Archiv für Juni 2011


Igitt, es ist Papier!

29. Juni 2011 - 23:13 Uhr

Wenn ich nach ein paar Tagen im “Wired”-Labor zumindest eines häufiger gehört habe, dann die erstaunten Feststellungen, dass es ja ein Papier-Magazin ist, dass wir da machen. Papier! Für Technik- und Digitalaffine! Geht´s eigentlich noch?

Und während ich gerade so an meinen Themen rumrecherchiere, stelle ich fest, dass ich mir über alles mögliche dabei Gedanken mache, nur über eines nicht: ob die Geschichte später auf Papier gedruckt oder mit einem überdimensionierten Beamer ans Firmament gestrahlt wird.

Als wenn es jemals eine Rolle gespielt hätte, welcher Datenträger verwendet wird. Wenn mir morgen mein Protagonist für meine Geschichte abspringen sollte, wird das auch nicht schöner dadurch, dass die Geschichte ohne Protagonist dafür in einer App erscheint.

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Notizblog (6): Spiralförmige Abwärtsbewegungen

28. Juni 2011 - 17:31 Uhr

Es ist ja nicht so, dass wir nur in Deutschland dieses Digitalisierungs-Drama haben. In England beispielsweise schaut die ganze Branche mehr oder minder gebannt darauf, wie es wohl dem “Guardian” ergehen wird. Der schreibt sie Jahren ziemlich horrende Verluste und versucht sich jetzt in einer Art Radikalwende. Das Papier haben sie weitgehend abgeschrieben dort, das digitale Geschäft soll über kurz oder lang das analoge vollständig ersetzen. Und vermutlich ist das auch der größte Unterschied zu den Haltungen, die man hier gerne einnimmt: Bei uns sieht man das digitale Leben ja immer noch eher als eine Art Ergänzung, manchmal auch nur als eine Art Abwehr gegen den möglichen Bedeutungsverlust der analogen Medien. Vermutlich das auch genau das, was es so schwierig macht: Wenn man etwas so ganz ohne innere Überzeugung und mehr oder minder aus Zwang tut, dann kommen selten wirklich überzeugende Ergebnisse dabei raus. Und vermutlich ist genau das momentan das Problem: Ich glaube gar nicht so sehr daran, dass wir umzingelt sind von lauter Digitalhassern. Aber so richtig begeistert sind eben nur die Allerwenigsten und das reicht im Regelfall zu einer netten, kleinen Saboteurshaltung allemal aus.

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Bei Twitter habe ich heute gelesen, dass die ZDF-App inzwischen auch in der Zertifizierungsschleife von Apple hängen soll. Man darf gespannt sein, was dann passiert. Schließlich ist nicht auszuschließen, dass auch diese App Texte enthalten wird.

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DAPD hat heute übrigens angekündigt, dass die Agentur die Preisdifferenz zur dpa und anderen künftig noch weiter anheben möchte. Fortan soll der Abstand zu den Mitbewerbern nicht mehr 25, sondern 30 Prozent betragen. Man begründet dies, durchaus edelmütig, damit, dass speziell Verlage ja nicht mehr so viel Geld erlösen und somit zum Ausgeben beispielsweise für Agenturen zur Verfügung hätten. Das ist sicher richtig und wahrscheinlich wird es auch keinen Kunden geben, der protestieren würde. Auf der anderen Seite zeigt das aber auch sehr schön, in welch fatale Spirale Journalisten zunehmend geraten: Wenn die DAPD weitere Kosten senken will, dann wird das vermutlich auch zu Lasten der Honorare gehen (wie auch sonst). Die “Ware” Journalismus verliert weiter an ökonomischen Wert, weil sie über den Preis in den Markt gedrückt werden soll (vielleicht sogar muss). Dass die “Ware” dadurch unbedingt besser wird, darf man allerdings bezweifeln. Goldene Zeiten für alle, die sich aus dieser Spirale befreien..

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Beobachtungen in einer verstörten Branche

23. Juni 2011 - 10:15 Uhr

Gerade eben wäre der richtige Zeitpunkt für einen ordentlichen Rant. Weil ich aber nicht sonderlich gut ranten kann, bleibt es bei ein paar unsortierten Beobachtungen aus einer Branche, die sich momentan merkwürdig mutlos, verstört und kaum zukunftsfähig zeigt. Eine Woche voll mit Zitaten und Debatten, anhand derer man sich fragt, ob nicht ein beträchtlicher Teil dieser Branche immer noch im Jahr 2001 lebt.

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In Frankfurt war gestern der Media Coffee der dpa-Tochter “News aktuell“. Das passte insofern ganz gut, weil zeitgleich in Köln der Grimme Online Award vergeben wurde. Die Zufälligkeiten des Kalenders wollten es also so, dass in Frankfurt sich vorwiegend die alte Welt traf – der betuliche Name “Coffee” passt da gerade sehr schön – und in Köln das digitale Klassentreffen stattfand. “News aktuell” raunt in seiner Pressemitteilung zur Veranstaltung, dass die Kämpfe zwischen den analogen Medien und den digitalen Vordenkern aktuell wieder an Schärfe zunehmen würden, was man wohl so sagen kann angesichts von Klagen gegen Apps und Begrifflichkeiten wie “Potentaten” auf der einen und “faschistoid” auf der anderen Seite. In Frankfurt also blieb die alte Welt weitgehend unter sich und fuhr bekannte Namen auf, die allesamt eher für digitale Desorientierung stehen. Als digitales Feigenblättchen hatte man sich Robin Meyer-Lucht geladen, was aber insofern ungefährlich war, weil man sich bei ihm ziemlich sicher sein konnte, dass er niemanden als Potentaten bezeichnen noch sonst irgendwie das kuschelige Beisammensein übertrieben stören würde (was er denn auch nicht tat).

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Glaubt man denn der Frankfurter Runde, ist die Sache ja beinahe schon wieder simpel. Man übt ein bisschen leise Selbstkritik, wie beispielsweise Rainer Maria Gefeller, Chefredakteur der “Frankfurter Neuen Presse”. Man habe sicher auch mal schlechten Journalismus gemacht und sei nicht nahe genug am Leser gewesen, zerknirscht er sich, ist aber dennoch sicher, dass die Rückkehr zu guten Tagen zwar schwierig, aber machbar sei. Roland Tichy, Chefredakteur der Wirtschaftswoche, hat sogar einen atemberaubenden Tipp für die versammelte Kollegenschaft parat: Es würde sicher nicht schaden, wenn man sich mal mit Twitter und Facebook auseinandersetzen würde. Könnte gut sein. Nach allem, was man so hört, soll Facebook inzwischen bei den Mitgliedern die Millionengrenze ansteuern. Klar aber ist, sagt wiederum der Kollege Gefeller, dass sein Leitsatz weiterhin “Print first” laute.

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Auch die Tipps von Thomas Leif klingen durchaus wegweisend. Interessant gehe heutzutage ja vor relevant, dabei müsse es doch genau umgekehrt sein, wenn wir das hinbekommen wollen, was Leif prophezeit: nicht weniger als “eine Renaissance des klassischen Journalismus”. Vor kurzem schrieb übrigens SZ-Chefredakteur Kurt Kister eine wunderbare Glosse über das Geschwurbel in Journalistentexten. Warum musste ich an Kisters Text denken, als ich Leifs Zitat gelesen habe?

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Mehr an Ratlosigkeit, so viel lässt sich festhalten, geht kaum mehr. Man müsse es nur ein bisschen besser machen als vorher, wieder näher am Leser sein, ein bisschen dieses Twitterdingens anschauen, dann kommt die unvermeidliche Renaissance. Mir fehlte ja nur noch die Feststellung, dass Blogs Journalismus nicht ersetzen können, dann wäre die Phrasensammlung komplett gewesen. Was allerdings offen bleibt: Wenn es denn so einfach wäre, gute Geschichten zu machen und nah am Leser zu sein, warum macht man das nicht schon lange einfach so? Davon abgesehen ist die Grundannahme verkehrt. Man meint immer noch, Journalismus im digitalen Zeitalter bemesse sich ausschließlich daran, die guten Sache zu produzieren, dann kommen die Leute schon. Man meint immer noch, dass die Mitglieder sozialer Netzwerke nur darauf warten, dass Thomas Leif dort den Sendetermin seiner nächsten Großreportage bekannt gibt. Und dass digitales Publizieren bedeutet, dass man den nächsten Mördertext den “Frankfurter Neuen Presse” auch auf einer App lesen kann. Die ist aber dann wenigstens kostenpflichtig, weil guter Journalismus ja schließlich kostet und und unter überhaupt gar keinen Umständen “verschenkt” werden darf. Wo kämen wir denn hin, wenn wir mit den Leuten kommunizieren und unsere sauer erarbeiteten Geschichten auch noch verschenken müssen?

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Ja, wohin eigentlich? Ich komme ohnehin kaum mehr nach mit dem, was ich im Netz so konsumieren möchte, wobei es nicht so wichtig ist, ob es was kostet oder nicht. Tatsächlich gibt es jeden Tag ein derart riesiges Angebot von spannenden, lesens-, hörens- und sehenswerten Dingen im Netz, dass ich, die Herren mögen es mir nachsehen, gar nicht so versessen bin auf die Frankfurter Neue Presse oder die neuesten Bilder von Herrn Leif. Anders gesagt: Ich würde nur ungern warten auf die lange und immer wieder angekündigte Journalismus-Renaissance, weil ich mit dem, was es jetzt schon gibt, mehr als ausgelastet bin. Direkt unterversorgt komme ich mir eigentlich nicht vor.

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Deswegen denke ich auch, dass natürlich jeder klagen darf wie er will, die Klage von acht deutschen Verlagen gegen die Tagesschau-App an der eigentlichen Sache komplett vorbeigeht. Angenommen, die Klage ginge durch, die App würde aus dem Verkehr gezogen – die deutschen Zeitungen würden dennoch nicht ein Exemplar mehr verkaufen. Und nicht einen Euro mehr erlösen. Glaubt man dort wirklich, dass jemand, der die Tagesschau nicht mehr nutzen könnte, automatisch zur SZ wechseln würde? Weil dort ja gerade die Renaissance einsetzt? Wer so denkt, hat sich vermutlich noch nie wirklich mit dem Netz auseinandergesetzt. Darauf (und darauf, das Wesen des Netzes nicht erfasst zu haben) deutet auch ein anderer Teil in der Argumentation der Klage hin. Begründet wird die Klage nämlich ausdrücklich mit der “Textlastigkeit” der App. Wie würden Verlage eigentlich reagieren, zöge man wegen der “Videolastigkeit” ihrer Angebote zu Felde?

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Vom Glück, “Wired” und “FAZ” machen zu dürfen

23. Juni 2011 - 7:30 Uhr

Ich arbeite bis zum August in der Entwicklungsredaktion der deutschen “Wired” mit.

Das könnte man jetzt einfach mal so hinschreiben und bei der Beantwortung der daraus resultierenden Fragen auf den Eintrag des Kollegen (ja, für die kommenden zwei Monate tatsächlich: Kollege) Thomas Knüwer verweisen. Weil mir als Antwort auf das “warum” auch nichts Intelligenteres einfällt. Oder sagen wir mal so: Hätte man mich gefragt, ob ich diesen Sommer für ein Projekt Zeit habe, hätte ich ehrlicherweise mit “nein, auf gar keinen Fall” antworten müssen. Das war aber nicht die Frage. Die Frage war: Hast du Lust, bei “Wired” mitzumachen? “Nein” war in diesem Moment nie eine wirkliche Option für eine Antwort.

Natürlich ist mir klar, dass wir bei diesem Projekt unter Beobachtung stehen werden. Jetzt, in den kommenden Wochen – und natürlich, wenn das Heft erschienen ist. Ich habe es mit einigem Interesse und Amüsement gelesen, was so alles debattiert wurde, als die Personalie Knüwer bekannt wurde. Blogger wechselt Fronten, das fand ich besonders lustig. Oder auch: Jetzt können die bloggenden Großmäuler mal zeigen, ob sie es besser können. Dass “Wired” eine unbestimmte Fallhöhe mit sich bringt, ist jedenfalls mal unbestritten.

Vielleicht muss man das zumindest aus meiner persönlichen Sicht dazu sagen: Zum einen wechseln hier keine Blogger irgendwelche Fronten, was für ein Unsinn. Zum anderen geht es mir auch nicht darum, irgendjemandem irgendwas zu zeigen. Wenn es mir um irgendwas geht, dann: das Heft zu machen, das man schon immer mal machen wollte. Natürlich wird man uns dafür kritisieren und kritisieren dürfen und wahrscheinlich werden wir auch einiges klassisch falsch machen. Aber ich habe mir mal von einem sehr klugen Menschen sagen lassen: Wenn du schon was falsch machst, mach es wenigstens mit Leidenschaft falsch. Einmal im Leben ein Heft “Wired” machen, das geht nur mit Leidenschaft. Und Leidensfähigkeit, vermutlich.

Was es bereits gibt: ein Redaktionsblog, auf dem wir die Entstehungsgeschichte dieses Projekts sozusagen Tag für Tag dokumentieren werden.

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Und weil ich gerade dabei bin, größere und neue Projekte hier aufzuschreiben: Es war ein zeitlicher Zufall, dass sich beides mehr oder minder auf einen Schlag ergeben hat, aber ab Juli kommt noch ein weiteres Blog hinzu. In der FAZ schreibe ich ein Ding, das (vermutlich) den Titel “Bleibt alles anders” tragen wird. Nein, es wird nicht um Medien gehen, das ist langweilig. Um Fußball auch nicht, das mache ich weiter in der Abendzeitung”. Und wenn ich Ihnen jetzt nicht verrate, um was es genau geht, dann hat das selbstverständlich etwas damit zu tun, dass ich Sie gerne wenigstens auf die ersten Beiträge neugierig machen möchte. Und irgendwas muss ich ja zudem noch schreiben können, wenn es dann richtig losgeht.

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Wie geht´s dann hier weiter? Natürlich empfinde ich mich selbst gerade als einen unverschämt privilegierten Glückspilz, der gleichzeitig für “Wired” und die “FAZ” arbeiten darf, dennoch hängt mein Herz an diesem kleinen Blog hier. Ich weiß nicht so wirklich, wie das funktionieren soll, werde aber in jedem Fall versuchen, den Betrieb hier nicht einschlafen zu lassen. Sehen Sie es mir dennoch bitte nach, wenn es hier zumindest bis Herbst vielleicht etwas ruhiger werden sollte. Schließlich gibt es ja auch noch ein Buch, das in den kommenden Wochen herauskommt — und das entsprechende Portal dazu ist auch am Start.

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Potentaten gründen keine Hauptabteilung Twitter

20. Juni 2011 - 17:20 Uhr

Richard Gutjahr hat sich heute beim Medienforum NRW an afrikanische Potentaten erinnert gefühlt. Nicht, weil man dort neuerdings auch über Globalpolitisches spricht, sondern weil ihm die Sendergewaltigen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk so vorkommen. Gutjahr kritisierte damit insbesondere den öffentlich-rechtlichen Umgang mit sozialen Netzen. Und weil das mit den Potentaten kein wirklich netter Vergleich ist, zeigte sich WDR-Intendantin Monika Piel angemessen entrüstet und fragte Gutjahr, woher er das denn alles so genau wissen wollte. Schlechter Konter, weil Gutjahr antworten konnte, er arbeite schließlich ja selbst für die ARD resp. den Bayerischen Rundfunk. Nicht gut, wenn man nur hört: “Blogger” – und damit per se ausschließt, der “Blogger” könne ja auch noch was Ordentliches machen. Frau Piel schaut sich vielleicht mal in Zukunft die “Rundschau Nacht” des BR an, die von einem Anchor namens Richard Gutjahr moderiert wird.

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Kurze Abschweifung: Das mit den Bloggern und den Journalisten bleibt ja weiterhin lustig. Dass die deutsche “Wired” von Thomas Knüwer gemacht wird, hat einige erstaunt, weil der doch eigentlich…richtig, Blogger! Über mich selbst durfte ich unlängst in einer Studie lesen, dass “the Jakubetzes of this world” (die Studie ist in Englisch”) “former freelancer” seien, die jetzt irgendwie bloggen. Lustig: Ich habe den weitaus größten Teil meines Lebens in Festanstellung verbracht und blogge auch nicht (wie diese Aussage impliziert), weil mir als “Freelancer” irgendwie die Arbeit ausgegangen ist. Kollege Knüwer hat irgendwie das halbe Leben beim “Handelsblatt” verbracht. Und Gutjahr, wie erwähnt – ist nicht nur früher Radio-und TV-Mann gewesen, sondern ist es immer noch. Wahrgenommen werden wir alle drei trotzdem als “Blogger” und es gibt tatsächlich eine ganze Reihe Menschen in dieser alten, analogen Welt, die dann ganz erstaunt sind, wenn man ihnen das sagt. Gerne wird dann nochmal gefragt: Aber wieso bist du Blogger geworden, wenn du vorher Journalist warst? Ach Kinners. Immerhin, in der “Drehscheibe” bin ich jetzt mal als “Großblogger” bezeichnet worden. Sollte vermutlich heißen, dass noch journalistische Spurenelemente in mir enthalten sind.

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Aber das wird sowieso in diesem Leben nichts mehr mit den alten und den neuen Medien. Nein, halt, falsche Formulierung. Es sind nicht die Medien, mit denen das nichts mehr wird. Eher handelt es sich dabei um Kulturen, die in etwa so verträglich sind wie Jogi Löw und Michael Ballack. Der eine versteht den anderen nicht. Jürgen Doetz beispielsweise, ein altes Schlachtross der Privatsender, hält die “re:publica” für “faschistoid”. Schöner könnte man das Dilemma nicht schildern: Nordafrikanische Potentaten vs. faschistoide Onliner. Könnte schwierig werden, dass sich diese beiden Kulturen jemals nochmal verstehen.

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Natürlich ist das auch ordentlich Ballyhoo, was da veranstaltet wird, mit den Fascho- und Potentatenvergleichen wird man viel eher mal bei den Turis und Kressens und Meedias zitiert, als wenn man einfach nur festhalten würde, dass das Alte und das Neue schlichtweg nicht kompatibel sind. Wenn RTL-Chefin Anke Schäferkordt beispielsweise festhält, entscheidend sei ja nicht, ob man dort twittere, sondern was der TV-Sender RTL mache, dann zeigt das den Unterschied. Im Übrigen hat Frau Schäferkordt damit nicht mal unrecht. Ich glaube nicht daran, dass deutsches Privatfernsehen den Sprung in dieses digitale Zeitalter schaffen wird, öffentlich-rechtliches in seinem aktuellen Zustand als etwas seriösere Kopie des privaten TV übrigens auch nicht. Ich glaube, dass sich speziell beim Thema Fernsehen die digitale Trennung manifestieren wird. Fernsehen, so wie wir es kennen, ist ein per se analoges und nicht-interaktives Medium und wird auch in Zukunft von genau diesem Publikum genutzt werden. Von Menschen, die eben nicht interagieren wollen, die einfach nur mal eben was schauen mögen und die froh sind, wenn man ihnen diese Entscheidung abnimmt. Will irgendjemand einen Tweet von Monika Piel lesen? Notabene: Der Durchschnittszuschauer des BR, für den Richard Gutjahr moderiert, ist über 60 und wird keine Ahnung haben, dass der nette junge Mann auf dem Bildschirm irgendwas im Internet macht. Wenn man so will, ist Richard Gutjahr also die menschgewordene digitale Teilung: Die Analogen wissen nicht, was er im Netz macht — und die Onliner staunen, wenn man ihnen sagt, Gutjahr gebe es auch im Anzug mit Krawatte beim Rentnersender BR.

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Digitale Teilung gibt es ja nicht nur im Publikum, sondern auch und vor allem bei uns Medienmenschen. Es haben sich zwei Kulturen entwickelt, eine analog, eine digital. Der Punkt ist also gar nicht, dass ARD und RTL jetzt twittern müssen. Die Kultur in der analogen Welt ist viel zu weit entfernt, als dass man den Gedanken begreifen würde, was so ein Tweed überhaupt bringen soll. Oder eine Facebook-Seite. Oder überhaupt irgendwas von dem ganzen neuen Kram. Bei den öffentlich-rechtlichen müsste dazu ja auch vermutlich erst mal eine umfangreiche Verordnung mit genau definierten Handlungsanweisungen in Kraft treten. Deren Verabschiedung würde frühestens im Jahr 2015 möglich sein, zumal speziell im ZDF ja auch noch debattiert würde, ob die Besetzungen der neuen Hauptabteilungen “HA Twitter” und “HA Facebook” auch mit der politischen Farbenlehre vereinbar sind. Davon abgesehen müsste zudem verhandelt werden, wie hoch die tariflichen Zuschläge für twittern ab 22 Uhr und facebooken am Wochenende sind. Alles nicht so einfach.

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Heute also haben es zur Abwechslung mal die TV-Sender abbekommen, ansonsten stürzt sich die Netzgemeinde ja bevorzugt auf Verlage, wenn man mal wieder belegen will, wie rückständig alles Analoge ist. Trotzdem glaube ich nicht daran, dass wir alle künftig goldene Zeiten vor uns haben, weil wir jetzt alle eigene Marken und Unternehmerjournalisten und volldigitale Kleinpublizisten werden, die Tag und Nacht fröhlich mit den lieben Followern und Freunden kommunizieren und interagieren. Wenn ich mir heute so angesehen habe, wer bei Medienforum in Köln die digitale Seite vertreten hat, ich würde das dann doch überschaubar nennen. Es sind nicht so rasend viele, die mir einfielen, die als digitale Alleinpublizisten überlebensfähig sind. Und ein Teil von denen hat zumindest als Brotjob oder Backup noch einen analogen Auftraggeber in der Hinterhand. Das ist legitim, aber eben auch: Fakt.

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Wie also weiter? Es wird keine digital-analoge Fusion geben. Es wird beides weiterhin geben, aber das Pendel schlägt ganz eindeutig in die digitale Richtung aus. Digitales Publizieren wird bald eher die Regel denn die Ausnahme sein, die Mediensaurier von heute nehmen dafür zunehmend die Nischenplätze ein. So ist das mit der Evolution. Auch durch fleißiges Twittern wird der Saurier eben doch nichts anderes – als ein Saurier.

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Vom Privileg, Journalist zu sein

19. Juni 2011 - 19:47 Uhr

DJS-Schulleiter Uli Brenner: Bilanz nach 38 Jahren from Christian Jakubetz on Vimeo.

Uli Brenner war neun Jahre lang Leiter der Deutschen Journalistenschule. Am 30.Juni hat er seinen letzten Arbeitstag und übergibt dann an den Ex-Leiter von tagesschau.de, Jörg Sadrozinski. Im Interview blickt Brenner auf 38 Journalistenjahre zurück, sagt, was sich im Journalismus geändert hat, was sich noch ändern wird — und erzählt auch, war früher keineswegs alles besser war.

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Die ganze Abrechnung lesen Sie bei Google!

17. Juni 2011 - 7:35 Uhr

Vermutlich muss man sich das so vorstellen, dass es neuerdings in vielen Redaktionen Redakteursstellen gibt, die intern irgendwie Redakteursstellen sind, in den Kostenstellen aber als Stellen zur Umgehung des Leistungsschutzrechts und zur Senkung vom Beriebskosten gewertet werden. Oder als Stellen zur dauerhaften Senkung übertriebenen eigenen Outputs. So interessant zu beobachten war es jedenfalls schon lange nicht mehr, wie man aus dem Abschreiben der Zusammenfassung fremder Texte großartige Aufmacher für das eigene Medium zusammenbekommt.

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Den Anfang machte, mal wieder, die “Bild”. Kachelmann rechne ab, wurde letzte Woche getextet. Und dass man die ganze Abrechnung in der “Bild” lesen könne, was nicht gelogen war, aber irgendwie auch nicht wahr. Die journalistische Leistung der “Bild” bestand im Wesentlichen darin, ein Interview zusammenzufassen, das Kachelmann vergangene Woche der “Zeit” gegeben hat. Das heißt, man hat es ein bisschen gepimpt; aus Kachelmanns Aussage beispielsweise, er könne keine Lufthansa-Maschinen mehr betreten machte die “Bild”, Kachelmann “boykottiere” die Lufthansa. Was natürlich eher in die Anti-Kachelmann-Linie des Blatts passt, Motto: Dieser kleine Schweizer vergewaltigt erst unsere Frauen, dann sprechen wir ihn frei — und zum Dank boykottiert er auch noch unsere Airlines.

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Praktisch ist es natürlich auch, wenn die Gegenseite, in jenem Fall Nebenklägerin Claudia D., in der “Bunten” zum medialen Gegenschlag ausholt und ihre Sicht der Dinge ungehindert darstellen darf. “Bild” wie viele andere auch schreiben die Aussagen der Claudia D. weitgehend unverändert ab, so dass die journalistischen Eigenleistungen in der Causa K. in den vergangenen Tagen überschaubar blieben. Jeweils ein Interview reichte aus, um eine ganze Menge von Redaktionen mit ausreichend Futter zu versorgen. Welchen Stellenwert Aussagen haben könnten, was hinter solchen Interviews steckt, das alles muss man ja nicht mehr hinterfragen, wenn es ausreicht zu sagen: haben ja nicht wir gemacht. Stand in der “Zeit”, in der “Bunten” oder sonstwo. Dabei wäre es interessant gewesen, wenn man sich mal die Mühe gemacht hätte aufzuzeigen, wie die mediale (Schlamm-)Schlacht auch nach Urteilsverkündung weitergeht. Das Gespräch Kachelmanns in der Zeit wurde von deren Gerichtsschreiberin Sabine Rückert gemacht, die eng verbandelt ist mit Kachelmann-Anwalt Schwenn und die im Prozess eine eindeutige Position eingenommen hat (es spricht im Übrigen nicht sehr für die “Zeit”, auf diesen Umstand auch diesmal nicht hingewiesen zu haben). In der “Bunten” öffnet Claudia D. ihr Herz der Chefreporterin Tanja May, die ehemaligen Freundinnen Kachelmanns schon auch mal Blumen und “Sonnengrüße” schickt.

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Muss man sich also mal vorstellen: Da bekriegen sich zwei, kündigen zudem öffentlich an, ihren Kampf auch weiter fortführen zu wollen. Beide suchen sich das Medium ihrer Wahl aus — und die Journalisten-Herde bekommt nicht mehr hin, als dass man einfach die Aussagen aus den jeweiligen Interviews abpinnt und sie vielleicht noch in eine verschwurbelte Konjunktivform setzt. Spannend ist das übrigens auch aus einer anderen Sicht: Wie war das nochmal mit dem Leistungsschutzrecht? Wäre das auch ok, wenn Google seine Seite betexten würde mit: Die ganze Abrechnung (und noch viele andere Abrechungen) lesen Sie jetzt bei Google!

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Diese Unsitte, Dinge anderer in den Konjunktiv zu setzen, nimmt irgendwie zu, den Eindruck wird man nicht los. Der “Stern” hat in dieser Woche mit der Frau eines Mannes gesprochen, der im dringenden Verdacht steht, im Frühjahr in Bayern seine zwei Nichten umgebracht zu haben. Brisanz bekommt das Gespräch dadurch, das sie ihren Mann ohne jede Einschränkung verdächtigt, der Mörder zu sein (Belege dafür hat sie allerdings nicht).  Und natürlich auch hier: Die Geschichte aus dem “Stern” wird solide abgeschrieben und in etlichen Fällen mit Überschriften versehen, die den Eindruck erwecken, als sei man irgendwie dabei gewesen (anderen soll ja in solchen Fällen schon mal ein Journalistenpreis aberkannt worden sein).

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Und wie darf man das jetzt alles sehen? Wenn andere erst mal drüber berichtet haben, ist es völlig ok zu berichten, dass andere berichtet haben? Und der “Leistungsschutz” gilt ja dann eh nicht mehr? Manchmal sind das merkwürdige Sitten, die wir im Journalismus haben.

 

 

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Notizblog (5): Der HR, der Spiegel und der See

12. Juni 2011 - 10:35 Uhr

Der “Frankfurter Tag des Onlinejournalismus” in voller Länge: Der HR hat alle Beiträge des Tages online gestellt, alle Videos sind zum Nachsehen da. Ich habe dort ein bisschen über das iPad geplaudert und stelle gerade ganz beglückt fest, dass ich 40 Minuten Redezeit zugeteilt bekommen hatte und genau 38 Minuten und 26 Sekunden gebraucht habe. Ganz ohne auf die Uhr zu schauen. Ebenfalls mit dabei im Video: HR-Intendant Helmut Reitze sowie die Universalcode-Mitstreiter Stefan Plöchinger und Lorenz Matzat.

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Zuverlässig wie eh und je der “Spiegel”: Jedes Jahr an Weihnachten und an Ostern kommen die Jesus-Geschichten, Pfingsten und andere Tage sind gerne genommen Termine für Hitler oder Stalin. Dieses Jahr geht es um Hitler und Stalin, was natürlich auch schön ist. Ein paar Konstanten braucht der Mensch im Leben ja — und wenn es nur dafür gut ist, dass man an den Spiegel-Titelgeschichten bemerkt, welcher Feiertag gerade ist.

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Apropos Feiertag: Niemand ist eine Insel, nur diese Rutsche. Und der See. Und ich. Pause bis Dienstag.

 

Die Rutschinsel

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Ein Buch – das Update (54): Bitte wählen Sie Ihr Cover!

12. Juni 2011 - 9:56 Uhr

In der “Universalcode”-Truppe geht es momentan zu wie bei einem halbwegs frisch verliebten Pärchen, das sich gerade zum ersten Mal streitet. Bevor Sie sich Sorgen machen: Nein, wir streiten natürlich nicht. Aber wir diskutieren. Dummerweise mit einem Ergebnis, bei dem man nicht mal eine demokratische Legitimation via Abstimmung hinbekommt, weil die Meinungslage aktuell einem klassischen Patt entspricht. Und deswegen würden wir jetzt gerne Ihnen die Entscheidung überlassen…

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Die Sache ist die: Wir haben ein Cover fürs Buch, das Sie ja auch schon gesehen haben. Jene Zeichnung, bei der eine Hand mit einem Pinsel auf einem iPad-ildschirm etwas Neues entstehen lässt. Zugegeben: Das Cover ist seit längerem das umstrittenste Ding bei diesem Buch. Es gab von Anfang an Kritiker (auch von außen) und es gab leidenschaftliche Befürworter. Irgendwann kam dann mal die Idee, einen Alternativvorschlag erarbeiten zu lassen, der jetzt, kurz vor Torschluss, eingetrudelt ist. Gestern habe ich ihn rumgemailt, was leider insofern keine gute Idee war, als dass wir jetzt wieder nicht schlauer sind. Denn auch der Alternativvorschlag findet Befürworter und Gegner. Und die Fronten verlaufen ebenso hart wie vorher.

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Cover 1, erst einmal die Grundgedanken. Die Idee war zunächst, dass wir kein Cover mit irgendwelchen missratenen Symbolbildern haben wollten (bevorzugt: Mensch am Computer, arbeitend). Wir fanden die Arbeitsweise von Anna Lena Schiller sehr spannend und fragten sie nach einem Entwurf. Der Gedanke hinter der Zeichnung: Unsere analoge Medienwelt transformiert gerade in etwas Neues, Ungekanntes. Die Argumente unserer internen Befürworter: orginell, auffällig, einprägsam, vielsagend, ungewöhnlich, Potential für eine komplette CI. Argumente der Gegner (Zitate aus internen Mails):

Welches Signal geht denn von einer (handwerklich guten) Illustration aus, auf der jemand einen Pinsel verwendet, um einen Touchscreen zu bedienen? Man stelle sich vor, Spiegel/Stern/SZ hätten eine Geschichte übers “Mitmach-Web” so bebildert, die “Netzgemeinde” hätte eine Freude daran, der Frage nachzugehen, ob man in den dortigen Redaktionen tatsächlich der Meinung ist, man könne Twitter und Facebook mittels eines verkabelten Pinsels auf ein iPad übertragen.

Finde das (alternative)  Cover besser, weil passender zu Titel und Inhalt.

Das ist so die Quintessenz der Gegner dieses Covers.

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Cover 2 ist ein Entwurf von Dirk Kirchberg. Der QR-Code auf dem Titel könnte natürlich noch mit einer Botschaft angereichert werden. Dieser Entwurf hat Befürworter, aber auch Gegner. Die Kritik bezieht sich vor allem darauf, dass QR-Codes im Jahr 2011 nicht mehr wirklich relevant sind und ebenfalls ein falsches Signal aussenden würden. Auszüge aus den internen Mails:

Zusätzlich zu allem, was schon eingewendet wurde, möchte ich hinzufügen, dass ein QR-Code auch ein falsches Signal wäre. Aus meiner Sicht er ein technisches Hilfsmittel, vor allem um Verbindung zwischen physischen Objekten und der virtuellen Welt herzustellen. In unserem Buch befassen wir uns jedoch vor allem mit journalistisch-inhaltlichen Themen.

Qr-Codes finde ich nicht zentral zukunftsweisend (NFC!) und ein Alleinstellungsmerkmal hat man damit auch nicht mehr (Welt kompakt twitterbild etc.) 1995 wäre das ein unfassbarer Kracher gewesen ;)

qr-codes sind nie erwachsen geworden. und dank NFC tatsächlich obsolet. von daher aus inhaltlicher sicht ein “eher nicht” von mir.

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Schließlich gibt es noch eine dritte Idee, die ebenfalls ein paar Befüworter gefunden hat. Nämlich eine Art “Mash-Up” aus beiden Entwürfen, was dann so aussähe.

 

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Aber es ist ja auch Ihr Buch. Und Sie sehen, zum ersten Mal in der kurzen Geschichte des Universalcodes sind wir gespalten. Helfen Sie uns, damit wir wieder friedlich miteinander leben und uns wie frisch verliebte Pärchen benehmen können. Und stimmen Sie ab. Jetzt — und hier!

(Eigentlich sollte hier ein Abstimmungstool stehen, genauer gesagt: wp-polls. Das Problem ist nur, dass nach Installation des Plugins die Seite de facto nicht mehr lesbar war, keine Ahnung warum. Deswegen Anmerkungen bitte in den Kommentaren oder via Mail unter cjakubetz ät gmail dot com. Danke!)

Nachtrag: Dank Verna Bunse gibt´s jetzt doch noch ein vernünftiges Voting-Tool:

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Franz Josef und das Panikorchester

6. Juni 2011 - 16:47 Uhr

Gott erlöse uns von der Seuche, barmt Franz Josef Wagner heute in der “Bild” — und fragt: Hat jemand einen besseren Vorschlag? Ja, würde man ihm gerne antworten, zumindest wenn es um die Seuche geht, die gar keine ist, sondern eine Infektionskrankheit namens EHEC. Ein bisschen weniger Panik verbreiten, die Dinge so erzählen, wie sie sind, aus einem unbestritten gefährlichen Virus das machen, was er ist. Gefährlich,  aber kein nicht mehr aufzuhaltender “Killerkeim”. Weitgehend unbekannt bisher, aber beherrschbar. Heftig, aber kein Todesurteil für die Betroffenen.

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Es war ja nicht anders zu erwarten. Speziell “Bild” hat in den vergangenen Wochen mal wieder alle Panik-Register gezogen. Aus dem Virus wurde der “Killer-Keim”, der wahlweise aus Holland, Spanien oder Norddeutschland stammte. Zu finden war er auf Gurken, Tomaten, Sprossen oder vielleicht auch einfach wild zappelnd durch die Luft fliegend und sich aggressiv auf unschuldige Passanten stürzend. Die Epidemie war für “Bild” ungefähr am zweiten Tag des Auftretens ausgemacht, nach den ersten Toten fragte das Blatt bereits: Droht eine Pandemie? Sie drohte ungefähr so intensiv wie bei der Schweinegrippe, der Vogelgrippe, der alljährlichen Wintergrippe, dem Rinderwahnsinn und allen anderen Krankheiten, die in den letzten Jahren auftauchten und nicht sofort impfbar waren. Dass “Bild” so etwas macht, weil sich der “Killerkeim” besser macht als ein bis dato unbekannter Erreger, ist ja nicht weiter wunderlich. Sehr viel erstaunlicher ist, wie viele Medien das Spiel mit dem Killerkeim inzwischen seit Wochen betreiben. Vom “Killerkeim” schreiben jedenfalls inzwischen viele.

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Erstmal die Fakten: Unstreitig auf EHEC zurückzuführen sind in Deutschland bisher 21 Todesfälle. Ca. 2000 Menschen sind angeblich infiziert. Gemessen an der Gesamtbevölkerung von rund 80 Millionen Menschen bewegt sich die Zahl derer, die betroffen sind, momentan im Promillebereich. Sollte sich bestätigen, dass man mit den Sprossen in Niedersachsen die Quelle des Erregers gefunden hat, gehen Wissenschaftler davon aus, die ganze Sache in absehbarer Zeit eindämmen zu können.  Natürlich sind 21 Tote weder zu verharmlosen noch zu relativieren. Man muss aber angesichts der grassierenden Medienhysterie und der vermeintlich drohenden Pandemien auf ein paar Dinge hinweisen:  Alleine in Bayern kommen in einem durchschnittlichen Monat ungefähr genauso viele Menschen bei Verkehrsunfällen ums Leben. Jahr für Jahr geht die Zahl der Unfalltoten in Deutschland in die Tausende, ohne dass ein Kommentator fordert, der Herrgott möge uns von der Seuche Straßenverkehr erlösen. Die Zahl derer, die jeden Winter an schwerer Grippe erkranken, ist deutlich höher als die der rund 1200 Menschen, die jetzt EHEC erwischt hat. Niemand hat deswegen Angst vor der nächsten “Seuche”, die nächsten Winter sicher wieder über uns kommen wird. Und schließlich noch ein Fakt: An Antiobitotika-resistenten Keimen erkranken in Deutschland Jahr für Jahr rund eine Million Menschen. Solche Keime kommen (manchmal) sehr schnell und ebenfalls manchmal hat man sie auch schnell wieder unter Kontrolle. Mag also durchaus sein, dass EHEC eines dieser Phänomene ist und ein potentiell lebensbedrohlicher Keim ist auch nichts zum spaßen. Aber er ist auch keine potentielle Pandemie.  Die Tatsache, dass das Atomdesaster in Japan weitgehend aus den Schlagzeilen verschwunden ist und durch einen rästelhaften Erreger, an dem ein Promilleanteil der deutschen Bevölkerung erkrankt ist, abgelöst wurde, darf man mit einigem Recht Hysterie nennen.

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Natürlich hat die “Bild” mal wieder besonders übertrieben, aber es wäre zu einfach, wenn jetzt alle wieder mit den Finger nur auf sie zeigen würden. Tatsächlich gab es in den Redaktionen in den letzten Wochen kaum jemanden, der einfach mal zur Besonnenheit riet. Und nicht nur das: Sobald auch nur irgendein Gerücht über die mögliche Herkunft auf dem Markt war, überschlugen sich die Nachrichten: “Spuren” führten demnach nach Spanien, nach Holland und nach China und die Hamburger Wasserschutzpolizei “jagte” laut MoPo sogar den Killerkeim, als ruchbar wurde, er sei auf Gurken gefunden worden. Den Unsinn muss man sich mal vorstellen: Eine Wasserschutzpolizei jagt einen auf Gurken auffällig gewordenen Keim; man würde wirklich gerne wissen, ob sie dabei auch Sirene und Blaulicht eingeschaltet hat. “Bild”-Reporter machten unterdessen die vermeintliche Unglücksgurkenfarm ausfindig und reisten dafür extra nach Spanien, vermutlich unter Einsatz ihres Lebens. In Österreich warnten Zeitungen unterdessen die heimischen Fußballfans vor den EHEC-infizierten Deutschen. Und obwohl bei nahezu jeder neuen “Spur” von Experten darauf hingewiesen wurde, dass man mit letzter Sicherheit noch nichts sagen könne, wurde aus einer Vermutung schnell eine Schlagzeile (und damit irgendwie unumstößliche Volksmeinung): In München und in Berlin habe ich vergangene Woche große Hinweisschilder in Restaurants und ähnlichem gesehen, dass man im Interesse der Gesundheit der Massen vorläufig auf Tomaten und Gurken verzichte, dabei waren es die doch ganz offensichtlich gar nicht. Momentan sollen stattdessen Sprossen aus Niedersachsen und irgendwelche Merkwürdigkeiten aus China schuld sein. Und obwohl die Experten schon wieder deutlich darauf hinweisen, dass man einen Beleg dafür noch nicht habe, wissen wir, den Medien sei dank, jetzt Bescheid. Keine Sprossen mehr, um Himmels willen! Und schon gar nicht aus Niedersachsen!

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Das ist unsere tägliche Desinformation, in einem Zeitalter, von dem wir dachten, es sei aufgrund seiner Informationsdichte und der ungeheuren Schnelligkeit in Sachen Wissen und Information allem bisher dagewesenen überlegen. Dabei gehören die ganzen Viren- und andere Gruselgeschichten der letzten Jahre ziemlich genau in die Kategorie, die Nick Davis in seinem Buch “Flat Earth News” als solche bezeichnet. Als Nachrichten, die mal eben “flat” um die Welt gehen, ganze Ernten in fremden Ländern kaputtmachen, unnötige Hysterien erzeugen, nicht weiter hinterfragt werden. Der Killerkeim hat Leute umgebracht, das muss reichen. Im täglichen hecheln um die beste (Flat-) News werden Überschriften gemacht, bei denen man es nicht mal mehr der Mühe wert befindet, ein paar Grundregeln einzuhalten. Beispielsweise die, dass man, wenn man etwas nicht weiß, dies auch zum Ausdruck bringt, beispielsweise mit dem Wörtchen “soll” oder der segensreichen Erfindung des Fragezeichens. Stattdessen: Wenn man den Begriff “Killerkeime stammen von Gurken” googelt, kommt man auf fantastische 692.000 Treffer. Googelt man in fünf Tagen “Killerkeime stammen von Sprossen” wird die Trefferquote ähnlich sein. Momentan findet man nur 110.000 Treffer, darunter sogar mehrere mit einem zweifenden Fragezeichen hintendran.

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In schierer Verzweiflung fragt bild.de gerade jetzt im Moment, wo es die Sprossen vielleicht auch nicht waren: Wem sollen wir noch glauben? Eine Antwort könnte zumindest sein, wem man besser nicht glauben sollte.

14 Kommentare » | NUR SO DAHINGESAGT

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