Archiv für September 2010


Der Supi-Staatssekretär und das Elend im Journalismus

28. September 2010 - 12:18 Uhr

Prominentester Gast des alljährlichen „Bock auf Rock“-Festivals der Jungen Union Salzweg-Straßkirchen war Staatssekretär Dr. Andreas Scheuer. Unkompliziert und sympathisch mischte sich der aus der JU hervorgegangene deutsche Spitzenpolitiker am ersten Festivaltag unter das Publikum. Am Eingang zahlte er brav seinen Eintritt und ließ sich das obligatorische Eintrittsband am Handgelenk anbringen. Immer wieder hörte man, „das ist ja der Staatssekretär“.

Viele freuten sich über seine Anwesenheit. Und bemerkenswert ist auch, dass Dr. Scheuer, im Gegensatz zu anderen Politikern in ähnlichen Fällen, stets zu „Bock auf Rock“ kommt, unabhängig davon, ob gerade eine Wahl ansteht. Sein Kommentar zur Unser Radio Band „Jump“: „Die spielen eine super Musik.“ Und ob vor oder hinter der Theke, der Staatssekretär machte eine ausgesprochen gute Figur. Und Body-Guards – Fehlanzeige!

Ist das nicht supi mit dem Staatssekretär? Unkompliziert, sypmpathisch, macht eine super Figur, zahlt, obwohl Ehrengast, freiwillig Eintritt. Kommt auch dann, wenn keine Wahlen sind. Ohne Bodyguards!! Und das, obwohl er Spitzenpolitiker ist (was man allerdings etwas einschränken muss, ich weiß nicht, wie bekannt Dr. Andreas Scheuer außerhalb von Salzweg und Hutthurm ist). Da kann man schon mal so erstaunt wie erfreut ausrufen: Das ist ja der Staatssekretär!

Solche wunderbaren Lobpreisungen liest man (leider nicht nur) in der “Passauer Neuen Presse” — und sie sind bezeichnend für das ganze Elend im Lokaljournalismus. Denn das eigentlich Schlimme daran ist: So etwas ist Alltag in deutschen Lokalteilen. Und es ist erklärbar. Und, noch verrückter: Man kann der Redakteuren nicht mal einen wirklichen Vorwurf machen, so bizarr das klingt. Schuld ist eine Jahrzehnte alte Struktur, die über ebenso viele Jahrzehnte funktioniert hat, die jetzt an ihr Ende kommt und die die Regionalblätter in die Lage gebracht hat, in der sie jetzt stecken.

Das konkrete Jubel-Beispiel um den unglaublich sympathischen Staatssekretär im Einzelnen mal aufgedröselt: Der Landkreis Passau umfasst vier Städte, 14 Märkte (bayerische Besonderheit, so eine Art Mittelding zwischen Gemeinde und Stadt), 34 Gemeinden und drei Verwaltungsgemeinschaften. Er dehnt sich auf insgesamt 1500 Quadratkilometer aus, hat aber trotzdem nur gut 120.000 Einwohner. Er ist also das, was Fachleute einen Flächenlandkreis nennen: Lange Wege, wenig Menschen. Betreut wird er neben ein paar kleineren Vertretungen vor Ort vor allem von der Landkreis-Redaktion der PNP mit Sitz in Passau, die mit vier Redakteurinnen und zwei Assistentinnen besetzt ist. Man kann sich also leicht ausrechnen: Selbst wenn alle vier 24 Stunden am Tag arbeiten würden, hätten sie nie auch nur eine halbwegs realistische Chance, 1500 Quadratkilometer und über 50 Städte und Gemeinden journalistisch zu betreuen. Man ist also wirklich eine klassische Redaktion: Man organisiert und verwertet das, was einem freie Mitarbeiter von draußen so alles bringen. Das muss prinzipiell nichts Schlechtes sein, auch wenn man natürlich kaum in der Lage sein wird, über 50 Gemeinden wirklich zu durchblicken, was aber gerade im Lokalen essentiell wäre. Und es müsste auch nichts Schlechtes sein, wenn das Material, das von den Freien geliefert wird, einigermaßen brauchbar wäre.

Das ist allerdings, neben den möglicherweise fehlenden Kenntnissen der Redakteure, was nun gerade wirklich in einem Ort abgeht, das zweite große Problem. Man findet in einer Stadt wie München als freie Mitarbeiter gerne mal einen Studenten der DJS oder jemand anderen, der später mal ein vermutlich guter Journalist wird. Das ist draußen (und da ist es egal, ob der Landkreis Passau oder Höxter heißt) allerdings so schwierig wie die Suche nach der berühmten Nadel im Heuhaufen. Und selbst, wenn sich mal eine echte Perle findet: Die ist schnell wieder weg, um wahlweise zu studieren oder bei einem großen Medium mitzuarbeiten. In der Regel rekrutieren sie sich aus pensionierten Lehrern, Hausfrauen, Schriftführern des Männergesangsvereins. Daraus resultieren dann gleich zwei Probleme: Zum einen hängt man den ganzen Tag über mehr oder minder wenig brauchbaren Texten (und Fotos) und versucht, sie irgendwie so in Form zu bringen, dass sie  nur noch ein bisschen unbrauchbar sind. Und gleichzeitig verliert man dabei jede Zeit (und eventuell auch jede Lust), sich mit dem Verbreitungsgebiet intensiver auseinanderzusetzen, eigene Themen zu setzen, selber zu recherchieren. Stattdessen entsteht ein journalistisches Minidiktat von unbegabten Laien — und  natürlich handfesten Interessensvertretungen.

Beispiel gefälig? Die Geschichte über unseren Supi-Staatssekretär hat ein inzwischen pensionierter Grenzbeamter geschrieben, dem man mit allerbestem Gewissen eine gewisse Nähe zur immer noch staatstragenden Partei in Bayern unterstellt werden darf. Das Supi-Festival, bei dem der Supi-Staatssekretär gesichtet wurde, hat der Sohn des Schreibers mitorganisiert. Man darf sich also zumindest aus deren Sicht überhaupt nicht wundern, wenn die Geschichte lautet: Supisekretär auf Supifestival einer Supipartei!

Natürlich darf man aber auch die einfache Frage stellen: Warum zur Hölle geht sowas mehr oder minder unredigiert ins Blatt (man hofft zumindest, dass es unredigiert ist, weil man andernfalls nicht wissen will, wie der Text vorher aussah)? Warum schmeißt man das nicht weg oder schreibt es zumindest in eine halbwegs erträgliche Fassung um? Auch das lässt sich schnell erklären, wenn man auch nur ein bisschen den Alltag solcher Redaktionen kennt und man ein klein wenig pragmatisch eingestellt ist. Wegschmeißen: geht nicht, weil sonst der Supi-Saatssekretär, der Supi-Autor und der ganze Supi-Ort schon mal gerne Druck machen, der dann im Zweifelsfall bei der geschäftsführenden Verleger-Tochter landet. Umschreiben? Für was? Der Schreiber ist sauer, der Supi-Staatssekretär auch, einen solchen Mülltext kann man eh nicht mehr sehr viel verbessern, vor allem dann nicht, wenn man den ganzen Tag Texte von eher suboptimaler Qualität noch verschlimmbessern muss. Und wem tut es eigentlich weh?

Das alles könnte man verstehen (ich habe das selbst lange genug gemacht), nur von einem kann man nicht verlangen, dass er Verständnis aufbringt: dem Leser, der immerhin zahlende Kunde ist.  Er bekommt jeden Tag ein mangelhaftes Produkt vorgesetzt, das er in vielen Fällen deshalb liest, weil es halt nichts anderes gibt in der Gegend. Er bekommt etwas, was im Grunde mit Journalismus nichts zu tun hat. Eine Ansammlung von Texten, die mehr oder minder alle interessengefärbt sind. Man akzeptiert das im Lokalen, weil man wie selbstverständlich hinnimmt, dass das eben so ist. Dabei gäbe es vermutlich in jeder Nachrichtenredaktion des Landes einen Aufstand, würde der Politik-Teil eines Tages nur aus kaum redigierten Meldungen der Pressesprecher von Parteien und Verbänden bestehen. (“Unkompliziert und ungeheuer sympathisch trat Außenminister Westerwelle bei der UN-Vollversammlung auf. Da ist ja der Außenminister, riefen glückliche vorbeigehende Passanten spontan aus”.)

Das macht die Zukunft des Lokaljournalismus auch so schwierig. Natürlich ist es völlig unrealistisch und ökonomisch auch nicht machbar, plötzlich die Passauer Landkreis-Redaktion mit dem Zehnfachen an Redakteuren auszustatten. Nur dass es immer schwieriger sein wird, die Zukunft eines Regionalblattes zu sichern, wenn man für Nicht-Journalimsus auch noch Geld bezahlen soll – wo es doch zunehmend richtigen Journalismus im Netz gibt. Und das auch noch ganz kostenlos. Vielleicht sollten die Zeitungsverleger mal darüber nachdenken, ob nicht das ihr Problem ist. Selbst wenn man das hier nicht mehr googlen könnte, selbst wenn das hier ein Prüfungsfach in der Schule wäre und selbst wenn es das allerstrengste Leistungsschutzrecht auf der Welt gäbe — das Problem wäre dennoch nicht gelöst.

(via Wahlinfo-Passau)

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Ein Buch – das Update (7): Jetzt mit Dirk

26. September 2010 - 16:21 Uhr

Mir sind ja die Journalisten sehr sympathisch, die es schaffen, enormes Können und blitzgescheite Gedanken entwickeln  – und dabei nicht die Bodenhaftung zu verlieren. Die es, im Gegenteil, keineswegs als lästige Pflicht empfinden, sich mit ihrem Publikum zu unterhalten, sondern als Bereicherung. Die nicht von oben nach unten schauen, sondern ihrem Leser/Zuschauer/Hörer auf Augenhöhe begegnen.

Dirk von Gehlen ist so einer. Einer von denen, von deren Sorte es immer noch viel zu wenige gibt. Umso mehr freut es mich, dass Dirk bei unserem Buchprojekt mit dabei sein und über Themen schreiben wird, die bei vermutlich niemandem so gut aufgehoben sind wie bei ihm (und außerdem bemerke ich jetzt gerade, wo ich das schreibe, dass ich eine Woche nach Beginn dieser Idee mit der gerade in Tabellenform entstehenden ersten Autoren- und Themenliste wirklich sehr zufrieden bin – eigentlich bin ich weiter, als ich mir das in den kühnsten Vorstellungen ausmalen hätte können).

Sie kennen Dirk von Gehlen nicht? Er ist nicht nur Redaktionsleiter bei jetzt.de, sondern auch noch Blogger, was anscheinend (nebenher bemerkt) bei vielen Autoren des künftigen Buchs anscheinend völlig selbstverständlich ist). Und er ist ganz sicher noch ein guter Grund, unser kleines Buchprojekt weiter zu unterstützen.

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Nein, er heißt Andrösen!

26. September 2010 - 15:52 Uhr

Ich habe ziemlich lange überlegt: Ist das jetzt ein Medienthema und somit auf diesem Blog hier zu verorten? Oder doch eher ein Fußball-Thema und damit ein Thema für den Tribünenblogger in mir? Eine Antwort darauf habe ich immer noch nicht gefunden, mich aber dann letztlich dafür entschieden, meinen Senf zum Thema drüben bei der “Abendzeitung” abzugeben. Wenn Sie mögen, können Sie das gerne dort nachlesen, weil es ein bisschen ja doch auch wieder mit Medien zu tun hat.

Und selbst, wenn Sie nicht mögen: Dieses Glanzlicht fußballerischer Kommentatorenkunst möchte ich Ihnen dann doch nicht vorenthalten. Es ist schließlich Sonntag. Und Töppis 60. Geburtstag.

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Zeitung raus, Klassenarbeit!

24. September 2010 - 8:43 Uhr

“Mama, Papa — ich bin durchgefallen. Ich hab´ne 5 in Zeitung.”

“Ne 5? In Zeitung? Kann ja echt nicht wahr sein.”

Dieser Verband ist wirklich ein steter Quell der Heiterkeit: Beim BDZV haben sie jetzt rausgefunden, dass es nicht nur an der zeitungsresistenten Jugend liegt, wenn es mit den Auflagen dauernd abwärts geht (weswegen man bereits die jugenderobernde Initiative “Jule” gegründet hat, die jetzt die Massen an den Kiosk peitschen wird). Man hat noch eine eindeutige Ursache ausgemacht: Schulen, Lehrer, Lehrpläne. Man liest nämlich viel zu wenig Zeitung an den Schulen, weswegen der Verband die Keule rausgeholt hat: Zeitunglesen muss Pflicht werden in der Schule — und nicht nur das: Zeitung muss Prüfungsfach werden! Sie wissen nicht, was ein Zweispalter ist? Sie können den letzten Leitartikel der FAZ nicht rezitieren? Setzen, sechs!

Das Bizarre ist ja: Die “Nationale Initiative Printmedien”, deren Gründung alleine ja schon ein ziemliches Armutszeugnis war, meint diesen Vorschlag vermutlich auch noch ernst. Sie argumentiert mit der gesellschaftlichen Relevanz, die bei Zeitungen ja zweifelsohne gegeben sei. Ein schönes Argument, mit dem demnächst auch “Fernsehen” als Prüfungsfach an den Schulen eingeführt werden könnte. Oder Surfen. Spielen mit dem iPad. Radiohören vielleicht noch als Wahlfach?

Allerdings fragt man sich dann (wieder mal, ich weiß…), ob die Menschen, die für das Printmedium gleich für sich in Anspruch nehmen, “nationale Initiativen” gründen zu müssen, wirklich schon im Jahr 2010 angekommen sind. Nichts spricht dagegen, schon in der Schule Medienkonsum und Medienkompetenz zu thematisieren, sogar als eigene Schulfächer. Es spricht viel dafür, Schülern zu zeigen, wie sie mit dem ganzen Wust an Medien, über den sie inzwischen verfügen können (oder ist es nicht sogar umgekehrt?) umgehen können. Aber wie kommt man dazu sich herauszunehmen, dass man sich zwar mit Zeitungen als Schulfach zu beschäftigen habe, alle anderen aber ausblendet? Ganz offensichtlich ist beim BDZV immer noch nicht angekommen, dass seine Zeitungen eben nur noch einen kleinen Teil einer kaum zu überschauenden Medienlandwirtschaft darstellen. Der Verband betreibt plumpe Lobbypolitik, weil er für seine Idee (die schon jetzt erkennbar eh niemand ernst nehmen wird) keinen einzigen wirklichen Grund nennt, sondern einfach nur sein eigenes Produkt retten will.

Das eigentlich Erstaunliche daran ist, dass der BDZV anscheinend immer noch darauf setzt, einfach die Zeit zurück zu drehen. Statt selber im digitalen Markt mitzumischen, fordert er immer noch eine Rückbesinnung auf die Zeitung. Ganz so, als würden wir immer noch in Zeiten der schweren Druckmaschinen und der röhrenden Lastwagen leben, die in der Nacht tausende Zeitungen ausliefern. Ginge es dem BDZV wirklich um ein gesellschaftliches Anliegen, er würde sich dafür einsetzen, Schüler und vor allem auch Lehrer mit digitaler Kompetenz auszustatten. Stattdessen will er den Schülern jeden Morgen seine Zeitung auf den Tisch legen — und, wenn´s denn nur ginge, am liebsten gleich noch ein Bestellkärtchen fürs Probeabo.


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Ein Buch – das Update (6): Zu Podcaste kommen?

24. September 2010 - 8:28 Uhr

Vorhin eine spontane Idee gehabt: Man könnte sowohl die Entstehung des Buches als auch nach Veröffentlichung ja mit einem regelmäßigen Podcast begleiten. Nicht, weil man das jetzt so hat und weil es modern ist. Sondern weil sich Dinge tatsächlich so rasend schnell ändern, dass man fast eine solche elektronische Plattform bräuchte. Was dafür spricht: schnell reagieren zu können, ein zusätzliches Medium schaffen, Dinge gerade aus dem Audio- und Videobereich anschaulich darstellen zu können. Daneben denke ich, dass man in diesem Podcast nicht nur einfach Ausbildungsthemen darstellt, sondern vielleicht sogar ein Mini-Medienmagazin daraus machen könnte. Letzteres ist allerdings auch das, was aus meiner Sicht etwas dagegen spricht: Medienmagazine gibt´s eigentlich genügend.

Insofern geht die Frage an Sie: Sehen Sie den Bedarf — oder ist das einfach nur überflüssig? Meinungen gerne hier in den Kommentaren oder auf der Facebook-Seite.

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Ein Buch- das Update (5): Der Punk und der Jochen

23. September 2010 - 22:39 Uhr
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Zugegeben,  das Video ist nicht mehr ganz aktuell, weil Markus Hündgen damals noch Ressortleiter bei “Der Westen” war und sich als “Videopunk” in der Netzgemeinde etablierte. Was er sagt, ist trotzdem spannend — und außerdem, um ehrlich zu sein, kann man ja schlecht einen Videomann so ganz ohne Video einführen. Sie ahnen vermutlich, worauf es rausläuft: Markus Hündgen wird bei unserem Buchprojekt das Thema “Video” betreuen, weniger aus der Sicht des klassischen Fernsehens, sondern als jemand, der sich vor allem im Bereich der Webvideos sehr gut auskennt.  Und achja, er hat sich auch angeboten, am Ende unserer Arbeit einen kleinen Promofilm über das Projekt zu machen. Ich hoffe,  er erinnert sich da in ein paar Wochen noch dran. Welcome on Bord, jedenfalls — freut mich sehr, dass Du dabei bist!

Und dann kann ich bei der Gelegenheit noch eine zweite Personalie lüften. Mit dem wunderbaren Jochen Markett war ich in diesem Jahr u.a. in Südafrika, die treueren Leser dieser kleinen Seite werden sich vermutlich an meine epischen Erzählungen erinnern. Jochen hat es großartig hinbekommen, südafrikanisches Chaos zu deutscher Effizienz zu organisieren und  dann auf dem Rückflug von Johannesburg nach Deutschland bei gefühlten 40 Grad Fieber noch das ganze Heft zu redigieren. Beste Voraussetzungen also für dieses Projekt. Jochen hat außerdem noch außergewöhnliche und spannende Erfahrungen mit Journalistenausbildung in etwas entfernteren Ländern, beispielsweise in Dubai. Und er singt den ganzen Tag, wenn man ihn lässt.

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Ein Buch – das Update (4): Kein Verlag, trotzdem Autoren

23. September 2010 - 19:37 Uhr

Gestern gab´s hier Schweigen zum Buch — was allerdings nicht daran lag, dass ich schon wieder die Lust verloren hätte (ganz im Gegenteil). Sondern weil ich beinahe den ganzen Tag zum Telefonieren genutzt habe. Nix gegen das virtuelle Leben, aber manches lässt sich dann doch besser persönlich bereden. Herausgekommen dabei ist vieles, was ich erfreulich finde. Wir sind seit gestern ganz großartig aufgestellt im organisatorischen Bereich, was mir insofern entgegenkommt, weil ich vermutlich der unbegabteste Organisator aller Zeiten bin. Ich habe einen Themenbereich abgedeckt, in dem ich selber nicht wirklich firm bin und habe ansonsten zwei Leute mit an Bord gezogen, von denen ich glaube, dass sie dem Projekt sehr gut tun werden.

Auch zum Thema “Verlag oder nicht Verlag” hat sich sowohl auf der Facebook-Seite als auch in vielen Mails und persönlichen Gesprächen eine sehr klare Tendenz gezeigt: kein Verlag. Um ehrlich zu sein, musste ich bei diesem Thema nicht lange überzeugt werden, der wirkliche Nutzen, einen Verlag an Bord zu holen, hatte sich mir schon vorher nicht erschlossen. Aber was weiß man schon? Wenn gute, sehr gute Argumente pro Verlag gekommen wären, hätte ich sicher darüber nachgedacht. So ist diese kleine Debatte schnell wieder beendet worden. Wenn alles bei diesem Projekt so leicht und reibungslos läuft, mache ich mir keine großen Sorgen. Ach, und weil wir gerade bei Facebook sind: Inzwischen gehen wir, nach gerade mal drei Tagen, stramm auf die 200 “Fans” zu.  Dafür vielen Dank — es geht nicht darum, dass ich mich an diesen Zahlen ergötze, sondern darum, dass es einfach sichtbare Unterstützung ist. Und sollten dann doch mal wieder leise Zweifel an der Sinnhaftigkeit dieser Idee bei mir auftauchen, weiß ich ja, wo ich hinschauen muss.

Inzwischen haben wir auch ein wenig über den Zeitpunkt einer möglichen Erstveröffentlichung nachgedacht, das Ziel ist jetzt mal grob das Jahresende. Ich weiß natürlich, dass das überaus ambitioniert ist. Auf der anderen Seite habe ich die Befürchtung, dass die ganze Sache an Schwung verliert, setzt man sich selbst zu großzügige Ziele. Und außerdem weiß man ja, wie das ist in der neuen digitalen Welt: Die Halbwertszeit bestimmter Dinge ist dramatisch gering — und ein Buch zu veröffentlichen, das am Erscheinungstag schon wieder veraltet ist, das wäre nun wirklich lächerlich.

Insofern, bleiben Sie bitte uns und dieser Idee gewogen — wir werden uns dafür auch ordentlich reinhängen, versprochen.

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Und wo bleibt das Positive (7)?

23. September 2010 - 15:23 Uhr

Ich bin kein Leser der Frankfurter Rundschau. Noch nie gewesen. Es gibt keinen wirklichen Grund dafür, ich habe nichts gegen das Blatt – aber auch nicht wirklich viele, die mich zum Abonnenten lassen würden. Der Umbau ins Tablet-Format hat mich eher kalt gelassen, in welchem Format eine Zeitung erscheint, ist mir eigentlich egal.

Heute dagegen – habe ich mir eine FR gekauft. Nicht am (realen) Kiosk, sondern auf einige Empfehlungen hin für das iPad. Seit heute könnte ich mir vorstellen, die FR regelmäßig zu lesen. Ist das nicht witzig, liebe Verleger?

Erklärt ist das einfach und schnell: Die FR hat seit heute eine App am Start. Eine App, die man gerne nutzt, die gut gemacht ist, die dem Medium gerecht wird, eine App, die nicht einfach nur die Zeitung einszueins auf den Bildschirm holt. Keine Zeitung, sondern ein Bildschirm-Magazin.

Dabei sind viele Dinge, die die FR richtig gemacht hat, eigentlich so furchtbar banal und einfach, dass man sich kaum traut, sie nochmal als grundlegend anzumahnen. Erstens: Ich habe keine Abo- oder sonstwas Verpflichtungen. Wenn ich eine Ausgabe haben will, dann lade ich sie. Einfach, unkompliziert. Am Kiosk muss ich ja auch kein Abo abschließen, wenn ich eine Zeitung kaufe. Zweitens: der Preis. Ich bin keiner der Leser, die wegen einer Preiserhöhung von 10 oder 20 Cent aufhören, eine Zeitung zu lesen. Aber ich habe bis heute nicht verstanden, weswegen ich für eine Einzelausgabe des “Spiegel” mehr bezahle als für ein gedrucktes Exemplar. Merkwürdigerweise: Ich habe zwar gerade noch geschrieben, dass mit bei einem EVP 10 oder 20 Cent egal sind, aber in diesem Fall – ärgere ich mich einfach. 79 Cent hingegen für eine Einzelausgabe der FR, keine Frage, das Vergnügen werde ich mir öfter leisten, auch angesichts der Tatsache, dass der durchschnittliche Preis anderer überregionaler Blätter inzwischen gerne mal in der Größenordnung guter 2 Euro irrlichtert, wobei ich mich bei mancher Dienstags- oder Mittwochausgabe frage, wie man das eigentlich zu rechtfertigen gedenkt (zumal ich dummerweise immer noch die Neigung habe, ab und an in D-Mark-Zeiten zu rechnen und mich dann so rund 4 Mark für eine einzelne Ausgabe einer Tageszeitung immer wieder erschrecken).

Gratuliere also, FR: Das Ding ist gut, es zeigt übrigens in der ganzen Debatte um Zeitungszukunft, dass Menschen sehr wohl bereit sind, Geld für Inhalt und Journalismus auszugeben, wenn sie eine nachvollziehbare, gute Gegenleistung bekommen. Und dass man Zeitungen retten kann, wenn man endlich damit aufhört zu glauben, Zeitungen müssten Zeitungen sein.

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Ein Buch – das Update (3): Ein Verlag und viele Autoren

21. September 2010 - 17:05 Uhr

Gestern nachmittag dachte ich ja irgendwie noch: Das war so die erste Begeisterung, die der eine oder andere vielleicht bei der Idee verspürt hat, dieses Buchprojekt zu machen. Inzwischen habe ich das Zählen aufgegeben. Als heute morgen die Gmail-Inbox über 100 Eingänge meldete, wusste ich zweierlei. Zum einen, dass dieses Projekt offenbar wirklich ein wenig einen Nerv trifft. Und dass zum anderen verdammt viel Arbeit wartet.

Erstmal also das Update seit gestern: Inzwischen haben sich enorm viele Menschen gemeldet, die das Buch in irgendeiner Form unterstützen wollen. Sei es als Autoren, als Lektoren, als Inputgeber. Darunter wirklich ganz großartige Leute, von denen ich jetzt aktuell gerade nicht weiß, ob es ihnen passt, wenn ich ihre Namen hier schon nenne. Tatsächlich sind wirklich gute, bekannte Namen darunter – die sich trotz alledem inhaltlich weit von den Hallers dieser Welt befinden. Ich bin wirklich sehr guter Dinge, dass das inhaltlich dem selbstgesetzten Anspruch gerecht wird. Es ist etliche Male geflattrt worden, der Paypal-Button wurde genutzt. Keine Sorge: Ich bin dadurch nicht reich geworden, aber diese Form der Unterstützung ist einfach nur erfreulich und (Sie gestatten den kleinen Euphorie-Ausbruch) begeisternd.

Ich habe ein bisschen die Befürchtung, dass ich meinem Vorsatz, wirklich jedem, der mir geschrieben hat und der gespendet hat, nicht gerecht geworden bin. Ich habe die Maileingänge zweimal gecheckt, fürchte aber irgendwie, jemanden vergessen zu haben. Wenn das so ist, dann bitte ich um Entschuldigung: Ich freue mich wirklich wahnsinnig, das sind die spannendsten und besten Tage seit langem.

Inzwischen hat sich – ist das nicht witzig? – sogar ein Verlag gemeldet, der Interesse an diesem Projekt angemeldet hat. Ich bin ziemlich unentschlossen, tendiere generell dazu, die Sache nach wie vor verlagslos zu machen. Aber ich wüsste gerne auch Ihre Meinung dazu. Gerne hier in den Kommentaren, gerne aber auch auf der neuen Facebook-Seite (Unterpunkt “Discussions”): Verlag ja oder nein, kategorisch ausschließen oder zumindest mal darüber reden? Ehrlich gesagt sehe ich den Nutzen eines Verlags noch nicht so ganz, er würde Marketing und Vertrieb machen, das ja. Aber andersrum gefragt: Sind “wir” nicht eigentlich genug und vor allem so gut vernetzt, als dass wir das nicht selbst hinbekommen? Außerdem finde ich, dass das Projekt ein wenig an seinem Reiz verlieren würde, würde man nun einen Verlag ins Boot nehmen. Aber wie gesagt: Ich bin auf Ihre Meinungen und Anregungen gespannt.

Heute abend dann: erster Versuch einer Themen- und Autorenliste. Das hat insofern an Relevanz gewonnen, als dass ich anfangs dachte, das auf sehr wenige Leute verteilen zu können/müssen. Sieht völlig anders aus inzwischen, gottseidank.

Und wenn Sie uns und dem Projekt wieder ein bisschen helfen wollen: jeder Tweet, jeder FB-Eintrag, jeder Link tut uns gut. So viel habe ich inzwischen  begriffen: Wir brauchen gar nicht mal so viel Geld (das natürlich dann irgendwann doch auch mal…), als vielmehr Reichweite, Reichweite, Reichweite.

Mehr dann wieder, sobald ich was Neues weiß…

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Jule hat ein kleines bisschen Angst

21. September 2010 - 16:32 Uhr

Man muss schon irgendwie die Angst langsam herauf kriechen spüren, um so etwas zu tun: Der BDZV will sich jetzt mehr um jüngere Leser kümmern, was insofern naheliegend ist, weil es von denen nicht mehr so rasend viele gibt, deren bevorzugtes Medium die gute alte Tageszeitung ist. Man müsste also ran an diese junge Zielgruppe, weswegen man eine GmbH mit dem originellen Namen “Jule” gegründet hat (“Jule” soll wohl abkürzend für “Junge Leser” stehen, woran man dann wieder sehr schön bemessen kann, wie sehr die Verlage von den Jules entfernt sind; die Zielgruppe wird angesichts solcher netten Wortschöpfungen vermutlich sofort in ekstatische Begeisterung ausbrechen).

Mit der Gründung von “Jule” räumt der BDZV allerdings nicht nur ein, dass es sich um das Jungvolk vielleicht ein bisschen wenig gekümmert in den Jahren des Internets. Er gibt auch zu, dass er das junge Publikum eigentlich gar nicht richtig kennt. Schließlich ist es Ziel und Zweck der Gesellschaft, erst einmal herauszufinden, wie man effizient junge Leute für die Zeitungen gewinnt. Im putzigen Pressemitteilungsdeutsch liest sich das dann übrigens so, dass die Verlage die Jugend “erobern” wollen.

Das Problem der Eroberer könnten in vielen Fällen allerdings sie selbst sein. Und nein, jetzt kommt nicht wieder die alte Leier von den fehlenden Angeboten im Online-Bereich (das IST natürlich ein Problem, aber auf dieser kleinen Seite schon hinreichend besprochen worden). Die Probleme liegen zusätzlich anderswo: Zum einen darin, dass sich das Modell Tageszeitung,  von allem ein bisschen, meistens ganz gut, aber nur selten wirklich herausragend zu sein, vor allem bei den Regionalblättern zu überleben beginnt. Es gibt für alles und jeden gute Informationen, die Jules, die der BDZV so gerne erobern will, sind mit dem Wissen aufgewachsen, sich Informationen, Inhalte, kurzum alles was sie interessiert an allen möglichen und unmöglichen Stellen dieser Welt zu suchen. Oder noch besser: darauf zu warten, dass diese Infos dann irgendwann mal bei ihnen eintrudeln, ob jetzt per sozialem Netzwerk, via RSS oder auf dem Handy, das spielt für sie keine wirkliche Rolle mehr. Das bedeutet zuvorderst: Den eigentlichen großen Nutzen, den die Tageszeitung früher unbestritten für sich in Anspruch nehmen konnte, den gibt es nicht mehr. Der Ansatz, den die Jule-Initiative erahnen lässt, läuft irgendwie auf Jugendseiten und andere ebenso nette wie nutzlose Insellösungen heraus.

Und selbst wenn man unterstellen würde, die Jules würden nun alle aus unerfindlichen Gründen wieder ihre Liebe zum gedruckten Papier entdecken: In vielen Redaktionen lauert ein tiefsitzendes Problem namens Altersstruktur. Redakteure jenseits der 40, die häufig den Kern der Truppe ausmachen, werden kaum in der Lage sein, den Ton zu treffen und die Themen zu finden, die für die zu erobernden Kids relevant sind. Ich hab´nix gegen 40jährige, ich habe selbst eine Vier als erste Zahl im Alter stehen. Aber ich würde mir auch auf gar keinen Fall zutrauen, ein Medium zu machen, das 15- oder 20jährige heute interessant finden. Dementsprechend staubig und ungelenk kommen dann auch viele Blätter im Ton daher. Tageszeitung hat nichts Cooles, nicht als Medium, nicht als Inhalt – mir ist unerfindlich, warum heute ein 20jähriger die “Passauer Neue Presse” oder vergleichbares lesen sollte, so tüdelig, behaglich, behäbig viele von ihnen des Wegs kommen. Das ist wie mit dem Rentner, der plötzlich Jeans anzieht und locker sein will: Im schlimmsten Fall wird er ausgelacht. Im besten Fall ignoriert. Die Chancen, als relevant oder wirklich cool wahrgenommen zu werden, tendieren gen null.

Der Ansatz von Jule ist zudem auch aus anderer Sicht falsch:  Er geht immer noch davon aus, dass das Geschäftsmodell, das eigentlich relevante und wichtige Medium Zeitung heißt. Man begreift einfach nicht, dass viele Jules Zeitungen nicht lesen, weil sie Zeitungen sind. Das ist keine wirklich schöne Erkenntnis, ändert aber nichts an ihrem Wahrheitsgehalt. Menschen kaufen ja auch nicht immer weniger CD´s, weil sie keine Musik mehr mögen, sondern weil sie keine CD´s mehr haben wollen. Man würde in dem Zusammenhang dann gerne den durchschnittlichen Kommentar eines durchschnittlichen Wirtschaftsredakteurs einer durchschnittlichen Zeitung lesen, würde die Musikindustrie eine Initiative zur Förderung des CD-Verkaufs starten. Man würde vermutlich lesen, wie albern das sei, sich so an den Datenträger CD zu klammern, dessen Ende absehbar ist.

Es müssen einem dann schon die Argumente ziemlich ausgegangen sein, wenn man ernsthaft behaupten will, das “verschiedene Studien” belegen würden, junge Menschen, die regelmäßig Zeitung läsen, würden in Schule und Beruf weitaus bessere Leistungen erbringen als die Nicht-Lesenden. Das mag im Ansatz schon richtig sein, wenn man den Begriff  ”Zeitung” weg lässt. Wer liest, weiß mehr, das ist eine ebenso uralte wie banale Erkenntnis. Nur dass die Zeiten, in denen man problemlos “Lies Zeitung, das macht schlau” sagen konnte, lange vorbei sind.

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