Archive for September 7th, 2010
Zwerge im Apfelkosmos
Die Medienseite der “Süddeutschen Zeitung” klang irgendwie enttäuscht in diesen Tagen: All die schönen Hoffnungen, die die Verlage in das iPad gesetzt hatten, seien nicht erfüllt worden, beklagte man. Stattdessen habe sich Apple als eine Art Kontrollfreak erwiesen, der in erster Linie an seinen eigenen Verdienst denke und vor allem den Verlagen die Beziehungen und Kontakte zu seinen Kunden aus der Hand nehmen wolle.
Das ist nun wirklich überraschend — also, nicht etwa, dass Apple in erster Linie sein eigenes Business betreiben will. Sondern dass man in der SZ und in den Verlagen erst jetzt auf eine Erkenntnis kommt, die alles andere als neu ist. Apple, der Riesenkonzern, der es sich sogar erlaubt zu entscheiden, dass eine weltweit gebräuchliche Software nicht auf seine Geräte kommt, ein Konzern, der weltweit den großen Telkos vorgibt, wie und was sie mit seinen hübschen Handys machen dürfen und der es sich erlauben kann, einer einzigen Firma die Exklusivrechte zm Vertrieb seines Handys zu geben und alle anderen, gewiss nicht kleinen Mitbewerber auszuschließen — dieser Konzern also soll besondere Rücksichten auf die Befindlichkeiten deutscher Zeitungsverlage nehmen? Mr. Jobs wird im Stillen lächeln über diese absonderliche Vorstellung. Zuma, es so aussieht, als dämmere es der SZ und einem beträchtlichen Teil der deutschen Verlage, welche Rolle ihnen in der neuen Medienwelt noch zukommt. Es ist eine deutlich kleinere als bisher. Ob die SZ oder sonstwer eine App für das iPad anbietet, ist Apple im Zweifelsfall völlig egal. Der SZ (oder sonstwem) sollte es das nicht sein.
Das das iPad nicht per se die Rettung der darbenden Branche sein würde, war von vornherein absehbar. Das ipad wie alle anderen Tablets auch sind keine Zeitungslesegeräte. Womöglich haben Zeitungen und journalistische Angebite dort auch ihren Platz, aber eben nur neben irgendwelchen Spielen, praktischen Anwendungen und all dem andere mehr oder wenigen nützlichen Kram, der auf einem solchen Ding installiert ist.
Das iPad (wie alle anderen Tablets) ist also kein Papierersatz. Es rettet nichts, außer Apple. Trotzdem ist es unsinnig, jetzt die Enttäuschung herauszukehren und zu lamentieren, dass Apple bei seinem Produkten und seinen Geräten erstmal an sich selbst denkt. Tatsächlich kommt hinzu, dass in vielen Häusern dem iPad anscheinend eine Art Selbstheilungskraft für Verlage zugesprochen wurde. Man geht irgendwie aufs iPad und dann wird alles gut. Gemessen an dieser (unrealistischen) Erwartungshaltung ist enttäuschend wenig passiert.
Der „Spiegel“ hat eine App an den Start gebracht, der man wenigstens attestieren muss: Sie versuchen es. Die App ist schnell und einfach bedienbar, journalistisch gesehen versucht sie sich wenigstens an einigen Mehrwerten. Jeder Ausgabe liegt quasi ein virtueller Beihefter in Form eines größeren Videobeitrags bei, dazu wird der eine oder andere Beitrag mit Videos und Animationen ergänzt. Das ist irgendwie rührend bemüht, weil man sich bei dem einen oder anderen Video, das zu einem Beitrag dazugepappt wird, schon fragt, wo man den denn jetzt rumliegen hatte. Zudem gibt´s vertonte Slideshows oder kurze Video-Gespräche mit den Autoren einer Geschichte. Das alles ist, wie gesagt, ganz hübsch, aber noch kein wirklicher Grund, für die iPad-Ausgabe 15 Cent mehr als für den gedruckten Spiegel zu bezahlen. Immerhin hat man ihn dann jetzt aber schon am Samstag abend, was den meisten eher egal sein dürfte, für Journalisten ist der Zeitvorsprung aber durchaus relevant. Inzwischen gibt es eine neue Version der App, die ein paar zusätzliche Funktionen bietet wie beispielsweise das Offline-Sehen der Videos.
Die „Zeit“ gibt es seit dieser Woche ebenfalls als App — dort geht man den entgegengesetzten Weg. Zwar konzentriert sich die „Zeit“ weitgehend darauf, dass man das gedruckte Exemplar lesen kann, allerdings ist die iPad-App selbst nach Ende der Einführungsphase deutlich günstiger als die gedruckte Ausgabe. Davon abgesehen: Bei der „Zeit“ kommt zumindest für mich ein erheblicher Bequemlichkeitsfaktor hinzu. Das Format der gedruckten Ausgabe fand ich immer unerträglich und ein Kilo Papier irgendwohin mitzunehmen auch. (Nebenbei: Manche Kommentare der „Zeit“ wie jetzt beispielsweise zum Urteil im Brunner-Prozess, das man irgendwie zum Justiz-Skanda verklären wollte, halten mich dann tendenziell von einem Abo ab. Jens Jessen sowieso. Aber es zählt der gute App-Wille).
Und sonst? Die SZ, die sich über Apple beklagt, bietet eine hochgradig ausbaufähige iPhone-App, auf dem iPad ist sie nicht zu sehen. Ebenso wenig wie eine FAZ, ebenso wenig wie viele andere große und mittelgroße Blätter. Und dort, wo man über erste Planungen über eine App nachdenkt, reduziert man sich letztendlich darauf, Inhalte reproduziere zu wollen. Das iPad als neuer Vetriebskanal, das war´s. Das man Journalismus auf dieser Plattform völlig neu denken müsste, neu erfinden müsste — auf die Idee kommen die meisten bei ihren Planungen nicht.
Interessant daran: Fast kein Verlag wird müde zu betonen, dass die lieben Leser durchaus bereit wären, für Inhalte auf dem iPad zu bezahlen. Es gibt sogar die nicht ganz falsche These, dass der Begriff Website bei den meisten die Assoziation “kostenlos” wecke, während man bei einer App wisse: Das kostet was. Nachvollziehbar, nur eine Frage wird ein bisschen arg wenig beantwortet: Für was sollen die Leute denn so gerne ihr Geld ausgeben? Für das, was sie vorher gedruckt schon nicht gekauft haben?
Natürlich hat zur Zeit statistisch gesehen nur jeder 800. Deutsche ein iPad. Aber die Zahl der Tablet- und App-Benutzer dürfte sich in den kommenden zwei, drei Jahren massiv erhöhen. Man muss befürchten, dass das Lamento über die neue Digitalwelt dann in die nächste Runde geht.