Archiv für Dezember 2010


Mit Gras im Mund und einem verständnislosem Blick

30. Dezember 2010 - 16:57 Uhr

Gerade eben bin ich dabei, meine ganzen CD´s rauszuhauen und ein wenig Ordnung in Kram zu schaffen, der sich über die Jahre hinweg nun mal so ansammelt. Unfassbar viel Papier, das da gerade weggeschmissen wird. Unzählige Datenträger, die im wahrsten Sinne des Wortes verstaubt sind. Desweiteren gefunden: ein Discman, ein analoges Aufnahmegerät, ein altes Handy, das aussieht, als wäre es ein Museumsgegenstand. Vergilbte Zeitungsartikel und unendlich viel anderes Zeug, das ich nicht nur aus purer Sammelwut angehäuft habe, sondern Kram, den ich aus zweierlei Gründen gebraucht habe. Zum einen, um meinem Beruf nachgehen zu können. Zum anderen aber auch, um all das zu konsumieren, was man im weitesten Sinne unter “Medien” versteht. CDs und Papier fliegen also gerade in hohem Bogen raus. Käme jemand deswegen auf die Idee, mir sinkendes Interesse an Musik, an Büchern und an meinem Beruf zu unterstellen? Deswegen – und weil das Jahr zu Ende geht und man das ja immer am Jahresende so macht – ein paar letzte Gedanken zum Medienjahr 2010.

1. Mit dem Latein am Ende

Vielleicht ist das ja ein zutiefst menschlicher Reflex: Man weiß ja irgendwie, dass Veränderung zum Leben so sehr gehört wie nichts anderes. Würden wir uns nicht dauernd verändern, würden wir immer noch VW Käfer fahren, schwarzweißes Fernsehen betrachten und uns damit abfinden, dass Rauschen zum Radiohören und nerviges Knistern zum Plattenhören gehört. Auf der anderen Seite mögen wir Veränderungen häufig ungefähr so gerne wie Zahnarztbesuche. Müsste man also nicht alles Verständnis der Welt dafür haben, wenn auch in unserer wunderbaren Medienbranche zwar viel und gerne über Veränderungen räsoniert wird, man sie aber im wirklichen Leben nicht so gerne umsetzt?

Auf der anderen Seite kann es das alleine ja nicht als Begründung gewesen sein, schaut man sich das Medienjahr 2010 so an. Die Branche – zumindest die, die ihre Heimat immer noch in der analogen Welt sieht – wirkt so, als sei sie mit ihrem Latein am Ende.  Gezeigt hat sie nichts bis wenig Innovatives, nichts, was den neuen Freiräumen, die digitale Medien ermöglichen, gerecht würde. Sie zeigt sich immer noch unbeweglich und auf reine Besitzstandswahrung ausgerichtet. Sie will sich nicht die neuen Möglichkeiten zunutze machen, sondern das, was nicht passt passend machen. Zweierlei ist exemplarisch dafür. Da ist zum einen das stetige Beharren der Verlage darauf, dass es nur mit einem Leistungsschutzrecht weitergehen könne. Passend machen, was nicht passt: Eine Lösung für ein vollständig verändertes Umfeld müsste eigentlich darin bestehen, dass man sich ebenfalls ändert. Stattdessen wollen die Verlage der digitalen Welt Ketten anlegen und versuchen, sie in ihre bisherigen Strukturen zu zwängen.

Zum anderen der wunderbar untaugliche Versuch des Springer-Verlags, “Bild” die Ketten einer App anzulegen, für die man entweder Geld bezahlt oder ausgesperrt wird. Das Problem dabei ist nicht die App und auch nicht das iPad. Das Problem ist, dass man speziell bei Verlagen immer wieder versucht, ein altes, abgenutztes Geschäftsmodell, das früher mal funktionierte und seine Berechtigung hatte, einfach in eine neue Welt zu übertragen. Mit ein paar ökonomischen Grundkenntnissen weiß man, dass das noch nie funktioniert hat. Die Freunde aus Analogien allerdings stellen sich auf den merkwürdigen Standpunkt, dass etwas Neues ja ohnehin nicht klappe und man deswegen mit dem Alten weitermachen müsse.

Man muss kein Prophet sein um zu wissen, dass das nicht funktionieren wird. Umgekehrt wollen die Analogen sich an allem vergreifen, was mit Veränderung, Aufbruch, Neuem zu tun hat. Sie schlagen Google und Apple und Facebook und meinen damit eigentlich etwas ganz anderes. Das alles steht sinnbildlich für die Ratlosigkeit und letztendlich ist dieses Verhalten ein Eingeständnis des Scheiterns. Ich hatte eigentlich vermutet, dass der Branche 2010 irgendetwas Neues einfallen wird. Doch dieses Neue besteht im Wesentlichen nur darin, jetzt wenigstens einzuräumen, dass es ohne digitale Publikationen nicht mehr gehen wird. Das Eingeständnis alleine wird nicht reichen, solange man die neue digitale Welt nicht verinnerlichen wird. Heute übrigens am Rande ein Gespräch mit einem an sich sehr geschätzten Chefredakteur einer Tageszeitung gehabt und über ein Projekt gesprochen. Meinen Vorschlag, das Thema mit einem Onlineservicepaket (Linksammlung et al, ganz simple Dinge also) zu erweitern, lehnt er ab. Mit der Begründung, dass das seine Onliner sicher nicht gerne sähen, wenn man von ihrer eigenen Seite wegverlinkt.

2. Weil wir schneller sind

Die Trägheit der Masse könnte man also gerade noch verstehen, weil Masse immer träge ist. Und weil man es sich in vielen Häusern und Redaktionen über die letzten Jahre irgendwie angenehm kuschelig eingerichtet hat. Ein Arbeitsvertrag als Redakteur, wie ihn viele der heute Vierzigjährigen besitzen, war (und ist) nichts sehr viel anderes als ein Rentenvertrag, eine Lebensversicherung, eine Garantie zum lebenslangen Mitlaufen in der Herde. Wenn ich mich umschaue bei vielen, mit denen ich die ersten Jahre meines Berufslebens verbracht habe, erschrecke ich manchmal. Darüber, wie sie zu Redaktionsbeamten geworden sind, bei denen man nur noch darauf wartet, dass sie sich frühmorgens zu Bürobeginn Ärmelschoner überziehen. Es ist ja immer so schön einfach, mit dem Finger auf die da oben im Allgemeinen zu zeigen. Tatsächlich hat der Journalismus schon auch das Problem , dass es nicht nur in abstrakten Gebilden wie “dem Verlag” an Verständnis und Veränderungsbereitschaft fehlt, sondern auch irgendwo im Mittelbau, bei denen, die heute jeden Tag Zeitung, Radio oder Fernsehen machen.

Das ist, wie gesagt, an sich nichts Ungewöhnliches und vermutlich auch einfach nur menschlich. Gefährlich wird es immer dann, wenn Schläfrigkeit und Selbstgewissheit auf das genaue Gegenteil treffen. Der Journalismus alter Prägung wird nicht deshalb in Gefahr geraten, weil er auch die eine oder andere Schlafmütze beheimatet. Sondern weil er am anderen Ende auf Menschen und Konstrukte trifft, die das genaue Gegenteil dessen sind. Die jeden Tag schon wieder an neuen Ideen arbeiten, die sich ihre Nischen, ihre Freiräume suchen und sie zu etwas gestalten, was das Gegenteil der jeden Tag schläfrig hervorgebrachten  journalistischen Standardwerke sind. Ich bin weiß Gott kein Anhänger der zurecht mausetoten New Economy, aber dass der Schnellere den Langsameren schlägt, ist eine der wenigen Lehren, die man auch heute noch anwenden darf. Schnelligkeit ist allerdings ungefähr das Letzte, was man vielen Analogen nachsagen dürfte. Dabei ist die Lehre nach dem vertanen Medienjahr 2010 eigentlich eine ganz einfache: Ändert euch, ändert euch schnell, ändert euch radikal.

3. Der Generationenbruch bricht das Genick

Das Netz und seine bösen Ureinwohner sollen ja an allem schuld sein. Das iPad und andere Geräte stellen die Analogen ebenfalls vor eine Menge neuer Probleme und neuer Herausforderungen. Wenn man also ein wenig genauer hinhört bei den zahllosen Konferenzen und Panels, dann kommt man schnell zu der Auffassung, dass es ein paar Technologien seien, die den Medien ihre bisherige komfortable Situation so erschwert. Das ist der größte Trugschluss des Medienjahres 2010. Nüchtern betrachtet haben das Web und das Pad und all der ganze andere Kram nicht sehr viel mit diesen Schwierigkeiten zu tun. Stattdessen ist es ein Journalismus, der sich immer weiter von denen entfernt hat, die ihn eigentlich nutzen sollten. Schauen wir uns mal kurz um: Die Tageszeitung wird in Deutschland am meisten von den 40 bis 70jährigen gelesen. Statistisch erreicht sie im Publikum zwischen 14 und 19 zwar regelmäßig noch Werte um die 50 Prozent, merkwürdigerweise glaubt mir die aber in der Zielgruppe nie jemand, wenn ich sie bei Vorträgen erzähle. Fernsehsender ergötzen sich immer noch gerne an ihren Markanteilen, man übersieht dabei aber gelegentlich gerne mal, dass der Anteil der fernsehenden Menschen stetig sinkt. Der Durchschnittszuschauer von Sendern wie Pro 7 oder RTL sind irgendwas um die 40, bei ARD und ZDF würden sie bei solchen Zahlen wahrscheinlich dreitägige Dauerorgien feiern. Der Bayerische Rundfunk jubelte unlängst darüber, dass seine Programmreform das Durchschnittsalter der Zuschauer um ein Jahr gesenkt habe, erwähnt dabei aber dann doch lieber nicht, dass dieser Schnitt immer noch deutlich über 60 liegt.

Man erwischt diejenigen, die die Zukunft sichern sollen, also schlichtweg nicht mehr. Deswegen gehen die Probleme und die Lösungsvorschläge auch oft so gravierend aneinander vorbei. Ein Verlagsleiter beklagte sich vor wenigen Wochen bei mir,er sehe einfach nicht, wie eine App die Lösung für seine Probleme sein solle. Seine Leser seien ja im Regelfall gar keine iPad-Nutzer, weswegen er nicht ganz einsehe, jetzt viel Zeit und Geld in eine entsprechende App zu investieren. Dem Mann ist durchaus recht zu geben, wenn auch nicht in dem Sinne, in dem er es meinte. Natürlich ist die App nicht die Lösung seines Problems. Sein Problem ist seine Zeitung, ist der Generationenbruch, ist das Resultat von Versäumnissen vieler Jahre. Der iPad-Besitzer wird nicht die verstaubte Zeitung lesen, nur weil es sie jetzt auf dem iPad gibt. Der Staub ist schließlich immer noch der selbe.

Gleichzeitig war unser Gespräch dennoch bezeichnend. Meine Zustimmung, dass die App jetzt nicht gerade das Entscheidende bei der Problemlösung sei, verstand er anders als ich sie gemeint hatte. Gemeint hatte ich: Ihr müsst euer ganzes Blatt überdenken, eure ganze Position, eure ganze Strategie, euer ganzes Selbstverständnis. Er meinte: Prima wenn Sie das auch so sehen – dann können wir ja uns weiter ganz auf unsere Zeitung konzentrieren.

4. Die Sache mit dem Verständnis

Über den Satz, dass das Netz kein rechtsfreier Raum sei, schmunzelt man in der Szene heute noch (als wenn das jemals jemand behauptet hätte). Was das Netz aber sehr wohl ist: ein riesiger Freiraum, ein gigantischer Kreativitätspool, in dem Regeln und Begrenzungen, wie wir sie bisher kannten, schlichtweg nicht mehr gelten. Jeden Tag passieren im Netz irgendwelche Dinge, irgendwas kann morgen schon der Trendsetter sein. Vielleicht für Jahre, vielleicht auch nur für Wochen. Man müsste also das Netz als ein komplett neuartiges Konstrukt begreifen, man müsste sein Wesen verinnerlichen. Stattessen wird es vielfach einfach nur als ein neuer Vetriebskanal betrachtet. Der alte Wein soll in die neuen Schläuche gefüllt werden, selbst dann, wenn er ungenießbar ist. Dafür gibt es ein paar naheliegende Gründe. Einer davon ist, dass digitale Köpfe in den Führungsebenen vieler Häuser immer noch die Ausnahme sind. Umgekehrt sieht man: Überall da, wo es diese digitalen Köpfe mit einem grundlegenden Verständnis für neue Medien gibt, funktioniert das Ganze wesentlich besser als andernorts. Und nein, mit den digitalen Köpfen ist nicht eine eigene Onlineredaktion, ein eigener “Onlinechef” gemeint. Das wird nicht reichen. Wenn Medien sich ohne jede Einschränkung digital aufstellen wollen, dann erfordert das eben mehr als nur eine weitere Planstelle für jemanden, der sich im Rahmen der analogen Grenzen ein bisschen kreativ austoben darf.  Doch genau das ist häufig das Problem: Wer holt sich schon jemanden ins Haus, den er als den Feind in seinem Haus betrachtet?

5. Hier stehe ich und kann nicht anders

Alles ganz einfach also für 2011? Ein bisschen neu aufstellen und die Versäumnisse der letzten Jahre aufholen? Wenn man in diesen letzten Tages des Jahres den Protagonisten der analogen Welt zuhört, dann hat man den Eindruck, als wollten und würden sie es exakt so angehen. Und gleichzeitig verweisen sie auf ihren Sachzwänge, auf die engen Grenzen, die ihnen gesetzt sind, so dass sich die Strategie fast schon wieder von alleine ergibt. Der Hauptumsatzbringer, wer wollte das auch bezweifeln, sind ja immer noch die alten Geschäfte. Und solange das so ist, kann man wunderbar darauf verweisen, dass man dieses Kerngeschäft ja unmöglich vernachlässigen könne. Man will und wird also das Medium, das so viele kreative Freiheiten wie nie zuvor anbieten würde, mit Sachzwängen und Einschränken und vielen “ja, aber…” angehen.

Im Grunde bin ich immer Optimist. Aber an die Veränderungsfähigkeit eines Dinosauriers zu glauben, fällt mir zunehmend schwerer. Auch wenn der Dino ankündigt, künftig vegetarisch leben zu wollen, bleibt er ein Dino. Dass 2011 anders wird als 2010 denke ich dennoch. Die ersten der Dinos werden uns verlassen, mit einem Grasbüschel im Mund und einem leicht verständnislosen Blick.

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Ein Buch – das Update (26): Das Thema Webvideo

29. Dezember 2010 - 13:39 Uhr

Normalerweise stehen in diesem Blog in (zugegeben) sehr unregelmäßiger Reihenfolge die Exposés zu den jeweiligen Themen. Unser Videopunk Markus Hündgen hat seine Grundgedanken zu seinem Thema Webvideo praktischerweise gleich auf seinem eigenen Blog veröffentlicht, weswegen ich das gerne erstens zur Lektüre und zweitens zur Debatte freigeben möchte. Markus´Ideen finden Sie gleich nebenan hier.

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Ein Buch – das Update (25): Wir suchen einen Titel!

29. Dezember 2010 - 13:25 Uhr

Vor kurzem sind wir mal gefragt worden, wie unser Buch heißen wird. Unsere Antwort war eher sparsam, denn um ehrlich zu sein: Wir haben noch gar keinen. Das muss sich dringend ändern! Und dazu brauchen wir Ihre Mithilfe.

Das Spiel geht wie folgt:

1. Titelvorschlag entweder hier oder bei Facebook posten.

2. Namen nicht vergessen.

3. Der/die Sieger bekommen erstens das Buch, noch bevor es in den Verkauf geht. Und zweitens eine kleine Danksagung im Buch.

Wir sind gespannt auf Ihre Kreativität (was letztlich auch eine tolle Ausrede dafür ist, dass wir bei der Titelsuche bisher so komplett unkreativ waren).

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Wir könnten auch das Telefon wieder abschaffen

29. Dezember 2010 - 13:20 Uhr

Schon bald werde dieses Gerät wieder verschwinden. Niemand brauche es, es sei wenig nutzbringend, sondern sogar im Gegenteil eher gefährlich. Es befördere die unnötige Kommunikation und sorge letztendlich schnell für Ermüdung und Überforderung. Gemeint war mit dieser Analyse irgendwann zu Anfang des 20. Jahrhunderts — das Telefon (die Argumentation wiederholte sich übrigens nahezu punktgenau so, als das Handy seinen Siegeszug antrat).

Fast genauso wie die Kulturpessimisten vor etlichen Jahrzehnten argumentiert momentan die NZZ. Allerdings nicht auf Telefone bezogen, sondern auf soziale Netzwerke, was insofern passend ist, weil soziale Netzwerke die Telefone vielleicht nicht ablösen, aber ihnen insofern nicht unähnlich sind weil man früher vielleicht mal schnell zum Hörer gegriffen hat, um jemand anderem völlig belangloses Zeug zu erzählen oder um einfach nur zu fragen, wie es dem Menschen am anderen Ende gerade geht. Die NZZ konstatiert jedenfalls drohende Überforderung und wachsende Ermüdung und will zudem erkannt haben, dass sich “erste Mitglieder” bereits wieder aus den Netzwerken zurückziehen (einen Beleg dafür bleibt die Autorin allerdings schuldig).

Eigentlich ist dieser Text aus der NZZ schon ein paar Tage alt — aber trotzdem passt er noch prima hier rein. Weil er pünktlich zum Jahresende wie eine Quintessenz zeigt, wie schwer sich Journalisten immer noch mit den Veränderungen tun, mit denen sie inzwischen seit Jahren konfrontiert sind. Und wie schwer es ihnen fällt zu akzeptieren, dass diese bösen Geister nicht einfach mehr in ihre Flaschen zurückgehen.

In der NZZ gibt es dabei einige absonderliche Argumentationen zu lesen. Selbst der fleißigste Blogger, so heißt es dort, werde irgendwann müde, zumal sich Gefühle wie Scham und Stolz abnützten, wenn man sie zu oft hervorrufe. Das ist in etwa so, als wenn man das baldige Ende des Journalismus prophezeien würde, weil selbst der fleißigste Journalist irgendwann müde werde und man zudem zu oft Gefühle wie Scham und Stolz hervorrufe. Einmal in Fahrt, trägt es die NZZ dann vollends aus der Kurve: Es drohten auch noch “juristische wie wirtschaftliche Gefahren”. Als Beleg dafür wird der Fall einer Schweizerin verwendet, die eine Geldstrafe bezahlen musste, weil sie bei Facebook einen anderen Menschen beleidigte, wobei man gerne wüsste, wie es in der Schweiz ist, wenn man jemandem im richtigen Leben beleidigt. Geht man dann straffrei aus? Und schließlich wird dann auch noch die Gefahr einer neuerlichen Dotcomblase heraufbeschworen, so dass aus diesem diffusen Gemisch aus Kulturpessimismus, juristischen Belanglosigkeiten und ökonomischen Viertelwissen lediglich das Gefühl hängen bleibt, dass es höchste Zeit wird, sich aus allen Netzwerken wieder zu verabschieden.

Die NZZ und die vielen anderen Skeptiker täuschen sich: Soziale Netzwerke werden sich verändern, aber sie bleiben. So wie die Telefone und die Handys geblieben sind. Die nerven zwar auch manchmal, aber niemand muss sie eingeschaltet lassen, es gibt die segensreiche Einrichtung von Anrufbeantwortern.

Das Wunschdenken ist bei vielen Journalisten immer noch sehr ausgeprägt. Weil sie immer noch nicht wahrhaben wollen, dass wir es nicht mit ein paar kleineren Verschiebungen, sondern mit einem sehr grundlegenden Wandel zu tun haben, der sie häufig in ihrem Selbstverständnis trifft. Das kann man bis zu einem gewissen Grad verstehen, nur: Das Telefon ist auch nicht mehr gegangen.

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Ein Buch – das Update (24): Herr Lindner und die Buchmesse

27. Dezember 2010 - 17:38 Uhr

Schon länger nichts mehr von uns und dem Buch gehört? Entschuldigung, aber wir sind fleißig am schreiben und machen. Insofern gibt es zwar irgendwie viel Neues, aber irgendwie auch nicht, weil man zu schreibenden Menschen ziemlich wenig an Updates schreiben kann. Und dass es inzwischen schon eine Indesign-Datei gibt, in die reingearbeitet wird, ist ja so spannend auch wieder nicht. Falls doch: Es gibt bereits eine Indesign-Datei, in die reingearbeitet wird.

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Und dann haben wir noch einen zusätzlichen Autoren, dessen Text irgendwann in diese Indesign-Datei reinfließen wird: Christian Lindner, Chefredakteur der Rhein-Zeitung. Das freut mich deshalb ganz besonders, weil  es kaum eine Regionalzeitung in Deutschland gibt, die derart konsequent am Umbau zu einem zukunftsfähigen Konstrukt arbeitet wie die “Rhein-Zeitung”. Dass das auch das Thema von Christian Lindner im Buch sein wird, muss man wahrscheinlich nicht eigens dazu sagen.

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Immerhin — und auch das ist erfreulich — findet unser Buchprojekt so viel Interesse, dass ich es bei der Buchmesse in Leipzig vorstellen kann (unter freundlicher Mithilfe von Marion Schwehr von Euryclia). Am 19. März ist es soweit, was insofern für mich und uns eine gute Sache ist, weil es selbst unter einen positiven Druck setzt, bis dahin etwas Vorzeigbares in der Hand zu haben. Wird schon. Journalisten sind ja bekannt dafür, mit Termindruck dergestalt umzugehen, dass man immer knapp nach dem gesetzten Abgabtermin vielleicht auch mal fertig ist.

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Eine kleine App-Kritik (5): So wird das gemacht!

21. Dezember 2010 - 9:17 Uhr

Gut, man könnte jetzt das Übliche sagen: Es ist die ARD, da ist viel Geld da, da ist viel Zeit und Personal da. Trotzdem kommt man nicht daran vorbei, als die beiden Tagesschau-Apps für iPhone und iPad erstmal als das Beste zu bezeichnen, was in dem Genre in Deutschland derzeit auf dem Markt ist. Die App ist exakt so, wie man sie sich wünscht. Übersichtlich, sehr funktional, intuitiv zu bedienen, voll mit sinnvollem und gutem Inhalt und noch dazu auch optisch edel.

Im Übrigen erledigt die App der Tagesschau auch vieles der Verlegerkritik quasi im Vorbeigehen. Inhaltlich bietet die Tagesschau nichs anderes als was sie noch sonst auch bieten würde, nämlich eine Kombination aus Texten und Bewegtbild (man darf ja den Teletext wohl auch als Text bezeichnen, ohne gleich von “Presse” zu reden). Sie macht das richtig gut und – mit Verlaub – auch sehr besser als die Kollegen in den Verlagen. Das muss übrigens keine Selbstverständlichkeit sein, man sehe sich dafür nur zum Vergleich mal die App der “Tagesschau” des Schweizer Fernsehens an, die nicht im Ansatz mit der ARD konkurrieren kann. Vom ORF wiederum gibt es noch gar keine.

Also, kurz zusammengefasst: Bei mir hat die ARD gerade mächtig gepunktet — und das Verhalten vieler Verlage kommt mir gerade unfassbar larmoyant vor. Bringt selbst mal sowas auf den Markt, anstatt immer nur zu jammern und zu betonen, wie unersetzlich ihr seid.

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In eigener Sache: Ein iPad-Seminar

20. Dezember 2010 - 10:27 Uhr

Ja, ich weiß: Eigentlich müsste über diesem Eintrag so etwas wie “Anzeige” stehen. Weil es Werbung in eigener Sache ist. Ich veranstalte nämlich mit einem sehr kompetenten IT-Kollegen ein eintägiges iPad-Seminar, bei dem es um die bisherigen und die künftigen Strategien, ein paar potentielle Geschäftsmodelle und die technischen Grundlagen geht. Die Einladungen dazu gehen erst morgen raus — weswegen ich den Bloglesern gerne anbiete, sich schon heute zu informieren und ggf. anzumelden. Das Seminar ist nämlich auf 15 Plätze begrenzt. Blogleser bekommen allerdings eine sichere Zusage (sofern es nicht mehr als 15 sind, logischerweise). Interesse? Kurze Mail an cjakubetz(at)gmail.com und ich schicke (unverbindlich) die Unterlagen zur Veranstaltungen. Und Sie müssen es ja keinem weitersagen, aber man könnte das Seminar anschließend (oder vorher) auch gut mit Skifahren oder ähnlichen Wintersportvergnügungen verbinden…

So. Danke fürs Zuhören. Werbemodus off.

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Streifzug durch die Journalismus-Woche: IHK, DAK, blablabla

18. Dezember 2010 - 12:44 Uhr

Interessante Unterhaltung diese Woche mit einem Chefredakteur einer mittelgroßen Tageszeitung: Eigentlich sollte es ja nur um die Zukunft der Blätter auf dem iPad gehen.  Aber irgendwann meinte er (zurecht), dass alle Strategien und Ideen für das iPad letztlich sinnlos seien, wenn die Zeitungen nicht langsam mal begönnen, sich auch inhaltlich komplett neu auszurichten. Und dass man ansonsten langsam anfangen könne, die Blätter geordnet abzuwickeln. Ich war gleichermaßen erstaunt wie dankbar. Erstaunt, weil Chefredakteure von Tageszeitungen so etwas ja eher selten sagen (und auch noch ernst meinen). Dankbar, weil ich es nicht sagen musste. Man steht ja schnell in der Kassandra-Ecke in diesen Tagen.

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Man könnte jetzt mal wieder hierhin schreiben: Der Journalismus muss sich ändern. Das klingt wohlfeil und schreibt sich so schön schnell und leicht dahin. Man müsste dann allerdings auch sagen, wie er sich ändern soll. Und da wird es dann gleich eine ganze Ecke schwieriger und ziemlich oft landet man dann bei sehr theoretischen Diskussionen. Für´s erste fände ich es nach einer ganzen Menge Journalismus-Konsum schon mal ganz gut, wenn er weniger langweilen würde. Wenn er nicht ständig am Bedarf der Menschen vorbeischreiben oder Geschichten wiederholen würde, die man in dieser oder leicht abgeänderter Form schon tausendmal irgendwo gelesen hat.

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Ein kleiner Streifzug durch die Journalismus-Woche, wahl- und planlos herausgegriffen, ohne Anspruch auf Vollständigkeit und auch nicht darauf, wissenschaftlich repräsentativ zu sein. Trotzdem bin ich mir sicher, dass es sich um eine ganz stinknormale Woche handelt und dass Beispiele wie die folgenden tagtäglich irgendwo passieren.

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Fangen wir in Saarbrücken an. Die “Saarbrücker Zeitung” meldet Erstaunliches, nämlich dass “die Saarländer” sich 2010 Vorsätze fassen. Im Wesentlichen sind das Vorsätze, die sich “die Saarländer” ebenso wie die Nordhessen, Ostwestfalen, Niederbayern und Südschleswiger (gibt´s sowas?) jedes Jahr zu Herzen nehmen wollen. Sie wollen Stress abbauen und nicht mehr rauchen, gesünder leben und sich mehr Zeit für die Familie nehmen.

Das kann man als Lückentext bis ins Jahr 2032 vorproduzieren und vermutlich gibt es kaum Widerspruch, wenn man feststellt, dass das eine dieser Meldungen ist, die jedes Jahr wiederkommt, obwohl sie kein Mensch braucht. Praktischerweise hat die “Saarbrücker Zeitung” mit der DAK auch noch jemanden, der ihr diese wunderbaren Lokalaufmacher  vorproduziert, zum Dank dafür darf der DAK-Landeschef noch anmerken, wie man solche Vorsätze einhält (unnötig zu erwähnen, dass die Quelle dieses herausragenden Journalismus nicht etwa die Redaktion, sondern selbstverständich das weltberühmte “DAK-Gesundheitsbarometer” ist). Die ganze Meldung, die die DAK praktischerweise auf einen Presseserver stellt, findet man hier. Immerhin aber hat die “Saarbrücker Zeitung” aus “die Deutschen” wenigstens noch “die Saarländer” gemacht. Und auch die Überschrift hat man noch verändert, aus “Deutschen wollen weniger Stress” wird bei der SZ dann “Saarländer hoffen auf weniger Stress”. Journalismus im Jahr 2010: Man nimmt Pressemitteilungen einer Krankenkasse und bläst sie weitgehend unverändert zum Lokalaufmacher auf. Fällt die eigentlich auch unter das Leistungsschutzrecht?

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Ein paar hundert Kilometer weiter in Passau haben sie vor gefühlten 100 Jahren mal ein Ressort namens “Niederbayern” gegründet, was eine gute Idee ist, wenn man in Niederbayern erscheint. Am Donnerstag demonstrierte uns das Niederbayer-Ressort der PNP dann, was ihrer Meinung nach in Niederbayern so passiert: nämlich nichts. Das kann man allerdings auf einer Zeitungsseite schlecht schreiben, weswegen man es vorzog, eine kleine Lektion in Termin- und Verlautbarungsjournalismus zu geben. Aufgemacht wurde die Seite mit einer atemberaubenden Geschichte darüber, dass die IHK jetzt eine Broschüre herausgibt, in der sie die neue bayerische Schulform der Mittelschule bewirbt. Dafür trafen sich in München einige gesichtslose Anzugträger, um im Wesentlichen ein Gruppenfoto aufnehmen zu lassen, auf dem sie die Broschüre ins Bild halten und so etwas ähnliches wie ein Lachen versuchen. Immerhin nimmt die PNP ihre Aufgabe deutlich ernster als die “Saarbrücker Zeitung”: Man lud Foto und Text zu diesem Großereignis nicht schnöde von einem Server, sondern schickte den stellv. Chefredakteur vorbei. Zugemacht wurde die Seite dann mit einem Bericht über die Sitzung einer charmanten bayerischen Besonderheit, die sich Bezirkstag nennt. Der Bezirkstag ist eine prima Entsorgungsanstalt für ambitionierte oder ausrangierte Lokalpolitiker vorzugsweise der CSU, denen man irgendwas geben muss, die man aber mit einer Hinterbank im Landtag oder gar in Brüssel für doch etwas überfordert hielte. Deswegen darf der Bezirkstag ab und an tagen und Politik spielen, wirklich entscheiden darf er aber nichts. Weil aber der Mandatsträger als solcher in Journalistenköpfen immer noch für per se bedeutsam gehalten wird und man es sich ja mit DAK, IHK und Bezirksräten nicht verscherzen will, klatscht man die Seite damit zu und stopft dann das letzte kleine zweispaltige Löchlein mit einer Geschichte darüber, dass irgendwo irgendein Unterausschuss von irgendetwas Europäischem getagt hat und die Kernaussage getroffen hat, dass die Donau blau und schön und irgendwie erhaltenswert sei. Auch das ist Journalismus 2010: Wenn kein Presseserver für irgendwelche Downloads zur Verfügung steht, arbeitet man sich an Terminen ab, die dann die Pressemappen von Behörden, Parteien und Krankenassen füllen, dummerweise aber außerhalb dieser Pressemappen ungefähr niemanden interessieren.

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Wenn Magazinen mal so gar nichts einfällt, schreiben sie entweder über Hitler (alle), Singles (Spiegel) oder über die Geliebte als solche (Stern). Der Erkenntniswert hält sich zwar meistens in Grenzen, weil man über Hitler, Singles und Geliebte schon so ziemlich alles von Relevanz gelesen hat, von Hitler sogar, dass er schwul und jüdischer Abstimmung gewesen sei. Der “Stern” macht in dieser Woche dennoch mit einer Geschichte über eine “Geliebte” auf, was neben einem Cover aus der  Abteilung “Lass den Prakti heute mal ans Photoshop” auch noch eine weitere Variante journalistischer Recherche offenbart. Neben dem Downloadserver und der Terminmappe einfach ein Buch nehmen, die Autorin interviewen und eine Geschichte draus machen. Dass man mit dem Buchverlag nebenher auch noch irgendwie ein bisschen via Bertelsmann verbandelt ist, ist sicher nur Zufall, in jedem Fall aber ein netter Nebeneffekt. Da freuen sich Verlag, Buchautorin und Redaktion und am Ende ist allen irgendwie geholfen, außer dem Journalismus, der zwischen IHK, DAK und blablabla versickert. Da hilft dann nicht mal mehr das iPad.

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So wird man iPad-Guru: Nix Genaues weiß man nicht

15. Dezember 2010 - 0:50 Uhr

Irgendwie war die Gemeinde der Berufstwitterer, Profifacebooker und alles-schon-ein-bisschen-eher-Wisser heute mal wieder in mittelgroßer Aufregung: Eine neue Studie aus den USA hatte es mit bahnbrechenden Erkenntnissen ins Netz geschafft, die Retweet-Quote und die Zahl der Like-Buttons hat vermutlich Auswüchse angenommen,  als wenn Jürgen Klopp Bundeskanzler geworden wäre (und Frau Merkel dafür Borussia Dortmund übernimmt). Zu den bahnbrechenden Erkenntnissen gehörte u.a., dass die Mehrheit von iPad-Nutzern, die eine Zeitung auf der Glasplatte abonniert haben, sich ernsthaft mit dem Gedanken trägt, dafür die Printausgabe abzubestellen. Man folgert daraus, dass man es mit dem Phänomen der Kannibalisierung zu tun haben könnte. Und weil man da von alleine gar nicht drauf gekommen wäre, hier noch ein paar andere Bahnbrechereien: ipad-Nutzer sind vorwiegend gut gebildet und gut verdienend und haben ein quasi-erotisches Verhältnis zum iPad und zu Apple und hängen sich wahrscheinlich heimlich Pin-Up-Fotos von Steve Jobs in den Spind. Daneben surfen Sie erstaunlicherweise viel im Netz, lesen gerne News und auch anderes, schreiben dabei E-Mails und schauen Videos. Man darf also, Jobs sei Dank, von einer gleichzeitigen Renaissance der Mail, des Webs, der Zeitung, des Fernsehen und 1860 München allem anderen sprechen. In meiner niederbayerischen Heimat würde man zusammenfassen: nix genaues weiß man nicht. (Wenn Sie selbst nachlesen mögen: Hier gibt´s Bahnbrechendes zum iPad).

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Man kann also in diesen Tagen, in denen sich die ersten schon wieder um den Ehrentitel “Guru” bewerben und in etwa das werden wollen, was vor gefühlten Dekaden ein gewisser Ossi Urchs war, sehr viele sehr bestimmte Meinungen zum Thema iPad hören. Unter anderem auch aus nahezu jedem Medienhaus, das gerade seine eigene Philosophie entwickelt und damit seine umgehende Rettung einläutet. Persönlich erstaunt es mich ja immer, woher Menschen eine solche Gewissheit hernehmen, dass sie exakt prophezeien können, was als Nächstes kommt und wie man es richtig macht. Ich wäre da ja sehr zurückhaltend, bisher haben die User mit dem guten Stück ja ganz andere Sachen gemacht, als wir es noch vor einem halben Jahr prohpezeit bekommen haben.  Beispielsweise sind sie gar nicht so mobil mit dem iPad unterwegs wie erwartet, sondern nutzen das Ding unverschämterweise weitgehend zuhause. Und als Arbeitsgerät wird das iPad auch nicht benutzt, auch nicht als glasgewordene Zeitung, eher als Wundertüte für alles und nix. Das hätte man nur vor einem halben Jahr schlecht prophezeien können, u.a. auch deswegen, weil das in dieser Form schlecht in eine Powerpoint-Präsentation passt.

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Bei Springers beispielsweise glauben sie jetzt ernsthaft, man müsse nur laut “iPad” rufen und die Menschen öffnen in der Weihnachtszeit sowohl die Herzen als auch die Geldbeutel. Die erste Woche mit der “Bild”-App allerdings lässt irgendwie den Verdacht aufkommen, dass sie ein bisschen viel Glühwein abbekommen haben im Hause “Bild”. Oder dass am Ende der Weihnachtsfeier noch ein paar angeheiterte Nerds ein wenig rumprogrammiert haben.  Jedenfalls ist die Bild-App wenigstens gut dafür, ganz nüchtern-pragmatisch zu begreifen, dass einem schon was einfallen muss, wenn man in Zukunft mit Medien irgendwie Geld verdienen will. Programmierschrott kostenpflichtig machen und “App” nennen wird jedenfalls nicht gehen. Und wenn ich mir ausnahmsweise mal bei was sicher bin, dann darin: Wenn das alles war, was Springer bei “Bild” eingefallen ist, dann wird das ein klassischer Fall für die “Verlierer”-Spalte auf der ersten Seite (bevor Sie fragen: natürlich wird das nicht passieren). Aber wenigstens böse “Post von Wagner” könnte es ja mal geben (Lieber Matthias Döpfner…).

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Auf der anderen Seite ist das ja doch gemein: Bei der “Frankfurter Rundschau” haben sie wirklich eine schöne App gebaut. Die machen alles, was man ihnen als Berater so empfehlen würde. Investieren Zeit, Geld, Personal. Ich habe trotzdem nicht öfter als dreimal reingeschaut — und wenn Sie mich jetzt nach dem “warum” fragen: Ich weiß es nicht. Echt nicht. Die App ist trotzdem hübsch.

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Vielleicht ist das ja auch das Tolle an diesem ganzen Digitaldingsbumms (zumindest aus Usersicht): Es ist ein bisschen so wie im Swingerclub, alles kann, nichts muss.  Wenn ich mal meinen Job beiseite schiebe und ganz User bin, dann denke ich ja nicht im Traum daran, logische Lesegewohnheiten zu entwickeln. Ich lese Bücher gedruckt wie auf dem iPad, ich nehme ab und an gedruckte Zeitungen in die Hand (an dieser Stelle ein dezenter Gruß an den Herrn Sahlender von der “Mainpost”, er weiß, warum), um dann am nächsten Tag genau die selbe Zeitung wieder digital zu lesen. Das kann ich mir selbst nicht erklären und will es auch gar nicht. Zugegeben, das macht es jetzt dem Journalisten und den anderen Medien-Berufen in mir nicht wirklich einfacher. Zumindest aber lässt es den Rückschluss zu,  dass man alleine schon deswegen auf vielen Kanälen publizieren muss, um auch andere gespaltene Persönlichkeiten wie mich zu erwischen. Und, ach ja, das mal im Ernst: je konvergenter solche hübschen Geräte wie das ipad werden, desto divergenter wird das Publikum. Klingt paradox, ist aber so: Am Ende halten wir alle das gleiche Gerät in der Hand — nur dafür, dass wir dann alle was anderes damit machen.

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2011: RTL wird verkauft, Niggemeier singt, Don rupft Konstantin

12. Dezember 2010 - 13:18 Uhr

Normalerweise ist jetzt die Zeit der Jahresrückblicke. Weil es davon aber eh viel zu viele gibt und weil wir Medienblogger uns gerne selbst nachsagen, alles grundsätzlich schon vorher gewusst zu haben — gibt es hier und heute zwar einen Jahresrückblick, aber keinen auf 2010, sondern auf 2011. Und glauben Sie mir: 2011 war ein derart bewegtes und interessantes Jahr, dass wir alle gerne darauf zurückblicken.

Januar: Während der Tage zwischen den Jahren 2010 und 2011 stellt der Blogger Don Alphonso fest, dass sich ein unbekannter Kommentator mit 261 verschiedenen Psedonymen in seinem Blog eingenistet hat. Dort diskutiert er teilweise lange mit sich selbst, beschipmft die FAZ als rückwärtsgewendetes Unternehmen,  kündigt die Insolvenz von Google für 2011 an, nennt sich selbst jeweils zu 25 Grozent grün, gelb, rot und schwarz und fordert die sofortige Abschaffung des Begriffs Hartz 4. Don Alphonso wird stutzig, als der unbekannte Kommentator behauptet, Stefan Niggemeier zu sein. Auf den öffentlich geäußerten Verdacht, es handle sich bei dem Kommentar um einen bekannten ehemaligen Kölner Zeitungsverleger reagiert dieser mit dem Eingeständnis, dass die Kommentare zwar von seinem Rechner  geschrieben seien, aber nicht von ihm stammten. Vielmehr habe sich ein bekannter Medienjournalist Zugang zu seinem Rechner verschafft und unter seinem Namen kommentiert. Fortan beschimpfen sich Don Alphonso und der ehemalige Verleger auf altgriechisch. Der Ex-Verleger lanciert zwischenzeitlich ein eigenes TV-Format, dass es aber nicht ins öffentlich-rechtliche Fernsehen schafft, sondern lediglich bei einem weitgehend unbekannten Lokalsender im Ruhrgebiet ausgestrahlt wird. Der Ex-Verleger spricht dennoch von einem epochalen Durchbruch und kündigt an, demnächst die Nachfolge des ZDF-Intendanten anzutreten und Apple kaufen zu wollen.

Februar: Steve Jobs kündigt an, ein neues Gerät auf den Markt bringen zu wollen. Es soll sich iSurprise nennen, das man im Wesentlichen für alles und nichts verwenden kann und das zwar niemand braucht, dennoch aber irgendwie toll ist. Matthias Döpfner lässt daraufhin via Livestream den “Berliner Kniefall” live übertragen und kündigt an, jedes seiner künftigen Kinder “Steve” nennen zu wollen, auch die Mädchen. Die deutschen Zeitungsverleger strengen dennoch eine Verfassungsklage gegen Jobs an. Der Blogger Richard Gutjahr legt sich mit Schlafsack und bayerischer Fahne drei Monate lang vor den Apple-Store in Singapur und hält schließlich am Ende als weltweit erster Sterblicher ein iSurprise in der Hand. Vor laufenden Kameras sagt Gutjahr: “Ich weiß zwar nicht, was das ist, aber es ist wirklich großartig.”

März: Nach dem Erfolg mit “oslog.tv” streben Stefan Niggemeier und Lukas Heinser jetzt nach Höherem. Niggemeier will selbst beim Grand Prix singen und glaubt unbestätigten Gerüchten zufolge, er sei Lena Meyer-Landrut. Lukas Heinser komponiert für ihn den alten Trio-Song “Bum Bum” um; in der neuen Version heißt er jetzt “Bam Bam”. Nach seiner eher mäßigen Performance als Sänger in einem Vodafone-Werbespot wird allerdings Sascha Lobo als Backgroundsänger abgelehnt und durch Felix Schwenzel ersetzt.

April: Die Rhein-Zeitung in Koblenz gibt das Ende ihres Erscheinens auf Papier bekannt. Chefredakteur Christian Lindner will fortan nur noch twittern und schreibt den ersten Leitartikel der deutschen Mediengeschichte in 140 Zeichen.

Mai: Beim “Handelsblatt” wird Gabor Steingart als Chefredakteur gefeuert. Die geplante Verpflichtung von Thomas Knüwer als Nachfolger scheitert allerdings daran, dass Knüwer kurz davor in einem Blogbeitrag das “Handelsblatt”, den Verlag und die Mitarbeiter als “unfassbar rückständig und verquast” bezeichnet hat und sich außerdem nicht verbieten lassen will, aus der Redaktionskonferenz zu twittern und dabei ein paar Kekse zu essen. Nachdem Holtzbrinck ohnedies ein paar Zeitungen loswerden will, stellt er das Handelsblatt zum Verkauf. Das funktioniert nicht, stattdessen wird die Zeitung umgewandelt zum “Handelsblog” und in das Onlineangebot der FAZ integriert. Die Tatsache, dass der seit seiner Niederlage beim Grand Prix beschäftigungslose Stefan Niggemeier nun auch dieses Blog übernehmen soll, wird vom Grimme-Institut mit einem Ehrenpreis für das Lebenswerk gewürdigt.

Juni: Mario Sixtus lässt über den 73. Dummy eines potentiellen eventuellen Vielleicht-Nachfolge-Formats des “Elektrischen Reporters” abstimmen. So richtig zufrieden ist aber niemand damit, auch nicht Chefkritiker Felix Schwenzel, der in seinem Blog dem Format einen bösen Verriss wirdmet und dafür 23,98 Euro an Flattr-Einnahmen bekommt. Das ZDF beschwichtigt und lässt mitteilen, dass ihr die Formatsuche ohnehin etwas arg schnell gehe. Der El-Rep-Nachfolger soll aber dennoch bereits im Jahr 2016 auf Sendung gehen.

Juli: RTL gibt die Besetzung des Dschungelcamps 2012 bekannt. Pikant: Ein ehemaliger Kölner Zeitungsverleger, um den es in den letzten Wochen etwas ruhig geworden war, soll eine tragende Rolle übernehmen

August: Der ehemalige Kölner Zeitungsverleger kündigt via Twitter an, RTL kaufen zu wollen. Neuer Chefredakteur soll angeblich ein gewisser Kai D. werden.

September: Der Deutsche Journalistenverband verabschiedet den zweiten Teil seiner “Essener Erklärung”. Begleitend marschieren 13 Redakteure durch die Essener Innenstadt und versammeln sich um 5 vor 12 zu einer Protestkundgebung. Unangenehm wird es, als die DJV-Presseabteilung versehentlich das Video vom vergangenen Jahr bei YouTube einstellt und es niemand merkt. Dem Pressesprecher wird daraufhin ein Job in der ARD angeboten, wo er künftig die Ausstrahlung der Grußworte der Bundeskanzlerin zum Jahreswechsel verantwortet.

Oktober: Wikileaks veröffentlicht die “geheimen Mediendepeschen”. In diversen Fachmagazinen und Blogs ist in den folgenden Wochen genau nachzulesen, wer was von wem in Wirklichkeit denkt. Für Aufsehen sorgt die Einschätzung von US-Diplomaten, wonach sich ein ehemaliger Kölner Zeitungsverleger um eine Kandidatur bei den nächsten US-Präsidentschaftswahlen bemühen will. Niggemeier will Lena Meyer-Landrut heiraten, Don Alphonso hat in Wirklichkeit einen Opel Astra, wohnt in Kreuzberg und kann nicht Rad fahren.

November: Der “Focus” veröffentlicht ein Foto einer leeren Zigarettenschachtel und behauptet, sie stamme von Stefan Raab. Raab lässt daraufhin eine 32seitige Gegendarstellung durchsetzen, in der er u.a. Wert auf die Feststellung legt, keine Stammkneipe zu haben und dass sein Vater strikter Nichtraucher gewesen sei und er sich zudem die Haare nicht färbe. “Focus”-Chefredakteur Weimer stellt in einem Interview fest, dass dies ein weiterer Beleg für die gesellschaftliche Relevanz seines Magazins sei, kann aber seine Entlassung nicht mehr verhindern. Sein Nachfolger, ein gewisser Helmut Markwort, erhält einen bis zu seinem 85. Lebensjahr befristeten Vertrag. Als eine seiner ersten Amthandlungen kündigt er an, als Zeichen der Innovationsfreude die stillgelegte Seite von “Focus Online” reaktivieren zu wollen; selbst gegen den entschiedenen Widerstand von Phillip Welte.

Dezember: Der Springer-Verlag will den Abopreis seiner Facebook-Ausgabe und seiner Tweets deutlich heraufsetzen. “Stehen v. Ren. der Tweets, muss aber was wert sein”, twittert @doepfner. Der BDZV veranstaltet die Konferenz “Die Bedeutung von Qualitätstweets für die Zeitung”. Keynote-Speaker Christian Lindner, inzwischen Chefredakteur der im “Verband innovativer Regionalzeitungen” zusammengeschlossenen Blätter, beendet seinen Vortrag nach 63 Sekunden und veranlasst danach eine rege Diskussion bei Facebook. Das deutsche Zeitungsmuseum weckt bei seiner Neueröffnung in der KND-Straße in Köln nostalgische Erinnerungen an die Zeit des Papiers. Die erste Sonderausstellung heißt “lousy pennies”.

11 Kommentare » | NUR SO DAHINGESAGT

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