Archiv für Oktober 2011


Das Portal zum Buch

31. Oktober 2011 - 9:15 Uhr

Zugegeben, am Ende wurde es dann doch noch mal eng. Aber das Gefühl, es könnte irgendwie knapp werden, begleitet mich ja schon die ganze Zeit durch das Universalcode-Thema, da kam´s jetzt auf das eine Mal mehr oder weniger auch nicht an. Jedenfalls ist das Portal zum Buch jetzt auch online.  Und es hat noch etwas anderes mit dem Buch gemeinsam: Es ist erstmal eine Idee, ein Grundgerüst. Wer Ideen, Anregungen, Informationen, Kritik hat oder sogar eigene Beiträge beisteuern will, immer nur her damit (cjakubetz ät gmail dot com). Schließlich ist das Buch ganz entscheidend durch die Einflüsse von draußen geprägt worden, so soll es auch mit dem Portal sein. Sagen wir es so, das Portal ist die Fortschreibung des Buchs und eine Fortschreibung beginnt immer an irgendeinem Ende, das dann quasi der Anfang ist. Was ich mit diesen etwas länglichen Wort nur sagen will: Erwarten Sie bitte keine fertige und auch keine statische Seite, sondern eher das Grundgerüst für etwas, was in den kommenden Wochen wachsen wird.

Universalcode-Podcast (3): Heribert Prantl by cjakubetzuser

Zum Start gibt es auch eine neue Folge des Podcasts, dessen erste Folgen ich ja an dieser Stelle schon gepostet hatte. Sie erinnern sich: Das Vorwort zu “Universalcode” hat Heribert Prantl geschrieben. Naheliegend, dass er auch zum Start des Portals im wahrsten Sinne des Wortes zu Wort kommt. Nachzuhören auf der Seite – oder gleich hier.

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Eine kleine App-Kritik (11):Dahinter stecken wirklich kluge Köpfe

29. Oktober 2011 - 14:55 Uhr

Die Geschichte zwischen mir und der “Süddeutschen Zeitung” ist eine lange. Das sollten Sie wissen, bevor Sie hier weiterlesen — weil diese kleine App-Kritik alles andere als klein sein wird und weil sie weit über die Besprechung einer App hinaus geht. Es wird eine ziemlich persönliche, hoffnungslos subjektive Geschichte. Aber vielleicht weiß man an deren Ende ein bisschen mehr darüber, wie Medien konsumiert werden, warum das sehr viel mit Gefühl und nur eingeschränkt mit Ratio zu tun hat. Und warum wir zwar im Kopf sehr genau wissen, warum sich Dinge verändern und auch verändern müssen, wir aber auch als treue Zukunftsgläubige im Grunde gerne hätten, dass alles so bleibt, wie es ist.

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Die SZ war immer meine Zeitung. Das hat eine ganze Reihe von Gründen, nicht alle sind rein journalistischer Natur. Für mich war die SZ immer auch ein Stück südliches/bayerisches Lebensgefühl, das alle anderen verständlicherweise nie transportieren können. Die SZ stand für mich immer für Bayern, für ein Bayern, das ich mag und das abseits ist von den dumpfbackigen Bildern, die man manchmal draußen von uns hat und die wir zugegeben leider auch oft genug selbst produzieren. Die SZ ist für mich ein intelligentes Bayern, das trotzdem zu sich und seiner Tradition steht. Das ist für mich München und nicht Berlin, das ist für mich Niederbayern und nicht Rhein-Main. Das ist aber auch: Biermösl Blosn statt Hansi Hinterseer, Sepp Daxenberger statt Horst Seehofer, Ringsgwandl statt Stefan Mross. Bis zu einem gewissen Grad ist die SZ ein durchaus strukturkonservatives und (Achtung, tiefstes Pathos!) heimatliebendes Blatt, ohne reaktionär oder heimattümelnd zu sein. Die SZ hat es über viele Jahre immer wieder geschafft, mich zum Lachen zu bringen, mich zu unterhalten, mich wohlzufühlen. Kurz, Zeitung lesen hat auch etwas mit Zugehörigkeit zu tun. Ich fühle mich der SZ und München und Bayern zugehörig. Die FAZ war für mich immer das Zentralorgan nörgelnder und gegenwartsverweigernder Oberstudienräte, deren Credo ist, dass früher alles besser war und wir schon sehen werden, wo wir mit diesem ganzen modernen Kram landen werden. Die “Welt” brachte ich immer in Verbindung mit Menschen, die dunkelblaue Blazer mit Goldknöpfen tragen. Seit sie brachial versucht, dieses Image abzulegen, erinnert sie mich an Banker. Fachlich vermutlich schon irgendwie kompetent und auch bemüht, modern zu sein. Aber unterhalten Sie sich mal mit einem durchschnittlichen Banker, die meisten Gespräche sind so langweilig wie ihre Krawatten. Bei der SZ weiß ich im Regelfall schon vorher, was Heribert Prantl schreibt und ich bin auch keineswegs immer seiner Meinung. Ich lese ihn trotzdem jedesmal. Am Chefredakteur Kister mag ich dessen beißendem Spott, auch wenn ich ihn unter gar keinen Umständen als Chef haben wollen würde.  Die Reportagen von Gertz sind selbst dann lesenswert, wenn er ein Stuhlbein portraitieren würde. Und, ja, der Sport, ich kenne niemanden, der einen besseren Sport machen würde. Dafür verzeihe ich der SZ sogar, dass ihr Layout dringend, dringend, dringend (!) renovierungsbedürftig ist und die Seiten zwischen Meinung und Panorama Papierverschwendung ersten Grades sind. Ich glaube, ich habe noch nie eine Seite 7 der SZ gelesen.  Bevor ich es vergesse, auch über die Geschichten der Titelseite müsste man reden, so wie man vermutlich über vieles reden müsste, aber es ist eben die SZ und die SZ ist die SZ und kann meinetwegen auch auf serbokroatisch erscheinen. Solange Prantl Leitartikel schreibt und Kister ätzt, von mir aus.

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Seit einiger Zeit lebe ich nicht mehr in Bayern, nicht mal mehr in Deutschland, nicht mal in der EU. Die SZ würde mich hier pro Einzelausgabe 5 Franken kosten, was ich meistens in Kauf nehme, aber selbst für Prantl und Kister ist das viel Geld, zumal mir die Seite 7 angesichts von 5 Franken dann noch mehr weh tut. Deswegen warte ich, seit ich Besitzer eines iPad bin, auf den Tag, an dem es die SZ auf dem iPad gibt. Seit gestern ist es soweit und ich habe die App in einem ähnlich rekordverdächtigen Tempo geladen, mit dem ich früher zum Postkasten gegangen bin, um meine SZ rauszuholen. Ich freute mich auf die Zeitung auf dem Bildschirm — und bekam keine. Die SZ auf dem iPad ist keine Zeitung, obwohl sie zum größten Teil aus den Inhalten der gedruckten Zeitung besteht. Sie hat noch die Struktur der Zeitung, ist aber letztendlich ein multimediales Magazin. Nicht also das, was viele Tageszeitungen bisher anbieten, eine mehr oder minder bessere PDF-Lösung, sondern tatsächlich neu aufbereitet für die (vermeintlichen) Ansprüche eines Tablets.

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Ich habe über mich selbst gestaunt: Ich weiß nicht, wie oft ich gelesen und selbst geschrieben habe, was sich nicht alles verändert in einem digitalen Zeitalter. Und dann ist meine erste Reaktion: Hey…ich wollte die ZEITUNG! Ich will kein SZ-Multimedia-Magazin, ich will meine Zeitung. Ich will, dass links oben das Streiflicht steht und dass am besten das Papier noch wenigstens virtuell raschelt. Ich will keine grünen Überschriften und keine merkwürdigen Kästchen. Ich will, dass alles so bleibt, wie es ist, nur virtuell. Ich konnte mir diese merkwürdige Haltung auch durchaus verzeihen. Wenn man 25 Jahre lang die selbe Zeitung liest, kann man kaum erwarten, sich innerhalb weniger Minuten umzugewöhnen. Ich habe also, zugegeben, die neue App erst mal mit einem gewissen Unwillen in die Hand genommen.

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Ein iPad ist keine Zeitung. Ein paar Zoll sind nicht vergleichbar mit dem Umfang einer Zeitungsseite. Möglicherweise wird also eine Zeitungsseite verkleinert auf ein paar Zoll nie so wirken wie eine Zeitungsseite. Ist es dann also wenigstens theoretisch nicht doch sinnvoll, die Zeitung so aufzubereiten, dass sie auf dem Bildschirm konsumiert werden kann? Tatsächlich ist unter diesem Gesichtspunkt der SZ eine ansprechende Lösung gelungen. Die Seiten sind übersichtlich und nachvollziehbar strukturiert, die Optik ist im Gegensatz zum gedruckten Blatt state of the art. Die Bildergalerien sind sehr schön in die Texte integriert, multimediale Applikationen sind meistens sinnvoll eingesetzt. Und ja, zugegeben, wenn man sich langsam an die Bildschirm-SZ gewöhnt, dann macht es plötzlich Spaß, sie zu lesen. Seite 7 habe ich allerdings auch auf dem iPad nicht gelesen. Dafür kostet die Einzelausgabe auch nur 1,59, da lässt sich das dann wieder verschmerzen.

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Ein paar Kleinigkeiten muss man aber dann doch noch anmerken (die allerdings angesichts des frühen Zustands alle verzeihbar sind). Über die Ladezeiten der heutigen Ausgabe reden wir lieber nicht. In der Zwischenzeit habe ich Zähne geputzt, ein halbes Buch im Bett gelesen, den Zustand der Welt analysiert und ein bisschen gedöst. Keine Ahnung, ob´s so einen Ansturm gestern gab, in jedem Fall aber wäre dieses Tempo auf Dauer absolut inakzeptabel. Und über das Produzieren eigener Videos sollten sie in München auch nochmal nachdenken. Zur Bayern-LB-Geschichte beispielsweise gibt es einen Dreiminüter, von dem ich mir überlege, ob ich nicht künftig in allen meinen Videoseminaren zeigen soll. Weil er so wunderbar zeigt, dass man Bewegtbild nicht ohne bewegtes Bild machen soll. Und dass man fehlende Bewegung nicht dadurch kompensiert, in dem man dem ganzen Standbilder aus dem SZ-Archiv animiert. Jedenfalls fliegen jetzt an mir gefülte hunderte animierte Standbilder eines ehemaligen BayernLB-Vorstands an mir vorbei, außerdem Bernie Ecclestone in 53 animierten Portraits. Im Hintergrund hechelt sich eine Off-Sprecherin in 3.30 durch einen extrem komplexen Sachverhalt und außerdem treten auf in Nebenrollen: Hans Leyendecker und sein Investigativressort. Achja, ne Infografik haben sie auch noch untergebracht und am Ende fühlt man sich leicht matschig. Sieht irgendwie so aus, als wenn sich jemand gedacht hätte, dass so ne App dringend auch Videos braucht. Ich kann jedenfalls auf  Videos gut verzichten, wenn der Stoff keine Videos hergibt.

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Trotz alledem, am Ende dachte ich mir: well done. Ich fände es zwar immer noch schön, wenn es die SZ auch als Reproduktion dazu gäbe, aber alles in allem ist die jetzige Lösung eine Idee von dem, wie wir künftig (vielleicht) Zeitung lesen. Ihren Zeitungs-Konkurrenten jedenfalls ist die SZ mit dieser App ein gutes Stück voraus. Nur das bayerische Heimatgefühl, das stellt sich auf der Glasplatte noch nicht so richtig ein. Abonniert habe ich die digitale SZ trotzdem. Es ist die erste Zeitung, die ich auf dem ipad abonniert habe.

 

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Unboxing Universalcode

29. Oktober 2011 - 9:49 Uhr
Foto: Dirk Kirchberg

Foto: Dirk Kirchberg

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Das NR und die Langschläfer

28. Oktober 2011 - 8:50 Uhr

Die Laufbahn des Cem Özdemir war schon einmal fast am Ende angekommen.  Als vor einigen Jahren bekannt wurde, dass der Grünen-Politiker mit seinen dienstlich erflogenen Bonusmeilen Privatreisen unternahm, war das Geschrei in etwas so groß, als wenn Özdemir den Bundeskanzler niedergeschlagen hätte. Erst nach längerer Zeit im politischen Büßerhemd durfte er an ein Comeback denken — heute redet niemand mehr von den Bonusmeilen. Was daran liegen könnte, dass mit etwas Abstand betrachtet der Anlass zu nichtig war, als dass man einen Politiker für alle Ewigkeiten verbannen sollte. Und vielleicht gab es diese Aufrechnung damals auch, weil man sich, vorsichtig formuliert, bei einem Politiker etablierter Parteien weniger über einen solchen Vorgang gewundert hätte als bei einem Grünen. Wer die moralische Messlatte hoch legt, darf sich nicht wundern, wenn er als erstes an ihr gemessen wird.

Vermutlich ist auch das ein Grund, warum die Aufregung um die Vorgänge beim “Netzwerk Recherche” in diesem Jahr ganz besonders groß war. Finanzielle Unsauberkeiten sind nirgendwo eine Sache, die mal eben weggesteckt wird. Aber beim “Netzwerk Recherche”, dem selbst ernannten “besten Journalistenverein Europas”, den Aufklärern, den Saubermänner, und ja, auch das: den Selbstdarstellern? Es mutete jedenfalls wie ein schlechter Witz an, dass ein Vorstand mit dem vielleicht profiliertesten Investigativjournalisten in seinen Reihen plötzlich eine Sache am Hals hatte, die zumindest ein bisschen müffelte.

Ein bisschen müffelig riecht auch eine Mail, die Interimschef Hans Leyendecker an seine Vorstandskollegen geschrieben har und die jetzt ausgerechnet in den Fängen der “Bild” gelandet ist. Leyendecker schrieb am 5. August an seine Kollegen das Folgende:

“Die Staatsanwaltschaft hat einen AR-Vorgang (Vorermittlungsverfahren, die Red.) angelegt und wartet die Prüfung ab. Sie bekommt den Bericht aber nur dann, wenn sie Druck macht und mit Durchsuchungen droht. Vielleicht verschläft die Staatsanwaltschaft den Vorgang.“

Ist es denkbar, dass Leyendecker eine solche Mail geschrieben hat? Es ist nicht nur denkbar – es ist definitiv so. Ich habe Hans Leyendecker via Mail zu dem Thema zwei Fragen gestellt. Zum einen, ob diese in der “Bild” zitierte Mail tatsächlich von ihm stammt. Und zum anderen, wie sich das mit der angekündigten Transparenz des NR in dieser Sache verträgt. Vorweg: Hans Leyendecker hat innerhalb von 30 Minuten geantwortet. Er schreibt u.a. folgendes:

“Die Mail habe ich so geschrieben, weil zu diesem Zeitpunkt bei der Staatsanwaltschaft noch kein Ermittlungsverfahren anhängig war und man hoffen durfte, dass gegen Leif nicht ermittelt wird. Ein AR-Vorgang ist die Prüfung, ob es einen Anfangsverdacht geben könnte. Gleichzeitig haben aber die von uns eingeschalteten Wirtschaftsprüfer auf unsere Bitte den Kontakt zur Wiesbadener Staatsanwaltschaft gehalten und die Unterlagen dann auch später, als ein Verfahren eingeleitet worden war, übergeben. Mit Verschleierung hat das gar nichts zu tun.”

Das zeigt sehr schön die Problematik in der Causa NR. Natürlich ist inhaltlich und formaljuristisch nichts gegen die Mail Leyendeckers einzuwenden. Sie belegt aber gleichzeitig, dass die Netzwerker, wenn es um die eigene Sache geht, dann eben doch nicht sehr viel anders handeln als diejenigen, denen sie in ihrem täglichen Job auf den Fersen sind. Herausgabe von Unterlagen nur bei Druck darauf hoffen, dass eine Staatsanwaltschaft vielleicht etwas verschläft — man würde gerne wissen, was NR-Mitglieder schreiben würden, würde ihnen ein Schriftverkehr — sagen wir — eines CDU-Parlamentariers ähnlichen Inhalts bekannt. Dein Einstieg beim “Spiegel” beispielsweise könnte man sich schon richtig gut vorstellen.

Wie auch immer: Das NR hat in diesen Jahr viel von seinem wichtigsten Kapital verspielt. Wenn ein Verein, der sich Investigation und Recherche auf die Fahnen schreibt, in den Ruch von Unregelmäßigkeiten kommt, ist das schlimm genug. Wenn der Vorstand intern auch noch darauf hofft, dass die Staatsanwaltschaft etwas “verschlafen” könnte — dann zeigt das, dass die Vorgänge um die Fördergelder intern bestenfalls nur als Betriebsunfall unter der Verantwortung von Thomas Leif gesehen werden. Dass das Problem möglicherweise eines der grundsätzlichen Haltung sein könnte, hat man sich beim NR noch nicht überlegt.

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Wir nennen es Universalcode

25. Oktober 2011 - 11:34 Uhr

Seit gestern also läuft die Auslieferung von “Universalcode” — und sieht man davon ab, dass es noch die Webseite und ggf. irgendwann mal die Idee einer App gibt, ist seit heute der erste Tag, an dem ich das Gefühl habe, das Projekt sei irgendwie abgeschlossen (was es natürlich nicht ist). Wenn ich auf das gut eine Jahr schaue, das zwischen Idee und Fertigstellung lag, dann glaube ich manchmal, noch nie so viel gelernt zu haben wie in den zurückliegenden12 Monaten. Nein, natürlich nicht nur über irgendwelche technischen und inhaltlichen Dinge, die den Journalismus im digitalen Zeitalter angehen. Sondern auch darüber, wie es sich jetzt und künftig arbeiten lässt. Und wie nicht. Was Zukunft hat und was nicht. Das ist, zugegeben, eine einigermaßen subjektive Sichtweise. Aber schon auch eine, aus der sich für andere und anderes einiges ableiten lässt. Bilanz von 12 aufregenden Monaten…

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Es ist ja nicht etwa so gewesen, als dass ich die Idee, ein Buch über die neuen Anforderungen an Journalisten zu machen, nicht in der einen oder anderen Weise schon mal gehabt hätte. Man überschätzt allerdings die Flexibilität und die Innnovationsbereitschaft von Großbetrieben und namentlich Buchverlagen, wenn man glaubt, man schlage da mal einfach was vor und dann kommt ein netter Mitarbeiter des Verlags und legt einen Vertrag vor und kurz darauf ist man dann Buchautor. Das war halbwegs so bei “Crossmedia”. Beim UVK hatte man 2008 ohne lange Debatten und schnell begriffen, dass es den Bedarf für ein Praxisbuch über crossmediales Arbeiten geben könnte. Ich hatte damals auch mit der “gelben Reihe” gesprochen. Dort allerdings war man 2008 der Meinung, Crossmedia sei ja auch nichts anderes als Onlinejournalismus, weswegen es das Potential für einen eigenen Band dazu nicht gebe. Man könne aber gerne darüber nachdenken, ob man der nächste Auflage des Onlinejournalismusbuch nicht ein kleines Kapitel zu crossmedialem Arbeiten anhängen könne. Für die Idee, etwas deutlich weiterführendes als das “Crossmedia”-Buch zu machen, war aber auch der UVK nicht zu haben. Zugegeben, damals hieß das Ding noch nicht “Universalcode”, es war noch nicht abzusehen, dass so viele großartige Leute mitmachen würden — aber den grundsätzlichen Gedanken hatte ich schon deutlich eher. Beim Verlag hieß es, damit seien keine Auflagen zu erzielen, zudem es ja schon sehr viel Literatur dazu gebe. Ich verübele diese Einschätzung niemandem, zumal mir eines in den letzten Monaten auch klar wurde: So, wie wir “Universalcode” gemacht haben – das wäre in einem konventionellen Verlag nie und nimmer möglich gewesen. Wir hätten einen Vertrag gehabt, der uns kaum Freiräume gelassen hätte. Wir hätten als Marketingmaßnahmen irgendwelche hübschen Flyer und Stände bei Fachveranstaltungen gehabt. Wir hätten nicht so rumspinnen können, wie es bei “Eruyclia” der Fall gewesen ist. Und, vielleicht das Wichtigste: Diese Beteiligung der potentiellen Leser vom ersten Tag an, bis hin zur Abstimmung über das Cover — es fällt mir schwer zu glauben, dass wir das alles in einem konventionellen Verlag so hätten machen können, ganz egal, wie er heißt.

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Überhaupt, das Arbeiten. Ich gehöre bestimmt nicht zu dem, was Sascha Lobo und Holm Friebe als “Digitale Boheme” beschrieben haben. Trotzdem dachte ich in den letzten Monaten oft an das Buch “Wir nennen es Arbeit”. Mir fiel auf, um wie viel effizienter und produktiver Arbeit auch in einem weitgehend virtuellen Verbund sein kann, wenn sie nur mit den richtigen Leuten gemacht wird. Wenn man die ganzen wahnwitzigen Strukturen von Großunternehmen beiseite lassen und sich auf das konzentrieren kann, was man machen will. Wenn man nicht ständig damit beschäftig ist, sich Unternehmenskulturen anzupassen oder aufzupassen, nicht in eine kleine, hübsche Intrige zu laufen (es gibt Menschen, die es darin zu wahren Meisterschaften gebracht haben). Wenn man nicht irgendwelche Eitelkeiten und Befindlichkeitsstörungen berücksichtigen muss und schließlich auch noch im Kopf haben soll, wer im Haus gerade mit wem kann und mit wem nicht. Kulturen gibt es übrigens überall, wenn mehr als eine bestimmte Zahl von Menschen zusammenarbeiten, ob man will oder nicht. Wenn man bei öffentlich-rechtliche Sendern über die Flure geht und man begegnet jemandem mit Schweißflecken, ist das meistens ein Beleg dafür, dass die Klimaanlage ausgefallen ist. Bei der FAZ kann nicht mal der Pförtner noch aufrecht gehen vor lauter Dünkel, bei der SZ musste man zumindest in den Zeiten der Sendlinger Straße ordentlich stenzig sein (ok, das verstehen jetzt vermutlich nur Bayern). ProSiebenSAT1 ist die tägliche Generalversammlung der Designanzugträger, kurzum: Es ist ganz egal, wohin man kommt, erstmal wird der tägliche Kreativtätsversuch von irgendetwas eingeschränkt.

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Natürlich war das ein Spagat mit “Universalcode”. Wie bekommt man es hin, dass ein Buch eine erkennbare Linie hat und mehr als eine Aufsatzsammlung ist, ohne dass man die Texte glatt redigiert, die von einem guten Dutzend sehr unterschiedlicher Leute kommen?  Wie schafft man es, neben dem rein handwerklichen Können auch so etwas wie eine Haltung zu vermitteln, ohne Besinnungsaufsätze zu schreiben und den erhobenen Zeigefinger zum virtuellen Begleiter des Buchs zu machen? Inzwischen bin ich mir sicher, dass eine der Voraussetzungen dazu genau dieses Arbeiten war. Alles, was wir gemacht haben, war und ist unser Risiko. Wir mussten uns nicht durch Strategiemeetings und Redaktionssitzungen schlagen und es gab auch nirgends den einen, der qua Hierarchie Entscheidungen traf, die die anderen zähneknirschend hinnehmen mussten. Ich glaube, uns alle einte dann irgendwie auch der Gedanke, dass am Ende etwas Konstruktives stehen sollte, die Möglichkeit des Scheiterns und des Falsch-Liegens inbegriffen. Immer nur zu sagen, wie etwas nicht geht, das ist auf Dauer destruktiv. Und ja, auch das: billig. Ich glaube inzwischen, dass man kritisieren darf, was man will, irgendwann aber auch eine Art Alternative aufzeigen muss. Macht man das nicht, leidet irgendwann die Glaubwürdigkeit.  Vielleicht haben wir nicht auf alles die richtigen Antworten gefunden, aber ich fühle mich deutlich wohler in dem Wissen, dass wir es zumindest versucht haben. Kein Manifest, das auf keinen Fall. Aber wenigstens ein bisschen Orientierung, ein bisschen Handwerk und Haltung zugleich in einem digitalen Dschungel, der ohnedies schwer genug zu durchdringen ist. Wenn wir das mit “Universalcode” hinbekommen haben, bin ich zufrieden.

 

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Ein Buch – das Update (60): Der Podcast

23. Oktober 2011 - 19:00 Uhr

Morgen also geht es los: Die ersten Exemplare werden ausgeliefert, vorrangig an die Testleser und natürlich dann nach Reihenfolge der Bestellung. Tatsächlich also sollten die ersten Leser Mitte der Woche ihren “Universalcode” in den Händen halten. Daneben gehen die Arbeiten an der entsprechenden Webseite in den Endspurt. Bei dieser Seite gibt es natürlich weitaus mehr als nur ein paar Infos zum Buch – sondern natürlich auch Videos und ein Podcast.  Als kleinen Appetizer gibt es hier schon mal die erste Folge. Das auch als Aktualitätsgründen, weil das Gespräch mit Daniel Fiene während der Medientage in München auf einer U-Bahnfahrt zwischen dem Messegelände und dem Hauptbahnhof aufgenommen wurde. Den Podcast gibt es dann später auch bei iTunes, auf dem Portal und natürlich hier.

Universalcode-Podcast (1): Daniel Fiene by cjakubetzuser

Das Portal startet übrigens vermutlich in ziemlich genau einer Woche – genaueres dann hier.

 

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Notizblog (10): Sie, Peer, sind ein guter Kandidat

23. Oktober 2011 - 12:15 Uhr

Der “Spiegel” solle wieder ein bisschen eindeutiger nach links rücken, kündigte Georg Mascolo an, als er zum Defacto-Alleinchefredakteur des Nachrichtenmagazins wurde.  Das passiert seit ein paar Monaten ein bisschen bemüht. So bemüht, dass sie in Hamburg aktuell bei den großen Geschichten gerne mal die Substanz vergessen, obwohl die Geschichte doch so schön aufregerhaft und spiegelig klingt. Der neueste Aufmacher ist nicht mal mehr das, sondern einer der merkwürdigsten Veranstaltungen der an Merkwürdigkeiten nicht armen “Spiegel”-Geschichte. Im Kern geht es darum, dass Helmut Schmidt zusammen mit Peer Steinbrück ein Buch veröffentlicht, dessen interessanteste Aussage vermutlich die ist, dass Schmidt seiner Partei Steinbrück offen als Kanzlerkanidat empfiehlt. Das wiederum veranlasst den “Spiegel” zu einer Titelgeschichte, in der als Quintessenz steht, dass Schmidt Steinbrück als Kanzlerkandidat empfiehlt. Um sicherzugehen, wird in einem Interview mit beiden nachgebohrt, wen Schmidt seiner Partei als Kanzlerkanidat empfiehlt, worauf Schmidt überraschenderweise sagt, es stehe ja schon im Buch, aber er sei ganz eindeutig für Steinbrück, den er konsequent mit “Sie” und “Peer”anspricht. Steinbrück (der “Helmut” und “Sie ” sagt) beteuert, er fühle sich sehr geehrt, was man sich so gar nicht gedacht hätte. Ansonsten lernt man noch, dass Steinbrück Schmidt für einen großen Kanzler hält und Schmidt Steinbrück für einen geeigneten Nachfolger und Frau Merkel für irgendwie ungeeignet. So also liest sich das, wenn ein Nachrichtenmagazin wieder ein bisschen nach links rückt. Eine PR-Agentur hätte den Schmidt-Steinbrück-Doppelbeschluss nicht schöner in Szene setzen können.

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Ein Buch – das Update (59): Ein Interview mit mir

19. Oktober 2011 - 10:35 Uhr

Spannende Fragen, die sich da so stellen: Wie das denn nun war mit dem Buch? Mit den Autoren? Mit Euryclia? Das alles wollten die Kollegen von journalistenpreise.de im Interview wissen und ich habe gerne geantwortet. Mit besonderem Amüsement übrigens auch auf die Frage, ob ich mir vorstellen könnte, wieder zurück in einen Job als Festangestellter zu gehen, beispielsweise bei der “Passauer Neuen Presse”.

Kann ich? Hier ist die Auflösung.

 

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Lokal, sozial, egal: Raus aus H.9.2.264, Innenpolitik!

19. Oktober 2011 - 9:52 Uhr

Zumindest für eines sind die Medientage in München richtig gut: Man kann anhand ihrer Claims wunderbar feststellen, ob die Themen, mit denen man sich in den letzten Jahren beschäftigt hat, relevant waren. Rückblickend, versteht sich. Man mag es mit der schieren Größe der Veranstaltung und der Branche begründen, dass solche Events nix für Innovatoren sind, trotzdem: Die Medientage bringen es in sensationeller Kontinuität fertig, immer exakt zwei Jahre hinter den Entwicklungen herzuhecheln. Auch eine Kunst, wenn man so will. Jedenfalls hat man sich in diesem Jahr für das Motto „Lokal, sozial, mobil“ (oder umgekehrt) entschieden, womit signalisiert werden soll, dass man leider vermutlich inzwischen über dieses Internet ein bisschen hinausdenken muss. Schade, wo man sich doch gerade erst an diesen Netzgedanken gewohnt hatte.

 

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Auf dem Weg zu diesen Medientagen, zu denen mich eine innige Hassliebe verbindet, fällt dem Vielreisenden eine frappierende Veränderung auf, die man sicher auch wissenschaftlich belegen könnte. Man kann sich allerdings auch mal einfach auf ein Bauchgefühl und ein bisschen Beobachtungsgabe verlassen. Früher (also: vor ca. zwei Jahren) mobil und viel unterwegs zu sein, das bedeutete, immer auf Zeitungsrücken zu starren. Heute habe ich im Zugabteil mal gezählt: drei iPad-Leser, zwei mit Smartphone, irgendein anderes Tablet war auch noch dabei. Und eine , genau eine gedruckte „Süddeutsche“. Das ist ziemlich interessant, zumal angesichts einer neuen Studie, die behauptet, die Menschen würden sich, sofern sie Tabletnutzer sind, noch mehr für Nachrichten und Journalismus und Lesestoff interessieren, als sie es ohnehin schon getan haben. Man kann also lange lamentieren über Tablets und sich die Ablehnung des iPads auch zur billigen Attitüde machen, letztendlich ist das nur eine reaktionäre Realitätsverweigerung. Tatsächlich besteht kaum ein Grund, mobile Medien als Bedrohung oder als Ding für Deppen zu sehen. Zeitungen und Bücher waren schließlich auch immer mobil. Insofern haben sie schon recht bei den Medientagen, sich jetzt auch mal mit der Mobilität zu beschäftigen. Ein Massenmarkt ist das Thema ohnedies, wenig überraschend übrigens. Schon 2008 kamen die ersten Untersuchungen zu dem Ergebnis, dass spätestens 2014 mehr Menschen mobil als stationär auf das Netz zugreifen.

 

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Es ist allerdings immer noch das alte Lied in vielen Häusern. Angebote für mobile Plattformen sind häufig das Abfallprodukt des konventionellen Onlinegeschehens. Immer noch keine App, keine Idee, wie man welche Inhalte wohin bringt? Schwierig, aber auf der anderen Seite auch nicht verwunderlich, wenn die Geisteshaltung gegenüber dem Netz vor allem im Bewahren und Verweigern besteht. Zu befürchten ist ja irgendwie nur, dass es in zwei oder drei Jahren wieder das große Wehklagen gibt, dass andere, größere und schnellere den Rahm im mobilen Markt abschöpfen. Böses Google, böses Apple. Vermutlich brauchen wir dann wieder ein bisschen mehr Regulierung oder ein europäisches Google oder andere Formen der Abschottung. Komisch, wo es doch ein bisschen Schnelligkeit auch schon täte. Zumindest für den Anfang.

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Lokal also, das ist der zweite große Trend, den sie bei den Medientagen ausgemacht haben wollen. Man würde angesichts dessen erst mal begeistert in die Hände klatschen wollen, lokale Themen sind so etwas wie ein journalistisches perpetuum mobile. Wer nicht gerade Misanthrop oder anderweitig gestört ist, interessiert sich für das, was in seinem Umfeld passiert, nahezu zwangsläufig, Man müsste demnach davon ausgehen, dass künftig vor allem die Lokalredaktionen enormen personellen Zulauf und gewaltige finanzielle Ausstattung erhalten werden. Anzunehmen auch, dass sie speziell für lokale Anwendungen und soziale Medien eine Menge neuer Instrumente und Inhalte entwickeln werden. Ach, Sie lächeln gerade müde und denken sich: das glaubt der doch selbst nicht? Mit letzterem haben Sie recht. Warum das allerdings so ist, darüber dürfen Sie gerne selbst nachdenken.

 

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 Weil wir gerade in diesem Kontext sind: sozial, ja, das große Thema – vor zwei Jahren. Damals galt es noch als aufregend, wenn Medien plötzlich sich in den großen Netzwerken tummelten. Eine Redaktion bei Facebook? Eine grandiose Idee, damals jedenfalls. Inzwischen ist das Standard, vermutlich ist der Recklinghäuser Bote inzwischen auch in Zuckerbergs Reich angekommen. Schlechte Zeiten also zum einen für Social-Media-Berater, aber auch für die Medientage und all jene, die sich ernsthaft zu diesem Thema noch halbwegs neue Erkenntnisse erwarten. Ja, es ist Standard und auch weiterhin verpflichtend, sich in den sozialen Netzen zu bewegen. Der Denkfehler ist – interessante Analogie übrigens zum Thema Lokaljournalismus – zu glauben, Präsenz sei ausreichend. Zu glauben, dass es beeindruckend sei, wenn man bei Facebook vertretend ist. Man muss das schon leben, sowohl die sozialen Netze als auch die lokalen Inhalte. Man erzählt das schließlich jedem Lokaljungredakteur schon seit vielen Jahren: Lokaljournalismus funktioniert anders als das Abarbeiten von Agenturmeldungen in der Nachrichtenredaktion. Man muss sich für die Menschen dort interessieren, man muss die Gegend, in der man arbeitet, verstehen, verinnerlichen, und ja, auch das: mögen. Nicht sehr viel änders wäre das mit den sozialen Medien, die man ebenfalls verstehen, verinnerlichen und mögen müsste. Demnach sollte das Leben in diesen Netzen mehr sein als nur das Linkschleudern und das Ankündigen von irgendwas. Die Realität ist vielerorts eine andere.

 

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Vielleicht ist es also das, was an diesen atemlosen Events wie den Medientagen so einigermaßen sinnlos ist. Jedes Jahr stellt man die Veranstaltung unter wohlklingende Schlagworte, lokal, sozial, digital, medial, genial. Der größte Schlagwortumsichwerfer hat die meisten Schlagzeilen, Tweets (wollen wir am Wochenende mal vergleichen?). Klingt gut, führt nur leider am Kernproblem vorbei. Was Journalismus bräuchte (Achtung, Pathos!) wäre so etwas wie eine neue Kultur, eine neue Haltung. Kommunikation als Haltung beispielsweise. Transparenz, Offenheit, neue Wege, Information mit den Menschen und nicht nur für sie zu machen. Raus aus den Glaspalästen und den Hochhäuserm, raus aus den Chefredakteurs-Glashäusern und den Ressortleiterbüros mit so prächtigen Türschildern wie „H.9.2.264, Innenpolitik“. Dass Journalisten (nicht Journalismus, wohlgemerkt) konventioneller Prägung ein Problem haben, liegt in erster Linie daran, nicht an Tablets, an Facebook, nicht an Google oder Apple.

 

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Die Medientage finden übrigens auf dem Münchner Messegelände statt. Viel Glas, sehr weit draußen, sehr steril. Eine sehr, sehr eigene Welt. Analogie erkannt?

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Nur 50 Prozent kürzen für 237 Prozent Erfolg!

17. Oktober 2011 - 23:51 Uhr

Das Netz ist ein ulkiger Ort für Journalisten. Man kann dort sogar in mathematischen Formeln ausrechnen, wann ein Text ein Erfolg wird oder eher nicht. Man kann Texte optimieren und sich das Handwerkszeug dazu in Barcamps und Werkstätten beibringen lassen.  Man kann Systeme entwickeln und noch ein bisschen anderen Kram machen. Kurzum: Man muss als Journalist im Netz nicht mehr gute Geschichten erzählen und zu sehen, dass man einen Stil schreibt, von dem man möglicherweise einfach nur eines behaupten kann: dass man ihn gerne liest, dass er fesselt, unterhält, informiert.

Mehr müsste so ein Text also gar nicht können. Trotzdem kommt man als Journalistenausbilder seit Jahren nicht mehr an der Frage vorbei, wie man denn nun richtig textet fürs Web. Ganz so, als gäbe es dafür eine Formel, die man mal eben auswendig lernt und dann beizeiten per Spickzettel anwendet, in zehn Schritten zum guten Leitartikel. Oder so. Ich mochte die Debatte schon früher nicht, weil sie die interessantesten Formen von Kreativität in ein starres Regelwerk presst und die besten Pianisten ja auch nicht die sind, die immer stur nach Noten spielen, ohne so etwas wie eine eigene Note zu entwickeln. Aber in den letzten Jahren ist sie penetrant geworden, weswegen es mich auch nicht gewundert har, dass ich für ein Seminar über Onlinejournalismus mal wieder den Punkt “Richtig texten fürs Web” aufgedrückt bekommen habe. Nicht in zehn Schritten, aber so ähnlich.

Am liebsten würde ich dort ja ein paar Sachen sagen, die man in Seminaren blöderweise nicht sagen kann. Ich würde ihnen gerne von dem Unfug erzählen, den man da gerne mal hört. Vor kurzem habe ich beispielsweise von einer Formel gehört, nach der eine Agentur (oder so was ähnliches) festgestellt haben will, mit einer Textkürzung um 50 Prozent, einer ordentlichen Anpassung eines Layouts und einem sachlichen Stil (öh??) bei einer Kombination von diesen Maßnahmen auf eine Verbesserung der Nutzerfreundlichkeit von fast 130 Prozent zu kommen. Dabei müsste jemand, dessen Nutzerfreundlichkeit und Textqualität sich mal eben so um 120 Prozent steigern lassen ohnehin schon journalistisch gesehen klinisch tot sein.

Und ich würde ihnen gerne sagen: Solange ihr euch nicht aufplustert und euch in der eigenen Bedeutung suhlt und mit den Fragmenten eurer Restbildung heischend um euch werft, ist eigentlich fast alles wurscht (in Bayern nennt man sowas übrigens “Gschwoischädel”, aber ich glaube, das versteht man dann auch nur in Niederbayern). Man müsste ihnen außerdem mitteilen, dass bei all dem Gerede ums Netz und dem Kult um Personen nichts so sehr nervt wie textliche und sonstige Selbstverliebtheit,  dass Journalisten immer noch eher Dienstleister als Selbstdarsteller sind und mich ansonsten weder die persönlichen Befindlichkeiten noch andere Assoziatonsverwirrtheiten interessieren. Dass  Geblubber auch dann Geblubber bleibt, wenn man Feuilleton drüber schreibt. Dass man Kreativität nicht verordnen und nicht in Regeln packen kann.  Und schließlich noch, dass diejenigen die klügsten und sympathischsten Köpfe sind, die nicht andauernd das für sich lautstark in Anspruch nehmen. Und, ach ja, glaubt keinen Göttern, auch nicht denen, die behaupten, es seit vielen Jahrzehnten zu sein und darüber mindestens 38 Bücher geschrieben haben.

Das alles würde ich gerne sagen, aber deswegen gehen junge Menschen vermutlich nicht in Seminare und deswegen bieten Seminarveranstalter vermutlich auch keine Seminare an. Auf der anderen Seite: Soll ich Ihnen ernsthaft goldene Schreibregeln erzählen, darüber reden, dass man mit Adjektiven ein bisserl vorsichtig sein soll und man in Überschriften besser keine Fragen stellt, weil es unser Journalistenjob ist, Fragen zu beantworten (meistens jedenfalls)?

Für meinen Teil weiß ich jedenfalls, warum es Menschen gibt, deren Texte ich aus Prinzip nicht lese — und wieso andere selbst über einen Ameisenhaufen so erzählen können, dass ich noch ein paar weitere Stunden zuhören will. Mit Schreibregeln für Netz oder sonstwas in der Welt hat das jedenfalls nicht sehr viel zu tun.

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