Archiv für November 2010


Polit-Gossip in der Redaktions-Soap

30. November 2010 - 10:42 Uhr

Kann man aus dem, was deutsche Redaktionen nach der jüngsten Wikileaks-Veröffentlichung daraus gemacht haben, irgendwas über ihren Zustand schließen? Vielleicht, dass es ihnen gar nicht so sehr auf Inhalte, als auf den schnellen, billigen Effekt ankommt? Dass sie sich die Mühe, diese unzähligen Dokumente durchzusehen, eher ungern machen und stattdessen lieber auflisten, was frei nach Dietl so klingen müsste: Rossini – oder die spannende Frage, wer wann was über wen gesagt hat? Muss dieser Qualitätsjournalismus sein, von dem man in letzter Zeit so viel hört.

Seit beinahe zwei Tagen wird jetzt gerätselt und analysiert und eigentlich warte ich nur noch auf das erste Ranking. Statt eines Politbarometers das Kabelmeter: So beliebt sind unsere Politiker in Amerika! Man spürt ja schon förmlich das Durchhecheln nach den geheimen Zeugnisnoten, die unsere Politiker vom großen Lehrer drüben bekommen. Ganz besonders ulkig auch unsere Freunde der Passauer Neuen Presse, die naheliegenderweise schauten, ob sich nicht auch was über heimische Politiker findet. Und siehe da: Es findet sich was! Und es ist gar nicht mal sooo schlecht, weswegen man daraus doch gleich mal (Große Themen aufs Lokale runterbrechen!) noch eine kleine Geschichte macht:

Die Berufung des Passauers Max Stadler (FDP) zum Justiz-Staatssekretär wird in den Papieren als „exzellente Wahl“ bezeichnet. Mit ihm besetze ein ausgewiesener Rechtsexperte das Amt, der zudem Amerika-Erfahrung habe. Vermerkt wird zudem, dass er ein heftiger Kritiker des Abkommens über die Sammlung von Daten von Flugpassagieren sei. Stadler betonte gestern gegenüber der PNP: „Mit dieser Beschreibung meiner Person habe ich kein Problem. Auch was an mir kritisch gesehen wurde, ist zutreffend dargestellt.“

Es fand sich übrigens auch eine Zeile über einen Staatssekretär Scheuer, aber über den stand nur drin, dass es ihn auch gibt.

Trotzdem muss sich da doch noch mehr draus machen lassen, man könnte ja in diesem riesigen Wust was übersehen haben. Weswegen die “Bild” ihren Lesern die Bitte mitgibt, mal selbst zu schauen, ob da nicht noch was Spektakuläres drin steht – einschl. Gebrauchsanweisung, wo man wie welche Dokumente findet.

Von einem “Desaster” für die US-Diplomatie schreibt der “Spiegel” seit nunmehr zwei Tagen. Wie groß das Desaster für deutsche Redaktionen ist, die alle anderen Aspekte auslassen und nur über teflonbehaftete Kanzlerinnen schreiben, kann man sich ja mal überlegen, wenn sich die Aufregung wieder gelegt hat. Ist eh bald Weihnachten.

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Sturmgeschütz der Verlogenheit

29. November 2010 - 9:55 Uhr

Als ich mich zum ersten Mal wunderte, wie verlogen Politik ist, war ich Anfang 20, war auf einem kleinen Termin für meine Lokalredaktion, stand bei einer Gruppe von lokalen Politikmittelgrößen und lauschte, wie sie sich gerade ziemlich ungeniert das Maul zerrissen über ein paar Menschen, von denen ich damals noch dachte, das “Freunde” im Begriff “Parteifreunde” sei auch nur im Ansatz ernst zu nehmen. Mich wunderte, wie sie damals übereinander herfielen — und noch mehr wunderte es mich, wie sehr der Ton sofort umschlug und die Gesichter sich veränderten, als diejenigen, die man gerade noch auf den Grill gelegt hatten, den Raum betraten. Seitdem bin ich froh, wenn ich mit Politik nicht viel zu tun habe. Manche nennen das professionell, ich finde es eher widerlich.

Mein Eindruck, den ich damals in kleinen Lokalredaktionen gewann, sollte mich nicht täuschen, auch später nicht, als die Redaktionen größer und die Politikernamen durchaus bekannter waren. Und auch das Zusammenspiel zwischen Journalisten und Politikern funktuoniert fast überall gleich, egal ob in Berlin oder in Dingolfing. Sie brauchen sich, sie mögen sich nicht, sich zerreißen sich das Maul übereinander und wenn sie sich gegenseitig brauchen, haben beide keine Hemmungen, sich gegenseitig zu instrumentalisieren.

Und damit kommen wir jetzt endlich zu den neuesten Wikileaks-Veröffentlichungen, aus den in Deutschland der “Spiegel” ein enormes Brimborium gemacht hat; begleitet von “Bild”, wo man meinte zu enthüllen, was die “Amis” wirklich über Deutschland dächten. Was sie dann wirklich denken, die Amis, das was dann so harmlos, dass man sich wundern muss, dass alle Welt in helle Aufregung verfällt. Man hält also Westerwelle für einen ziemlich eitlen Gockel, dessen größte Liebe und Kompetenz nicht gerade die Außenpolitik sei? Stand mehr oder minder so schon in Dutzenden aufgeplusterten Leitartikeln deutscher Zeitungen. Merkel sei nur selten wirklich entschlossen und kreativ? Ja sowas. Das darf beim “Spiegel” jeder kleine Autor aus dem Deutschland-Ressort seit Jahren ungestraft schreiben, manchmal hat man sogar den Eindruck, es gebe einen Bausteinkasten für Politik-Autoren, in denen das festprogrammierte Phrase im CMS steht.

Und so geht es weiter, über 17 quälend lange Seiten, in denen der “Spiegel” immer wieder Brisanz in etwas reinzuschreiben sucht, was inhaltlich vollkommen unbrisant ist. Die einzige vermeintliche Brisanz entsteht dadurch, dass andere beim Lästern erwischt worden sind und irgendjemand das jetzt publiziert. Der “Spiegel” und der Jornalismus überhaupt tun weder sich noch anderen einen Gefallen damit, diesen Unsinn zu veröffentlichen. Die Dokumente von “Wikileaks” bieten keinerlei wirklichen Erkenntniswert — oder hat wirklich ernsthaft jemand geglaubt, dass die sich alle so mögen, wie sie immer tun und vorgeben? Sie bedienen ein bisschen Voyerurismus und die Neigung, Politik zu banalisieren, ohne eine einzige wirkliche Nachricht zu generieren. Man merkt das auch daran, wie bemüht der “Spiegel” in seinen 17 Seiten immer wieder darauf aufmerksam macht, dass das jetzt aber schon ein Knüller sei, was da jemand, irgendein aufstrebender Streber aus der FDP, den Amis in der Einschätzung zu Schäuble nahegebracht hat. Und man merkt es am anschließenden Interview mit dem US-Botschafter, der sagt, was zu sagen ist: blöd jetzt, das werden ein paar unangenehme Tage und man wird sich wohl ein bisschen entschuldigen müssen — aber das war es dann auch. Und glaubt denn bitte umgekehrt irgendjemand, dass in den Giftschränken deutscher Parteien und Regierungsstäbe nicht ähnlich unschöne Formulierungen über US-Politiker zu finden sind?

Ich glaube, dass “Wikileaks” und die begleitenden Medien sich mit dieser Veröffentlichung und dem großen Ballyhoo darum keinen Gefallen tun. Weil sie die bisherigen Scoops entwerten, weil sie erschütternde und wirklich brisante Dokumente aus dem Irak oder aus Afghanistan plötzlich gleichsetzen mit politischer Schlüssellochguckerei.

Und, ach ja: Bevor die Leitartikler des Landes heute wieder ausholen und interpretieren und kommentieren, wie skandalös und brisant das alles doch sei, besser selber mal ins Archiv schauen. Und sicher gehen, ob sich da nicht Sachen wie diese finden:

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Ein Buch – das Update (22): Unter den Linden

29. November 2010 - 9:02 Uhr

Salzburg, München, Köln, Dresden, Essen, Berlin. Zug, Flugzeug, S-Bahn. 4.30 Uhr aufstehen, hin und zurück am selben Tag, übernachten im Hotel. Fersehen, Radio, Blog, Internet. Es war schon ziemlich interessant zu sehen, wie sich am Samstag  Menschen zu ein und dem selben Ziel aufmachten und wie sie dort hinkamen. Ziel, das war die Berliner Niederlassung von E-Plus in Berlin, Unter der Linden 17, Konfi, 4. Stock. Ziel war auch: reden über ein Buch, das so langsam die Phase der Exposés und der eher theoretischen Abhandlungen verlässt. Und genau deswegen war ich unglaublich gespannt: Wenn sich sieben Leute an einem Tisch setzen, um über dasselbe zu reden, reden sie dann auch über das Gleiche?

Bisher war das ja irgendwie etwas, was mich bei dem Buchprojekt beunruhigt hatte: Bringt man es wirklich irgendwie hin, dass die Ausgangslage für alle gleich ist, dass wir wirklich alle letztendlich die gleiche Idee verfolgen? Seit gestern bin ich mir ziemlich sicher, dass das funktionieren wird. Nach fast acht Stunden ziemlich langer Debatten haben wir (Ulrike Langer, Jochen Markett, Richard Gutjahr, Simon Kremer, Gerhard Rettenegger, Marküs Hündgen und ich) dem Buchprojekt eine deutlich klarere Struktur gegeben, wir wissen jetzt, was wir machen wollen — und auch, was genauso wichtig ist, was wir nicht machen.

Fangen wir erst mal mit denen an, für die wir das Buch machen wollen. Irgendwann fiel der Satz: “Für alle, die Journalismus neu lernen — oder ihn neu verstehen wollen.” Ich finde diesen Satz wunderbar, weil er alles trifft, was wir über diese sogenannte Zielgruppe sagen können. Neu verstehen heißt nach unserem Verständnis allerdings nicht, dass wir für uns in Anspruch nehmen wollten, ihn auch neu zu erfinden. Das muss man ja auch gar nicht, weil es nach wie vor einiges an Grundlagen gibt, die auch im Zeitalter der Digitalisierung nicht in Frage zu stellen sind. Wir wollen als da anfangen, wo die bisherigen Lehrbücher aufhören. Ein Kapitel wie “Die Überschrift” oder “Das Interview” werden Sie bei uns nicht lesen. Aus zwei Gründen: Zum einen eben, weil wir nichts schreiben könnten, was andere nicht richtigerweise schon lange festgestellt haben. Und zum anderen, weil das Buch das schon alleine vom Umfang her gar nicht leisten kann. Wir wollen mit ca. 500 Seiten auskommen und die werden wir bei all unseren Themen auch brauchen. Wollten wir des gesamte journalistische Einmaleins nochmalb rekapitulieren, wir würden auch mit 1000 Seiten nicht auskommen.

Weil wir gerade von Seitenzahlen sprechen: So die 500 Seiten wollen wir am Ende haben, das scheint uns eine realistische Größe. Und wir glauben, dass man auf 500 Seiten alles unterbringen kann, was relevant ist.

1995 – das ist so eine Zahl, die immer wieder durch unsere Debatten schwirrte.  Keine Zahl, die zum Dogma wird, aber eine, die eine gute Orientierung bietet bei unserer internen Themendiskussion. Sinngemäß und grob zusammengefasst: Jedes Thema, das wir angehen, muss sich überprüfen lassen, ob sich dort seit 1995 etwas wirklich neues ergeben hat. Um beim Beispiel Interview oder Überschrift zu bleiben: Da hat sich seit 1995 nichts verschoben, also ist das auch kein Thema für uns. Ich bin kein Fan starrer Regelungen, aber in diesem Fall finde ich diese 1995-Grenzmarkierung ziemlich hilfreich.

Und schließlich gibt es jetzt auch einen einigermaßen fixen Zeitplan: Geschrieben soll alles bis Mitte Januar sein, dann kommen Lektorat und die äußerliche gestaltung des Buches (für die wir eine schöne Idee hätten, hoffen wir, dass sie sich umsetzen lässt) — und schließlich soll dann im Mai alles erscheinen, wenn´s geht mit einer kleinen Party. So weit der Plan — dass in der realität dann sowie alles anders kommt, wissen wir ohnehin.

(In diesem Zusammenhang nochmals ein großer Dank an Sachar Kriwoj und an E-Plus, die uns einen vollständigen Konferenzraum samt viel Kaffee und vielen Getränken zur Verfügung gestellt haben!)

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Das Buch – ein Update (21): Euryclia und wir und Ihre Meinung

25. November 2010 - 17:58 Uhr

Es gibt da eine Idee, die mir ungeheuer sympathisch ist: Mit der guten alten Subskription dafür zu sorgen, dass unser Buch so richtig gut erscheinen und vertrieben werden kann. Die Idee gibt es seit dem 17. Jahrhundert, gehalten hat sie sich bis heute und sogar hinein ins Online-Zeitalter.

In München gibt es eine Online-Plattform, die genau das anbietet: Wir könnten bei Euryclia unser Buch einstellen, auch den laufenden Fortschritt dokumentieren (was wir ja ohnehin tun) — und die Leser entscheiden anhand ihrer Vorbestellungen, ob das Buch dann auch tatsächlich gedruckt erscheint. Kein Risiko für niemanden. Man müsste das Buch dort nur quasi vormerken, wenn genügend Bestellungen zustande gekommen sind, wird es gedruckt, wenn nicht, dann muss natürlich auch nichts bezahlt werden. Erste Gespräche gab es bereits, Euryclia mag unser Projekt und ich habe, wie gesagt, ebenfalls große Sympathien für diese Idee.

Am Samstag werden wir sicher beim Autorentreffen über diese Idee reden. Und wenn, was ich nicht vermute, es wirklich massive Einwände geben sollte, beuge ich mich gerne der Mehrheit. Ich würde aber gerne vorab etwas anderes wissen: Wenn wir irgendwann in den nächsten Wochen eine Vorbestell-Möglichkeit bei Euryclia anbieten würden — wäre das auch für Sie als hoffentlich potenzieller Leser eine Möglichkeit, würden Sie das nutzen? Meinungen oder auch nur ein einfaches “ja” oder “nein” wären in diesem Fall sehr, sehr hilfreich, einfach schon, um mal irgendwas an Zahlen abschätzen zu können — Feedback dringend gewünscht!

(Zur Debatte geht´s auch gerne hier entlang zu Facebook).

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Die Hüter des Apfels und das Ende des Mittelstands

25. November 2010 - 17:03 Uhr

Steve Jobs ist also angeblich der Meinung, dass Apps, die lediglich einen einzigen Radiosender ausstrahlen, “Spam” und somit überflüssig sind. Deswegen sollen solche Apps in den Apple-Stores künftig keinen Platz mehr haben. Zwar ist das noch keine wirklich offizielle Aussage und auch die Begründung dafür hat anscheinend weniger mit Inhalten, als mit einem Entwickler-Modell zu tun. Aber egal, man kann ja zumindest mal für einen Moment annehmen, dass es Apples gutes Recht ist, darüber zu entscheiden, wenn man in den erlesenen Kreis des Stores aufnehmen will. Und das wiederzum zeigt — selbst wenn diese Radiosache dann doch nicht so kommt, wie man jetzt vermuten könnte — wie sehr sich die Machtverhältnisse im Mediengeschäft verschoben haben: Man kann eine noch so ausgefeilte Strategie entwickeln, wer an den gestrengen Hütern von Apple nicht vorbei kommt, hat bis auf weiteres ein ernstes Problem. Ein sehr ernstes sogar, schließlich ist der Konzern mit seinem Konglomerat aus Endgeräten und Inhalteplattform im Bereich digitaler Medien absolut wettbewerbsbeherrschend.

Apple hat keinen Grundversorgungsauftrag, Apple muss ganz und gar nichts: Daran sollte man sich im Mediengeschäft allmählich gewöhnen und möglicherweise auch aufhören, nur über Google zu lamentieren. Das wird auch nicht besser, wenn man künftig über Apple und Google und Facebook im trauten Dreiklang lamentiert. Die Branche hat es schlichtweg verschlafen, sich auf dien kompletten Veränderungen vorzubereiten, die die Digitalisierung mit sich bringt. Sie hat immer noch nicht begriffen (und leider gilt das mal wieder massiv für die Verlage), dass sie lediglich an Symptomen herumdoktorn, wenn sie nach irgendwelchen staatlichen Schutzmaßnahmen schreit. Die wahren Gatekeeper von Information und öffentlicher Meinung sind andere, kurioserweise gar nicht mal die, die Inhalte selber produzieren. Aber sie verfügen über etwas, was womöglich noch wichtiger ist: über die unmittelbaren Zugänge zu den Konsumenten. Daran verdienen sie exorbitant, weswegen man sich in vielen Medienhäusern allmählich an den Gedanken gewöhnen müsste, dass es so wie früher nie wieder wird. Apple kontrolliert den Zugang zu digitalen Medien und Apps, Google zu den Fundstellen im Netz und Facebook zu den Millionen in den sozialen Netzen.  Alleine dieses Tatsache macht übrigens die Debatte ums Leistungsschutzrecht so wunderbar absurd: Auch Facebook produziert keinen einzigen Inhalt selber und Apple lässt sich die Tatsache, dass man fremde Inhalte transportiert, sogar fürstlich entlohnen. Und wenn sie nicht mögen, drüben in Kaliforniern, dann bekommt man eben gar kein Plätzchen.

Die bisherige Branche, wie wir sie kennen, stirbt gerade. Sie stirbt nicht wegen fehlender Leistungsschutzrechte, sondern weil sich ihr Geschäftsmodell in den Tagen der Digitalisierung erledigt hat. Man hätte das alles übrigens alles selber haben können, wenn man sich zeitig mit dem Thema und seinen Auswirkungen intensiv beschäftigt hätte. Viel zu häufig denken Medienmanager heute immer noch, ihr Job sei es ja lediglich, Inhalte (wie man heute so schön sagt) zu transformieren,  sie einfach irgendwo auf digitale Plattformen zu packen. Das wird nur sehr eingeschränkt funktionieren, weil die Medienbranche an allen Rändern angegriffen wird. Von oben kommen die Giganten, die Apples, Googles und Facebooks, die so groß sind,  dass es in deren Geschäftsfelder kein Eindringen mehr geben wird. Und es kommen von unten und von der Seite die ganzen Klein-Publizisten, Hyperlokalverleger und bloggender Journalisten. Überleben werden die ganz großen und die ganz kleinen. Das, was wir heute (medialen) Mittelstand nennen, sollte sich allmählich schon mal aufs Abwickeln vorbereiten. Ihre Zeit ist vorbei — und um ganz ehrlich zu sein: Man muss das auch überhaupt nicht schlimm finden.

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Ein Buch – das Update (20): Multimedia-Reportagen

24. November 2010 - 9:48 Uhr

Eine der weitverbreitesten (und unsinnigsten) Meinungen über Journalismus im Netz ist ja die: Dort müsse alles schnell gehen, kurz sein, in kleinen Häppchen konsummierbar, während man die großen und bedeutsamen und sozusagen richtig wichtigen Hintergrundstücke dann analog wahlweise liest, schaut oder hört.

Das ist ziemlicher Unfug – und wir würden gerne belegen, dass es auch anders geht. Wenn auch mit anderen Ansätzen. Simon Kremer hat schon etliche großer und guter Multimediareportagen produziert und deswegen liegt es nahe, dass er sich im Buch mit diesem Thema beschäftigt. Sein Ansatz (kurz und knackig) klingt so:

Es ist ein weitverbreitetes Vorurteil, dass die Reportage online nicht funktioniert und sich der Medienkonsum dort eher auf News und Berichte konzentriert. Gerade im Internet bieten sich dem Journalisten vielfältige Möglichkeiten Geschichten neu und anders zu erzählen: Es ist der Ort für die Multimediareportage. Sie zieht den User nicht nur auf einer Sinnesebene in die Story hinein und lässt ihm dabei auch Freiheiten einer non-linearen Erzählweise.

Nacheinander werde ich die Möglichkeiten der Multimediareportage als Video, Audio-Slideshow und interaktiver Reportage (z.B. Flash oder Vuvox) beschreiben und auch auf die Verknüpfung von Textreportagen mit einzelnen O-Tönen, Bilderstrecken, etc. eingehen.

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100 Zeilen blass

21. November 2010 - 23:01 Uhr

Harte Zeiten, momentan: Ein Kongress und eine Resolution und eine Studie jagt die andere. Darüber wird dann meistens ziemlich heftig diskutiert, mit ab und an ganz erstaunlichen Ergebnissen. Und weil das momentan so viel ist, dass ich schon gar nicht mehr weiß, wo ich als erstes hinschauen soll, würde ich mir gerne erlauben, völlig unstrukturiert einiges aufzuschreiben, was mir in den letzten Tagen durch den Kopf gegangen ist. Manches nur sehr kurz, fast alles ohne jede wissenschaftliche Begründung — und einiges natürlich furchtbar ungerecht und unausgewogen.

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Chefredakteure und VdZ schleppen sich nach langem Verbandstag durchs Ziel, man besinnt sich darauf, dass alles besser wird. Und man wendet sich gegen “Billigjournalismus” (großartig, wer würde das nicht auf der Stelle unterschreiben?). Unklar ist mir nur, ob man nicht davon ausgehen muss, dass es derzeit schon Billigjournalismus gibt, wenn man sein sofortiges Ende fordert. Obwohl es ihn ja eigentlich gar nicht geben dürfte, zumindest nicht gedruckt, billig gibt´s ja nur im Netz, angeblich. Und wer dafür Verantwortung trägt, beispielsweise für Blätter wie “Chatter”.Wolfram Weimer, gar nicht mehr so neuer Chefredakteur des “Focus”, fordert gar eine Rückkehr zur Relevanz und es ist jetzt bestimmt nicht gerecht, wenn man vermutet, dass er mit dieser Forderung in seiner eigenen Redaktion einigermaßen gut aufgehoben ist. Die vorletzte Titelgeschichte mit Günther Jauch auf dem Titel und der Frage, wie weit Intelligenz erlernbar sei, kam mir jedenfalls noch nicht so ganz relevant vor.

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Ach ja, das Leben könnte so schön einfach sein, wenn man einfach nur ein bisschen schwarz und ein bisschen weiß sehen würde. Dann wären die Analogen die Doofen und wir Digital Somewhats die Guten. Blöd nur, wenn man dann in den eigenen Reihen Mechanismen entdeckt, die man doch eigentlich lieber in der Welt der Doofen sehen würde. Momentan beispielsweise geht mir diese gottgleiche Verehrung von Mr. Jeff Jarvis ziemlich auf den Wecker, der sich hauptberuflich Gedanken darüber macht, wie sich Deutsche in der Sauna verhalten und welche Naturkatastrophe es sei, wenn Menschen nicht möchten, dass ihr Haus und ihr unmittelbares Umfeld für jeden am Rechner mit der Maus abfahrbar sind. Ansonsten schreibt Jarvis jetzt über dieses unverschämte Verhalten der Deutschen ein ganzes Buch und erinnert mich so ein bisschen an die “Scorpions”, die in ihrem Heimatland auch keiner sehen will, am Ural oder sonstwo aber immer noch ganze Hallen füllen. Ich habe Jarvis´Google-Lobpreisungen als Buch leider auch gelesen und wundere mich, wie man solche blinde Verehrung für eine Datenkrake auch noch toll finden kann. Ich habe viel Respekt vor der unternehmerischen Leistung Googles und nutze selbst Google-Produkte, finde aber ein (Medien-)Weltbild,  dass sich in erster Linie auf der Verehrung eines Großkonzerns gründet, ein wenig verengt. Was mir noch mehr auf den Keks geht, wenn ich ehrlich sein soll: Jarvis könnte auch einen einstündigen Auszug aus einer Bedienungsanleitung für keimfreie Staubsaugerbeutel vorlesen, es gäbe immer noch welche, die es retweeten und liken. Hat ja schließlich Jarvis gesagt, dann muss es ja stimmen. (Zugegeben, das ist meine persönliche Macke. Bei Heldenverehrung schalte ich gerne aus Prinzip auf Opposition).

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Laut gelacht dann bei der Feststellung von rund 70 Online-Redaktionsleitern, die sich und ihre Redaktionen bezüglich ihres Umgangs mit Twitter haben untersuchen lassen, um dann festzustellen, dass die “Twitter-Kompetenz” noch ausbaufähig sei. Klar ist sie das — und am besten bucht man dafür ein paar Seminare von Leuten, die aus sowas auch noch ein Geschäft machen. Twitter-Kompetenz, was soll das denn sein, liebe Leute?  Man müsste vielleicht verstehen, was Kommunikation ausmacht und mal anfangen, sich für sein Gegenüber, seinen Gesprächspartner wirklich zu interessieren und dann wäre man schon einigermaßen weit. Demnächst dann auf den Panels und den Medienseiten dieser Republik: Facebook-Kompetenz, Flattr-Kompetenz, Kompetenz-Kompetenz. “Gravierende Twitter-Ausbildungsmängel”, ach Medien-Deutschland, wo soll das alles nur enden?

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Ein Buch – das Update (19): Alleswissenkönnenmüsser

21. November 2010 - 22:21 Uhr

So unterschiedlich die Debatten zum Thema “Crossmedia” auch immer sein mögen — mit einem Thema wird man zuverlässig bei fast jeder Veranstaltung konfrontiert: Muss man jetzt alles können? Und möglicherweise: sogar alles gleichzeitig? Kann man so etwas wie journalistische Qualität überhaupt gewährleisten, wenn Journalisten plötzlich Dinge machen müssen, die sie gar nicht richtig beherrschen? Crossmediales, journalistisches Handwerk — und seine Grenzen, das wird eines meiner Themen im Buch sein. Und weil ich mich natürlich ebenfalls gerne mit meinem Expose der Debatte stelle, bitteschön, hier ist es:

Vermutlich gibt es ja zwei Sichtweisen auf dieses viel gebrauchte Wort “Crossmedia”. Da ist zum einen die Sichtweise von denen, die es nicht machen müssen und sich gerne mit Zahlen und Renditen beschäftigen. Für die ist “Crossmedia” in erster Linie toll, weil man damit vermutlich viel Geld sparen kann (weil einer jetzt nicht mehr nur einen, sondern mindestens zwei Kanäle bespielt).

Darum geht es im Buch nicht.

Und dann gibt es eine andere Sichtweise. Die “Crossmedia” nicht einfach als eine gedankenlose, uninspirierte Möglichkeit betrachtet, möglichst schnell möglichst viel Inhalt irgendwo hinzupacken. Sondern als eine Herausforderung für Journalisten, aber auch eine Chance. Für vielseitiges, abwechslungsreiches und vor allem wirklich vernetztes Arbeiten.

Dazu gehört zweierlei. Das eine ist solides, in des Wortes Sinne gekonntes Handwerk. Das klingt banal und einfach, das sollte eigentlich selbstverständlich sein, dass man nicht etwas, was man handwerklich nicht beherrscht (ist es aber leider nicht). Deswegen wollen wir im Buch nicht nur spezialisierteres Wissen vermitteln — z.B. für alle, die sich auf einen Bereich verstärkt konzentrieren wollen – sondern auch darstellen, was jemand können muss, der sich als das versteht, was man gerne spöttisch “eierlegende Wollmilchsau” nennt. Man könnte das auch crossmediale journalistische Grundlagen nennen.

Das Zweite ist das vernetzte Denken. Viel zu oft erlebt man, dass “Crossmedia” in erster Linie bedeutet, einen Inhalt auf möglichst allen Kanälen laufen zu lassen (oder, andere Variante: Kannste da nicht auch nen Video dazu machen?). Wir wollen zeigen, worauf es beim vernetzten Denken ankommt,wie man wirkliche Mehrwerte schafft — und warum es durchaus sehr sinnvoll sein kann, auch mal auf ein Video, ein Audio oder eine andere Darstellungsform einfach zu verzichten.

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Das singende Buch…

20. November 2010 - 22:56 Uhr

…und diesen Beitrag nehmen Sie bitte nicht weiter ernst, Sie sollten nur dringend hören, was unser Co-Autor Jochen Markett so alles verbricht, wenn er unter seinem Künstlernamen Joey Marketti singend und Blockflöte spielend Bands unterstützt.

Das mag ja was werden beim Autorentreffen.

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Ein Buch – das Update (18): Das Thema “Social Media”

20. November 2010 - 19:20 Uhr

Über das Thema “Soziale Netzwerke” reden so ungefähr alle momentan — und es ist nicht anzunehmen, dass sich daran in den nächsten Jahren wirklich etwas ändert. Klar also, dass es auch in unserem Buch um dieses Thema gehen wird. Nicht so sehr aus einer theoretischen Warte heraus, sondern ganz praktisch. Aufgeteilt ist das Kapitel in zwei Teile, nämlich zum einen zum Thema “Reputation”, dann aber auch zum aus arbeitstechnischer Sicht mindestens genauso wichtigen Thema “Selbstorganisation”. Geschrieben wird es von unserer Co-Herausgeberin Ulrike Langer und von Björn Sievers, stellv. Ressortleiter bei “Focus Online”. Und hier ist ihr Exposé, ich freue mich auf Anregungen und Kritik:

1. Social Media für die Reputation:

Blogs/ Bloggen: Ulrike Langer

Journalisten sollten bloggen. Vor allem für freie Journalisten kann das eigene Blog ein dynamischer Ausweis ihrer Interessengebiete, ihrer Expertise und ihres Schaffens und somit ein wichtiges Tool für die Selbstvermarktung werden. Journalisten als Blogger können sich ohne an verlagsinterne Richtlinien, Weisungen und Themenvorgaben gebunden zu sein direkt an ihre Zielgruppe wenden. Blogger bekommen im Idealfall unmittelbares Feedback und oft steckt in einer konstruktiven Debatte auf einem Blog schon der Keim für die nächste Themenidee. Bloggen ist nicht teuer (über Plattformen wie WordPress.com, Tumblr oder Posterous sogar kostenlos). Und auf dem eigenen Blog lassen sich multimediale Fähigkeiten wie Webvideos und Audio-Slideshows produzieren und einbetten oder interaktiven Grafiken erstellen, ausprobieren und nach und nach verfeinern.

Xing (u.a.): Björn Sievers

Die ursprüngliche Idee der Online-Geschäftsnetzwerke ist einfach: Die Nutzer tragen ihre Kontaktdaten ein und geben sie ihren Geschäftspartner frei. Auf diese Weise hat man immer ein aktuelles Adressbuch seiner Kontakte, auch dann wenn diese den Job gewechselt haben oder mit der Firma umgezogen sind. Im Laufe der Jahre, sowohl Xing als auch LinkedIn wurden 2003 gegründet, haben sind aus den Online-Adressbüchern Kommunkationsplattformen geworden, die zum Beispiel Gruppen für den Austausch über Fachthemen bieten. Für Journalisten sind diese Netzwerke wichtig, weil sie dort gefunden werden und weil sie – eingeschränkt – dort auch recherchieren können.

Facebook: Björn Sievers

Seit seiner Gründung 2004 hat Facebook den rasantesten Aufstieg unter den sozialen Netzwerken verzeichnet. Ursprünglich nur für US-amerikanische Studenten gedacht, ist Facebook inzwischen zu einer Kommunikationsplattform für alle geworden. Das Ergebnis: mehr als eine halbe Milliarde Mitglieder. Facebook ist damit – inzwischen auch in Deutschland – das wichtigste Netzwerk. Für Journalisten ist der Dienst zum einen interessant, um sich mit Kollegen und Gesprächspartnern zu vernetzen. Gleichzeitig dient die Plattform dazu, um die eigene Arbeit bekannt zu machen. Neben Twitter und Blogs ist Facebook das dritte wichtige Werkzeug, um die eigene Reputation zu plegen und die eigene Sichtbarkeit zu auszubauen.

Twitter: Ulrike Langer

Journalisten sollten twittern. Twitter ist in seinen Funktionen wesentlich leichter zu durchschauen als Facebook, es ist die am einfachsten zu konfigurierende personalisierte Kommunikationsplattform. Mit Twitter lässt man sein Netzwerk die gefilterten Nachrichten zusammentragen. Twitter ist eine Linkschleuder für interessante Inhalte – auch für die eigenen. Twitter ist ein schnelles und effizientes Recherchetool. Wer mit Bedacht den richtigen Leuten folgt, bekommt in der Regel auf Zuruf Antworten – oder wird weitergeleitet, bis eine Antwort kommt. Twitter taugt in bestimmten Fällen zur Vorhersage und zur Analyse von Trends. Und nicht zuletzt ersetzt Twitter vor allem für Solo-Selbstständige auch den Flurfunk.

2. Social Media für die Selbstorganisation:

Google Reader: Björn Sievers

Aus dem Internet ist längst ein Selbstbedienungsladen geworden, in dem sich jeder sein persönliches Informationsangebot zusammen stellen kann. Das geht zum Beispiel mit RSS-Feeds, also den Nachrichtenströmen, die jedes Blog, fast jedes Medienangebot und inzwischen auch viele Unternehmen und Institutionen anbieten. Diese Feeds lassen sich mit Online-Diensten wie dem Google Reader, Netvibes, Pageflakes und MyYahoo elegant verwalten. Dabei sind einige dieser Plattfomen inzwischen weit mehr als nur Sammelstellen für das persönliche Infotainment. Vor allem der Google Reader ist in sich wiederum ein soziales Netzwerk, das es Journalisten ermöglicht, sich zum Beispiel mit Kollegen zu vernetzen und von deren Internet-Recherchen zu profitieren.

Wikis: Björn Sievers

Die Online-Enzyklopädie Wikipedia hat das Wiki-Prinzip bekannt gemacht. Ber Begriff Wiki ist hawaiisch und bdeutet schnell – womit ein Teil des Prinzips erklärt ist. In einem Wiki lassen sich schnell Informationen ablegen und mit anderen Teilen. Vor allem kann man gemeinsam – als Arbeitsgruppe oder wie im Fall der Wikipedia als potenziell das gesamte Internet – an einem Informationsangebot arbeiten. Für Redaktion und Gruppen von freien Journalisten bieten Wikis die spannende Möglichkeit, zum Beispiel Rechercheergebnisse zu sichern und anderen zugänglich zu machen.

Delicious (Mister Wong u.a.): Ulrike Langer

Wer Online-Inhalte erstellt, sieht sich schnell mit einem Problem konfrontiert: Browser-basierte Bookmarks sind mit hunderten von Lesezeichen überfordert. Und die kommen schnell zusammen, wenn man bloggt. Den Überblick schaffen netzbasierte Bookmarkingdienste wie delicious oder Mister Wong, bei denen man URLs mit beliebig vielen Stichworten (Tags) markiert und ablegt, anstatt eine logische Ordnerstruktur anlegen und pflegen zu müssen. Die Bookmarkingdienste sind sozial, weil man die Lesezeichen mit anderen Nutzern teilen kann, z.B. für gemeinsame Recherchen oder zur Weitergabe von Online-Lektürelisten.

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