Archiv für Oktober 2010


Der Kunde ist wenig – oder: @Telekom_hilftnicht

31. Oktober 2010 - 15:19 Uhr

Soso, man will das alles gar nicht so sehr mit diesen Sozialen Netzwerken, hat uns u.a. die “WuV” jetzt wissen lassen. Weil das eh alles nicht wirklich funktioniere und tendenziell ja überschätzt sei, so wie das ganze Internet. Dabei wäre es vielleicht sinnvoll, Ursachenforschung in die andere Richtung zu betreiben — um dann die Frage zu stellen: Funktioniert das ganze Social-Media-Gedöns vielleicht deswegen nicht, weil man meint, soziale Netzwerke seien eine Art Selbstläufer, bei dem man nur sein Firmenlabel draufpappen und ein bisschen nettes Marketinggewäsch dahersäuseln muss? Weil man meint, ein Kunde, ein Nutzer, ein Leser müsse glücklich sein, nur weil es das Unternehmens seines Misstrauens jetzt auch bei Facebook gibt?

Dass die Bahn momentan in ein veritables Social-Media-Desaster mit ihrer Kampagne zur Einführung eines neues Tickets schlittert, ist noch nicht mal ein so großes Wunder. Wer momentan mit einem unbeherrschbaren Thema wie Stuttgart 21 zu kämpfen hat, darf sich nicht wundern, wenn dann auch ein Kanal wie Facebook mit dem Thema zugeballert wird, selbst wenn man nur ein Ticket verkaufen will. Ausnahmesituation also (obwohl bei der Bahn die Ausnahmesituation ja fast schon wieder Alltag ist). Erstaunlicher und bezeichnender ist der dunkelgraue Social-Media-Alltag von Firmen und Medienunternehmen, die zwar postulieren, die Segnungen begriffen haben, dann aber letztendlich doch nur RSS-Feeds irgendwo reinlaufen lassen oder albernes Werbedeutsch verbreiten.

Nehmen wir mal die Freunde von der Telekom, die gerade eben ihr Monopol mit dem iPhone verloren hat. Keine Ahnung, ob man auch deswegen in sozialen Netzwerken einiges an Aktivität an den Tag legt. Jedenfalls gibt es die Telekom bei Facebook, wo man sich als Produktester für ein neues HTC-Handy bewerben kann (was natürlich nichts mit dem Verlust des iPhones-Monopols zu tun hat, trotzdem schwärmt man jetzt schon wie wild vom neuen HTC). Und bei Twitter gibt´s einen Account namens @Telekom_hilft.

Bisher war mir dieser Kanal nicht so sehr durch tatkräftige (Über-)Lebenshilfe im magentafarbenen Dschungel aufgefallen. Sondern eher als Werbesäusler, die in einer Tour auf neue Produkte und Tarife hinweisen und ansonsten den Tag gerne mit dem Hinweis beenden, dass er supisupisupi war und dass man sich eigentlich nichts Schöneres denken kann, als den ganzen Tag “Service in 140 Zeichen” anzubieten. Normalerweise bin ich ja dafür, solche “We love what we do”-Gesummsel nicht mal zu ignorieren. Aber weil ich am Freitag ziemlich spontan ein kleines T-Mobile-Problem bekommen habe, dachte ich mir: Versuchst du es mal. Zumal ich es zunächst auf konventionellem Weg versucht hatte und eine Mail an eine Adresse geschrieben hatte, die ja in sich schon irgendwie ein Paradox ist: kundenservice@t-mobile.de. Und immerhin, innerhalb allerkürzester Zeit kam tatsächlich eine Antwort:

Nun gut, denkt man sich, ist zwar automatisiert, aber besser als nix. Und “in Kürze”, das klingt vielversprechend, wenn auch relativ. Zumal ich schon mal früher dorthin hingeschrieben habe und erst nach drei Tagen eine manuelle Antwort erhielt, in der man mitteilen ließ, da leider auch nicht weiterhelfen zu können. Die Frage, ob man eigentlich immer drei Tage für eine solche Antwort benötige, ließ der Kundenservice unbeantwortet (sie werden wissen warum). Passiert ist jedenfalls auch diesmal, was irgendwie zu erwarten war: Auch wenn Kürze ein relativer Begriff ist, habe ich nach ein paar Stunden dann doch etwas die Geduld verloren, zumal meine Frage eine eher simple (trotzdem aber dringende) war. Also nochmal geschrieben, mit dem Hinweis, dass meine Frage simpel, aber dringend sei. Und ob es möglich sei, sie noch heute im Laufe des Tages zu beantworten (die ursprüngliche Mail hatte ich am ziemlich frühen Vormittag geschrieben).

Und weil es ja nicht so ist, dass die Telekom auf drängelnde Kunden nicht eingestellt wäre, kam die Antwort umgehend. Nämlich mit einer Mail (standarisiert), dass ich mich offensichtlich nochmals mit meinem Anliegen an T-Mobile gewendet habe und dass ich schon in Kürze…

Das mit der Kürze kennt man ja inzwischen bei den hilfsbereiten Herrschaften. Weswegen mir in meinem ganzen Elend einfiel: @Telekom_hilft! Twitter! Service in 140 Zeichen! Meine Rettung. Deshalb Frage und Bitte in 140 Zeichen:

Die Herrschaften von @Telekom_hilft kreieren danach eine völlig neue Form: Service in null Zeichen! Sprich: keine Antwort. Aber möglicherweise habe ich mich ja auch einfach nur missverständlich ausgedrückt, oder jemand hat den Tweet übersehen oder die sind überlastet, weil so viele Menschen gerade Service in 140 Zeichen wollen. Was aber irgendwie nicht wirklich plausibel ist, weil man immerhin zwischendrin Zeit für die generelle Miteilung gefunden hat, dass das iPhone ein tolles Telefon, aber das neue HTC mindestens genauso gut sei. Also nutze ich die Gelegenheit, als der Account gerade mal wieder postuliert, wie geil das ist, wenn man den ganzen Tag jemandem helfen könne, um vorsichtig nochmal die Hand zu heben:

Überrascht, dass es wieder keine Antwort gab? Nein? Ich zwar auch nicht, aber ich kann ja hartnäckig wie Beulenpest sein. Und deswegen nochmal der Versuch, diesmal in etwas, nunja, deutlicheren Worten:

Danach: Kapitulation. Drei Tweets, drei Mails, keine Reaktion, außer der vollautomatisierten, dass man bestimmt in Kürze irgendwann vielleicht mal antworten werde. Das heißt, halt…da gibt´s ja auch noch Facebook, wo sich die kundenfreundliche Telekom inzwischen ebenfalls versammelt hat und dort bejubelt, dass man seit September schon über 2000 Fans gewonnen habe (nebenbei bemerkt ist auch das so eine Sache: Um eine Antwort auf eine Frage zu bekommen, MUSS ich Fan dieser Seite sein, was sprachlich gesehen irgendwie Panne ist. Ich will kein “Fan” eines Konzerns werden und Freund eigentlich auch nicht, ich will verdammt noch mal nur eine Antwort auf eine Frage).

Ich verpasse der Seite also auch einen Like-Button, was zu den dreistesten Lügen meines Lebens gehört. Die kleine Flunkerei lohnt sich zudem nicht, weil der Großkonzern Telekom soziale Netze so verstanden hat, wie man sie in der analogen Welt eben so versteht: Es gibt Facebook-Bürozeiten, das Netz schläft am Wochenende. Montag bis Freitag, 8 bis 20 Uhr. Wer danach oder dazwischen irgendwie mit seinem frisch gewonnen Freund Telekom kommunizieren will, hat Pech gehabt (und ich gehe davon aus, dass dies angesichts des morgigen Feiertages auch für den Montag gilt). Kein Wunder also, dass man bei Facebook eine ganze Reihe von kleinen Problemen und unfreundlichen Beschimpfungen lesen kann, die unkommentiert bleiben. Es ist ja schließlich Wochenende und am Wochenende hat auch das Netz Ruhe zu geben. Einer beschwert sich interessanterweise, dass Kundenservice und Qualitätsmanagement zwischenzeitlich anscheinend wieder auf altem und damit leider nicht so sehr zufriedenstellenden Niveau  angekommen seien. Antworten gibt es keine, man liest aber in den Dialogen mit den Kunden dafür umso lieber den Hinweis auf die neuen Kracher-Tarife und natürlich das neue HTC, das ich nicht kenne und momentan auch nicht kennenlernen will, weil ich es schon für nervig genug halte, dass mein iPhone gerade nicht will und ich von der hilfsbereiten Telekom keinerlei Antwort bekomme und vermuten muss, dass dies frühestens am Dienstag der Fall sein wird, rund 100 Stunden nach meiner ersten Mail. Wenn überhaupt. Die müssen ja vermutlich erst mal den ganzen Krempel des langen Wochenendes abarbeiten.

Soziale Netzwerke funktionieren nicht? Das Problem ist ein anderes: dass nämlich viele — Redaktionen und Medienhäuser keineswegs ausgenommen — schlichtweg nicht begriffen haben, wie das funktionieren könnte. Wer sich in ein soziales Netzwerk begibt, gibt gleichzeitig ein Versprechen ab. Das Versprechen, kommunizieren zu wollen. Und keineswegs nur Werbungsgesumms abzuliefern. Zumindest könnte man das als Kunde, der ja immerhin gleich Fan werden soll, erwarten. Standardmails, automatisierte Feeds und vollständig sinnbefreites Gerede will man dort also gerade nicht (gut, das will man sonst auch nicht, aber hier noch weniger).

In der W&V, um auf den Anfang zurückzukommen, postuliert man u.a., dass es das eine oder andere Unternehmen gegeben habe, dass ungebremst in einen Social-Media-Gau geraten sei. Man muss kein Internet-Hasser sein, um zu prophezeien: Da wird es auch weiterhin einige geben. Weil sie sich immer noch weigern, sich ernsthaft mit jenem Medium zu beschäftigen, das ihnen irgendwann mal die Zukunft sichern soll. Mein nächstes iPhone jedenfalls kaufe ich bei Apple, vertragsfrei. Ist das nicht hübsch bezeichnend?

Update 1.11. 16 Uhr: Der Twitter-Account @Telekom_hilft hat sich inzwischen gemeldet und bedauert, dass sich der Kundenservice noch nicht gemeldet hat. Ich solle ihnen doch bitte followen, damit wir per DM kommunizieren könnten. Ich followe denen zwar schon lange, aber immerhin, ein Lebenszeichen. Was man vom Kundenservice nach wie vor nicht sagen kann.

Update 1.11., 18 Uhr: Via DM hat sich der Twitter-Account jetzt bei mir gemeldet und darum gebeten, dass ich per Mail meine Kundendaten schicke. Habe ich jetzt gemacht. Verstehen muss ich das ja jetzt nicht, oder? Der Kundenservice, den ich am Freitag vormittag und somit vor über 100 Stunden angemailt habe, schweigt. Dafür bekomme ich Tweets von der Telekom, dass ich ihnen mailen soll.

5 Kommentare » | MEDIENZUKUNFT, ONLINE/MULTIMEDIA

Man wird wohl noch löschen dürfen

30. Oktober 2010 - 13:12 Uhr

Eigentlich wollte ich ja zu dem vermeintlichen “Konstantingate” nichts schreiben, weil es ohnehin schon fast alle getan haben. Nachdem die Debatte um die vermutlich gefakten Kommentare auf den Blog von Stefan Niggemeier momentan etwas absurde Ausmaße annimt, würde ich aber doch noch gerne das eine oder andere sehr Grundsätzliche loswerden.

Komisch ist das ja, erstens, irgendwie schon. Bisher dachte ich immer, es sei so eine Art Selbstverständlichkeit, dass jemand, der etwas halbwegs Ernsthaftes zu sagen hat, das auch unter seinem richtigen Namen tut. Oder wenigstens dem anderen, in dem Fall dem Bloginhaber, innerhalb des Kommentarformulars eine Möglichkeit gibt zu verifizieren, um wen es sich handelt.   Wenn irgendjemand anfängt, Kommentare zu fingieren, dann finde ich den Hinweis auf Datenschutz und Anonymität, die man irgendjemandem zusichert, reichlich bizarr. Es gibt Spielregeln, an die sich beide Seiten zu halten haben. Kommentare faken und dann auf Datenschutz pochen ist in etwa wie ein Banküberfall und einem Bestehen auf freien Abzug, weil im Grundgesetz Bewegungsfreiheit garantiert ist.

Ich habe, zweitens, keinerlei Ahnung, welche Version die Richtige ist. Sprich: Ob Konstantin Neven DuMont tatsächlich hinter der Kommentarspammerei steckt oder ob es, wie er behauptet, Mitarbeiter waren, die an seinem Computer Zugang hatten. In dubio pro reo, klar. Aber ich wüsste zumindest, was ich mit Mitarbeitern/Kollegen/Freunden machen würde, die an meinem Computer und unter Angabe meiner Mailadresse irgendetwas machen würden, ganz egal, ob sie Kommentarspam schreiben, einen Blogeintrag schreiben oder Pornos bestellen. Man darf es also dann bitte wenigstens noch merkwürdig finden, dass ein Großverlag zur Erklärung für einen solchen Vorfall nichts anderes anführen kann als: Waren zwei böse Mitarbeiter. Wir haben ihnen gesagt, dass sie das in Zukunft beiben lassen.

Und schließlich, das als Drittes, ist es eine Frage des persönlichen Umgangs, wie man so etwas handhabt. Ich habe (angesichts dieser Dimension würde ich sagen: gottseidank) nicht im Ansatz diese Kommentarfluten wie der Kollege Niggemeier und die Zahl der Trolle hat sich bisher in überschaubaren Grenzen gehalten. Trotzdem ist es natürlich nicht immer nett, was man so alles zu lesen bekommt und manche Menschen sind mit penetrant” noch sehr höflich beschrieben. Einer hat mich mal als “Nazi” , bezeichnet, jemand anderes meinte, er müsse dringend mal meine ganzen Charaktereigenschaften öffentlich diskutieren, einer empfahl mir, ich solle mich doch endlich vor einen Bus werfen und Ruhe geben. Dass ich so etwas nicht veröffentliche, war für mich zu keiner Sekunde eine Frage. Ich bin für jede Saalschlacht im Netz gerne zu haben, finde aber nicht, dass das Netz jegliche Grundlagen menschlichen Anstands aufhebt. Umgekehrt habe ich für mich eine denkbar einfache Lösung gefunden: Löschen. Ohne jegliche Erklärung. Wenn mir jemand empfiehlt, mich vor einen Bus zu werfen, muss ich ihm nicht erklären, warum ich das jetzt nicht für eine so gute Idee halte.

Und schließlich, als viertes: Ich würde Ihnen gerne diesen Text ans Herz legen, weil man das Thema “Kommentieren im Internet” nicht treffender beschreiben kann.

3 Kommentare » | NUR SO DAHINGESAGT

Da sind wir aber pad!

29. Oktober 2010 - 23:45 Uhr

Keine Ahnung, ob Matthias Döpfner und die anderen Verleger gerade bei täglichen Steve-Jobs-Dankeskniefall gestört werden (vermutlich nein, weil sie diese kleine Seite nicht lesen).  Aber weil man mich in letzter Zeit ziemlich oft gebeten hat, auf Veranstaltungen etwas Sinniges zum Thema “Medien & iPad” zu sagen und ich befürchte, dass ein schlichtes “Wir werden sehen” für einen Vortrag nicht ausreichen wird, quäle ich mich gerade den dritten Abend am Stück durch Zahlen, Statistiken und Studien. Auf der Suche nach Erkenntnissen, die es naturgemäß in einem so jungen Markt noch gar nicht geben kann. Das heißt, zumindest zwei habe ich dann doch gefunden. Erstens: Nichts genaues weiß man nicht. Und zweitens:  Es ist dann doch immer wieder interessant, wie man sich Ergebnisse einer Umfrage so lange hinbiegen kann, bis sie den eigentlichen Zweck erfüllen. Ich wäre jedenfalls keineswegs so optimistisch, wie manche Verlage es jetzt sind (ich vermute, das überrascht Sie jetzt nicht).  Zumal man mal wieder den Haken solcher Umfragen sieht: Die Realität ist anders. Kennt jeder, der schon mal Wahlumfragen gelesen hat: Niemand wählt rechts, niemand schaut Pornos, niemand isst Fast-Food.

Bei Tomorrow Focus hat man sich die Mühe gemacht, eine komplette Studie/Umfrage zum Thema iPad-Nutzung zu erstellen. Bei der kommt raus: Der Nutzer hat sehnsüchtig aufs iPad gewartet — noch sehnsüchtiger wartet er jetzt auf journalistische Inhalte (vermutlich vor allem aus dem Hause ToFo).

(Quelle: Tomorrow Focus AG)

Das Lesen von Tageszeitungen und Zeitschriften spiele eine große Rolle, schreiben die Studiosos von ToFo, weil das Lesen von Tageszeitungen und Zeitschriften eine der meist genutzten Anwendungen auf dem iPad sei. Man wüsste in dem Zusammenhang ja gerne, was damit gemeint sein könnte, man kann ja “die Tageszeitung” inzwischen auch ganz gut auf konventionellen Webseiten lesen. Dass quasi auch 88,9 Prozent der iPad-Nutzer auch eine entsprechende und womöglich sogar kostenpflichtige App geladen haben, lässt sich daraus jedenfalls nicht ableiten. Und von Tageszeitungen schon gleich gar nicht, was allerdings insofern schon nicht erstaunlich ist, als dass es ja bisher noch nicht so rasend viel an Tageszeitungs-Apps in Deutschland gibt (ich kenne aktuell nur drei). Jedenfalls findet sich bei den Gratis-Apps gerade im Moment die von N24 als die am meisten geladene Medien-App im iPad-Store — auf dem sensationellen 42. Platz. Davor rangiert alles mögliche, nur kein Medienkram. Auch bei den Bezahl-Apps sieht es kaum besser aus, auf Platz 32 findet sch gerade im Moment mit “Geo Selection” die erste im erweiterten Sinne medienbezogene App. Unter den ersten 200 bezahlten Apps findet sich ansonsten nichts, was aus dem Medienbereich kommt. Zugegeben, bei manchen Apps lässt sich das auch nicht erwarten, wenn sie wie beispielsweise die des “Spiegel” ja nur Reader sind, die man einmal lädt und danach nie wieder. Trotzdem: Aus den Tatsachen der App-Charts ableiten zu wollen, dass das Lesen von Zeitungen zu den beliebtesten Beschäftigungen gehört, ist, nun ja, gewagt.

Glaubt man den ToFo-Strategen,kommt es aber noch viel doller, Hubert Burda wird sich die Hände reiben, weil das Ende der “lousy pennies” gekommen sein dürfte. Die iPad-Nutzer, eine im Übrigen anscheinend schwer reiche Klientel mit enorm hohen Entscheider-Anteil, ist enorm zahlungsbereit, subsumiert man bei ToFo. Sie WOLLEN Geld ausgeben. Fast die Hälfte will das! Das kann man sogar so rechnen, man sollte nur vielleicht auf eine zweite Zahl schauen — nämlich die, die aussagt, wieviel Geld iPad-Nutzer im Monat auszugeben bereit sind.

(Quelle: Tomorrow Focus AG)

Über 50 Prozent wollen also Geld ausgeben – dummerweise sagen insgesamt rund 20 Prozent, dass sie nicht mehr als 5 (!) Euro im Monat (!!) ausgeben würden, die anderen sind wenigstens bereits, stolze 10 Euro am Tag pro Monat auszugeben. Bizarrer Gedanke: Würde man bei Burda ebenso jubeln, wenn es eine Studie gäbe, die besagen würde, dass es Menschen gibt, die bereit sind, einmal in Monat 5 Euro für den “Focus” auszugeben? Liest man das also etwas anders, muss man feststellen: Für journalistische Inhalte wollen über die Hälfte der iPad-Nutzer nicht mehr als 10 Euro im Monat ausgeben, was einem Tagesbudget von etwa 30 Cent entspricht. Da lauert ja ein riesiges Potential an Paid Content. Knapp 20 Prozent wollen übrigens, richtig, gar nix ausgeben für Journalismus.

Macht aber nix, laut Studie freuen sich die iPad-Nutzer nicht nur, wenn sie zahlen dürfen, sie sind auch glücklich, wenn sie Werbung aufgespielt bekommen (ein unfassbar tolles Publikum, diese iPad-Benutzer).

(Quelle: Tomorrow Focus AG)

70 Prozent akzeptieren es (mehr oder minder zähneknirschend), wenn Werbung kostenlose Angebote finanziert. Immerhin empfinden aber 40 Prozent Werbung als störend. Was letztendlich alles keine wirklich neuen Erkenntnisse sind, das weiß jeder Privatsender, dass Menschen zur Werbung ein ambivalentes Verhältnis haben. Dass sie darüber glücklich sind, kann man daraus vermutlich nur ableiten, wenn man eine Studie mit möglichst erfreulichem Ergebnis erstellen muss.

Letztendlich verändert sich vieles auf dem iPad also gar nicht – manches wird dagegen eher sogar schlechter.  Die zähneknirschende Akzeptanz als Phänomen kennen wir, die viel bejubelte Zahlungsbereitschaft für Inhalte hingegen ist ein mittlerer Alptraum. Wenn jemand bereit ist, 5 Euro im Monat für Journalismus auszugeben, dann kann man sich kaum darüber freuen. Das sind zwei SZ-Ausgaben im Monat. Oder eineinhalb “Spiegel”. Oder eine viertel Rundfunkgebühr. Kurzum, daraus lässt sich nicht sehr viel ableiten, außer: Diejenigen, die es haben, lieben ihr iPad. Der Markt wird weiter wachsen, explosionsartig. Vielleicht werden Tablets schon bald der wichtigste Kanal für Noch-Printprodukte sein. Nur das mit der Finanzierung, das werden wir uns auch auf dem iPad nochmal überlegen müssen. Das Modell Inhalt für Geld wird auch hier nur sehr eingeschränkt funktionieren.

Toll ist das Ding trotzdem, das ich mir gleich nehmen und dort den neuen “Spiegel” lesen werde. Auf Papier habe ich den “Spiegel” zum letzten Mal vor knapp drei Monaten in der Hand gehabt.

7 Kommentare » | MEDIENZUKUNFT

Neues Leben in den Nischen

28. Oktober 2010 - 0:33 Uhr

Auf den ersten Blick haben Journalismus und die geplante Volkszählung in den 80er der alten, gemütlichen Bundesrepublik nicht sehr viel miteinander zu tun. Eigentlich sogar: gar nichts. Nur eines haben die beiden Dinge gemeinsam: Damals wie heute hat man, wenn auch in einem sehr unterschiedlichen Kontext, Computer als eine Bedrohung empfunden. Und interessanterweise dachte man damals wie heute, man könne mit solider Handarbeit einfach so weitermachen wie bisher und darauf vertrauen, dass man dieses unheimliche Computerzeug irgendwie abwehren könnte. Die damals frisch in den Bundestag eingezogenen Grünen beispielsweise weigerten sich damals, auch nur einen einzigen Computer in ihren Büros aufzustellen und konnten sich damals wenigstens dafür einiger Sympathien sicher sein. Der Computer als solcher wurde in jedem Fall nicht nur als schwer (besser: eigentlich gar nicht) beherrschbar empfunden und dass Computer Arbeitsplätze kaputt machen, galt ohnehin als ausgemacht. War ja auch klar: Wenn ein Computer die ganze Arbeit macht, braucht man ja keine Menschen mehr. So war das damals und wenn Sie das nicht glauben, weil Sie damals vielleicht noch gar nicht auf der Welt waren: Fragen Sie mal Menschen, die irgendwann Anfang der 80er ihr Abi gemacht haben.

***

Auf die Idee, dass Computer eine komplette virtuelle Welt erschaffen, ganze Waren- und Informationsströme durch irgendwelche Leitungen verschoben und auf irgendwelchen Bildschirmen wieder auftauchen, wäre damals kein Mensch gekommen. Gerade mal 20 Jahre später muss man dann doch feststellen, dass die Idee, Computer würden ersatzlos Arbeitsplätze und eine vollständige Ökonomie zerstören, eher absurd war. Im Grunde war es so wie immer: Eine bestehende Form der Arbeit ging kaputt,  dafür entstanden an anderer Stelle völlig neue Formen von Arbeit und Ökonomie. Zugegeben: Mit allen Verwerfungen, die so etwas nun mal mit sich bringt.

***

Womit wir endlich beim Thema Journalismus wären, dessen Untergang momentan gerne beschworen wird. Interessanterweise sollen es ja übrigens auch immer wir Digitaler sein, die  dieses Szenario an die Wand werfen. Ganz so, als würden sich digitale Medien und guter Journalismus irgendwie ausschließen.  Das ist in etwa so sinnig wie diese ganze Journalisten vs. Blogger-Debatte, bei der man sich auch regelmäßig fragt: Wieso sollen sich Blogs und Journalismus ausschließen, warum sollten Blogs Journalismus kaputt machen und umgekehrt?

***

Man hört momentan ja irgendwie so furchtbar viel von der Krise des Journalismus, der Herr Raue beispielsweise hat mit einem einfachen Satz für helle Aufregung gesorgt (zumindest in der analogen Welt). Raue stellte fest, dass Zeitungen dabei sein, ihre Stammleser zu verlieren, woran im Übrigen die Journalisten nicht ganz unschuldig seien. Daraus wurde dann gleich ein “Warnruf”, was ziemlich lustig war, weil man in der digitalen Welt eigentlich seit Jahren von nichts anderem redet, man sich dann aber dann doch wieder freut, wenn diese Erkenntnis langsam auch mal in Analogien angekommen ist. Dass Journalisten an den Problemen ihres Berufs auch ein bisschen selbst schuld sein könnten, ist ja keine so wirklich erstaunliche Erkenntnis.

***

Mit dem bösen Internet hat das natürlich auch etwas zu tun, aber bei weitem nicht so viel, wie man das gemeinhin inzwischen gerne darstellt. Damit macht man es sich ein bisschen arg einfach, zumal dann, wenn man dann noch das Buzzword “Kostenloskultur” fallen lässt. Das größte Problem, dass das Netz dem Journalismus bereitet, ist nicht die Kostenlos-Kultur (von der ich eh nicht glaube, dass es sie so pauschal gibt). Das Problem ist ein schlagartiges Überangebot an Information, nicht nur in der Quantität, sondern auch in der Qualität. Ein solches gigantisches Angebot sowohl an Inhalten als auch an Endgeräten (zu diesen “Endgeräten” darf man meinetwegen auch Papier zählen) sorgt zwangsweise für eine Extremfragmentierung eines Marktes. Es gibt schlichtweg keinen Grund mehr für nur einen Kanal für Videos, für einen Kanal für Audios und für einen Lesekanal. Und schon gleich gar nicht mehr für nur einen oder zwei Nachrichtenanbieter. Man sieht das gerade sehr schön am Versuch von Murdoch, seine Blätter in Großbritannien hinter der Paywall zu verschanzen. Das Problem für Murdoch ist ja nicht, dass die Menschen inzwischen gar nichts an niemanden zahlen wollen. Das Problem ist, dass sie das, was Murdoch anbietet, anderswo eben auch bekommen. 90 Prozent seiner Leser sind weg, geblieben sind die vermutlich ganz hartnäckigen Freunde des Blattes. Das ist nichts Aufregendes und auch kein Phäomen des Journalismus. Wenn sich zehn Eisverkäufer nebeneinander aufstellen und neun verschenken ihr Eis, wird es der Zehnte mit seiner Paywall für Eis etwas schwer haben.

***

Und weil ja nun nicht zu erwarten ist, dass die zehn Eisverkäufer auf einmal alle Geld verlangen und man die anderen Eisverkäufer auch nicht einfach des Platzes verweisen kann, wird man sich etwas einfallen lassen müssen (eine neue Eissorte vielleicht). Auch das ist eine Erkenntnis, die man einem BWL-Studenten im 2. Semester kaum mehr erzählen braucht.  Da ticken Eisverkäufer und Medien durchaus ähnlich. Schließlich gibt es auch in unserer vermeintlich so gebeutelten Branche genügend Beispiele, wie sich in den Nischen von neuen Ideen auch neues Leben entwickelt. “Landlust” beispielsweise legt jedes Quartal exorbitant zu. Nicht, dass ich “Landlust” als Beispiel für besonders hochwertigen Journalismus ins Feld führen will, aber als Trendsetter taugt das Blatt allemal: Journalismus funktioniert dann, wenn er sich darauf einstellt, dass die Bedürfnisse spezialisierter werden und dass man in einem fragmentierten Markt eben nicht mehr die bunte Wundertüte auspacken darf.

***

Journalismus hat Potential und Zukunft. Selbst dann, wenn wir momentan tatsächlich den Niedergang sehr konventioneller Modelle erleben. Journalismus hat erstens dann Zukuft, wenn er endlich aufhört, sich beispielsweise als “Printjournalismus” zu bezeichnen. Was soll das sein?  Journalismus hat Zukunft, wenn er sich als Journalismus begreift und sich nicht sklavisch an einen Vertreibskanal kettet. Journalismus hat zweitens dann Zukunft, wenn er aufhört, dass alle das immer gleiche transportieren. Das gilt übrigens auch für Onlineangebote. Dass beispielsweise “Spiegel Online” vermutlich noch für viele Jahre die Marktführerschaft bei den Nachrichtenseiten haben wird, liegt auch daran, dass alle Mitbewerber so sein wollen wie “Spiegel Online”. Man sieht das sehr schön an “Stern.de”, dessen Chefredakteur Frank Thomsen 2007 auf einer Podiumsdiskussion angekündigt hatte, in fünf Jahren SPON überholt zu haben.  Dass das nicht geklappt hat, liegt auch daran, dass stern.de immer aussah wie ein SPON-Klon, was allerdings für viele andere Nachrichtenseiten ebenfalls gilt. (Zugegeben: Was stern.de inzwischen sein soll, wissen sie vermutlich nicht mal beim “Stern” selber, momentan macht er mit einer Geschichte über die besten Wellness-Hotels Deutschlands auf, wofür man sich inzwischen sogar beim “Focus” zu blöd wäre).

***

Klar brauchen wir also auch weiter Journalismus. Einen, der endlich anfängt, sich neu zu erfinden. Der nicht lamentiert, dass früher alles schöner und einfacher war. Der sein Heil darin sieht, darauf zu verweisen, dass seine Arbeit wertvoll und damit auch teuer sei. Dem Eisverkäufer würde eine solche Argumentation schließlich auch nicht viel nutzen. Vergesst die Vergangenheit. Versucht es lieber mal mit Kürbiseis.

9 Kommentare » | MEDIENZUKUNFT

Gebt den Kindern das Kommando!

26. Oktober 2010 - 19:22 Uhr

Vielleicht muss man ja künftig genau andersrum denken. Also so, dass nicht mehr wir, die wir junge Journalisten mehr oder weniger ausbilden, denen sagen, was zu tun ist. Sondern dass wir vielleicht mehr auf den Nachwuchs hören müssen, damit uns Alten nicht vollkommen entgleitet, was da überhaupt passiert.

Gestern an der Uni Passau: Es läuft ein komplett gruseliges Video, das eine Tageszeitung online gestellt hat. Ich zeige es, weil ich eigentlich die unzähligen handwerklichen Fehler demonstrieren will, die man machen kann, wenn man sich an (Web-)Videos wagt. Dann kommt meine rhetorische Frage: Wie kann es denn dazu kommen, dass ein Video so dermaßen in die Hose geht? Die Antwort einer Studentin verblüfft mich, obwohl ich Nachhinein zugeben muss: So ganz von der Hand zu weisen ist sie leider nicht…

Das müsse, sagt die Studentin, das Video eines älteren Mannes gewesen sein, so sei das erklärbar. Ich frage nach, wie man denn bitteschön einem Video ansehen könne, dass es von einem älteren Mann stammt. Das sei doch völlig klar, erwidert die Studentin: Die Jungen, die jetzt nachkämen, die wüssten ja, wie man mit einer Kamera und einem Schnittprogramm umgeht. Und weil derjenige, der dieses Gruselvideo gemacht hatte, ganz offensichtlich keinen blassen Hauch davon hatte, könne es ja nur ein älterer Mann gewesen sein.

Warum ein Mann, das leuchtete mir nicht ganz ein, aber davon mal abgesehen: Stimmt, diese Erfahrung habe ich inzwischen auch schon oft gemacht, egal ob an Journalistenschulen, Universitäten oder anderen Projekten. Die allermeisten der heute 20plusjährigen haben zumindest schon mal mit irgendwas Audiovisuellem rumgedreht und via Schnittprogramm irgendwas zusammengestellt. Und diejenigen, die das nicht gemacht haben, für die ist der Umgang mit Software und Technik so vertraut, dass sie sich einfach hinsetzen und mal was probieren.

Noch so ein Beispiel, vorletzte Woche bei den Einführungstagen für die neuen Klassen an der DJS. Als wir Bilanz der Woche ziehen, kommt als grundlegender Tenor, dass das ja alles schön und recht sei mit dem digitalen Leben, den neuen Medien, dem ganzen Kram mit Multi- und Crossmedia — aber dass man ihnen zumindest diese sehr grundlegenden Erwägungen nicht mehr mit auf den Weg geben müsse, weil sie letztendlich ja alle schon komplett digital leben würden und das, was wir Alten da als neue Erkenntnisse abfeiern würden, für sie Alltag sei.

Ist es also denkbar, dass wir in den kommenden Jahren in vielen Redaktionen eine eher absurde Situation erleben werden? Dass diejenigen, die eigentlich das Blatt, den Sender (zukunftsfähig) führen sollen, in Sachen Zukunftsfähigkeit möglicherweise sogar ihren Praktikanten unterlegen sind? Und könnte es sein, dass die Erkenntnis, die der keineswegs als Printfeind in Verdacht stehende Paul-Josef Raue mit seiner Erkenntnis, Zeitungen würden inzwischen sogar Stammleser verlieren, woran die Journalisten selbst schuld seien, nur vordergründig recht hat (ich würde im Übrigen in dem Zusammenhang gerne nochmal auf die These vom Vergreisen der Redaktionen verweisen)? Natürlich klingt es erstmal prima, wenn Raue fordert, Journalismus endlich wieder zu machen statt ihn nur zu verwalten. Das Problem ist nur: Wie will man das hinbekommen, wenn man in den Entscheider-Etagen noch gar nicht begriffen hat, wie dieser neue Journalismus gehen könnte?

Diese beiden Beobachtungen – die jungen volldigitalisierten und die vergreisten Redaktionen – hängen ziemlich unmittelbar zusammen. Man müsste in jeder Redaktion, in jedem Verlag, in jedem Sender die “digital natives” nicht einfach nur ins Haus holen, sie nicht einfach nur für ein, zwei, drei Jahre “ausbilden” und dann wahlweise wieder gehen lassen oder als “Jung-Redakteure” beschäftigen. Man müsste sie viel aktiver einbinden, ihnen die Möglichkeit geben, den Journalismus der Zukunft selbst zu gestalten. Ohne einen “digital native” in der Chefredaktion wird kaum ein Haus überlebensfähig sein. Das klingt nach einer banalen Feststellung, widerspricht aber leider immer noch dem Tagesgeschäft. Ein 50jähriger Chefredakteur geht und wird durch einen 57jährigen ersetzt. Ein 60jähriger hört auf und wird durch einen vollanalogen 50jährigen ersetzt. Zwei Beispiele, die ich in meiner eigenen Umgebung jetzt erst selbst erlebt habe. Nix gegen 50jährige, entscheidend ist ja immer noch, was jemand im Kopf hat. Aber die Diskrepanz zwischen digitaler und analoger Generation wird von Jahr zu größer werden. Mit der Konsequenz, dass die Jungen nicht zu halten sein werden, möglicherweise ganz aus dem Journalismus abwandern — und an der Spitze der Redaktion noch über Jahre hinweg Menschen sitzen werden, deren Denken immer noch vollständig analog geprägt ist.

Letzte Beobachtung noch am Schluss: 17 Teilnehmer habe ich momentan an einer WÜ an der Uni Passau zum Thema “Onlinejournalismus”. Journalisten werden wollen – drei.

13 Kommentare » | AUSBILDUNG, ONLINE/MULTIMEDIA

Ein Wunsch an die Zeitungen: Ein Kiosk

24. Oktober 2010 - 22:04 Uhr

Vermutlich bin einfach nur ein oller Nostalgiker. Aber ich mag Kioske. Ich mag es, vor diesen langen Regalen und Auslagen zu stehen und mir dann die eine oder andere Zeitung mitzunehmen. Ich habe meine Standardblätter, meistens nehme ich dann aber gerne einfach noch was dazu, je nach Lust und Laune und jeweiligem Standort. Danach liebe ich diesen Mix aus Altbekanntem und Neuem. Dummerweise nehme ich an Flughäfen und Bahnhöfen gerne mal auch spontan noch ein Buch mit, was mich in eine ewig währende Lesespirale bringt — mit der Konsequenz, dass ich vermutlich 150 werden müsste, um die ganzen Bücher, die hier rumliegen, irgendwann auch mal lesen zu können.

Und wirklich lästig finde ich ja irgendwie auch die Warteschlangen an Kassen, vor allem deswegen, weil ich es an Flughäfen und Bahnhöfen tendenziell etwas eilig habe. Und außerdem haben die ja auch nicht immer alles, was ich gerne hätte, kurzum also: Wenn es einen Online-Kiosk beispielsweise für das iPad gäbe, ich wäre glücklich.  Ich würde jeden Morgen aufstehen und mir als allererstes meine Zeitungen besorgen, jeden Tag einen anderen Mix.  Ich würde sie zuhause lesen oder unterwegs und wäre ebenso glücklich wie damals, als digitale Musik gesellschaftsfähig wurde. Plötzlich musste ich mir bei längeren Reisen nicht mehr überlegen, was in den Walkman kommt, sondern hatte mit einem Schlag einen beträchtlichen Teil meiner Musiksammlung bei mir. Die Vorstellung, mir also je nach Lust und Laune die taz und die SZ oder die Abendzeitung mal eben ziehen zu können, das alles möglichst einfach und über eine Plattform, das wäre schön — und ich wäre noch mehr Zeitungsleser, als wie ich es immer noch bin.

Unmöglich, sagen Sie? In Frankreich gibt es das bereits. Und wenn sie schlau sind bei den deutschen Kollegen, dann lassen sie sich ganz schnell etwas ähnliches einfallen. Zumal der Bahnhofskiosk in Passau, den ich morgen beglücken will, spät öffnet und dafür früh schließt.

Kommentieren » | MEDIENZUKUNFT

Was von der Woche übrig blieb

24. Oktober 2010 - 11:53 Uhr

Bei den Kollegen von sueddeutsche.de sucht man immer noch einen Nachfolger für den scheidenden Chefredakteur Hans-Jürgen Jakobs. Das ist insofern erstaunlich, als dass Jakobs´Abgang schon seit einigen Monaten feststeht. Auf der anderen Seite ist die lange Suche nicht erstaunlich, wenn man weiß, dass es bei der Süddeutschen schon längere Zeit Debatten gibt, die Onliner und die Printredaktion enger zu verzahnen. In einem solchen Konstrukt würde sich letztendlich auch die Frage stellen, ob man einen reinen “Online-Chefredakteur” überhaupt braucht. Das Problem bei dieser neuen Struktur soll aber gar nicht mal sein, ob man das journalistisch oder strukturell durchziehen kann/will. Vielmehr geht es ganz banal ums Geld: Die Online-Redakteure der SZ sind in einer eigenen GmbH angestellt und verdienen nach diversen Insider-Einschätzungen rund 30 Prozent weniger als die Kollegen der gedruckten Zeitung (Tarif vorausgesetzt). Das ist immer noch erstaunlich, auch wenn man sich an die Tatsache, dass Onliner weniger verdienen, fast schon resignierend gewöhnt hat.  Erstaunlich ist es, weil man ja so furchtbar gerne (und da ist die SZ im Regelfall ganz vorne dabei) über die mangelnde Qualität im Onlinejournalismus wehklagt. Erstaunlich ist es, weil es nicht einen einzigen plausiblen Grund für die deutlich schlechtere Bezahlung gibt. Und erstaunlich ist es, dass man zwar selbst in den konservativsten Verlagen zähneknirschend einräumt, dass die eigene Zukunft sehr stark von Online abhängen könnte — man aber auf der anderen Seite, denen, die den Laden mittelfristig irgendwie ins Laufen bringen sollen, deutlich weniger bezahlt. Dabei bemerkt ja auch die SZ, wie die Zeiten härter werden. Die Klagen aus der Redaktion über die Arbeitsbelastung nach dem rigorosen Personalabbau sind nichts Unbekanntes mehr und auch am Blatt bemerkt man ungewohnte kleine Fehler, die natürlich die Qualität des Blattes nicht dramatisch schmälern. Trotzdem kann man fehlende Überschriften, Meldungs-Doubletten und eine spürbar gestiegene Zahl an kleinen Flüchtigkeitsfehlern gut mit dem Personalabbau in Verbindung bringen. Was sonst noch fehlt bei der SZ: wirkliches Engagement im digitalen Geschäft, eine Webseite, die man personell und inhaltlich so betreut, wie man es von der SZ eigentlich erwarten würde — und freuen würde man sich auch über eine App für dieses neue Zaubergerät namens iPad, von dem man neuerdings so viel hört.

***

Die interessanteste Frage der Woche habe ich diese Woche in einem Interview gestellt bekommen: Ob ich denn glaube, dass eine zunehmende Nutzung von Blogs durch Journalisten für eine bessere Qualität des Journalismus sorge (weil man als Journalist dann möglicherweise auch kritischere Sichtweisen zu eigen mache)? Die Antwort erst mal vorweg: Selbst wenn man eine wachsende Nutzung von Blogs durch Journalisten unterstellen würde, würde sich dadurch in der Qualität des Journalismus nichts ändern. Aber noch viel erstaunlicher finde ich, dass Blogs in der Alltagsarbeit deutscher Journalisten immer noch eine eher untergeordnete Rolle spielen. Wenn nicht gerade ein Verlegerssohn die Kommentarfunktion eines Blogs flutet (oder zumindest: wenn von seinem Rechner die Kommentarfunktion geflutet wird), schaffen es deutsche Blogs selten in die Tagesarbeit von Redaktionen. Dabei finde ich ja gar nicht, dass man als Journalist selber unbedingt bloggen müsste. Aber lesen, lesen sollte man das Zeug schon. Ist vermutlich ergiebiger als der ganze Pressemitteilungs-Kram, durch dessen Berge auf den Schreibtischen man sich jeden Tag durchwühlen muss.

3 Kommentare » | NUR SO DAHINGESAGT

Eine kleine App-Kritik (1): taz, Brand 1, Österreich

23. Oktober 2010 - 22:02 Uhr

So langsam kommen sie ja dann mal in die Gänge, die deutschen (und nicht nur die) Verlage. Für das vermeintlich lebensrettende Gerät aus dem Hause Apple sind inzwischen dann doch ein paar Zeitungs-Apps zu haben. Zeit, sie sich mal näher anzuschauen.

1. taz:  Die unerträgliche Sinnlosigkeit des Seins

Seit einigen Wochen plagt mich ganz persönlich eine Frage, mit der sich Menschen meines Alters vermutlich des Öfteren auseinandersetzen müssen: Werde ich langsam blind oder wenigstens kurz-bzw. weitsichtig? Ich ertappe mich jedenfalls zunehmend dabei, wie ich mir das eine oder andere Schriftstück etwas weiter von mir entfernt halten muss, um Buchstaben entziffern zu können (das spricht, glaube ich, für Weitsichtigkeit). Am Freitag dann brachte mir eine Teilnehmerin eines Seminars in Hamburg eine Brille mit, damit ich mal testen konnte, wie schlimm es um mich steht. Als ich nach Aufsetzen der Brille ungefähr nichts mehr erkannte, wusste ich, dass es noch nicht so schlimm sein kann. Die taz hat allerdings das Kunststück fertig gebracht, mich an dieser Erkenntnis wieder massiv zweifeln zu lassen. Die Seiten, die man auf der App zu sehen bekommt, sind derart klein, dass man sie auch bei viel gutem Willen nur als Miniatur bezeichnen kann. Vergrößern lassen sie sich auch nicht wirklich, den Grund dafür habe ich später in der Gebrauchsanleitung der App gelesen. Bei den Seiten handelt es sich nämlich nur um Faksimiles, die eigentlich auch gar nicht richtig zum Lesen gedacht sind, sondern dafür, dass man sich einen Überblick über die Druckseite verschaffen kann. Lesen soll man die taz dann in einer eigenen Leseversion, die auf alles verzichtet, was Lesegenuss ausmachen könnte. Keine Bilder, keine Grafik, kein Layout, einfach nur: Bleiwüsten. Bleiwüsten auf dem iPad, das muss man sich mal vorstellen.

Ich glaube ja zwischenzeitlich, dass viele Zeitungen gerne vergessen, was ihren Vorteil ausmacht. Da reden sie immer von Haptik, aber die interessiert mich nicht. Ich mag ein gutes Layout, ich mag eine ansprechende Optik. Ob die jetzt knistert und raschelt, ist mir einerlei. Das, was die taz abliefert, ist optisch so gelungen wie eine Loseblattsammlung des Steuerberaterverbandes. An einem Tag wie heute, wo auch noch die Sonntaz dabei ist, ist es besonders ärgerlich, wenn man 250-Zeilen-Stücke ohne jedes optische Aufbereiten hinwirft. Außerdem beraubt sich die taz mit dieser lieblosen Aufbereitung auch einer ihrer größten Stärken: Ich mag im Regelfall ihre Titelseiten, ich mag auch ihre eigenwillige Optik. Weg, einfach so. Und auch ein anderes bei der taz gerne gepflegtes Prinzip wird ohne Sinn und Verstand aufgegeben: Wenn man schon Schwerpunkte in einer Ausgabe setzt, dann wäre es prima, die einigermaßen gebündelt und (Achtung, Freunde in Berlin, so gehen digitale Medien!) verlinkt zu bekommen. Man fühlt sich ein kleines bisschen veralbert, wenn als Fußnote unter dem 200-Zeilen-Riemen steht, dass dieses gute Stück in der gedruckten taz auf Seite X zu finden sei und dass in der selben Ausgabe auf Seite Y ebenfalls was zum Thema steht. Gerade das iPad würde die schöne Möglichkeit bieten, solche inhaltlichen Schwerpunkte weiter über die Zeitung zu verteilen — und sie dennoch gebündelt zu präsentieren.

Man kann zwar, wie beispielsweise auch bei der App der “Zeit” zwischen Lesemodus und Seitenansicht springen, die Seite selbst lässt sich aber nicht bewegen, sondern nur minimal vergrößern (und wird dabei so unscharf, dass man dann doch lieber im Lesemodus bleibt). Eine Zeitung, die man nicht als Zeitung lesen kann? Dann lasse ich es lieber bleiben. Zugegeben, das mag geschmäcklerisch sein, aber ich lese auch keine Google-Reader: Für mich spielt Optik auch bei Webseiten immer noch eine Rolle.

Überflüssig zu erwähnen, dass die taz auch sonst keinerlei zusätzlichen Angebote in ihrer App macht. Gut, dafür kostet sie mit 79 Cent auch weniger als die Druckausgabe, aber das ist zumindest für mich nicht das entscheidende. Ich zahle auch gerne den Preis der Druckausgabe, wenn ich dafür ein ausgereiftes und vergleichbares Produkt bekomme. So aber ist das keine Zeitung, kein Multimedia, es ist einfach gar nichts. Für die 79 Cent hätte ich mir besser eine Tüte Weingummi am Kiosk gekauft.

2. Brand eins: Konsequent Brand Eins

Brand Eins macht nichts von dem, was Brand Eins nicht beherrschen würde. Brand Eins liefert das Heft eins zu eins auf das Tablet, schlicht-edel wie immer. Klar und einfach navigierbar, schön zu lesen — und gut ist. Brand Eins ist nun mal ein Magazin, das in erster Linie von seinen Geschichten und seiner Optik lebt. Warum also sollte man irgendwas dazu packen, nur damit irgendwas dazu gepackt ist? Vielleicht gehört das ja auch zu den ersten großen Missverständnissen in der noch ziemlich jungen App-Geschichte: zu glauben, dass man auf dem iPad mit Brachialgewalt multimedial sein müsse. Mir reicht es, Brand Eins zu bekommen. Spätestens seit der letzten “Spiegel”-Ausgabe bin ich in dieser Meinung ziemlich bestärkt: Neben sinnlos eingestreuten Audio-Sideshows bestach der “Spiegel” dabei durch das Video mit einem Redakteur, der eine Geschichte in Australien gemacht hatte. In dem Video saß der Redakteur auf einem Pferd, erzählte im Wesentlichen, jetzt auf einem Pferd zu sitzen, obwohl er doch gar nicht reiten könne, um den Ausflug ins multimediale Wunderland mit der Feststellung zu beenden, er würde es jetzt aber doch mal probieren mit dem Reiten. Dann lieber gar kein Multimedia. Und dafür ein gutes Brand Eins-Heft.

3. Österreich: G´schenkt

Auch die österreichische Tageszeitung, die sich den Landesnamen direkt in den Titel geschrieben hat, verzichtet auf alles Multimediale. Es gibt die Zeitung 1:1, allerdings in Original-Zeitungsoptik, was ein überaus beglückendes Gefühl ist, wenn man sich vorher durch die taz gequält hat. “Österreich” kostet nix und setzt damit konsequent auf eine Reichweitenstrategie, was vielleicht gar nicht mal so dumm ist. Technisch ist das Ding ausgereift, läuft stabil und ist auch ansonsten so, dass man sich sicher die eine oder andere Ausgabe lädt, wenn man sich für Österreich interessiert. Unter den deutschsprachigen Tageszeitungen bleibt aber immer noch die App der “Frankfurter Rundschau” mein Favorit.


Kommentieren » | ONLINE/MULTIMEDIA

Die DJS und die Nummer 50

23. Oktober 2010 - 14:19 Uhr

Eigentlich ist das ja fast schon wieder amüsant: Da reden wir im Jahr 2010 alle von den Schwierigkeiten mit dem multimedialen Journalismus — und dabei gibt´s seit über 60 Jahren eine kleine Schule in einer kleinen Münchner Straße, die Journalisten mit Print, mit Radio, dem Fernsehen und seit knapp zehn Jahren auch mit den digitalen Medien vertraut macht. Dass sie einen exzellenten Ruf genießt, hat nicht nur, aber sicher auch etwas mit ihren vielen ziemlich prominenten Absolventen zu tun.

Momentan absolvieren die Schüler der 48. Lehrredaktion der Deutschen Journalistenschule die letzten Wochen ihrer Ausbildung, die 49. Lehrredaktion hat ihre ersten Tage gerade hinter sich — und jetzt wird ein ganz besonderer Jahrgang gesucht: die 50. Lehrredaktion. Wenn Sie also nicht über 30 sind und eine exzellente Ausbildung absolvieren wollen — hier geht´s zur Online-Bewerbung.

Wir sehen uns am Altheimer Eck.

1 Kommentar » | AUSBILDUNG

Zehn Thesen zur Zukunft der Zeitung

21. Oktober 2010 - 3:08 Uhr

Das mit den Thesen ist momentan sehr angesagt und chic. Und weil mir gerade ein paar Sachen auf einem Flug nach Hamburg durch den Kopf gegangen sind und Flüge eh immer etwas langweilig sind, sind aus diesen losen Gedanken dann doch noch zehn Thesen geworden — zur Zukunft der Zeitung, weil ich inzwischen glaube, dass sie dramatisch anders aussehen wird, als wie sogar alte Nörgler wie ich mir das uns vorgestellt haben. Auslöser der Gedanken waren die neuesten IVW-Quartalszahlen, die nicht spektakulär waren, aber dennoch so bezeichnend, dass sich meine Ansichten zur Zukunft der Tageszeitung einigermaßen schlagartig verdüstert haben.

1.  Das Zeitungssterben kommt schneller als angenommen.

Zwei identische Erlebnisse der letzten zwei Wochen mit unterschiedlichen Protagonisten und ähnlichem Ergebnis:  Nachwuchs-Journalisten, die man mit Studien zur Tageszeitungs-Nutzung junger Leute konfrontiert. Man will ihnen klar machen, dass angeblich nicht mal jeder Zweite in der Gruppe der 14-19jährigen noch zur Tageszeitung greift. Erst erstaunte Blicke, dann ungläubiges Gelächter. Das aber nicht, weil man diese Zahl für zu niedrig angesetzt hält, sondern für viel zu hoch. Tatsächlich lässt sich aus den eigenen Beobachtungen natürlich kein empririscher Trend ablesen, aber dennoch: Fast niemand in dieser Altersgruppe glaubt selbst an diese Zahlen. Und wenn ich mich in den letzten Monaten intensiv in dieser Altersgruppe nach der eigenen Mediennutzung umgehört habe, dann stand die gute alte Tageszeitung immer ganz hinten in der Mediennutzung.

Tatsächlich ist das größte Problem der Tageszeitung nicht mehr, dass sie zunehmend weniger von jungen Leuten genutzt wird und somit der ehemalige Automatismus, dass quasi jede junge Generation auch eine neue Generation von Zeitungslesern bedeutet, nicht mehr greift. Ihr größtes Problem ist ihre Verzichtbarkeit. Und das ist keineswegs nur ein Problem der jungen Leser. Wer Zugang zu digitalen und elektronischen Medien hat, kann sich Tageszeitungen als Luxus leisten, aber er muss sie keineswegs mehr haben, um in seinem Zugang zu Information komplett zu sein. Selbst das viel beschworene Bild, dass Zeitungen als Hintergrundinformation, Analysenlieferant und Kommentator ihre neue Zukunft finden könnten, greift nur sehr eingeschränkt. All das kann das Netz inzwischen auch.

Ein weiterer Beleg für die Tatsache, dass Zeitungen zunehmend als überflüssig empfunden werden, hat kurioserweise gar nichts mit dem Internet zu tun: Der Abstieg der Zeitungen begann bereits Mitte der 80er Jahre. Schon damals sanken die Auflagen. Nicht dramatisch, keine Einbrüche — aber ein vergleichbarer Sinkflug, wie ihn die Verlage heute auch schon erleben. Zwei temporäre Ereignisse brachten die Blätter noch einmal in eine zumindest ökonomisch günstige Situation, sorgten aber zugleich für gefährliche Trugschlüsse, wie sich heute zeigt. Ereignis eins: die deutsche Einheit, die die Auflage der Zeitungen naturgemäß nach oben brachte. Und dann die New Economy, die ebenfalls zu einem Zeitpunkt aufkam, als die Auflagen der Zeitungen zurückgingen. Im Jahr 2000 wurden in vielen Häusern die besten Umsätze aller Zeiten gemacht. Umsätze, die man mit seiner eigenen Bedeutung begründete. Stattdessen waren diese Rekordzahlen einem glücklichen Umstand geschuldet: Das Internet war damals als Werbeträger schlichtweg noch zu klein und irrelevant, um auch nur einen Teil dieses Booms abschöpfen zu können. Zweimal also waren Zeitungen bereits auf dem Weg nach unten, zweimal kamen ihnen äußere Einflüsse zupass, für die sie letztendlich nichts konnten. Ein drittes Mal wird das nicht mehr passieren.

2. Die Wochenzeitung wird die neue Tageszeitung – und nicht umgekehrt

Man müsse sich inhaltlich neu orientieren, mehr Hintergrund, weniger Nachrichten — dann habe die Tageszeitung Zukunft. Sagen sogar die, die der Tageszeitung generell eher skeptisch gegenüberstehen (die ihr positiv gegenüberstehen glauben das sowieso). Man müsse sich inhaltlich also dort positionieren, wo heute die Wochenzeitungen stünden. Demnach also würde die Tageszeitung eine Art täglich erscheinende Wochenzeitung. Allerdings spricht eine Reihe von Gründen dagegen, dass dies so einfach möglich sein wird.

Erstens: Die Wochenzeitungen stehen im Regelfall im Gegensatz zu den täglich erscheinenden Blätter sowohl ökonomisch als auch mit ihren Auflagen einigermaßen gesund da. Zwar erreichen auch sie nicht mehr die Rekordauflagen früherer Jahre, zumindest aber ist der Trend stabil. Tageszeitungen würden hier also auf einen Markt treffen, der einigermaßen gesättigt ist, der nicht mehr großartig wachsen wird — und in dem diejenigen, die ihn momentan beherrschen, kaum solche Schwächen aufweisen, als dass man den Markteintritt etlicher anderer noch begründen könnte.

Zweitens: Tageszeitungen hätten in diesem Segment ein massives Kompetenzproblem. Niemand würde dem “Schwarzwälder Boten” oder der “Passauer Neuen Presse” ähnliche inhaltliche Kompetenz zugestehen wie dem “Spiegel” oder der “FAS”. Zudem liegt es ohnedies in der Natur der Sache, dass man Hintergründe, Analysen, Kommentare möglicherweis eher einmal pro Woche geballt lesen will als jeden Tag. Zumal es manchmal schlichtweg Tage gibt, an denen es nicht viel zu analysieren und zu kommentieren gibt. Der angestrengte Versuch der “Tagesthemen”, wirklich jeden Tag kommentieren zu wollen/müssen, ist Beleg genug für diese Problematik.

Drittens: Analysen, Kommentare und Hintergründe brauchen Zeit. Zeit, die man in einem hektischen Tagesgeschäft selten aufbringen kann. Personell sind zudem die allerwenigsten Tageszeitungen so aufgestellt, dass sie eine solche inhaltliche Ausrichtung auch nur einigermaßen gut bewältigen könnten.

Das wiederum führt gleich zu These 3, nämlich:

3. Die Tageszeitungen sparen sich zu Tode.

Viele Verlage befinden sich bereits in einer tödlichen Spirale. Ihre Erlöse sowohl aus dem Vetrieb als auch insbesondere aus dem Anzeigengeschäft sinken stetig, teils dramatisch. Sie werden dauerhaft nicht zu kompensieren sein. Die Werbegelder wandern dauerhaft ins Netz, zudem sind die Preise, die für Zeitungsanzeigen zu erzielen waren, im Netz nicht zu erreichen. Gleichzeitig müssten die Redaktionen aufgestockt werden, um die zahlreichen neuen Kanäle tatsächlich mit relevanten Inhalten zu versorgen. Tatsächlich herrscht in vielen Häusern schon heute ein krasses Missverhältnis zwischen den Print- und den Onlineredaktionen.  Es ist keine Seltenheit, dass eine Zeitung von 100 Redakteuren gemacht wird, während für Online und soziale Netzwerke nur ein Bruchteil dieses Personals zur Verfügung gestellt wird. Das wiederum hat zur Folge, dass sich die Zeitungen  im Netz nicht richtig etablieren können. Umgekehrt wird auch in den Printredaktionen Personal abgebaut. Die damit zwangsläufig einhergehenden qualitativen als auch quantitativen Einbußen machen sich nicht von einem Tag auf den anderen bemerkbar, tatsächlich aber gilt heute schon in vielen Häusern: Die Leser bekommen weniger Zeitung für mehr Geld. Personalabbau in krassen Fällen von bis zu 40 Prozent lässt sich dauerhaft nicht kompensieren und letztendlich nicht vor dem zahlenden Kunden verstecken. Man müsste also investieren, um zukunftsfähig zu werden. Tatsächlich passiert häufig genau das Gegenteil.

4. Die Tageszeitungen vergreisen in den Redaktionen.

Wenn man sich als Enddreißiger nochmal richtig jung fühlen will — man muss nur als Redakteur in einer durchschnittlichen deutschen Tageszeitung arbeiten. Vielen Redaktionen fehlt inzwischen ein Unterbau an potentiellem Nachwuchs, der mehr macht, als nur Praktika oder ein Volontariat zu absolvieren. Inzwischen sind die ersten volldigital aufgewachsenen Jahrgänge auf dem Markt. Für sie ist ein Job in einem voll analogen Medium nur noch mäßig interessant. Neben den latenten Nachwuchsproblemen kommt hinzu, dass viele Redaktionen sich bei einem Altersschnitt jenseits der 40 bewegen. Dieser Generation fehlt wiederum häufig jegliches Verständnis für digitale Medien — und letztendlich wohl auch der Wille, sich in ihrem Beruf noch einmal vollständig neu zu orientieren. Das bedeutet in der Konsequenz, dass viele Zeitungen immer noch nach Leitbildern aus den 80er Jahren gemacht werden. Um zukunftsfähig zu werden, bräuchten diese Redaktionen aber zunehmend echte “digital natives”. Sie sind allerdings spärlich in den typischen Tageszeitungsredaktionen gesät. Die Chefredakteure und Ressortleiter in Deutschland, die bis in die letzte Konsequenz digital denken, sind an einer Hand abzuzählen. Und dabei geht es keineswegs nur um das Internet, um digitale Medien alleine. Auch inhaltlich kommen viele Blätter immer noch eher behäbig, betulich und im Duktus mittelalter Männer daher.

5. Als nächstes wandert der Lokaljournalismus ins Netz ab.

Fragt man die Macher von Regionalzeitungen nach ihren eigentlichen Stärken, wird sofort das Lokale genannt. Was auch richtig ist, aber auch hier wiederholt sich gerade Geschichte: Sie ruhen sich auf dieser Stärke und diesem vermeintlichen Monopol aus, übersehen aber, dass auch der Lokaljournalismus sich wandeln wird. Er wird hyperlokal, er geht ins Netz.  Und vor allem haben es potentielle Konkurrenten inzwischen viel leichter, sich zu etablieren. Niemand muss heute einen Verlag haben und Druckmaschinen kaufen, um Lokaljournalismus zu machen. Michael Wagners “Fußball Passau” und die diversen Lokalblogs von Hardy Prothmann sind nur die aktuell bekanntesten Beispiele, wie dieser Trend aussehen wird.  Das Problem, das viele Regionalblätter zudem haben: Vielerorts herrscht Unzufriedenheit mit dem status quo, werden die Zeitungen wahlweise aus Gewohnheit gelesen — und aus der Erkenntnis heraus, dass es ein anderes Lokalmedium mit wirklich nennenswerter Reichweite gar nicht gibt. Dieses de-facto-Monopol hat viele Verlage über die Jahre gerettet. Aber es bröckelt. In Zukunft werden wir deutlich mehr Wagners und Prothmanns sehen. Darauf vorbereitet sind viele Häuser bis heute nicht.

6.  Journalisten und Verleger haben das Netz nicht begriffen.

Das Internet ist kein Verbreitungskanal, sondern ein Kommunikations- und Dialogmedium. Die Kommunikation “one to many” ist dort kein funktionierendes Modell mehr. Das sind Erkentnisse, die man sich kaum mehr traut, noch irgendwo niederzuschreiben. Spricht man von Zeitungen, führt kein Weg daran vorbei — weil es diese banalen Dinge sind, die vielfach immer noch nicht angekommen sind. Ihre Form von Journalismus haben sie häufig  nicht angepasst und weiterentwickelt. Momentan spricht auch nur sehr wenig dafür, dass sie es tun werden.  Vielfach gibt es immer noch die Haltung, dass es ausreiche, dass man Teile der “Zeitung von morgen” schon am Abend im Netz lesen kann und dass man mehr oder minder lieblos gemachte Webseiten ins Netz stellt. Kommunikation und Interaktion finden immer noch kaum statt. Dabei läuft die Zeit unerbittlich. Jeder Tag nach den bisherigen Konzepten und Idee ist ein verlorener Tag. Eigentlich müssten die Redaktionen nichts anderes mehr machen, als sich jeden Tag mit den neuen Herausforderungen zu beschäftigen. Stattdessen gehen die meisten nur so weit, wie sie glauben gehen zu müssen. Innovation und Erneuerung kommen bei den meisten nicht vor.

7. Tageszeitungen verschwinden in der Nische.

Es wird zweifelsohne weiterhin Zeitungen auf gedrucktem Papier geben. Aus den unterschiedlichsten Gründen, sei es Nostalgie oder aus einem ähnlichen Phänomen heraus, warum es heute immer noch (oder schon wieder) Platten aus Vinyl gibt. Man muss die Zeitung nicht mehr haben, aber man behält sie sich trotzdem. Der Standard für das Konsumieren von Journalismus werden allerdings andere Plattformen sein. Nicht eine, nicht zwei — sondern viele. Nur nicht die Zeitung auf Papier: zu teuer, zu unflexibel, zu unökonomisch. Und ja, auch das: zu wenig personalisierbar.

8. Das iPad beschleunigt den Niedergang.

Das iPad als Retter der Verlage? Keineswegs. Im Gegenteil, das iPad ist der größte Feind der konventionellen Verlagsstrukturen. Zum einen, weil jeder noch so große Verlag gegen den ipad-Herrscher Apple ein Zwerg ist. Zweitens — und viel wichtiger: Die Tatsache, dass man auf der glänzenden Oberfläche des Tablets nur noch einer von ganz vielen ist, verstärkt die eigene Bedeutungslosigkeit. Wenn Tablets und Smartphones zu einem neuen Gerätestandard werden, relativiert sich die Notwendigkeit der Zeitung noch weiter. Auf dem iPad konkurriert die Zeitung plötzlich mit allem und jedem und kommt damit in eine völlig neue Situation. Zuvor waren die Claims in der Mediennutzung klar abgesteckt: Soundsoviel Prozent fürs Fernsehen, ein bestimmter Anteil fürs Radio, ein paar Prozente für die Tageszeitung. Diese Mediennutzung verändert sich mit den neuen Geräten drastisch.  Wer zum iPad greift, hat die ganze Welt per Fingertipp vor sich. Sein iPad kann Zeitung sein, aber eben auch: Fernseher, Radio, Internet, Spielzeug. DerKampf um das Wichtigste, was es gibt, ist ja nur vordergründig das Geld des Nutzers. Wichtiger ist seine Aufmerksamkeit, seine Zeit.  Darum kämpfen jetzt nicht nur viel mehr als früher, sondern sie tun es auch auf engstem Raum. Die Zeitung bietet häufig ein veraltetes Inhaltemodell an: Von allem ein bisschen, meistens ganz gut, selten richtig herausragend und von echtem Fachwissen geprägt. Was wiederum zu These 9 führt…

9. Der generalistische Journalismus überholt sich.

Der vielleicht entscheidende Vorteil des Netzes ist ja gar nicht mal unbedingt seine Schnelligkeit. Oder seine ständige Verfügbarkeit. Sondern die Tatsache, dass hier (theoretisch) jeder alles finden kann. Der Politik-Interessierte findet hier Hochwertiges in einer Qualität und in einem Umfang, wie es die Politik-Redaktion der durchschnittlichen Tageszeitung aus den verschiedensten Grüpnden gar nicht leisten kann. Wer was über Fußball wissen will, liest die entsprechenden Fachseiten, der Fliegenfischer findet etwas zu seinem Thema und wer Medienblogs lesen will, findet von ihnen so viele, dass er sich schon wieder entscheiden muss, welche er regelmäßig konsumieren will. Das Argument, man wolle ja auch mal einfach nur einen eher allgemeinen Überblick über das, was auf der Welt passiert, greift nicht: Auch das bietet das Netz in noch nie dagewesenen Mengen. Zudem: schneller, aktueller, umfangreicher, als wie es eine Zeitung leisten kann. Und auch das sei nicht verschwiegen, wenn auch zum Leidwesen vieler Zeitungen: meistens kostenlos. Man muss das nicht gut finden. Aber zumindest als Realität akzeptieren.

10. Die Tageszeitung sitzt zwischen allen Stühlen — und hat nirgends mehr Platz.

Es gibt kein schlagendes Argument mehr für die Tageszeitung alter Prägung. Man kann sie lesen, muss man aber nicht. Sie ist zu langsam, um aktuell zu sein. Sie ist zu sehr im Platz limitiert, um umfangreich zu sein. Sie ist zu sehr generalistisch, zu wirklich in allen Bereichen kompetent zu sein. Sie wird in angestammten Märkten an vielen Rändern bedrängt, hat aber nicht die Option, selbst andere in ihren Märkten anzugreifen. Sie hat häufig über viele Jahre nur reagiert, statt zu agieren. Überleben werden die, die von ihren Lesern aus Überzeugung und Begeisterung gekauft werden. Das ist eine Minderzahl. Verabschieden werden wir uns von denen müssen, die Journalismus nur verwalten – statt ihn zu machen.

Wir werden uns von vielen verabschieden müssen. Bald schon.

61 Kommentare » | MEDIENZUKUNFT, PRINT

« Ältere Einträge