisten geht. Dabei nimmt die Bischofskonferenz doch für “seine” Journalistenschule explizit in Anspruch:

Als Journalisten haben Christen keine andere Aufgabe und keine anderen Normen als die Kolleginnen und Kollegen, die von einer anderen Welt- und Lebensanschauung herkommen.

Die Bischofskonferenz hätte Größe, Glaubwürdigkeit und auch ein modernes journalistisches Sellbstverständnis bewiesen, hätte sie die Meinung eines Pfarrers und Journalisten ertragen. Gezeigt hat sie leider das Gesicht, das man von ihr leider nur zu oft gesehen hat: unversöhnlich, strafend, des Dialogs unfähig. Man muss Brochs Auffassungen nicht teilen — sehr wohl aber muss man sie aushalten können.

Persönlich halte ich diese Reaktion als auch für das IfP ausgesprochen schädlich. Ich kenne das IfP als ein Institut, das in Sachen Journalistenausbildung gute Arbeit auf hohem Niveau leistet. Ich kenne es als einen sehr angenehmen Ort, in dem journalistische Tugenden hoch geschätzt werden, in dem diskutiert und meinetwegen auch leidenschaftlich gestritten wird. Kurzum, als einen Ort, den man aufsuche sollte, will man sich gerade mal wieder im blinden Kirchen-Bashing verlieren.

Als einen Ort autoritärer Glaubensgewalt hingegen — kannte ich das IfP bisher nicht.

(Hinweis: Ich bin ab und zu für das IfP als Dozent tätig. Dies hier ist meine private Meinung.)

Nachtrag:

  • “Über sein dummes Maul gestolpert”: Das erzkoservative “kreuz-net” über die Demission von Pfarrer Broch.
  • “Bischöfe verzeihen dem Papst-Kriker nicht”: Die “Südwest-Presse” über den Rücktritt Brochs und die internen Reaktionen im IfP darauf

1 Kommentar » | NUR SO DAHINGESAGT

Das Sein und der Schein: Alles bleibt anders

13. August 2010 - 10:39 Uhr

Besonders schön findet man Studien ja immer dann, wenn sie etwas belegen, was man irgendwie schon vorher geahnt hat.

Liest man die neueste ARD-ZDF-Onlinestudie, dann zeigt sich insbesondere, wie scheinbar widersprüchlich unsere (im Sinne von: “uns” Onlinern) Wahrnehmung und die Realität sind. Wie tief schon jetzt sich ein digitaler Graben zeigt. Und wie sehr auch im Netz die Macht von nur sehr wenigen Meinungsmachern eine stillschweigende und hinterhertrottende Herde beeinflusst (und insofern die Zustände gar nicht so sehr anders als in den klassisch-analogen Medien sind).

Beispiel der sehr allgegenwärtige Sascha Lobo. Wenn ich es richtig im Kopf habe (und ohne Anspruch auf Vollständigkeit), war Sascha Lobo in den letzten Monaten u.a. im “Spiegel”, im ZDF, in der ARD und auf Arte verhältnismäßig prominent vertreten. Man begründet das gerne damit, dass Sascha Lobo quasi der Inbegriff dieser neuen digitalen Welt sei und insofern auch als ihr Sprachrohr gelten darf. Das wiederum wird gerne mit Zahlen begründet, u.a. mit der, dass Lobo auf Twitter deutlich über 30.000 Follower hat. Das ist angesichts von 80 Millionen Deutschen ja nicht so rasend viel, für Twitter-Verhältnisse aber exorbitant.

Nur, was heißt schon Twitter-Verhältnisse:

Von den rund 75 Prozent aller Deutschen, die inzwischen online sind, sagt also gerade mal ein albernes Prozent, dass es Twitter wöchentlich nutzt. Die Zahl der täglichen Nutzer ist sogar unter der Wahrnehmungsgrenze. Umgekehrt nutzen 97 Prozent der Onliner Twitter nie. Rechnet man dann noch die rund 25 Prozent der Offliner zu diesen Zahlen hinzu, reduziert sich Twitter gemessen am Gesamtpublikum stark in Richtung völlige Irrelevanz (was übrigens auch ein sehr schönes Beispiel für die verzerrte Wahrnehmung von Journalisten und Kommunikatoren ist, nach deren Meinung ein Leben ohne Social Media zwar möglich, aber irgendwie sinnlos ist).

Man muss sich das also mal vorstellen: Da wird jemand auch in analogen Massenmedien zum Meinungsführer gemacht, u.a. mit der Begründung, dass er sich in einer Community, die unter normalen Menschen de facto niemand wahrnimmt, einen großen Fankreis erworben hat. Ebenso auch gerne mit der Begründung, dass er Deutschlands bekanntester Blogger sei, was insofern interessant ist, weil auch bei Blogs 93 Prozent der Online-User von sich sagen, sie nie zu nutzen.

Das ist ein Vorgang, der an sich nicht verblüffend ist. In der Bloggosphäre und auch in Diensten wie Twitter versammelt sich nicht die Masse. Dafür umso mehr: Multiplikatoren, Meinungsmacher, First Mover. Eine extrem meinungsfreudige und meinungsstarke Klientel, deren Wort irgendwann mal Gewicht hat. Was nicht zu kritisieren ist, weil es normal ist. Und was dann gerade im Netz doch wieder erstaunt, weil man in diesem Zusammenhang viel davon spricht, dass es eines der größten Verdienste des Netzes sei, Medien basisdemokratischer zu machen und auch solchen eine Stimme zu geben, die vorher keine hatten. Da ist es dann doch irgendwie eigenartig, wenn letztendlich die alten Mechanismen greifen und ein paar wenige wieder das Wort führen. (Daran sind natürlich konventionelle Journalisten nicht ganz unbeteiligt, man könnte sich ja mit der Szene  beschäftigen und auch mal jemand anderen als Herrn Lobo oder die anderen üblichen Verdächtigen fragen).

Auf der anderen Seite: Es ist ja nicht so, dass hier nur die journalistischen Reflexe greifen. Eigentlich ist es ja nur allzu menschlich, was man momentan im Web erlebt, was vielleicht auch daran liegen könnte, dass man bei 75 Prozent Onliner inzwischen mit guten Gewissen von einem echten gesellschaftlichen Querschnitt sprechen könnte. Und dass die Masse des Publikums nun mal lieber konsumiert als aktiv produziert — soll das wirklich eine Überraschung sein? Selbst dann, wenn Web 2.0 drauf steht: Für die allermeisten Leute ist ihr Bedürfnis (und vermutlich auch ihr Potential) zu texten, zu filmen, zu fotografieren, eher eingeschränkt. man sieht das jeden Tag an den eher kläglichen Ergebnissen bei denen, die auf Hobby-, Bürger- oder sonstwas Reporter als wirklich ernstzunehmende Alternative des Journalismus setzen. Aber auch an den anderen Zahlen, die ARD und ZDF herausgefunden haben:

Schnell zusammengefasst: Man chattet, schaut und postet vielleicht noch irgendwas — die eigene Kreativität hingegen ist verschwindend gering. Vor allem da, wo neben Kreativität auch noch handwerkliches Können gefragt ist: Wenn 85 Prozent von sich sagen, nie irgendwo eigene Videos zu veröffentlichen, hat man schnell eine Ahnung, warum das so sein könnte.

Das Netz ist also angekommen in der Mitte der Gesellschaft. Der Umgang mit ihm ist aber gar nicht mal so anders als mit den “alten” Medien, es schafft nur neue Gesichter.

Sascha Lobo wird´s freuen.

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