Archiv für 29. November 2010


Sturmgeschütz der Verlogenheit

29. November 2010 - 9:55 Uhr

Als ich mich zum ersten Mal wunderte, wie verlogen Politik ist, war ich Anfang 20, war auf einem kleinen Termin für meine Lokalredaktion, stand bei einer Gruppe von lokalen Politikmittelgrößen und lauschte, wie sie sich gerade ziemlich ungeniert das Maul zerrissen über ein paar Menschen, von denen ich damals noch dachte, das “Freunde” im Begriff “Parteifreunde” sei auch nur im Ansatz ernst zu nehmen. Mich wunderte, wie sie damals übereinander herfielen — und noch mehr wunderte es mich, wie sehr der Ton sofort umschlug und die Gesichter sich veränderten, als diejenigen, die man gerade noch auf den Grill gelegt hatten, den Raum betraten. Seitdem bin ich froh, wenn ich mit Politik nicht viel zu tun habe. Manche nennen das professionell, ich finde es eher widerlich.

Mein Eindruck, den ich damals in kleinen Lokalredaktionen gewann, sollte mich nicht täuschen, auch später nicht, als die Redaktionen größer und die Politikernamen durchaus bekannter waren. Und auch das Zusammenspiel zwischen Journalisten und Politikern funktuoniert fast überall gleich, egal ob in Berlin oder in Dingolfing. Sie brauchen sich, sie mögen sich nicht, sich zerreißen sich das Maul übereinander und wenn sie sich gegenseitig brauchen, haben beide keine Hemmungen, sich gegenseitig zu instrumentalisieren.

Und damit kommen wir jetzt endlich zu den neuesten Wikileaks-Veröffentlichungen, aus den in Deutschland der “Spiegel” ein enormes Brimborium gemacht hat; begleitet von “Bild”, wo man meinte zu enthüllen, was die “Amis” wirklich über Deutschland dächten. Was sie dann wirklich denken, die Amis, das was dann so harmlos, dass man sich wundern muss, dass alle Welt in helle Aufregung verfällt. Man hält also Westerwelle für einen ziemlich eitlen Gockel, dessen größte Liebe und Kompetenz nicht gerade die Außenpolitik sei? Stand mehr oder minder so schon in Dutzenden aufgeplusterten Leitartikeln deutscher Zeitungen. Merkel sei nur selten wirklich entschlossen und kreativ? Ja sowas. Das darf beim “Spiegel” jeder kleine Autor aus dem Deutschland-Ressort seit Jahren ungestraft schreiben, manchmal hat man sogar den Eindruck, es gebe einen Bausteinkasten für Politik-Autoren, in denen das festprogrammierte Phrase im CMS steht.

Und so geht es weiter, über 17 quälend lange Seiten, in denen der “Spiegel” immer wieder Brisanz in etwas reinzuschreiben sucht, was inhaltlich vollkommen unbrisant ist. Die einzige vermeintliche Brisanz entsteht dadurch, dass andere beim Lästern erwischt worden sind und irgendjemand das jetzt publiziert. Der “Spiegel” und der Jornalismus überhaupt tun weder sich noch anderen einen Gefallen damit, diesen Unsinn zu veröffentlichen. Die Dokumente von “Wikileaks” bieten keinerlei wirklichen Erkenntniswert — oder hat wirklich ernsthaft jemand geglaubt, dass die sich alle so mögen, wie sie immer tun und vorgeben? Sie bedienen ein bisschen Voyerurismus und die Neigung, Politik zu banalisieren, ohne eine einzige wirkliche Nachricht zu generieren. Man merkt das auch daran, wie bemüht der “Spiegel” in seinen 17 Seiten immer wieder darauf aufmerksam macht, dass das jetzt aber schon ein Knüller sei, was da jemand, irgendein aufstrebender Streber aus der FDP, den Amis in der Einschätzung zu Schäuble nahegebracht hat. Und man merkt es am anschließenden Interview mit dem US-Botschafter, der sagt, was zu sagen ist: blöd jetzt, das werden ein paar unangenehme Tage und man wird sich wohl ein bisschen entschuldigen müssen — aber das war es dann auch. Und glaubt denn bitte umgekehrt irgendjemand, dass in den Giftschränken deutscher Parteien und Regierungsstäbe nicht ähnlich unschöne Formulierungen über US-Politiker zu finden sind?

Ich glaube, dass “Wikileaks” und die begleitenden Medien sich mit dieser Veröffentlichung und dem großen Ballyhoo darum keinen Gefallen tun. Weil sie die bisherigen Scoops entwerten, weil sie erschütternde und wirklich brisante Dokumente aus dem Irak oder aus Afghanistan plötzlich gleichsetzen mit politischer Schlüssellochguckerei.

Und, ach ja: Bevor die Leitartikler des Landes heute wieder ausholen und interpretieren und kommentieren, wie skandalös und brisant das alles doch sei, besser selber mal ins Archiv schauen. Und sicher gehen, ob sich da nicht Sachen wie diese finden:

8 Kommentare » | NUR SO DAHINGESAGT

Ein Buch – das Update (22): Unter den Linden

29. November 2010 - 9:02 Uhr

Salzburg, München, Köln, Dresden, Essen, Berlin. Zug, Flugzeug, S-Bahn. 4.30 Uhr aufstehen, hin und zurück am selben Tag, übernachten im Hotel. Fersehen, Radio, Blog, Internet. Es war schon ziemlich interessant zu sehen, wie sich am Samstag  Menschen zu ein und dem selben Ziel aufmachten und wie sie dort hinkamen. Ziel, das war die Berliner Niederlassung von E-Plus in Berlin, Unter der Linden 17, Konfi, 4. Stock. Ziel war auch: reden über ein Buch, das so langsam die Phase der Exposés und der eher theoretischen Abhandlungen verlässt. Und genau deswegen war ich unglaublich gespannt: Wenn sich sieben Leute an einem Tisch setzen, um über dasselbe zu reden, reden sie dann auch über das Gleiche?

Bisher war das ja irgendwie etwas, was mich bei dem Buchprojekt beunruhigt hatte: Bringt man es wirklich irgendwie hin, dass die Ausgangslage für alle gleich ist, dass wir wirklich alle letztendlich die gleiche Idee verfolgen? Seit gestern bin ich mir ziemlich sicher, dass das funktionieren wird. Nach fast acht Stunden ziemlich langer Debatten haben wir (Ulrike Langer, Jochen Markett, Richard Gutjahr, Simon Kremer, Gerhard Rettenegger, Marküs Hündgen und ich) dem Buchprojekt eine deutlich klarere Struktur gegeben, wir wissen jetzt, was wir machen wollen — und auch, was genauso wichtig ist, was wir nicht machen.

Fangen wir erst mal mit denen an, für die wir das Buch machen wollen. Irgendwann fiel der Satz: “Für alle, die Journalismus neu lernen — oder ihn neu verstehen wollen.” Ich finde diesen Satz wunderbar, weil er alles trifft, was wir über diese sogenannte Zielgruppe sagen können. Neu verstehen heißt nach unserem Verständnis allerdings nicht, dass wir für uns in Anspruch nehmen wollten, ihn auch neu zu erfinden. Das muss man ja auch gar nicht, weil es nach wie vor einiges an Grundlagen gibt, die auch im Zeitalter der Digitalisierung nicht in Frage zu stellen sind. Wir wollen als da anfangen, wo die bisherigen Lehrbücher aufhören. Ein Kapitel wie “Die Überschrift” oder “Das Interview” werden Sie bei uns nicht lesen. Aus zwei Gründen: Zum einen eben, weil wir nichts schreiben könnten, was andere nicht richtigerweise schon lange festgestellt haben. Und zum anderen, weil das Buch das schon alleine vom Umfang her gar nicht leisten kann. Wir wollen mit ca. 500 Seiten auskommen und die werden wir bei all unseren Themen auch brauchen. Wollten wir des gesamte journalistische Einmaleins nochmalb rekapitulieren, wir würden auch mit 1000 Seiten nicht auskommen.

Weil wir gerade von Seitenzahlen sprechen: So die 500 Seiten wollen wir am Ende haben, das scheint uns eine realistische Größe. Und wir glauben, dass man auf 500 Seiten alles unterbringen kann, was relevant ist.

1995 – das ist so eine Zahl, die immer wieder durch unsere Debatten schwirrte.  Keine Zahl, die zum Dogma wird, aber eine, die eine gute Orientierung bietet bei unserer internen Themendiskussion. Sinngemäß und grob zusammengefasst: Jedes Thema, das wir angehen, muss sich überprüfen lassen, ob sich dort seit 1995 etwas wirklich neues ergeben hat. Um beim Beispiel Interview oder Überschrift zu bleiben: Da hat sich seit 1995 nichts verschoben, also ist das auch kein Thema für uns. Ich bin kein Fan starrer Regelungen, aber in diesem Fall finde ich diese 1995-Grenzmarkierung ziemlich hilfreich.

Und schließlich gibt es jetzt auch einen einigermaßen fixen Zeitplan: Geschrieben soll alles bis Mitte Januar sein, dann kommen Lektorat und die äußerliche gestaltung des Buches (für die wir eine schöne Idee hätten, hoffen wir, dass sie sich umsetzen lässt) — und schließlich soll dann im Mai alles erscheinen, wenn´s geht mit einer kleinen Party. So weit der Plan — dass in der realität dann sowie alles anders kommt, wissen wir ohnehin.

(In diesem Zusammenhang nochmals ein großer Dank an Sachar Kriwoj und an E-Plus, die uns einen vollständigen Konferenzraum samt viel Kaffee und vielen Getränken zur Verfügung gestellt haben!)

2 Kommentare » | DAS BUCHPROJEKT, IN EIGENER SACHE, MEDIENZUKUNFT