Münchner Mainstreamtage

Vielleicht ist es ja gar nicht mal so schlecht, sich nach dem Wochenende der gefühlten Verwirrung über den Zustand von Medien und Journalisten einfach mit dem Mainstream zu beschäftigen. Da trifft es sich gut, dass in dieser Woche die Medientage in München beginnen, die so mainstreamig sind, dass es mainstreamiger nicht mehr geht, obwohl die Macher und die meisten der Besucher Medientage vermutlich ziemlich beleidigt wären, würde man ihnen sagen, dass sie Mainstream sind.

Im vergangenen Jahr machten sich die Mainstreamtage bereits dadurch auffällig, dass sie ihrer Veranstaltung den ulkigen Namen „Medien und Transformation“ gaben, was zusammengezogen für „MUT“ stehen sollte. Das war insofern originell, weil Mut in den letzten Jahren eher selten zu den hervorstechendsten Eigenschaften von Medien(machern) in Deutschland gehörte. Als mutig bezeichnet man in Deutschland ungefähr jeden, der sich traut, mehr als zwei Leute in einer Online-Redaktion zu beschäftigen oder der eine App wenigstens zu entwickeln versucht. Von Transformation war so rasend viel auch nicht zu sehen, es sei denn, man bezeichnet es als Transformation, wenn es neben der mediokren Zeitung jetzt auch ein überaus mediokres Onlineangebot gibt. Wirklich erneuernd, transformierend, da fallen mir erst mal nur die Ränder einen, von denen diese Erneuerung kam. Die allermeisten der großen Medienunternehmer schippern immer noch wie schwere, träge Tanker vor sich hin. Eisberg voraus? Wir haben ja noch Zeit, um rechtzeitig abzudrehen.

Schauen wir also, über was der Mainstream auf den schweren Tankern dieses Jahr so redet. Da gibt es Veranstaltungen mit dem wohlklingenden Namen „Quo vadis, Rundfunk?“, wobei der Titel ein wenig nach VHS-Niveau klingt, auf der anderen Seite aber wieder als positiv festzuhalten ist, dass man unter der Fragestellung „Quo vadis“ ungefähr alles und jeden diskutieren kann, sogar die Fleischerinnung Niederbayern könnte so eine hübsche Debatte anfachen. Gehört hat man bei den Medientagen auch schon von etwas atemberaubend Neuem namens „Mobiles Internet“, wobei man sich – aufregend! Unerwartet! – die Frage stellt, ob es sich dabei um „Hype oder Cashcow“ handelt. Anmerken möchte man dazu gerne noch, dass die Frage „Hype oder…“ in etwa gleichbedeutend ist mit der „Quo vadis“-Geschichte. Und dass man sich nicht wundern sollte, wenn auch die Fleischerinnung Niederbayern demnächst titelt: „Spanferkel – Hype oder Cash-Sau?“. Die Frage nach dem mobilen Internet, so viel dann doch nochmal zum Thema, ist dennoch überaus spannend und relevant; gerüchteweise hat man davon gehört, dass es demnächst Handys geben soll, mit denen man im Netz surfen kann. Und noch zwei, drei Jahre – dann werden Apps auf den Medientagen zum heißen Thema auf den Gängen, jede Wette!

Aber es gibt auch noch anderes, wie zum Beispiel die traditionellen (andere würden sagen: längst überholten) Gipfelgespräche, darunter der Gipfel der Gipfel, bei dem eine jedes Jahr die gleichen Menschen das gleiche sagen. Der Gipfel ist so paritätisch besetzt, dass sich der Fernsehrat des ZDF wie pure Anarchie ausnimmt. Das bedeutet, dass jedes Jahr Herr Doetz und Frau Schäferkordt da sind, nur der Vertreter von ProSiebenSAT1 wechselt öfter. Das hat aber mehr mit ProSiebenSAT1 zu tun als mit dem Veranstalter. Moderiert wird das ganze alljährlich leicht bräsig von Helmut Markwort, dessen Verständnis von Moderation der ist, dass der Star der Moderator ist und das gute Recht hat, am meisten über die eigenen bräsigen Schnurren lachen zu dürfen.

Überaus spannend ist dieses Jahr auch der so genannte Online-Gipfel, der mit so bekannten Onlinern wie Sabine Leutheusser-Schnarrenberger und Ilse Aigner besetzt ist sowie dem digital native Klaus Schrotthofer von der Zeitungsgruppe Thüringen. Das ist in etwa so, als wenn Blinde über Farbe debattieren. Konsequenterweise hat man sich übrigens als Moderator Hans-Jürgen Jakobs ausgesucht, den Noch-Chefredakteur von sueddeutsche.de, der demnächst wieder zurückgeht ins Analoge und bei dem man das Gefühl nicht los wurde, er sei nie richtig in der digitalen Welt angekommen.

Weitere überaus erstaunliche Erkenntnisse der Medientage (alles aus dem Programm): Die Zukunft der Zeitung ist digital! Tablet-PC´s – nächste Revolution in der Medienbranche? Laufen die jungen Leute dem Fernsehen davon? Und, Innovations-Brüller des Tages, veranstaltet vom alten Trendsetter BLM: Hören, was, wann und wo ich will! Man möchte, frei nach Loriot, daneben stehen – und erstaunt ausrufen: Ach was!

Was macht man also mit einer Branche, deren Topveranstaltung eine ist, wo man sich bei Ansicht des Programms erst mal versichern muss, ob man nicht versehentlich das von 2005 erwischt hat? Eine Gipfelveranstaltung, die Ende 2010 entdeckt, dass man hören kann, wann und wo man will was wird wohl erst passieren, wenn sie nächstes Jahr bemerken, dass das auch für das SEHEN gilt?). Eine Gipfelveranstaltung, die sich die bange Frage stellt, ob dem Fernsehen die „jungen Leute“ weglaufen. Und bei der als Top-Onliner lauter Leute auf dem Podium sitzen, die man bisher mit allem möglichen in Verbindung gebracht hat, nur nicht mit dem Internet.

Aber vermutlich rennen die meisten nur hin, weil es am Abend so schicke Häppchen und Drinks im Justizpalast gibt und man hinterher von sich behaupten kann, man sei dabei gewesen (natürlich nur wegen der Arbeit und der spannenden Themen wegen).

Weit entfernt sind die Medientage von der Fleischerinnung Niederbayern jedenfalls nicht mehr.