Archiv für 18. November 2010


Ein Buch – das Update (17): Jetzt geht´s los

18. November 2010 - 22:27 Uhr

Aktuell sind das wieder die Tage, an denen ich mein Glück irgendwie nicht fassen kann. Weil dieses komische Buchding jeden Tag konkreter wird und ich immer noch auf den Tag warte, an dem mich jemand sanft auf die Schulter stuppst und sagt: Lass das mal besser bleiben, das wird eh nix. Dabei haben wir in acht Tagen schon unser Autorenreffen und so wie es aussieht, werde ich mit dem großartigen Jochen Markett nicht einmal alleine da sitzen. Es kommen also wirklich Leute an einem Samstag aus ganz Deutschland nach Berlin, um sich in ihrer freien Zeit über ein Buchprojekt zu unterhalten und so richtig daran zu arbeiten. Und was heißt hier aus ganz Deutschland: Gerhard Rettenegger setzt sich an seinem freien Samstag in Salzburg in eine Maschine, um teilnehmen zu können.

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Vor mir liegen inzwischen auch ziemlich viele Exposés der Autoren. Und ich würde gerne, weil es ja doch ein etwas anderes Buchprojekt werden soll, folgendes machen: jeden Tag eines dieser Exposes hier posten und es zur Diskussion stellen. Ich freu´mich, wenn´s Anregungen und Kritik gibt — aber was mir mindestens genauso wichtig ist: Ich möchte ganz gerne auch dokumentieren, dass wir wirklich ziemlich ernsthaft arbeiten. Die Reihenfolge der Exposés ist ziemlich willkürlich und umfasst keinerlei Wertung.

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Die erste Idee kommt von Dirk von Gehlen, Redaktionsleiter jetzt.de, und so ganz nebenher ein furchtbar kluger Kopf und zudem irgendwie erschreckend nett (erschreckend deswegen, weil ich mal eine Zeit lang dachte, kluge Köpfe könnten unmöglich auch noch nett sein). Dirks Idee bzw. Thema geht so:

Kurz nachdem er im Frühjahr als „Director of Global News“ bei der britischen BBC benannt wurde, schreibt Peter Horrocks seinen Journalisten eine Mail, in der er ihnen den grundlegenden Wandel benennt, den das so genannte soziale Web für den Beruf des Journalisten bedeutet: „Die Nutzung von Twitter und Facebook“, schreibt Horrocks, „ist nicht mehr ihrem eigenen Ermessen überlassen, sondern Bestandteil ihrer Arbeit. Es tut mir leid, aber ich muss das so sagen: Sie erledigen Ihren Job nicht anständig, wenn Sie sich damit nicht befassen.“

In meinem Kapitel möchte ich aufzeigen, dass Peter Horrocks Recht hat und dass die Rede von den so genannten sozialen Medien mehr ist als nur ein weiterer Trend des noch jungen Mediums Internet. Es geht um die ganz konkreten Folgen für die Arbeit als Journalist und Medienschaffender. Peter Horrocks beschreibt dies so: „Sie sollten die Auswirkungen dessen beobachten, wie unsere Inhalte weitergenutzt werden.“

Was heißt das konkret? Ich zeige Arbeitsbeispiele, so genannte Best Cases und Fälle, in denen der Dialog gründlich misslungen ist. Dialog heißt in diesem Kontext aber auch Weitererzählen, Sharen und Verbreiten. Deshalb wird es in meinem Kapitel auch um die Frage gehen, wie das Verteilen der eigenen Informationen und Texte über Twitter, Facebook und vergleichbare Kanäle unsere Vorstellung vom Helikopter-Journalismus (Tichy) verändert.

Anmerkungen, Anregungen? Jederzeit gerne. Und natürlich auch auf unserer Facebook-Seite, weil es ja irgendwie leicht irre wäre, ein Kapitel zu diesem Thema bringen zu wollen, ohne es auch genau dort diskutieren zu lassen.

1 Kommentar » | DAS BUCHPROJEKT, IN EIGENER SACHE

Ein Tag, der mal wieder alles ändert

18. November 2010 - 12:45 Uhr

Momentan kommt´s wirklich wieder schubweise. Immer, wenn man mal vorsichtig anfängt, sich ein halbwegs gefestigtes Medien-Weltbild zurechtzulegen, dann passieren wieder irgendwelche Dinge oder man liest etwas, man bemerkt erst nicht, wie es zusammenhängt, um dann festzustellen: doch, es hängt zusammen — und es ergibt dann dummerweise wieder ein verändertes Weltbild. Ein bisschen wirr, ein bisschen wie: Konstantin Neven Dumont, diese Einleitung, finden Sie? Ok, ich versuche es ein wenig aufzudröseln…

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Am Dienstag hatte ich das Vergnügen, einer kleinen Parteiveranstaltung zum Thema “Kulturflatrate” zuzuhören (ehrlich gesagt sollte ich sie eigentlich moderieren, aber die Diskutanten diskutierten dann derart heftig, dass ich gar nicht mehr viel moderieren musste, sondern eher zuhören konnte; ich hoffe, dass man mir mein innerliches breites Grinsen an manchen Passagen im Publikum nicht zu sehr angesehen hat). Um ehrlich zu sein: Aus politischer Sicht fand ich das Thema gar nicht so spannend. Interessant war vielmehr, wie man bei diesem Thema auf eine komplett veränderte Lage versucht, eine Antwort zu finden. Und wie man letztendlich grandios daran scheitert, weil man feststellt, dass es auf das hochkomplexe Thema der Digitalisierung keine einfachen Antworten gibt. Natürlich finde ich den Gedanken, Kulturschaffende im weitesten Sinne für ihre Beiträge in der digitalen Welt zu entlohnen, erst mal ehrenwert. Aber schon nach zehn Minuten dachte ich mir in der Debatte: Das geht eigentlich alles nicht. Immer dann, wenn es an die Fragen der praktischen Umsetzung ging, fiel mir zum einen auf, dass niemand auch nur eine halbwegs ernstzunehmende Antwort hatte — und dass zweitens unserer völlig umdigitalisierten neuen Welt und ihren ganzen daraus resultierenden Fragen mit Antworten aus der alten Welt nicht zu begegnen sein wird. Fragen Sie mich bitte jetzt nicht, ob ich bessere Antworten gehabt hätte. Hätte ich nicht gehabt, lediglich dieses Bauchgefühl, dass es so, mit Flatrates, nationalen Grenzen und Ideen aus der analogen Welt nicht funktionieren wird.

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Achtung, etwas abgeschweift und off topic: Nebenher dachte sich der Journalist in mir, dass ich froh bin, nicht mehr sehr viel mit politischer Berichterstattung zu tun zu haben. Man müsste dauernd versuchen, diese wunderbaren, geschliffenen, rhetorisch brillanten Satzgirlanden zu sezieren und sie auf ihren tatsächlichen Gehalt zu überprüfen. Und man wäre jedesmal aufs Neue gefrustet, würde man dann feststellen: Das ist leider gar nicht so viel. Im Übrigen habe ich im Stillen mitgezählt, wie oft ich Füllmaterial wie “Und deswegen sage ich..” oder “Und deswegen plädiere ich dafür…” gehört habe. Nach dem ersten Dutzend in 30 Minuten habe ich aufgegeben.

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Dann gab es  ja auch dieses Interview mit Hubert Burda, in dem Burda im Wesentlichen das sagt, was er und seine Verlagskollegen meistens sagen. Insofern wäre dieses Interview nicht sonderlich bemerkenswert gewesen, auch wenn Burda manches sagt, was ja nicht von der Hand zu weisen ist. Merkwürdigerweise musste ich bei der Lektüre des Interviews dann wieder an die Debatte zur Kulturflatrate denken, weil es zumindest eine Parallele gab: Auch Burda und seine Epigonen aus der aus der analogen Welt versuchen immer noch, neuen Herausforderungen mit alten Antworten zu begegnen. Wie ein Mantra wird dabei wiederholt, dass Google und Facebook und all die anderen ja lediglich aufgrund der Inhalte, die aus der analogen (Verlags-)Welt kommen ihre digitalen Imperien am Leben erhalten würden. Das ist ziemlicher Unfug, weil Google und Facebook keine klassischen Medien sind und ihren Usern zwar auch journalistische Inhalte anbieten, letztendlich aber ganz neue Ziele verfolgen und völlig andere Modelle entwickeln. Letztendlich holen sie die Menschen aus ihrer analogen Welt ab und überführen sie in eine komplett neue Lebenswelt. Sie nehmen den Verlagen nicht ihre Inhalte, sondern (was womöglich noch viel schlimmer ist): Sie nehmen ihnen ihre Relevanz und ihre Bedeutung. Das muss man nicht gut finden, es ist nur unabänderlich. Und man wird einem radikalen gesellschaftlichen Wandel (nichts anderes ist das) nicht begegnen können mit ein paar gesetzgeberischen Initiativen. Ein Leistungsschutzrecht und eine Kulturflatrate sind eher lächerliche Versuche, wenn gleichzeitig Facebook ankündigt, nunmehr sämtliche Kommunikation seiner User in einem Kanal bündeln zu wollen. Dass andere ebenfalls ähnliches versuchen werden, darf als ausgemacht gelten.

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Es geht also deshalb auch nur am Rande darum, dass, wie Burda bemerkt, möglicherweise in den USA klügere Programmierer sitzen als in Hamburg oder München. Es geht um den Ansatz und auch die Möglichkeiten, die hinter den Giganten stecken: Sie wollen uns ganz. Ob sie das mit Hilfe des einen oder anderen Artikels aus dem “Focus” oder der “Bunten” tun, ist für Facebook und Google in der Konsequenz unerheblich. Entscheidend ist, dass sich die digitalen Menschen in einem Kosmos befinden, in dem sie möglichst vieles aus einer Hand bekommen.

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Wer in zehn Jahren einen heute 15jährigen fragen wird, ob er eher auf sein Facebook-Konto oder ein Focus-Abo verzichten würde, wird im Regelfall Antworten bekommen, die Burda nicht sehr freuen dürften. Die Debatte also, ob Facebook und Google klassischen Journalismus ersetzen, war schon immer unsinnig. Niemand dort interessiert sich für Journalismus. Sie interessieren sich dafür, User in einem weitgehend abgeriegelten Kosmos zu behalten. Um dagegenzuhalten, dafür sind nahezu alle Medienunternehmen zu klein, um ähnliche Lebenswelten aufzubauen, sind sie, unbeschadet der mangelnden Größe, auch viel zu spät dran. Leistungsschutzrecht, Kulturflatrate? Man müsste eher über die künftige Rolle nachdenken, die klassische Medienunternehmen in der digitalen Welt überhaupt noch einnehmen können.

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