Archiv für 29. März 2011


Ich habe vorhin im Internet nachgeschaut

29. März 2011 - 19:31 Uhr

Der Nachrichtendienst Twitter ist nicht sicher. Ich habe vorhin im Internet nachgeschaut.

Es ist ein ziemlich Leichtes, sich über diesen wunderbaren Dialog zwischen offensichtlich irritierten Berliner Hauptstadtjournalisten und dem stellvertretenden Regierungssprecher Herrn Dr. Steegmans (klingt irgendwie nach Loriot) zu amüsieren. Im Kern geht es darum, dass Regierungssprecher Steffen Seibert jetzt auch twittert (@RegSprecher) und über diesen nicht sicheren Nachrichtendienst mitteilt, dass die Kanzlerin beabsichtigt, im Sommer in die USA zu reisen. Die Nachfragen an den Herrn Dr. Steegmans reichen bis hin zur besorgten Anfrage, ob man jetzt auch einen Twitter-Account haben müsse, um von @RegSprecher Seibert informiert zu werden. Das ist alleine schon deswegen witzig, weil man sich spontan fragt, wie eigentlich Berliner Hauptstadtjournalisten bisher ihre tägliche Arbeit so ganz ohne Nachrichtendienst geschafft haben, selbst wenn er unsicher ist, wie das Internet weiß.

Dabei sind es gar nicht die Hauptstadtjournalisten alleine, die zu diesen unsicheren Nachrichtendiensten ein etwas eigenartiges Verhältnis haben. Fragen, die mir in den letzten drei Wochen gestellt wurden (von Journalisten):

- Was kostet Twitter eigentlich?

- Wenn eine SMS von Twitter (!) ins Ausland kommt, ist die dann teurer?

- Wie installiere ich Twitter auf dem Rechner?

- Wenn ich bei Facebook mit jemandem befreundet bin, sind dessen ganzen Freunde dann auch meine?

Was ich demnach ganz banal glaube: Es ist, so lächerlich das klingt, zunächst eine Alterssache. Wenn ich Seminare mit jungen Journalisten mache, stelle ich regelmäßig die Frage, wer keinen Facebook-Account hat. Selten gehen Hände nach oben. Bei Twitter ist die Nutzerzahl nicht ganz so exorbitant, aber auch hier gilt: In den allerseltensten Fällen muss ich noch erklären, was dieses Twitter eigentlich ist. Umgekehrt stelle ich immer wieder fest, dass bei Menschen meiner Altersklasse (etwas überhalb der Mitte von Ü 40) Twitter in etwa so populär ist wie Peter Maffay bei 16jährigen. Schlimm? Nein. Ziemlich normal.

Den möglicherweise sinnigsten Satz in der Spott- und Lacharie allerdings, die jetzt über die irritierten Hauptstadtjournalisten hereinbricht, hat der Chefredakteur der Rhein-Zeitung, Christian Lindner, gesagt. Twittern, so der hardcoretwitternde Lindner, sei weder Ausweis journalistischer Kompetenz noch von Inkompetenz. Weil es ja schließlich so ist, dass mich offen gestanden all jene, die meinen, nur der twitternde Mensch sei ernstzunehmen, mindestens genauso nerven wie die Dauer-Verweigerer. Twitter ist ein wunderbares Werkzeug für vieles, Twitter ist für mich unverzichtbar geworden — aber auf Dauer wäre es dann doch schön, wenn wir wieder über Journalismus sprächen. Gerne auch in mehr als 140 Zeichen.

Nachtrag: Ist Twitter ein offizielles Nachrichtenorgan? Zum schauen noch lustiger als zum lesen:

5 Kommentare » | NUR SO DAHINGESAGT

Live aus dem Palast der Republik

29. März 2011 - 15:20 Uhr

Für einen ganz kurzen Moment dachte ich ja, man hätte den Palast der Republik nochmal reaktiviert. Aber dann war es doch nur die Verleihung des “Echo”, eines Musikpreises, wie er ganz wunderbar ins öffentlich-rechtliche Fernsehen der Gegenwart passt. Natürlich wollte man irgendwie hip sein und beispielsweise Annette Humpe als eine Art Ikone feiern und sie deswegen ihre NDW-Ikone “Berlin” neu abgemischt vortragen lassen. Bloß, dass man auf der anderen Seite auch den Rahmen wahren wollte und deshalb ein sitzendes Publikum einen eher sterilen Playback-Auftritt höflich beklatschen sollte. Wenn nicht die quäkende Ina Müller gewesen wäre, hätte man sich auch gut Dieter Thomas Heck als Moderator vorstellen können. Und irgendwie habe ich die ganze Zeit darauf gewartet, dass ein Fan eine Rose auf die Bühne bringt. Oder ein paar Leute ins Publikum winken. (Unbeschadet davon ist Frau Humpe natürlich mindestens göttlich).

YouTube Preview Image

***

Man denkt in diesen Tagen also mal wieder viel nach über öffentlich-rechtliches Fernsehen. In irgendwelchen Staatskanzleien arbeitet man sich ohnehin ja immer und irgendwie an der Fragestellung ab, welchen “Auftrag” öffentlich-rechtliches Fernsehen überhaupt haben soll; momentan überlegen sie in Dresden, ob man diesen ominösen Auftrag nicht ein wenig enger fassen könnte. Das klingt schon alleine deswegen halbwegs plausibel, weil ARD und ZDF zwar gerne klar stellen, dass sie öffentlich-rechtlich sein wollen. Häufig aber, wenn es um solche Sachen wie Innovation geht, wird man den Eindruck nicht los, dass sie in Mainz, München oder Hamburg einfach ein bisschen viel RTL geschaut haben, weswegen man sich vor allem bei Unterhaltungsformaten gelegentlich fragt, ob das Thema Plagiat nicht nur bei Politikern, sondern auch bei Fernsehmachern ein wenig mehr Beachtung verdienen sollte. Zumal auch bei Moderatoren und Gesichtern anscheinend immer öfter die Devise gilt, dass das, was sich bei den Privaten bewährt hat, für die Öffentlich-Rechtlichen ja auch nicht so schlecht sein kann.

***

Es kommt also gar nicht selten vor, dass man sich bei ARD (öfter) und ZDF (ab und an) denkt, man sehe gerade so eine Art öffentlich-rechtliches Privat-TV. Das kann man natürlich schon aus Gründen des Programmauftrags irgendwie unangemessen finden. Man kann es aber auch pragmatischer sehen: Schaut nicht jemand, der privates TV sehen will, viel lieber das Original als das irgendwie kompromissgeplagte öffentlich-rechtliche Fernsehen? Bleibt eigentlich irgendeine Existenzberechtigung, wenn man irgendwelche Sachen aus dem Privat-TV ziemlich genau adaptiert in der ARD wiederfindet? Noch weiter gefragt: Erledigen sich ARD und ZDF nicht irgendwann von selbst, wenn sie öffentlich-rechtliches Privat-TV machen wollen?

***

Der Kompromiss, den ARD und ZDF täglich eingehen wollen (und gerne behaupten, dass sie das müssen), beschleunigt das Akzeptanzproblem. Es gibt immer noch Sendungen, die so wunderbar anachronistisch “Aktuelle Stunde” heißen, in vielem, was sie tun, kommen ARD und ZDF so zeitgemäß wie der Palast der Republik daher. Dass der durchschnittliche Zuschauer von ARD und ZDF irgendwas um die 60 ist, hat nicht nur, aber eben auch damit zu tun. Man versucht, ein massenkompatibles Programm für alle zu machen — und hat dabei schon lange versäumt, wenigstens noch die Generation der 40jährigen halbwegs mitzunehmen, von den heute 15- oder 20jährigen gar nicht zu reden. Die werden sich über einen Playback-Auftritt von Annette Humpe allenfalls amüsieren, so nett 80er-like wie das ist.

***

Vermutlich würde man bei der ARD auf eine solche Kritik entgegnen: Wir sind doch so unglaublich informationslastig und haben künftig sensationelle fünf mehr oder minder politische Talks im Programm. Aber auch das zeigt so schön das Dilemma: Von einem der ältesten Formate, die man sich nur vorstellen kann, setzt man jetzt fünf ins Programm. So viele, dass sich die einzelnen Redaktionen schon fragen, wo sie wann überhaupt noch jemanden herbekommen sollen, der nicht in den letzten vier Wochen schon in einem der unglaublich vielen Talks zu sehen war. Natürlich, Talks funktionieren (noch). Aber irgendwie wird man das Gefühl nicht los, dass die ARD vielleicht ein bisschen Zeit und Geld in etwas Neues investieren und dafür vielleicht auf eine oder zwei von fünf Talkshows verzichten könnte.

***

Was macht eigentlich die Berechtigung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens und der damit bezahlten Gebührengelder aus? Ein Kessel Buntes für alle? Ein Fernsehen, das darauf abzielt, möglichst viele Millionen glücklich zu machen, weil die Gebührengelder schließlich auch von vielen Millionen bezahlt werden? Oder nicht doch ein Fernsehen, dass die Freiheit, nicht von Quoten und Werbeeinnahmen abhängig zu sein, auch ausgiebig nutzt? Ersteres wird in eine Sackgasse führen. So RTLig wie RTL kann (und soll) öffentliches-rechtliches Fernsehen gar nicht sein.  Das Kriterium, ob RTL etwas vielleicht auch so macht oder so machen würde, wäre demnach eher ein Ausschlusskriterium. Das wird RTL immer besser können und es ist ja auch überhaupt nicht schlimm, wenn man RTL RTL sein lässt. Solange ARD und ZDF ARD und ZDF sind.

Kommentieren » | TV